Die 15 Prophezeiten (II) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 6a - Die Einkehr (Sonnenfurt)

Es war später Nachmittag, als die 15 Prophezeiten und die kleine Isida in Sonnenfurt einzogen. Keine Gefahren waren zu erkennen. Und nur ein Bürger wartete staunend ab, was diese Prozession im Schilde führte.

"Heda Bauer, sagt an, was ist hier geschehen?", brüllte Sal schon aus hoher Entfernung.

"Oh bei den Göttern, so viele starke Burschen und liebliche Maiden sind gekommen um uns zu retten und sie haben die kleine Isida gefunden." Der Mann war verzückt.

"Jajajajajah guter Mann, aber wir möchten gerne wissen was hier geschehen ist, und wer etwas weiß!", forderte Aldare.

Der Bauer Kulman führte die Prophezeiten zum Dorfschulzen, während Isida von ihren überglücklichen Eltern Radulf und Charine abgeholt worden war. Selissa hörte den Segen der Zwölfgötter noch lange auf sie herabregnen, sie lächelte, nun musste sich das Unheil erstmal ihr stellen.

"Korber, mein Name. Movert Korber." Der Dorfschulze verneigte sich in Richtung Aramina, die darauf nickte und sanft lächelte.

Nachdem die 15 sich vorgestellt hatten, begann Movert zu erzählen. Von großen Raubkatzen und scharlachroten Reitern, die sich in unheiligen Nebel hüllten und irgendwelchen Wesen, die im Dorfgebiet große Löcher wühlten und jeden töteten dessen sie ansichtig wurden. Sie kamen aller paar Tage in unregelmäßigen Abständen. Sal und Alrech sahen sich an und schüttelten beide nur den Kopf. Aber da es immerhin sechs Tote gab, musste der Sache wohl gründlich nachgegangen werden.

"Gibt es hier irgendwelche interessanten Leute in der Gegend außer in Trallop?", fragte Selissa.

"Eigentlich nicht! Aber in den Hügeln firunwärts von hier wohnte früher Farika, eine Hexe, die aber sehr gutmütig war. Jedoch hab ich schon seit etlichen Götterläufen nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht ist sie längst tot? Aber fragt mal Zordan Windolf, unseren Perainegeweihten! Er ist schon sehr alt und kennt Farika noch von früher."

"Wenn sie eine Hexe ist, werden wir sie verbrennen", stellte Selissa kühl fest.

Falk verdrehte nur die Augen.

Edala hatte ihre beiden Arme bei Sal und Legolant eingehackt, als sie bei einer mehr als Mannsschritt tiefen Kuhle ankamen. Sal stieg hinab, sah sich um und begann etwas zu graben. "Nichts, hier ist absolut nichts!"

"Edala, hör auf die beiden Recken von ihrer Queste abzuhalten!" Eine Norbardin, schon beachtlichen Alters, war an Legolant und sie herangetreten.

"Scher dich fort Jedwinja, du alte Vettel und lass mich in Ruhe!", erwiderte Edala nur barsch.

"Kein Respekt mehr vor dem Alter, Du Flittchen!"

"Wer seit ihr eigentlich, wenn ich fragen darf?", mischte sich Legolant ein.

"Ich bin Jedwinja, die Hebamme hier im Ort. Ich gehe dem Perainegeweihten zur Hand."

Bis Sal wieder hinaufgestiegen war, amüsierte sich Legolant noch etwas über den Streit der beiden Frauen.

Währendessen besuchten Aldare, Falk und Janko den Perainetempel.

"Rondra zum Gruß, eure Eminenz!"

"Peraine mit euch"

"Ich bin Aldare Rondrawohl."

"Was?", keifte der Perainegeweihte.

"ICH BIN ALDARE RONDRAWOHL!"

"Ach so. Ich bin Zordan Windolf, junges Fräulein."

"Ich bin Sal Winterkalt."

"Was?"

"SAAAAAAAAAL WIIIIIINTEEEEEEEERKAAAAAAAALT."

"Ja ja, ihr Flegel, braucht nicht so zu schreien!"

"Und ich bin Falk Silbertatze!"

"Redet doch mal lauter mein Junge!"

"FAAA-AAAAALK SIIILBÄÄÄÄÄÄÄÄRTAAAAAATZEEEEEEE."

"Soso und was wünscht ihr?"

"Kennt ihr eine Hexe namens Farika?", wollte Aldare wissen.

