Die 15 Prophezeiten (IV) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 14 - Die Nacht der 1000 Täuschungen (Sonnenfurt)

Die Dorfbewohner waren hellauf begeistert, als sie die Berichte über die siegreichen Schlachten der Prophezeiten hörten, aber auch sehr bestürzt ob der vielen Gefallenen, welche die Einheit zu verschmerzen hatte.

Janko, der ein Lied über die bisherige Reise geschrieben hatte, untermalte mit seiner Musik und seinen Gefühlsregungen beim Gesang den Lauf der Geschichte, sodass man dachte, die Reise würde nochmals viel prächtiger, heldenhafter und intensiver stattfinden.

Ilkarion präsentierte, um die Erfolge zu untermauern, sogar noch einen scharlachroten Umhang als Trophäe. Diesen hatte Rukjol vor dem Verbrennen noch stibitzt.

Die Zeit bis zur Abenddämmerung verbrachten die meisten Prophezeiten damit, sich mal wieder gründlich zu waschen und eine ordentliche Mahlzeit einzunehmen. Sie bezogen wieder in ihren alten Quartieren Stellung und wollten am nächsten Morgen eine gründliche Erforschung der Sonnenfurter Umgebung durchführen.

Eine abgespeckte Wache, unterstützt durch die teilweise, aufgrund der vernommen Erfolge, sehr enthusiastische Sonnenfurter Bevölkerung, sollte über den Schlaf des Dörfchens wachen.

Janko blickte den jungen Mann an, der neben ihm auf dem Dach des Hauses der Hebamme saß. Er hatte, wenn er sprach, für einen Bauernburschen eine vergleichsweise gehobene Ausdrucksweise und wirkte auch nicht ganz so ungebildet, wie die meisten anderen Dorfbewohner. Es musste der Einfluss seines Vaters sein, denn er war der reichste Bauer der Gegend.

"Sagt an, Viburn! Habt ihr schon mal irgendwelche Gerüchte über eine Art Schatz in dieser Gegend gehört?", durchbrach der Barde die Ruhe der warmen Spätsommernacht.

Viburn verdrehte die Augen und gluckste: "Wer hat euch denn das erzählt, etwa meine Schwester? Glaubt mir, wenn ich wüsste, dass hier in der Nähe ein Schatz wäre, dann würde ich ihn suchen bis ich ihn hätte und dann würde ich mal in Trallop eine Sause machen."

"Ich geb’ zu, war ’ne blöde Frage. Ich war wohl zu lang draußen in der Wildnis." Janko verwarf seinen Gedanken wieder. Viburn erschien ihm zu jung, um in Sefinas Ränkespiel auch nur eine kleine Rolle spielen zu können.

Ilkarion lag auf dem Rücken im Bett und hatte seinen Kopf auf beiden Händen abgelegt. Vor wenigen Tagen hatte noch Aramina hier gelegen, aber das machte ihm nichts aus.

Er war nicht abergläubisch. "Vielleicht steht sie jetzt dort in Efferds Reich auf dem Ausguck einer Karacke und überfährt die endlosen Meere? Wenn sie durch ihr Fernrohr in unsere Sphäre blickt, dann ist sie bestimmt stolz", dachte Ilkarion.

Leise öffnete sich die Zimmertür. Ilkarion erwachte aus seinen Gedanken und entzündete die ewige Flamme. Selissa stand vor ihm in einem blauen Nachtgewand.

"Ich kann nicht schlafen und wollte Aldare nicht weiter stören."

"Du siehst aus wie ein Alveraniar, nur die Flügel fehlen noch!", schmeichelte Ilkarion.

"Ach, mein Schatz." Selissa umschlang Ilkarion und drückte ihn aufs Bett.

Während sie ihn zärtlich liebkoste, schnürte sie sein Hemd auf.

Klopf, klopf.

"Herrin Travia, das kann nicht dein Ernst sein!" Selissa rollte sich zur Seite und zog die Decke über ihren Kopf.

"Ja?", rief Ilkarion.

Schon steckte Aldares Kopf in der Tür: "Ich suche..."

