Die 15 Prophezeiten (V) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 17a - Der Barbar und der Rahjapriester (Trallop)

Sina Leska hatte keine neue Vision gehabt, aber sie hatte ihre erste noch einmal lange überdacht, während die Helden weg waren. Erst jetzt sah sie die Dinge klarer. Sie erkannte in ihrer Vision tatsächlich ein Amulett auf einem Altar, um den diverse Prophezeite herumstanden.

Sie hatte dem noch keine Bedeutung zugemessen, vielmehr dem großen Schatten von einer Art Insekt oder Ungeziefer, der auf den Altar fiel.

Da es halb drei Uhr des Nachtens war, entschlossen die Helden sich noch, die Schenke ’Die Axt und der Hammer’ zu besuchen. Sal und Janko entschieden sich, am Hintereingang zu warten, während die anderen Prophezeiten die Kneipe betraten.

Es war noch reger Betrieb und die Prophezeiten erkannten den Thorwaler Swafnirgeweihten, die verschleierte Novadikriegerin und einige Zwerge wieder, die sie bei ihrem letzten Besuch in der Schenke gesehen hatten. Des weiteren saßen noch an einem Tisch Handwerksgesellen und an einem anderen unterhielten sich ein Rahjapriester und drei junge Damen kichernd.

Der Swafnirgeweihte, winkte irgendjemanden heran, der hinter den Prophezeiten eingetreten war. Bei ihm an Tisch war auch Bruder Rondramir, was Aldare erst jetzt auffiel. Sie nickte ihm zu, doch er reagierte ob seiner Trunkenheit kaum mehr.

Falk drehte sich, um zu schauen, wen der Thorwaler meinte. Er erschrak. Ein mehr als zwei Schritt großer Barbarenkrieger, nur mit Lendenschurz bekleidet, stand hinter ihnen. Falk wich zurück und der Barbar setzte sich zu dem Thorwaler Bruder Estorik und Bruder Rondramir an den Tisch.

Aldare hörte den Thorwaler nach Bier krakeelen. Jetzt hatte er neben Rondramir einen weiteren Säufer gefunden.

Sie zog eine abwertende Miene, als sie sah, wie der Thorwaler und der Barbar den Humpen auf einen Zug leerten und dann laut johlten.

"Männer!", sagte sie und Selissa nickte.

Egal, sie musste sich auf die Befragung von Gurthag, Sohn des Gandresch, konzentrieren.

Thorescha hatte zwischenzeitlich ein paar Adressen von Schmuckhändlern herausbekommen.

Nachdem Sal und Janko eine Weile gewartet hatten, drangen sie durch den Hintereingang der Schenke ein, um Gurthags Privatgemächer zu durchsuchen. Leider waren alle Türen bis auf eine verschlossen. Und dies war nur die Vorratskammer.

Janko sah Gurthags Gehilfen, wie er nach ein paar Weinflaschen kramte.

Geistesgegenwärtig schüttete sich Janko etwas Wein über seine Kleidung und lallte: "Hey du, haschtu ma Sccchandrissssa gesehen?"

"Sofort zurück in den Schankraum, das hier ist Privat!", grollte der Zwerg.

"Ich wollte nur mal wissen, wo Scchandrissssa hin ist, hick!"

"Die ist mit irgendwelchen Abenteurergesindel fortgezogen. Ja das ist sie!

Wenigstens war eine Angroschim dabei, dann noch eine große böse Großlingkriegerin und ein Schwarzpelz!"

"Sooo. Na ja, dangeee. Isch geh dann mal wieder nach vorn", gackste der Barde.

"Das würde ich auch mal ganz fix vorschlagen!", meinte der Zwerg.

Daraufhin verließ Janko mit Sal, der hinter der Tür gewartet hatte, den Privatbereich der Schänke.

Nachdem Gurthag den "Trinkertisch" erneut bedient hatte, setzte er sich zu den Prophezeiten.

"Wisst ihr, wo Shandrissa ist?", fragte Aldare.