"Was?"

"EINE HEXE NAMENS FARIKA!"

"Ja ja, nicht so laut Fräulein! Die war neulich mal wieder in der Stadt."

"NEULICH?", meinte Sal.

"Wann war neulich?"

"Was?"

"WANN WAR DAS GENAU!"

"Vor einem Mond etwa.", stellte Zordan fest.

"SAGT AN, EMINENZ, WELCHES DATUM HABEN WIR HEUER?", fragte Janko.

"Windstag ist heute!", wusste Zordan.

"WELCHES JAHR?"

"Siebzehn nach Bardo!"

"Aha, danke, eure Eminenz!"

"Was?"

"DANKE, EURE EMINENZ"

"Jaja"

"Bardo?" Sal wirkte unwissend.

"Das war vor 42 Jahren", erklärte ihm Janko. Und sie waren keinen Schritt weiter...

Goswin Aldarain war der reichste Bauer im Ort. Hier fanden die 15 Prophezeiten abends Unterschlupf. Sein Sohn Viburn war als Einziger einem Angriff der scharlachroten Reiter entkommen. Sal lauschte aufmerksam dessen Ausführungen und als Viburn endete, sagte er nur: "Wir werden bereit sein, wir werden heute Nacht bereit sein!"

Szene 6b - Die scharlachrote Schwadron

"Sie kommen, alle auf ihre Positionen!", hörte Alrech den Barden Janko rufen.

Alrech hatte sich als einziger aus Aldares Verteidigungsplänen ausgeklinkt, sehr zum Misstrauen der restlichen Prophezeiten, und sich mit seiner leichten Armbrust im Anschlag auf einem Häuserdach positioniert. Er machte acht Reiter in einer halben Meile Entfernung aus. Sie schienen alle komfortabel Gerüstet und trugen scharlachrote Umhänge. Die anderen 14 hatten eine Barrikade aus Tischen, Schränken, Balken und sonstigem Treibgut errichtet. Dort würden sich Aldare, Sal, Tugrak, Thorescha und Rukjol den Reitern stellen. Janko und Legolant hatten an der Dorflinde eine Falle zusammengeschustert, um einen Reiter vom Pferd werfen zu können. Shandrissa und Nivilaukaju harten auf einem anderen Häuserdach, während sich Aramina, Ruwan und Falk erstmal als Reserve in einem Haus bedeckt hielten.

Selissa und Ilkarion standen Rücken an Rücken in der Dorfmitte. Keinen der beiden war wohl dabei, aber sie mussten in dieser Stunde einig sein. Ilkarion hob verwundert eine Braue. Radulf Gerdenwald, der Vater des kleinen Mädchens, dass sie nach Sonnenfurt geführt hatte, trat in Lederrüstung und mit einer Sturmsense bewaffnet an ihn und Selissa heran.

"Ich kämpfe mit euch, hohe Herrschaften."

"Jede Hilfe kann uns nur willkommen sein!", meinte Selissa anerkennend.

Ilkarion war weniger wohl dabei, einen Familienvater in die Schlacht zu schicken.

"Bei Praios, was ist das?", schrie Janko.

Hinter den Barrikaden bildete sich rötlicher Nebel, der immer dichter und mehr wurde.

Es hatte begonnen.

Gleich waren sie heran. Alrech überprüfte noch mal seine Armbrust und sprach zu sich selber: "Na dann wollen wir mal ein paar Mittelreicher Huren zu Witwen machen!"

"Volltreffer!", dachte Sal. Der Maraskaner hatte sein Handwerk gelernt.

Doch was geschah? Der Reiter löste sich einfach in Luft auf. "Illusionen!", schrie Rukjol.

Rukjol, Sal und Thorescha gingen zum Angriff gegen die Zauberreiter über, während sich Aldare und Tugrak dem drei Schritt hohen, aufrecht gehenden Säbelzahntiger mit gelb-violett gestreiftem Fell widmeten, der aus dem roten Nebel entstanden war.

"Ein Dämon!", entfuhr es Aramina. Sie verließ das Haus ohne ein Wort. Falk und Ruwan traten an den Häusereingang und sahen wie die Efferdgeweihte sich dem Sphärenwesen von hinten näherte, während Aldare und Tugrak einen ungleichen Kampf fochten, da ihre Treffer einfach an dem Dämon abprallten.