"...ich bin hier!" Selissa zog die Decke wieder von ihrem Kopf.

"Ach so, dachte ich’s mir ja. Die Zwergin sitzt übrigens mit einer Flasche Schnaps im Schankraum, falls ihr euch wundert, dass da noch Licht brennt und..."

"Aldare!", fiel ihr Selissa ins Wort.

"Ja?"

"Danke. Schlaf schön!"

"Oh, Du auch, Schwesterchen!" Die Amazone verlies das Zimmer.

"Ich kann bei Vollmond nicht schlafen. Werde Falk sagen, dass ich für ihn übernehme. Weckt ihr dann bitte Radulf?", fragte der Barde.

"Na klar, eine angenehme Wache noch!", wünschte ihm Viburn.

Die zweite Wache war gesprächiger für Janko. Radulf war der energischste Unterstützer der Prophezeiten in Sonnenfurt. Dass sie ihm sein Kind zurückbrachten, machte ihn zu einem zuverlässigen und vertrauensseligen Mitstreiter im Kampf gegen die Überreste der scharlachroten Schwadron. Der Bauer wollte von Janko noch nähere Einzelheiten über ihre Reise wissen und gab auch einige Anekdoten aus dem dörflichen Leben zum Besten.

Bei der Hundswache wurde verstärkt gewacht. Radulf sollte in den Stall gehen und Sal wecken, während Janko im Hause Aldarain die beiden Damen Aldare und Selissa wach machen sollte.

Aldare packte ihre Waffen und Schritt mit Janko auf den Flur hinaus. Sie klopfte an Ilkarions Tür, um Selissa zu holen.

"Wer da?", hörte man die Stimme der Weißmagierin.

"Ich bin’s." Aldare kam vorsichtig herein. "Wir haben Wache!"

Selissa fühlte neben sich auf dem leeren Bett umher: "Wo ist Ilkarion?"

Selissa, Aldare und Janko suchten den Graumagier im Haus. Thorescha war über ihrer Pulle eingenickt. Sie ließen sie schlafen.

Draußen kamen ihnen Sal und Radulf entgegen. Nun schwärmten sie zu fünft aus.

Aldare sah Licht in einem der kleineren Höfe. Als sie mit Selissa und Radulf näher ging, bot sich ihr ein erschütterndes Bild. Ilkarion saß scherzend und grinsend an einem Tisch, vor ihm stand einer der Scharlachroten. Aldare trat rasend die Eingangstür ein.

Daraufhin wurde drinnen das Licht gelöscht.

"Ilkarion, was wird hier gespielt?", donnerte Aldare.

Licht!

Ilkarion hatte die ewige Flamme entzündet. Die Amazone wurde ungläubig von Ilkarion und dem Bauern Kulman Sulberg gemustert und auch Selissa war über das Verhalten der Amazone überrascht.

"Ich verstehe nicht, was du hast, Aldare", sprach Ilkarion.

"Was machst du hier, um die Zeit und wo ist der scharlachrote Krieger hin?"

"Nun, ich bin etwas spazieren gegangen, weil ich nachdenken wollte und Bauer Kulman war noch wach, da hab ich mich zu ihm gesellt und ein bisschen geplaudert. Aber was faselst du von einem der Scharlachroten?"

"Ich habe einen hier im Raum gesehen!", polterte Aldare.

Kulman und Ilkarion schauten sich verwundert an. Und zuckten beide mit den Schultern.

"Selissa, du musst ihn gesehen haben, den Roten!"

"Nein Aldare, wirklich nicht!", versicherte die Weißmagierin.

"Und Ihr?"

"Ich habe nichts gesehen, hohe Frau", erklärte Radulf.

Aldare faste sich an den Kopf: "Bin ich verrückt? Ich weiß doch, was ich gesehen habe! Hast du dir mit dem erbeuteten Umhang einen Scherz erlaubt?"

"Nein, wirklich nicht. Der liegt in meinem Schlafgemach", versicherte Ilkarion.