"Hrmpf. Das solltet ihr eigentlich wissen, sie ist doch mit euch fort gegangen!", grummelte Gurthag.

"Leider nicht. Sie ist verschwunden, möglicherweise entführt worden."

"Aha, wie unangenehm für sie. Hätte hier bleiben sollen, in Schankräumen wird man selten entführt!"

"Macht es euch keine Sorgen, was mit eurer Ziehtochter geschieht?" Falk wurde laut.

"Sie hat ihr Schicksal doch selbst gewählt, und..." Gurthag hielt inne.

Der Barbar war an den Tisch der Prophezeiten gewankt und setzte sich.

"Wer seid ihr?", frage Aldare erstaunt.

"Böse!"

Rukjol und Ilkarion schauten sich an. Das konnte nichts Gutes geben.

"Böse Bluttrinker!", kam es bedrohlich aus dem Mund des Barbaren.

"Schafft mir dieses Scheusal hier weg!", befahl Gurthag und ging zu Bruder Estorik, der schon wieder nach Bier lärmte.

Ilkarion tastete sich vorsichtig zu dem Barbaren vor, worauf dieser grimmig brummte. Der Graumagier hob darauf die Hände beschwichtigend und wich langsam zurück.

"Der ist doch total besoffen!", ermutigte ihn Thorescha.

Jetzt ging die Zwergin näher.

"Harhar! Ich bin’s, Legolant!", tönte der Barbar.

"Na, da hast du’s Ilkarion. Macht dir ganz schön Angst dieser Schelm!", spottete Selissa.

"Verwandele dich wieder zurück!", befahl Aldare.

"Ich bin, kann, weiß nicht wie!", stammelte der Barbarenschelm nur.

"Argh. Rukjol, Ilkarion, Thorescha, bringt mir diesen Witzbold hier raus! Ich werde den Wirt noch weiter befragen", entschied Aldare.

Die drei Geheißenen packten Legolant und gingen nach draußen.

Janko kam ihnen entgegen. Sein Gesichtausdruck zeugte von völligem Unverständnis.

"Frag nicht, und setz dich!", winkte ihn Falk heran.

Erneut kam Gurthag an den Tisch der Prophezeiten. Aldare und Janko fragten ihn nun, wer mit Shandrissa eng befreundet war. Der Zwerg war zwar immer noch abweisend barsch, aber erzählte schließlich, dass die Elfe eine gute Freundin namens Alrike hat.

"Wisst ihr, wo sie wohnt?", fragte Falk.

"Nicht wirklich, aber fragt doch mal Bruder Hagen dort drüben!" Gurthag zeigte auf den Rahjageweihten.

"Verzeiht euer Gnaden, wenn ich euch mal kurz stören dürfte!", hob Janko an.

"Nur zu!", gab ihm Hagen das Wort.

"Sagt an! Kennt ihr die Elfe Shandissa Dickichtzauber?"

"Natürlich! So ein rahjagefälliges Wesen kann man nicht übersehen in dieser tristen Stadt", lächelte Hagen.

"Sie hat doch eine Freundin namens Alrike, wisst ihr etwas über sie? Ich muss sie nämlich dringend sprechen."

"Ah ja, Alrike Plotz, meint ihr!"

"Genau diese. Es wäre sehr hilfreich, wenn ich sie treffen könnte!"

Bruder Hagen tuschelte mit einer seiner Begleiterinnen. Dann sagte er zu Janko: "Sie wohnt in der Hintergasse, links neben Zornbrinks Krämerladen."

"Habt Dank, euer Gnaden. Ich wünsche euch noch einen angenehmen Abend!"

Als Janko die anderen unterrichtet hatte, meinte Aldare: "Nun lasst uns denn endlich eine Herberge aufsuchen, die Reise hat uns schon so geschwächt!"

"Wahr gesprochen. Auf zu ’Peraines Heilgesang!’" Selissa erhob sich und nach bezahlter Zeche machten sie sich auf den Weg.