Die Reiter lösten sich nacheinander auf. Sals Morgenstern ließ eine Illusion zerbersten, während ein Pfeil Nivilaukajus eine weitere vom Angesicht der Welt tilgte.

Rukjols Florett stieß vor, doch die Ogerschelle des Reiters streifte ihn vorher und war real. Die Wucht riss ihn um. "Ein Verletzter!", rief Thorescha.

Die letzten drei Reiter brachen durch die Barrikaden.

Der Dämon heulte auf, als ihn Araminas Dreizack in den Rücken traf, doch er wirkte nur unwesentlich verletzt. "Aldare fang!" Ilkarion nahm die ewige Flamme und formte seine magischen Kräfte für den MOTORICUS.

Aldare fing die magische Fackel, die auf fast 50 Schritt geworfen, perfekt in ihrer Hand landete. Jetzt konnte sie den Dämon zusammen mit Aramina verletzen, während er durch Sal, Thorescha und Tugrak abgelenkt wurde.

Die Falle an der Linde ließ eine sechste Illusion verschwinden. Legolant rannte los, um sich um den verletzten Rukjol zu kümmern. Die letzten beiden Reiter drehten seitlich ab bevor sie Ilkarion, Radulf und Selissa erreichten.

Janko stieg vom Baum herab und setzte den einem zusammen mit Falk und Ruwan nach. Sie umgangen eines der Häuser, Falk vorne weg, als er Alrechs Stimme hörte: "Vorsicht Grünschnabel!"

Zu Spät! Die Ogerschelle traf Falk voll. Er flog mehrere Schritt weg gegen eine Häuserwand. Janko stürzte sich auf den komplett in Ketten gerüsteten Kämpfer und versuchte, ihn niederzuringen. Dieser ließ seine Waffe fallen und fuhr die Stacheln seiner Veteranenhand aus um sie Janko ins Gesicht zu stoßen. Ruwan schlug ihn mit voller Wucht auf den Rücken, doch der Kämpe schien es nicht mal zu merken.

Er wollte Janko gerade erstechen. Doch da stand Alrech mit gezücktem Nachtwind vor ihm.

Der scharlachrote Kämpfer packte Janko und schmiss ihn auf Ruwan, ehe er sich Alrech zuwendete.

Ein kräftiger Tritt beförderte Shandrissa vom Häuserdach. Nun war Nivilaukaju dran. Doch sie stellte sich tapfer dem zweiten scharlachroten Kämpfer.

Die Fackel versengte den Dämon und die heilige Waffe der Efferdgeweihten zeigte langsam Wirkung. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Doch Aldare und Tugrak waren schon deutlich vom Kampf gezeichnet.

Die Klingen von Alrech und seinem Gegner trafen sich wieder und wieder, doch Alrechs Nachtwind war länger als das Langschwert seines Gegenübers und Alrech wirkte auch etwas schneller. "Ah, du bist mir unterlegen Rotkutte, haha!", rief Alrech. Er hielt das Schwert des Roten fest und verpasste ihm einen Tritt, doch dieser verfehlte die Wirkung ihn umzureißen. Er war übermenschlich kräftig.

Alrech wurde ein paar Schritt weggeschleudert. Diesmal lachte die Rotkutte.

"Finnza lustig überijian spotteren?", erhob sich Alrech und begann den Roten mit einer Serie von schnellen harten Schlägen zurückzudrängen.

"IGNIFAXIUS!" Die Flammenlanze, die sich aus Selissas Hand formte, erhellte die ganze Straße. Der Dämon wurde vom Feuer getroffen und wandelte sich wieder zu dem roten Nebel, aus dem er entstanden war und verschwand schließlich ganz.

Nivilaukaju sah aus ihrem Versteck, wie ihr Gegner auf sein Pferd sprang und weg ritt.

Das Langschwert des Roten sauste über Alrechs Kopf hinweg. Diesen Moment nutzend, rammte Alreche seinem Gegner den Stahl in den Unterleib. Er zog die Waffe heraus, um sich dem zweiten Gegner zuzuwenden. Sal traf gerade in dem Moment ein.

Der Berittene zerrte seinen verletzten Kameraden aufs Pferd und preschte davon. Dieser Kampf war für die Scharlachroten nicht mehr zu gewinnen.

Szene 6c - Zu neuen Taten

Falk kam langsam wieder zu Bewusstsein. Über ihn war das hübsche Gesicht Shandrissas, auf deren Haut sich nicht die kleinste Unebenheit erkennen ließ.