"Komm Aldare, wir gehen! Wir werden doppelt aufmerksam bei der Wache sein." Selissa nahm die fassungslose Amazone am Arm.

"Das mit der Tür klären wir morgen!", beruhigte Ilkarion noch Kulman und ging dann auf sein Zimmer.

"Sag mir nächstens vorher Bescheid, wenn du mir Sorgen bereiten willst, Meister der variablen Translokationen!", rief Selissa Ilkarion hinterher.

"Ich kann auch selbstständig auf mich aufpassen, Meisterin der angewandten Hermetik!", lies Ilkarion die Weißmagierin wissen.

Ilkarion war etwas eingeschnappt, er war doch kein kleines Kind, das Aufsicht benötigte.

Nur weil Selissa die Magie von Tod und Zerstörung erlernt hatte, war er doch als Eigenschafts- und Bewegungsmagier im Vergleich zu ihr nicht hilflos.

Er hörte Schritte aus dem Flur. Neugierig schaute er nach. Es war Madame Hermetica, die wahrscheinlich etwas in ihrem Zimmer vergessen hatte. Na ja, er ging jetzt schlafen. "Noch etwas frische Luft am Fenster schnappen", dachte er sich.

Da draußen stand die Wache auf der Hauptstraße Sal, Aldare und...

...SELISSA???

Ilkarion fiel die Farbe aus dem Gesicht, wenn die Kampfmagierin dort unten wachte, wer war dann gerade im Flur an ihm vorbei gegangen.

"Aldare, komm schnell!", rief er aus dem Fenster.

Als die Amazone unter ihm stand, erklärte er ihr, was er gesehen hatte. Daraufhin stürmten Aldare und Selissa die Treppe hoch. Sal gab Alarm.

Als die Amazone und die beiden Magier das Doppelzimmer von Aldare und Selissa betraten, war es komplett durchwühlt, aber nichts war gestohlen worden.

Es dämmerte schon zum Morgen, als die Prophezeiten im Schankraum von Goswin Aldarains kleiner Schenke ’Sonnenkrug’ konferierten.

"Irgendwo muss etwas sein, das diese Illusionsgestalt gesucht hat! Es soll hier in Sonnenfurt vergraben sein!", haute Thorescha auf den Tisch.

"An einer Stelle in Sonnenfurt, wo man alle Häuser sehen kann", wusste Selissa.

"Die Hauptstraße!", erklärte Radulf.

"Und? Was ist den schon auf der Hauptstraße? Dreck, Staub und noch mal Dreck. Eine alte Linde und ein alter Brunnen...", warf Goswin ein.

"Ein Brunnen, natürlich!", entfuhr es Janko und Rukjol gleichzeitig.

Eine neue Idee war geboren.

Es dürfte vielleicht knapp fünf Uhr morgens gewesen sein, als die Prophezeiten Falk in den Brunnen herabließen. Er fand dort einen schmalen Seitengang im Brunnen. Dieser wurde kegelförmig größer, aber durch die Öffnung konnten nur sehr schmale Leute durch, weshalb Falk, Ilkarion und Shandrissa eine Art Stoßtrupp bildeten.

Falk hatte das Ende des Ganges erreicht: "Nichts, hier unten ist nichts!", fluchte er.

"Warte Liebster!", sagte Shandrissa. Dort lag in einer Nische ein goldenes Amulett, auf das eine unbekannte Schrift graviert war.

"Ich schau mir das mal an." Ilkarion konzentrierte sich auf den ODEM ARCANUM.

"Ja, das muss der Fokus sein, er ist stark magisch!", erklärte Ilkarion triumphierend.

Shandrissa nahm den Fokus, und wollte wieder zurück kriechen. Doch dann drehte sie sich noch mal um: "Nimm du das Amulett bitte, ich habe eine Abneigung gegen Dämonenwerk!"

"Und ich erst!" Ilkarion steckte den Fokus ein. An der Oberfläche würde ihn ohnehin Aldare verwahren und mit dem Leben verteidigen.