Szene 17b - Der Rüpel und die drei Gardisten

Falk ging ins Freie und sog die milde Nachtluft ein. Er sah Thorescha, die den Barbaren an der Hand hielt. Rukjol und Sal belustigten sich über Legolants Zustand und Ilkarion stand etwas schmollend daneben.

Selissa trat zu Ilkarion und küsste ihn: "War eben nicht so gemeint, mein Hübscher!"

"Hey Rukjol, seht mal, wie ich den Barbaren verprügele!" Sal trat dem Barbarenschelm gegen sein Knie, so dass er umkippte.

Rukjol und Sal jauchzten vor Freude.

"Aufhören!", fauchte Aldare.

Legolant rollte sich auf dem Boden. Dann legte er die Hände an die Ohren, deutete auf Sal und sagte leise: "VOGELZWITSSSSCHERN, GLOCKENSPIEL. Klinge so, wie ich es will!"

Thorescha und Falk halfen dem Barbarenschelm auf.

Dann schickten sich die Prophezeiten endlich zum Gehen in Richtung der Herberge &primePeraines Heilgesang’ an.

Ilkarion hörte jemanden unflätig rülpsen. Er schüttelte nur grinsend den Kopf und wollte weiter gehen, aber da schon wieder. Und wieder, und wieder.

Die Prophezeiten blieben stehen und schauten sich gegenseitig an.

Nichts.

Als sie weiter gingen kam es wieder und immer wieder.

"Sal, könnt ihr euch nicht mal beherrschen? Es sind Damen anwesend!", fuhr ihn Selissa an.

"Ich bin das nicht, dumme Pute!", krächzte Sal und ging weiter. Rülps! Böörp!

"Das kommt von meinen Füßen!", stellte Sal fest.

"Hilfe! Hilfe! Hexenwerk. Ilkarion rettet mich!", tönte Sals Stimme zu nachtschlafender Zeit durch die Stille der Stadt.

Er lief wild hin und her, mit jedem Schritt tat er einen Röhrer.

Ilkarion rieb sich das Kinn: "Nun, das sieht nach Legolant aus! Aber ich bin nicht sicher, ob ich diese Illusion wirklich brechen kann."

"Lass Legolant den Zauber beenden und spar dir deine astralen Kräfte!", bat Selissa.

Einige der Prophezeiten amüsierten sich köstlich, als aber drei Stadtbüttel um die Ecke bogen, hörte der Spaß auf.

"Was in Rondras Namen ist hier los?"

"Ähm, nichts Korporal! Wir sind auf dem Heimweg aus der Schenke, in die wir eingekehrt waren", erklärte Janko.

"Und warum müsst ihr dabei herumplärren, wie eine angestochene Harpyie?"

"Nun ja, es ging eben etwas feuchtfröhlich zu!", lächelte Janko.

"Seht zu, dass ihr Land gewinnt!"

"Selbstverständlich Korporal!"

"Moment, ich muss noch meine Schuhe binden, ich komme gleich nach!", sagte Sal.

"Aber ihr tragt doch Stiefel", bemerkte einer der Gardisten.

"Ach ja, ich vergaß!", grinste Sal verlegen.

"Wisst ihr was, Sal? Wir tragen euch." Thorescha, Falk und Rukjol packten den Söldner.

Der Korporal winkte nur ab: "Lauter Verrückte!", und verschwand mit seiner Streife hinter der nächsten Ecke.

Aldare beschleunigte ihre Schritte, sie wollte vor Sal in der Herberge sein. Mit seinem rüpelhaften Benehmen würde man ihn höchstens in den Stall lassen.

Und sie hatte Recht, man pferchte Sal und auch Legolant in den Stall.

Sal verhaute daraufhin erstmal den Schelm, bis der Illusionszauber von Sal abfiel.

Die anderen verbrachten die Nacht weit ruhiger in ihren Zimmern. Endlich brauchte mal keiner Wache zu schieben.