"Hallo mein Sonnenschein, hast ja ganz schön was abgekriegt!"

"Shandrissa, was ist passiert? Ich dachte ich würde sterben."

"Ich hab dich geheilt!"

"Ja, das hat sie, obwohl sie selber kaum laufen konnte, weil sie im Kampf einen kleinen Sturz hatte", erklärte Aramina, die auch an Falks Bett saß.

"Sturz?"

"Ist doch unwichtig! Ich hab dich und mich wieder geheilt."

"Und auch die anderen Verletzten sind durch die Magier und den Schelm versorgt worden", beseitigte Aramina alle Befürchtungen.

"Alrech hat mich gewarnt und mich wahrscheinlich vor Schlimmeren bewahrt!"

"Ja! Janko und Ruwan hat er sogar das Leben gerettet", wusste Shandrissa.

"Na Sonnenschein, hast dich ja ganz schön tapfer ins Getümmel geworfen." Alrechs spottende Stimme kam von einem Stuhl aus der Ecke des Schlafzimmers.

"Alrech, ihr habt..."

"Jaja, ich habe nur ein bisschen mitgemischt nichts weiter", fiel ihm der Maraskaner ins Wort.

"So, nun lasse ich mal die Damen mit dem Grünschnabel alleine und lege mich mal wieder schlafen." Alrech stand auf.

"Alrech?", rief ihm Falk nach. "Danke!"

"Halte dich in meiner Nähe auf, dann lebst du länger und musst auch nicht immer Danke sagen!" Alrech zwinkerte und verließ den Raum.

Am nächsten Morgen packte Rukjol seinen Rucksack zusammen. Die Wunde, die er abbekommen hatte, war dank Ilkarion fast weg. Er Pfiff ein fröhliches Liedchen. Die Stimmung war seit dem Kampf deutlich besser geworden. Jetzt waren sie eine Einheit.

Rukjol gürtete noch seine Wurfmesser, bald würden sie aufbrechen. Nivilaukaju und Falk hatten die Spur der scharlachroten Reiter aufgenommen, mit etwas Glück konnten sie dem Spuk ein schnelles Ende setzen und zu Sina Leska zurückkehren, bevor irgendein Verräter aktiv werden konnte.

Ruwan kam gerade in die Scheune, in der sie genächtigt hatten und winkte Rukjol mit seinem Hut. "Zu neuen Taten!", meinte er nur.


Szene 7 - Das Labyrinth der Schreie (Wildnis)

Janko ging neben Nivilaukaju, die anscheinend keine große Mühe beim Spurenlesen hatte. Hinter ihnen gingen Aldare und Alrech. Letzterer hatte die Armbrust im Anschlag und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Den Schluss der 15 "Mann" starken Prozession bildeten Sal und Thorescha.

"Sagt an, holde Nivilaukaju! Wenn die Lage es heute Abend zulässt, würdet ihr dann mit mir einen Spaziergang im Scheine des Mondes wagen?"

"Habt ihr nicht Angst, dass ich die Verräterin bin?" Nivilaukaju strich sich eine Mähne ihrer roten langen Haare aus dem Gesicht und musterte Janko mit ihren mandelbraunen Augen.

"Nein Holdeste, ich glaube, dass niemand von uns ein Verräter ist, sondern dass nur die Uneinigkeit unter uns einen Verräter schaffen kann.", philosophierte Janko.

"Nun, warum eigentlich nicht, ich habe auch keine Furcht vor Euch!", lächelte die Nivesin.

Jankos Herz schlug sofort höher und er wollte gerade etwas erwidern, als ein Ruf Alrechs die Stille durchbrach.

"Dort ist jemand! Dort oben auf dem Hügel ist jemand!" Sofort stürmte Alrech in die Richtung, Nivilaukaju hinterher. Janko tat es ihr gleich.

"Srat tarak Matrach!", fluchte Turak, auch er setzte sich in Bewegung.

Aldare gab ihrem Hengst die Sporen. Jetzt hatte sie auch die Gestalt erblickt, die sofort die Flucht ergriff. Kein Wunder, wenn eine Horde Bewaffneter auf sie zu stürmte.

Beritten, wie Aldare war, würde sie den Fremden zuerst erreichen.

"Schneiden wir ihm den Weg ab!", schlug Aramina vor.