Er hatte Recht, Aldare nahm das Artekfakt an sich. Da Aramina leider tot war, konnte hier im Ort nur einer dessen dämonische Präsenz erspüren. Zordan Windolf, der Perainegeweihte von Sonnenfurt.

Während sich Falk, Selissa und Aldare aufmachten, um den Perainegeweihten aufzusuchen, ging der Rest noch ein paar Stunden ruhen, oder trat in Sals Falle, wieder seine Wache an.

Klopf, Klopf.

Nichts geschieht.

Klopf, Klopf, KLOPF, KLOPF.

"Ja, ich komme ja schon. Warum weckt ihr mich schon vor Sonnenaufgang?", beschwerte sich Zordan Windolf.

"Wir wollten nur wissen, wie es euch geht, eure Eminenz", hob Aldare an und trat dabei in den Tempel und nahe an den Perainepriester heran. Das Amulett trug sie um den Hals.

"Jetzt?"

"Ja, das ist doch nichts Ungewöhnliches", entgegnete Aldare.

"Was?"

"Ich sagte, dass es nichts Ungewöhnliches sei!"

"Was?"

"WIR WOLLTEN UNS NUR ERKUNDIGEN, OB ES EUCH GUT GEHT, NACHDEM WIR SO LANGE WEG WAREN!"

"Dann tut das gefälligst zu einer praiosgefälligen Zeit!", brummte Zordan.

"Natürlich, Eminenz!"

"Was?"

"ICH SAGTE NATÜRLICH EMINENZ UND GEHABT EUCH WOHL!", hob Aldare ihre Stimme.

"Jaja, junges Fräulein, auf Wiedersehen!" Zordan zog sich wieder in den Tempel zurück.

"Hhmm, er hat keine dämonische Präsenz gespürt", stellte Aldare fest.

"Vielleicht ist er so verwirrt, dass er gar nichts mehr spürt?", überlegte Falk.

"Unsinn! Auch wenn er etwas senil ist, seine Sinne müssen noch erhalten sein", unterwies ihn Selissa barsch.

"Was für ein Glück, dann ist der Fokus gar kein dämonisches Artefakt", strahlte Aldare.

"Moment, ich habe da einen Verdacht!" Selissa konzentrierte ihre Sinne auf das Amulett und sprach die Worte "ODEM ARCANUM".

"Nicht magisch."

Aldare und Falk waren überrascht, als sie die beiden Worte von Selissa vernahmen.

"Aber Ilkarion sagte doch..."

"Ich weiß, dass es magisch sei", fiel Selissa dem Hexer ins Wort.

"Dann auf zu Ilkarion!", bestimmte Aldare.

Ilkarion blickte die drei Personen, die seinen Schlafraum betreten hatten, aus kleinen Äuglein an: "Was ist den jetzt schon wieder? Ich war grad erst eingeschlafen..."

"Heda Zauberkünstler, wir haben doch dieses Amulett als magisch erkannt, oder?", stichelte Selissa.

"Ja, und?" Ilkarion wirkte unleidlich.

"Es ist nicht magisch!", triumphierte die Weißmagierin.

Ilkarion stand auf und versuchte sich erneut in der Hellsichtmagie. Und siehe da, das Amulett war nicht magisch.

"Du hast Recht, aber im Brunnen war es definitiv noch magisch. Glaub mir, mein Zauber war gelungen!"

"Wer hat das Amulett außer dir sonst noch gehabt?", fragte Aldare.

"Nur Shandrissa", kam es kaum hörbar aus Falks Mund.

"Wo ist sie jetzt?", wollte Selissa wissen.

"Im Stall, am Schlafen", wusste Falk und schon waren sie zu Shandrissa unterwegs.

Als sie den Stall erreichten, wurde Falk schwer enttäuscht. Shandrissa war weg, und mit ihr wahrscheinlich der echte Fokus.

"Ich wird’ nicht mehr, Shandrissa ist die Verräterin. Weckt die anderen!", entfuhr es der Weißmagierin.

"Aber Ruwan war doch...", stammelte Falk.

"Nein, erst jetzt erfüllt sich die Prophezeiung. Das Amulett ist fort und wir beginnen unsere Queste von neuem", erklärte Selissa kühl.