Am nächsten Morgen wurden die beiden wach, als der Stallbursche hereinkam und erstmal schreiend weg lief.

"Willst du diese Barbarenklamotte nicht endlich mal beenden?", knurrte Sal.

"Gute Idee, sag mir wie!" In Legolants Blick lag völlige Ratlosigkeit.


Szene 18 - Gernot Tannhaus

Da man Legolant nicht in der Öffentlichkeit herumlaufen lassen konnte, musste er trübselig im Stall bleiben. Thorescha und Ilkarion gingen auch nicht weg und blieben erstmal in der Herberge.

Die anderen allerdings verteilten sich in Trallop.

Falk und Janko besuchten Alrike Plotz, die Freundin Shandrissas.

Rukjol und Selissa observierten den Wirt Gurthag, Sohn des Gandresch.

Und Aldare zog mit Sal los, die Juweliere und Schmuckhändler unsicher zu machen.

Phex war mit ihnen an diesem Morgen, denn schon beim ersten sollten sie Erfolg haben.

"Rondra zu Gruß!", betrat Aldare den Laden des Juweliers Gernot Tannhaus.

Dieser war ein Mitfünfziger mit grauen kurzen gescheitelten Haaren und Oberlippenbart.

Er wirkte etwas hager, aber nicht, weil es ihn an etwas mangelte. Auffällig war, dass er als Juwelier überhaupt keinen Schmuck trug. Nur ein schlichter Mondsilberring am Ringfinger zeugte davon, dass er den Traviabund eingegangen hatte.

"Die Zwölfe mit euch!", entgegnete er, während er die beiden Prophezeiten misstrauisch musterte. Sie sahen nicht aus, wie seine sonstigen Kunden und vor allem vermutete er bei ihnen kein Geld. Reisige in einem Schmuckladen, das wollte nicht so richtig passen.

Zwei gelangweilt wirkende Wachleute mit schwerster Bewaffnung waren obendrein noch im Laden anwesend. Sal fiel sofort die Windenarmbrust des einen ins Auge.

Aldare trat an den Tresen und präsentierte Gernot den gefälschten Fokus.

"Ist dies eure Arbeit?"

"Schon möglich", antwortete Gernot schnippisch.

"Bitte es ist sehr wichtig, dass wir dieses Amulett seinem rechtmäßigen Besitzer zurückbringen!", log Aldare.

"Wisst ihr, es ist nicht üblich, dass ich Informationen über meine Kunden verrate!"

"Es kommt wahrscheinlich auch nicht oft vor, dass Kunden, die ihre Ware verlieren, sie wiedergebracht bekommen."

"Tja, das ist schon richtig. Aber ich weis nicht, ich weis nicht..."

Sal legte einen Silbertaler auf den Tresen.

Gernot schüttelte daraufhin nur den Kopf. Aldare ebenfalls.

Sal zuckte mit den Schultern und steckte das Geld wieder ein.

"Es geht um ein Schmuckstück, mein Herr. Was kann es schon schaden?", beschwor ihn Aldare.

"Na schön, also was wollt ihr nun wissen?"

"Wie alt ist das Amulett?"

"Wenige Wochen!"

"Und für wen habt ihr es gefertigt?"

"Für eine Frau, eine Auswärtige!", erklärte Gernot.

"Könnt ihr euch an ihr Aussehen erinnern?", warf Sal ein.

"Nun, es war auf jeden Fall eine Zauberkundige. Sie hatte auffallend lange hellblonde Haare", erinnere sich der Juwelier.

"Ihr Name?", wollte Sal wissen.

"Also wenn sie ihn nannte, dann ist er mit entfallen", überlegte Gernot.

Sal überlegte noch einmal etwas Geld auf den Tresen zu legen, aber er verzichtete, da sich der Juwelier wahrscheinlich wieder nicht bestechen lies und er sich nicht noch einmal vor der Amazone lächerlich machen wollte.

"Habt Dank, guter Mann. Ihr habt uns sehr geholfen!" Aldare verneigte sich leicht.