"Den Hügel umrunden, wie?" Thorescha biss sich auf die Lippen. "Dann los!"

Janko ging schon fast die Puste aus, als er Aldares Pferd auf dem Hügel stehen sah. Tugrak war noch hinter ihm. Wo war bloß die Amazone?

Da erblickte er den Grund. Auf der anderen Seite des Hügels war ein dichtes Moorgebiet, mit hohen Bäumen und dichten Sumpfgewächsen. Das Moor war von Nebelschwaden durchzogen.

Er sah, wie die restlichen Prophezeiten, die den Hügel umrundet haben mussten, im Nebel und im Dickicht, einer nach dem anderen verschwanden.

"Verteilt euch, dann kriegen wir ihn schneller!", meinte Sal.

"Nicht doch, seid ihr von Sinnen?" Selissa ahnte etwas, aber sie nicht als einzige. Alle stoben in verschiedene Richtungen davon. Ruwan entschied sich, der Magierin hinterher zu eilen.

"Tugrak, das ist eine götterverdammte Falle!", brach es aus Janko heraus.

Der Ork hob seinen Gruufhai und begann, laut zu brüllen, dann ging er in Jankos Richtung. Janko wich zurück. War der Ork der Verräter?

Legolant lief immer schneller durch den Morast. "Sal? Aramina? Wo seid ihr?" Er hatte die anderen verloren.

Immer wieder hieb der Ork auf den Boden ein. "Falle? Arrrghh! Falle?", grunzte er.

Janko war froh, dass der Tobsuchtsanfall des Orks nicht ihm galt.

Dann ein lang gezogener Hilfeschrei.

"Nivilaukaju! Schnell Tugrak, wir müssen dort runter und ihr helfen!", forderte Janko.

Der Ork wurde ruhiger und nickte. Die beiden rannten los. Nun hatten die letzten beiden der Prophezeiten das Labyrinth der Schreie betreten.

"Hilfe, bitte helft mir!" Alrech hörte den Schrei der Nivesin und übersprang ein Sumpfloch. Der Gaukler war irgendwo hinter ihm. Es war eine Falle. Gerade er, als ehemaliger Freiheitskämpfer hätte das erkennen müssen. Jetzt galt es, möglichst viele Kameraden freizuschlagen.

Die Klinge traf Aramina so hart in die Brust, als ob ihr kein Hindernis gewachsen sein könnte. Ihr Schrei war so laut, dass jedes Lebewesen innerhalb einer Meile ihn gehört haben musste.

Aldare fiel jede Farbe aus ihrem sonst rosigen Gesicht. Die Efferdgeweihte. Derjenige, der eine Efferdgeweihte angreift, hat sein Leben verwirkt. Sie bahnte sich den Weg in die Richtung des Schreis, in der Hoffnung, ein anderer würde Nivilaukaju beispringen.

"Alrech, Vorsicht!", schrie der Gaukler.

Alrech setzte sofort zu einem Drehschlag an, der aber abprallte. Zwei weitere Schläge wurden von dem Stockkämpfer pariert.

"Alrech hör auf! Ich bin’s nur, Ilkarion!"

Legolants Hände und Knie waren voller Schlamm von den vielen Stürzen, die er in Panik hatte. Dann wieder ein Schrei der Efferdgeweihten. "Das war ein Todesschrei.",dachte Legolant. Was geschah hier? Wo war sein Freund Falk?

Er stolperte fast in einen kleinen Sumpfsee, als er auf der anderen Seite Falk und Shandrissa erblickte. Die Elfe bog einen großen Ast zurück und ließ ihn gegen Falks Hinterkopf schnellen, so dass dieser hart getroffen in den morastigen See stürzte.

Etwas weiter seitlich sah er Thorescha sich ihren Weg durch das Labyrinth bahnen.

"Warum Du? Warum nur Du?" Araminas letzte Worte verhalten ungehört in den tiefen des Labyrinths. Und als Tugrak den Ort des Verbrechens stürmte, ging er mut- und kraftlos in die Knie. Er kam nur wenige Augenblicke zu spät.

Nivilaukaju nahm Jankos Hand. Sie würde doch nicht sterben müssen. Der Barde sollte ihr Schicksal werden.

"Thorescha, schnell, Shandrissa ist die Verräterin!", rief Legolant über den See hinüber.