"Und vor allem zu neunt!", trat Rukjol zu ihnen hinzu.

Ungewissheit lag in den Reihen der letzten Neun. Nun wussten sie zwar, dass ihre Queste die Suche nach dem Fokus war, aber immer mehr Fragen geisterten ihnen durch den Kopf.

Wenn Shandrissa die Verräterin war, was war dann Ruwan?

Warum kämpfte Shandrissa gegen Ruwan, Sefina und die scharlachroten Reiter?

Waren es nun etwa schon drei Parteien, die den Fokus in ihre Gewalt bringen wollten?


Szene 15 - Das Labyrinth der Ängste (Auf dem Weg nach Trallop)

Am Morgen, als sich die neun Prophezeiten zum Aufbruch bereit machten, grübelten einige, wo man denn suchen solle. Shandrissa konnte überall sein.

Die Möglichkeit einer dritten Fraktion, die nach dem Fokus suchen könnte, machte einige krank.

"Also nehmen wir mal an, Shandrissa gehört zu einer weiteren Gruppe, die das Amulett haben will! Wo würden dann die Scharlachroten danach suchen?", überlegte Legolant.

"Bei uns!", stellte Thorescha fest.

"Und wenn sie es bei uns nicht fänden?"

"Dann, lieber Legolant, tappen sie genauso im Dunkel, wie wir!", erklärte Selissa.

"Wie es aussieht, gibt es bisher zwei Verräter. Vielleicht hat Sina Leska ja nach unserer Abreise noch eine weitere Vision gehabt", malte sich Rukjol aus.

"Da die Scharlachroten durch Ruwan ja von Sina wissen, könnten sie auf die selbe Idee kommen, wie wir...", stellte Ilkarion fest.

"Dann müssen wir auf der Stelle nach Trallop aufbrechen!", forderte Janko.

"In Ordnung, wir sollten uns beeilen!", sagte Aldare.

"Wir sollten die Gruppe trennen und die Berittenen vorausschicken!", schlug Janko vor.

"Nein, das sollten wir lassen, jetzt wo wir die Gewissheit haben, dass die Feinde noch immer nicht geschlagen sind UND über Magie verfügen!", bat Selissa.

"Und Sina Leska in Gefahr kommen lassen?"

"Im Firuntempel zu Trallop wird sie sicher sein. In der Stadt muss sich jeder dreimal überlegen, ob er unter den Augen der Praios- und der Rondrakirche ein Verbrechen begeht", überblickte Ilkarion die Situation.

"Na schön, ich werde trotzdem aufbrechen, wer kommt mit mir?", fragte Janko in die Runde.

Aber die anderen acht schüttelten entweder den Kopf oder schauten verlegen zu Boden.

Janko lieh sich von Goswin Aldarain einen Tobimora Falben und brach nach Trallop auf. Selbst Falks und Rukjols Zureden brachte ihn nicht von seiner Idee ab.

Wenn er sich gut hielt, wäre er doppelt so schnell wie die restlichen Prophezeiten.

"Da reitet er hin, dieser Tor. Ich hoffe, wir werden ihn lebend wieder sehen!"

Rukjol nickte nur zustimmend nach Thoreschas Worten.

Janko galoppierte geschwind wie einer von Nivilaukajus Pfeilen durch die Lande, in denen Herzog Waldemar von Weiden herrschte. Als ihn spät abends dann doch die Müdigkeit einholte und seinen Falben ebenfalls, lehnte er sich an einen Baum zum schlafen. In seinen Armen hielt er eine leichte Armbrust. Sie hatte früher Malzan gehört.

Leise Schritte knackten über den mit dünnen Ästchen bedeckten Waldboden. Irgendjemand oder irgendetwas war hier und kam näher. Janko überlegte, ob es vielleicht ein Traum war, aber nein, es war zu real. Er spürte deutlich die Milde der Nachtluft auf seiner Haut. Er nahm all seinen Mut zusammen, packte die Armbrust ein wenig fester und fuhr herum.