Sie verabschiedeten sich und gingen.

"Selissa?", fragte Sal.

"Nein, ich denke unsere alt bekannte Doppelgängerin", sagte Aldare.

"Hat sie eigentlich Geschwister?"

"Einzelkind!", wusste die Amanzone.

"Also sind wir so weit wie zuvor."


Szene 19 - Alrike Plotz

"Da vorn ist Zornbrinks Krämerladen." Der Barde zeigte auf ein geräumiges Fachwerkhaus mit Fenstern aus Glas.

Falk staunte, das musste ein sehr wohlhabender Händler sein, aber letztendlich wollten sie ja ein Haus weiter.

Das Haus der Familie Plotz sah von außen recht ordentlich aus. Keine Türen und Fensterläden, die windschief in den Angeln hingen und es war auch nicht alles verdreckt, wie in den Bruchbuden, in denen die zur Unterschicht Gehörigen hausten. Falk fasste sich ein Herz und klopfte an.

Ein kummerlos aussehender Mann mit gezwirbelten Bart und auffallenden Grübchen, vom Alter her möglicherweise der Hausherr, öffnete die Türe. Er trug eine Lederschürze über seiner Kleidung und hatte einen kleinen Meißel in der Hand.

"Travia zum Gruß, guter Mann! Wir möchten gerne zu Alrike Plotz!", begrüßte Janko ihn.

"Travia zum Gruß! Ich werde meine Tochter holen", nickte der Hausherr freundlich.

"Endlich mal jemand, der nicht so misstrauisch ist", dachte sich Falk.

Objektiv betrachtet, sahen Falk und Janko aber auch wirklich weder gefährlich, noch einschüchternd aus.

Dann erschien eine hoch gewachsene junge Maid mit erdbraunen halblangen Haaren. Sie trug ein schlichtes tarnelenrotes Kleid mit einer himmelblauen Schärpe.

Sie war in Falks Augen durchaus hübsch, zog aber bestimmt in Begleitung Shandrissas wahrscheinlich nie soviel Aufmerksamkeit auf sich, wie die Elfe.

Alrike lächelte verständlicherweise verlegen und nervös. Da standen zwei gut aussehende junge Burschen vor ihr, die zur ihr wollten und die sie nicht kannte. Hätten Ilkarion und Legolant (in seiner natürlichen Gestalt) die Runde jetzt noch komplettiert, wäre das Mädchen vermutlich in Ohnmacht gefallen.

"Hallo! Ihr wollt zu mir?", sagte Alrike verschüchtert.

"Richtig! Wenn ich mich dann mal vorstellen dürfte! Janko von Tiefhusen und das ist Falk Silbertatze", zeigte der Barde.

"Oh, ich sehe ihr seid ein Barde", stellte Alrike fest.

"Ganz genau. Sagt an Fräulein Alrike, uns kam zu Ohr, dass ihr eine Freundin von Shandrissa Dickichtzauber seid!"

"Ja, ich bin ihre beste Freundin!" Alrikes Stimmung dämpfte sich nun etwas, da die Burschen offensichtlich nicht wegen ihr gekommen waren.

"Wisst ihr, wo wir sie finden können?"

"Nein, sie ist vor ein zwei Wochen fort gegangen!", sagte die Maid traurig.

"Kein Wunder, wie ihr Ziehvater sie behandelt hat", warf Falk ein.

"Oh, ihr dürft Gurthag nicht falsch verstehen! Er liebt Shandrissa. Vielleicht nicht so wie ein Zwergenkind und er zeigt es auch nicht deutlich in der Öffentlichkeit. Doch an Gurthag lag es nicht, dass Shandrissa weg ging."

"Interessant!" Janko kratzte sich am Kopf. "Woran dann?"

"Sie verhielt sich in der Zeit bevor sie wegging, sehr merkwürdig. Irgendwie bestimmt und verhältnismäßig selbstsicher. Das passte so gar nicht zu ihr."