"Hab ich’s doch gewusst, Püppchen. Jetzt werden wir ja sehen, ob du mich auch so schnell überwinden kannst, wie den Hempfling." Thorescha ging der Elfe mit blanker Axt entgegen.

"Nein Thorscha, das ist nicht wahr. Wir müssen Falk retten!", jammerte die Elfe.

Falk konnte sich nicht aus dem Morast rauswinden. Könnte doch Legolant ihn irgendwie helfen.

In diesem Moment stürmte Ilkarion in die Szenerie, Alrech hintendrein.

Er rannte zu Falk und schrie: "Alrech, halt sie auf!"

"Wen?"

"Egal, von mir aus beide!"

Der Maraskaner blickte zur Elfe, die sehr ängstlich guckte, dann wieder zur Zwergin, die wütend und entschlossen dreinblickte.

Blitzschnell war er bei Shandrissa und hieb ihr mit der Parierstange auf den Sonnenpunkt. Die Elfe sackte bewusstlos zusammen.

"Sehr klug, Alrech. Komm wir versenken das Luder im Morast!", freute sich Thorescha.

"Keinen Schritt weiter, Zwergin!", befahl Alrech.

"Was soll das heißen? Sie ist die Verräterin."

"Bleib zurück, sonst wird es Dir Leid tun!"

"Bist du von Sinnen, du dreckiger Maraskaner, aus dem Weg, schnell!" Thorescha war außer sich.

"In Sinoda hättest du jetzt schon ein paar Gliedmaßen weniger, du hässliche verwachsene Vogelscheuche!", giftete Alrech.

Bevor es zum Kampf kam, hörten die beiden Selissas Schrei: "Bei allen Göttern, neeeeeeeeiiiiiiin!"

Ilkarion hatte Falk befreit und forderte nun Alrech und Thorescha auf, den Streit zu beenden und Selissa zu suchen. Die Gemüter waren fast am überkochen.

"Ich wollte nur einen Ast weg biegen, der mir den Weg versperrte und er war so glitschig, dass ich ihn nicht halten konnte.", erklärte Shandrissa, als sie nach der Weißmagierin suchten.

Nacheinander trafen alle bei Araminas Leiche ein. Tugrak kniete neben ihr und starrte stoisch vor sich hin.

"Er hat sie umgebracht. Der dreckige Schwarzpelz hat sie umgebracht!" Selissas weißes Gewand war verdreckt und ihr sonst recht hübsches Gesicht war wutverzerrt und verheult.

Falk betrachtete einige Momente Aramina und dann Tugrak.

"Der Ork hat kein Blut an der Waffe, seine Klinge ist größer als die Wunde und außerdem gebogen.", erklärte Falk. "Naja, und sein Hammer war es schon mal gar nicht.", meinte Ilkarion.

"DUUUU. Du verdammter Scharlatan steckst doch mit ihm unter einer Decke!" Selissa zeigte in Ilkarions Richtung, der sich schon innerlich auf einen Schutzzauber einstellte.

"Selissa, kommt zu euch! Ihr müsst jetzt stark sein!" Aldare packte die Weißmagierin.

Ruwan kam ihr zu Hilfe. Doch sie wand sich und schrie und zappelte: "Lasst mich, ich werde euch alle töten, ihr verdammten Bastarde!" Dann brach sie weinend zusammen.

Janko trat zu Selissa. "Werte Selissa, ich denke, die Gestalt, die wir auf dem Hügel gesehen haben, könnte der Mörder Araminas sein."

"Verschwinde, du Abschaum!", zischte Selissa nur.

Rukjol hatte sich mit dem Gedanken getragen, zu Selissa zu gehen und sie in den Arm zu nehmen, verwarf ihn aber wieder, als er Jankos Abfuhr mitbekam.

Thorescha schippte fleißig Erde. Sal stand neben ihr und schaufelte mit nacktem Oberkörper. Hier oben auf dem Hügel wollten sie Aramina beerdigen. Aldare ging auf und ab, während sie sich eine kleine Andacht ausdachte.

"Angrosch, lass uns hier nicht alle verrückt werden!", dachte Thorescha und schippte weiter.


Szene 8 - Das Duell

Es dämmerte bereits. Nivilaukaju und Janko schritten, an den Armen eingehakt, durch die Grasdünen einer mit Regenwolken verhangenen Sommerlandschaft. Araminas Gesicht geisterte durch ihre Köpfe, und ihre Konversation verlief kühler, als es beide geplant hatten.