Eine Baumlänge weiter stand ein scharlachroter Krieger; sein Schwert zu zwei Händen hatte er in bedrohlicher Geste erhoben.

"Nun, ich fürchte ihr wurdet von dieser Elfe reingelegt, mein Herr. Weder ich, noch meine Begleiter haben das Amulett", brachte der Barde dem Krieger selbstsicher entgegen.

"Oh wirklich, ich fürchte IHR seid ebenfalls reingelegt worden." Der Krieger zeigte auf einen Punkt irgendwo hinter Janko.

"Denkt ihr ich falle auf diesen Trick rein? Ihr wollt mir doch nur zu Nahe kommen ohne euch einen Bolzen einzufangen. Nein, nein, nein, da seid ihr schief gewickelt!" Janko strotzte vor Wagemut. Noch nie hatte sich ein Scharlachroter zu einem Gespräch hinhalten lassen müssen. Er wähnte sich in guter Position. Doch der Krieger lachte nur gehässig.

"Ich glaube, das Glück ist euch nicht hold, Barde!", hörte Janko eine weibliche Stimme.

Er fuhr herum. Das klang ihm verdächtig nach Selissa.

Vor ihm stand eine schlanke Gestalt in schwarzem Kapuzenmantel. Das Gesicht sah er nicht richtig, doch lange blonde Haare ragten unter der Kapuze hervor.

"Selissa von Bethana, die Götter mögen dich strafen für dein falsches Spiel!", fluchte Janko.

"Zu spät!" Selissa kam langsam näher.

"Keinen Schritt weiter!", befahl Janko. Hinter ihm kam jetzt auch der Krieger näher.

Der Barde drehte sich gerade, als er Selissas Hand auf seiner Schulter spürte.

"EIGENE ÄNGSTE QUÄLEN DICH!", war das letzte, was er mit sanfter weiblicher Stimme hörte, bevor er das "Labyrinth der Ängste" betrat.

"Ich bin der Dämon", hörte Janko die milde Stimme Selissas. "Vernichten werde ich dich und alles was dir lieb. Ich will dich leiden sehen, nur dein Tod ist die Essenz meines Lebens. Du kannst dich verstecken in Tempeln, in der Steppe oder im ewigen Eis. Doch ich werde dich finden und dann wirst du 13 mal 13 Äonen leiden!"

Janko blickte sich gehetzt um, er war in einer Wüste aus schwarzem Sand. Es war furchtbar heiß, aber er schwitzte nicht. Kein einziger Tropfen Feuchte lag hier in der Luft. Kleine Feuer brannten alle paar Schritt. Dann sah er Selissa vor sich. Sie hatte ein alabasterweißes Gewand an. Neben ihr stand Nivilaukaju.

Die Weißmagierin riss der Nivesin das Herz aus der Brust und malte sich mit dem Blut ein Heptagramm auf ihre Magierrobe.

"NEEINN!", schrie Janko und rannte auf Selissa zu.

Doch sie sagte nur: "Rette dich!", dann quollen ihre Augen heraus, sie schrie vor Schmerzen. Janko wendete sich ab. Das Schreien wurde immer lauter. Dann spritzte lauter Blut auf ihn. Als er sich umdrehte, sah er an Selissas Stelle Sefina.

"Ich töte dich Hexe!" Er stach wieder und wieder mit seinem Dolch auf Sefina ein.

"Du verstehst nicht, ich WILL sterben!" Von etlichen Stichen getroffen, sank Sefina zusammen.

Dann hörte Janko Hufgetrappel. Ein scharlachroter Reiter auf einem schwarzen Pferd mit glühend roten Augen trabte heran. Seine Ogerschelle hatte anstatt Kugeln die Köpfe von Alrech und Tugrak an den Ketten hängen.

"Nein, verschwinde, abscheulicher Dämon!", brüllte der Barde.

Er war schweißgebadet und ihm dürstete, als ein glühender Speer seinen Rücken durchbohrte. Er ging in die Knie, vor ihm stand nun auch noch Shandrissa.