Auch Falk und Shandrissa machten einen kleinen Abendspaziergang. Thorescha stellte, bis sie zurückkamen, alleine die erste Wache, da sowieso noch kaum einer schlafen wollte. Die Elfe und der Hexer hatten sich nach dem Missverständnis im Moor bereits ausgesprochen und gingen nun Hand in Hand wie zwei frisch Verliebte durch die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Praiosscheibe.

"Was habt ihr, Janko? Ich habe das Gefühl, ihr wollt mir etwas sagen." Nivilaukaju schaute besorgt.

"Nun, ich hatte eigentlich ein Gedicht für euch geschrieben, doch weiß ich nicht, ob es in dieser verfahrenen Situation angebracht ist." Janko blickte die Nivesin auffordernd an.

"Bitte Janko, lasst es mich hören!"

"Wohlan!", legte Janko los.

In Trallop der Stadt voller Helden und Gold,
Da traf ich eine Frau so hübsch und so hold,
Ihr Haar war rot und ihre Augen braun,
Beneidet sie wurde von anderen Fraun,
Ob ihrer Eleganz und Lieblichkeit
Und auch ihrer großen Geschicklichkeit.

Sie schießt den Pfeil daneben nicht,
Und kennt die Spuren des Wildes.
Als ich dacht, ein Kampf wär in Sicht,
Stimmt sie den Wolfe milde...

"Kannst du tanzen?", fragte Falk die Elfe. Er hatte seine Arme um Shandrissas Hüften geschlungen und sie ihre, um seinen Hals.

"Schon, aber ich finde, jetzt ist nicht die richtige Zeit zum tanzen!" Shandrissa wirkte seltsam katzenfreundlich.

"Wieso?" Falk war ernsthaft erstaunt.

"Ich finde, es ist jetzt an der Zeit für dich zu sterben, HEXER!"

Falk stieß Shandrissa von sich weg. Wie hatte sie seine verhüllte Aura durchdrungen? War sie nun doch die Verräterin?

Die bewegte Illusion fiel von Selissas Gesicht. Der Hexer wirkte stark verunsichert. "Ich werde ihn schwer verwunden, und ihn dann einfach zusammen mit Aldare, Rukjol, Janko und den anderen treuen Anhängern der Zwölfgötter verbrennen!", dachte Selissa. Die Weißmagierin erinnerte sich an ihre erste Verbrennung, der sie beiwohnte. Bruder Praiotin und Bruder Ugdalf hatten zusammen mit ein paar Horasgardisten eine junge Hexe gefangen und sie verurteilt. In ihre Sinne drängte sich der Geruch von verbranntem Fleisch.

Falk stockte. "Was nun?", dachte er sich. "Wen ich sie wirklich aufhalten und besiegen kann, stehe ich als Verräter da."

"Nun, junger Hexer, ich denke es ist Zeit, dich dem reinigenden Feuer zu übergeben."

Selissa sprühte förmlich vor Zerstörungsdrang.

"Falk!", ertönte es aus ein paar Schritt Entfernung.

"Lauf!", sagte die Stimme energischer.

Falk lief los. Erste Regentropfen vielen auf das hohe Gras und es begann langsam glitschig zu werden. Bevor er die Düne überquert hatte und außer Sicht war, wendete er sich noch einmal um. Obwohl die Praiosscheibe schon fast verschwunden war, konnte er sehen, wie das Duell um sein Leben seinen Lauf nahm.

"Och bitte! Jetzt hab ich endlich einen Grund, nicht wahr?" Selissa trat etwas näher an ihren Gegner.

Ilkarion hob seinen Zauberstab mit beiden Händen über seinen Kopf und begann ihn mit filigranen Bewegungen zwischen seinen Fingern kreisen zu lassen.

"Lass dies unseren ersten und einzigen Kampf sein, Selissa!"

"Keine Sorge, Kollege Ilkarion. Keine Sorge...", lachte Selissa in sich hinein.

Dann stieß ihr Stab nach Ilkarion, der geschickt unter ihm wegtauchte, die Länge des Stabes hatte sich kurzzeitig fast verdoppelt. "AXXELERATUS!", tönte es fast gleichzeitig aus beider Munde. Mit unglaublicher Geschwindigkeit hieben die beiden aufeinander ein, so dass Falk dachte, die Zeit würde um die zwei Magier herum schneller vergehen.