Sie drehte den Speer in seiner Wunde. Janko war außer sich vor Wut und Schmerz.

Shandrissa hingegen lächelte so süß und kokett, wie sie es immer tat.

"Es hat mir Spaß gemacht, euch alle zu hintergehen. Ich bin etwas Besseres als ihr Menschen, die ihr alle vor euren Göttern kniet und kuscht. Doch am meisten Freude hatte ich dabei, Falks Gefühle auszunutzen. Ich wollte mir erst seiner Liebe gewiss sein, wenn ich ihn vor den Augen seiner Freunde langsam töte. Sein Gesichtsausdruck wird mir ein Labsal höchster Befriedigung sein", lächelte die Elfe.

Sie nahm etwas Blut aus Jankos Speerwunde und leckte es genüsslich von ihrem Finger.

"Ihr seid alle krank. Oh, ihr Götter bitte helft mir gegen dieses Dämonengezücht! Bitte rettet meine Seele vor der Kälte der Niederhöllen!"

"Du Wurm verstehst noch immer nicht...", schüttelte Shandrissa ihren Kopf.

Daraufhin packte der Reiter Janko und zerrte ihn auf sein Pferd.

Während ihres Rittes, sprachen die Köpfe von Alrech und Tugrak zu ihm.

"Janko, sterben macht so eine Freude, im Tode kannst du tun und lassen was du willst!", meinte Alrechs Kopf.

"Du musst nur deinen Dolch nehmen, und ihn dir kräftig ins Herz rammen!", sprach Tugraks Kopf.

"Nein, lasst mich runter, bitte!", flehte Janko.

Doch der Reiter brachte den Barden in eine Festung aus Basalt und Feuer. Er trug ihn in ein Gewölbe, wo er ihn auf einer Folterbank fesselte.

Nun betrat Ruwan den Keller.

"Hallo, mein Bardenfreund, ich habe gehört, wie ungezogen du warst. Willst gar abhauen..." Ruwan kramte eine Säge hervor.

"Das werde ich zu verhindern wissen!", grinste Ruwan.

"NEEEEEEEEEEEEIN!" Janko verlor das Bewusstsein, als der Verräter ihm das Bein absägte.

Janko erwachte, doch sein Herz stand fast still. Es war schon hell, wie er am Himmel sah. Doch die Angst hatte ihn immer noch fest im eisigen Griff. Er schloss die Augen, wenn er die Dämonen nicht sah, würden sie ihn vielleicht auch nicht sehen. Er war zu keinem anderen Gefühl außer Todesangst mehr fähig. Er lag bestimmt fast fünf Stunden wach ohne sich zu rühren, bis ihn der Falbe anstupste. Janko sprang auf, er wäre fast gestorben vor Schreck. Das Pferd wich etwas zurück.

Janko schaute an sich herab, er konnte es kaum fassen, dass sie ihn am Leben gelassen hatten. Seine Kleidung war zerrissen, seine Sachen durchwühlt und die Armbrust war zerstört worden. Doch er lebte. Er lebte!

Er musste im Eiltempo zurück reiten!

Doch konnte er Selissas Pläne überhaupt noch vereiteln?

Sie schien sich so siegessicher, dass sie ihn am Leben lies oder sollte der Zauber ihn töten?

Immerhin war er nahe am Wahnsinn.

Er bestieg vorsichtig den Falben. In wenigen Stunden würde sich zeigen, wie weit Selissas Pläne fortgeschritten waren...


Szene 16 - Sturmlauf nach Trallop

Janko erkannte den Trupp der Prophezeiten ein paar hundert Schritt vor sich. Einige erkannten ihn ebenfalls und winkten.

Er galoppierte näher und rief: "Wo ist Selissa?"

"Ich bin hier", hörte er die Stimme, die ihn im "Labyrinth der Ängste" so geplagt hatte.

Janko brachte den Falben schlitternd zum stehen.

"Du bist mit Dämonen im Bunde und mit den scharlachroten Kriegern, verbrennen sollst du! Los richtet sie!" Jankos Temperament war wieder in vollen Zügen.