"MOTORICUS!" Ilkarion zeigte auf Selissas Stab und hielt ihn mit diesem Telekinesezauber einfach fest.

Selissa konnte den Stab nicht losbekommen. Ilkarion begann nun sogar, ihn ihr zu entreißen. Sollte er doch! Sie ließ ihn fallen.

Sie ballte ihre magischen Kräfte und reckte Ilkarion ihre Linke entgegen für den FULMINICTUS DONNERKEIL.

Blitzschnell ließ Ilkarion seinen Stab rotieren, um Selissas magischen Blitz mit dem GARDIANUM abzufangen. Doch dies gelang ihm nicht völlig, er wurde niedergeschleudert.

"Hörst du das?", tippte Nivilaukaju den Barden an.

"Ja, da ruft jemand um Hilfe!"

Janko und Nivilaukaju zogen ihre Waffen und rannten in die Richtung von Falks Hilferuf.

"Diesmal werden wir nicht alle in eine Falle laufen!", polterte Aldare. "Ich gehe alleine mit Falk mit!"

Aldare packte Falk und wollte gerade loslaufen, als Alrech mit gezückter Klinge dazukam: "Ich werde auch noch mitkommen, schließlich wird der Grünschnabel bestimmt noch mehr Hilfe gegen zwei verrückt gewordene Magier benötigen!"

Aldare nickte.

Shandrissa saß immer noch schlaftrunken von dem Zauber, der sie in Tiefschlaf versetzt hatte, am Lagerfeuer und versuchte zu realisieren, was ihr soeben erzählt worden ist.

Der immer stärker einsetzende Regen ließ den Boden stark schlammig werden. Ilkarion sprang auf, aber da war Selissa schon wieder bei ihm. Sie versetzte ihm einen Klaps auf die Stirn und sprach die Zauberformel in Bosparano. "Magna Cupido!", hörte Ilkarion nur und ließ sich auf den Schlammboden plumpsen. Der Zauber war misslungen, aber das musste Selissa ja nicht wissen.

Selissa betrachtete Ilkarion skeptisch, als dieser herumwirbelte und ihr einen Tritt gegen das rechte Bein versetzte. Selissa knickte ein.

Jetzt war Ilkarion wieder obenauf. Erneut wählten beide Parteien den AXXELERATUS.

"Komm schon, du bist hier der Bewegungsmagier, lass dir endlich was einfallen!", dachte Ilkarion.

Selissa kam nun auf ihn zu. Sie ließ ihren Stab über ihrem Kopf wirbeln.

Ilkarion besann sich auf eine sehr komplizierte Variante des AXXELERATUS. Mit dieser war es nicht nur möglich seine Geschwindigkeit zu verdoppeln. Nein, man konnte sie sogar vervierfachen!

Sie kam immer näher. Ilkarion tat so, als wollte er sich wieder auf eine Attackeserie der Weißmagierin einlassen, tauchte dann aber, kurz bevor die Stäbe aufeinander krachten, tief unter Selissas Schlag hinweg, sprang mit vierfacher Schnelligkeit in die Luft, und ließ seinen Stab in Richtung Selissas Kopf rotieren.

Ihre Parade war zu langsam und zu niedrig. Benommen kippte sie vornüber in den vom Kampf fast völlig schlammigen Boden.

Ilkarion atmete tief durch. Das weiße Gewand und die hellblonden Haare der Weißmagierin hatten nun die Farbe der Erde angenommen. Er packte sie am Haaransatz und dreht sie um.

"Habt ihr nun erreicht was ihr wolltet?", hüstelte Selissa.

"Nicht ganz!", meinte Ilkarion nur. Er beugte sich herab und küsste Selissa vorsichtig auf den Mund. Sie zog ihn zu sich hinab, umschlang ihn mit ihren Armen und erwiderte seinen Kuss.

Strömender Regen plätscherte auf die beiden hernieder.

"Ich halt’s nicht aus!" Janko war platt.

"Tja, da möchte man doch glatt noch mal Magier werden", grinste Alrech nur. Dann verließ er ihren ’Beobachtungsposten’ und machte sich, seinen Nachtwind auf der Schulter abgelegt, zurück Richtung Nachtlager.

In Falks Augen lagen Wut und Unverständnis. Bei Aldare war es nur das Letzte der beiden Gefühle.

Nivilaukaju hingegen konnte sich ein sanftes Lächeln nicht verkneifen.



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