"Halt!" Ilkarion baute sich vor Janko auf.

"Ilkarion, ich schwöre euch, sie hat mich in der Nacht mit einem Scharlachroten aufgesucht und angegriffen!", beschwor Janko den Graumagier.

"Nein Janko, sie war hier bei mir. Bei uns!" Ilkarion hatte scheinbar keine Zweifel an Selissas Unschuld. Janko wunderte dies nicht, sie hatte ihm zu sehr den Kopf verdreht.

"Ilkarion wacht auf!", forderte Janko.

"Janko, die Wache hat keine besonderen Vorfälle gemeldet, ich glaube ihr seid einem Schwindel unterlegen", trat Aldare hinzu.

"Wahrscheinlich dem Selben, wie in Sonnenfurt", warf Sal ein.

"Stimmt, Janko! Erinnert euch an Selissas Doppelgängerin, die das Zimmer von Aldare in Sonnenfurt durchwühlt hat!", fiel Ilkarion ein.

"Das wäre eine Möglichkeit, doch alles wirkte so echt", meinte Janko.

"Wir haben es hier mit einer Meisterin oder einem Meister der Täuschungen zu tun!", stellte Selissa fest.

"Ich glaube, dass wir nur in Trallop eruieren können, was aus dem Amulett geworden ist!" Ilkarion unterstrich diesen Satz mit einem mehrfachen Nicken.

"Eru was?", plärrte Sal.

"Ich glaube, dass Ilkarion meint, wir sollen nach Trallop", sagte Legolant.

"Ach ja, das habe ich gewusst", erklärte der Söldner.

Ihnen blieben jetzt drei Möglichkeiten, alle führten nach Trallop. Die erste war Gurthag, Sohn des Gandresch, der zwergische Ziehvater von Shandrissa.

Die zweite war ein Juwelier, der das Duplikat des Amuletts für Shandrissa angefertigt haben musste. Verwirrend war, dass Shandrissa schon vorher das Aussehen des Fokus gekannt hatte, um das Duplikat anzufertigen. Da eine Zeichnung vom Fokus in Sefinas Tagebuch war, musste sie schon zuvor einen Einblick darin gehabt haben, aber warum hat sie dann Sefina und ihre Schergen mit den Prophezeiten zusammen bekämpft?

Die dritte Möglichkeit, und das war für die Meisten bei weitem die Wichtigste, war Sina Leska, die Firungeweihte, der sie ihre Queste verdankten.

Der Weg nach Trallop wurde zu einem Sturmlauf, ja gar zu einem Flug.

Mit den Pferden von Aldare, Sal, Selissa und Goswin, sowie Thoreschas Maultier, konnten die Prophezeiten zu zweit auf einem Pferd reiten.

Sie trieben die völlig erschöpften Tiere bis nach Trallop. Dort musste die Stadtwache unter Flüchen das Tor des Nachtens öffnen.

Den letzten Teil des Weges durch die engen Gassen Trallops erledigten die Neun zu Fuß.

Sina drehte sich auf ihrem Bett hin und her, sie hatte doch etwas gehört.

"Aufmachen! Im Namen der Zwölfgötter, öffnet das Tor!", gellte eine Stimme durch das nachtschlafende Trallop.

Sina zog ihren Pelzmantel an und verlies ihr Gemach.

Irgendjemand pochte heftig an das Tor ihres Tempels. Die Novizin war bereits herbeigeeilt und öffnete: "Ssschhht! Seid still, sonst weckt ihr noch den Hochgeweihten!"

"Ist schon gut, Ifirniane!", sagte Sina lächelnd zu dem 14-jährigen Mädchen.

Vor den beiden Dienerinnen des Firun standen neun erschöpft wirkende Gestalten.

Während Ifirniane halb ängstlich, halb staunend zu den Prophezeiten herüberblickte, setzte Sina ein sanftes Lächeln auf.

Dann trat sie Aldare, Falk, Ilkarion, Janko, Legolant, Rukjol, Sal, Selissa und Thorescha offenherzig entgegen. Ihre Helden waren zurückgekehrt.



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