"Gab es ein Ereignis aus der Zeit, dass euch besonders merkwürdig vorkam?", fragte Falk.

"Lasst mich überlegen...! Ja! Sie wollte sich mit einer Freundin im ’Tralloper Hof’ treffen. Wollte mir aber erst später sagen, wer’s ist."

"Und?"

"Am nächsten Tag zog sie dann mit 14 anderen Leuten aus, das Böse zu bekämpfen!", strahlte Alrike. "Ich habe sie nicht mehr fragen können."

"Ihr wisst von der Queste?", meinte Falk überrascht.

"Ja! Ich weis es von einer Firungeweihten."

"Sina Leska?"

"Genau die. Hey, ihr wisst ja einiges."

"Wir waren dabei!", sagte der Barde.

Alrike lächelte: "Dann war sie ja in bester Gesellschaft!"

"Stimmt, darum wollen wir sie auch wieder finden. Ich denke, wir begeben uns in den ’Tralloper Hof’, vielleicht hat dort jemand gesehen, mit wem sie sich getroffen hat."

"Ich bedanke mich für eure Hilfe. Gehabt euch wohl, Fräulein Alrike!", verabschiedete sich Janko.

"Bitte sagt mir bescheid, wenn ihr sie findet!", bat Alrike.

"Selbstverständlich! Ach noch eine Sache. Welches wäre eurer Meinung nach die erste Person, die Shandrissa in Trallop aufsuchen würde, wenn sie sich verstecken wollte?", äußerte der Barde noch.

"Ich denke, das wäre ich", sagte die Maid.

"Als dann, ich hoffe, wir werden euch bald fröhliche Kunde überbringen können!"

Daraufhin machten sich Falk und Janko spornstreichs auf zur Herberge ’Tralloper Hof’.


Szene 20 - Adra von Hullheim

Ja, dies war schon eine Herberge, die sich nicht jeder leisten konnte. Janko linste in den Schankraum und erkannte richtige Tischdecken. Das Personal hatte einheitliche und saubere Kleidung an und an der Decke hingen doch tatsächlich Kronleuchter.

Er geriet ins Schwärmen, hier würde der Wirt bestimmt nicht mit dem gleichen Tuch die Gläser abtrocknen, mit dem er zuvor seine Nase geputzt hatte.

Wahrscheinlich würden sie sogar das übrig geblieben Essen den Straßenkötern vorsetzten oder wegwerfen, anstatt es dem nächsten Gast zu kredenzen.

"Ihr wünscht, mein Herr!", sprach ihn der Rezeptionist an.

"Travia zum Gruß! Ich bin Janko von Tiefhusen."

"Falk Silbertatze", stellte sich der Hexer vor.

"Sommerfeld! Ardo Sommerfeld. Willkommen im ’Tralloper Hof’ meine Herren!"

"Sagt an, werter Herr Sommerfeld, kennt ihr eine Elfe namens Shandrissa Dickichtzauber?"

"Fürwahr, so eine junge hübsche Maid muss man einfach kennen!", sagte Ardo.

"War sie in letzter Zeit mal hier?"

"Freilich, das muss vor etwa einem halben Mond gewesen sein!"

"Wisst ihr, mit wem sie sich getroffen hat?"

"Ich bin mir da nicht so sicher..."

Janko legte einen Taler auf die Rezeption.

"Ach ja, nun fällt es mir wieder ein. Es war eine Frau, die bei uns für ein paar Tage genächtigt hatte. Sehr adrette Dame."

"Blonde lange Haare? Magierin?", fragte Falk.

"Ja ja ja, das könnte sie sein, ihr kennt sie?"

"Flüchtig. Vom Sehen."

"Ihr könnt doch sicherlich im Gästebuch nachschauen, wie sie hieß, oder?" Janko legte noch einen Taler auf die Rezeption.

"Tja, das ist so eine Sache mit der Diskretion."

"Hier, zwei weitere Taler, dann habt ihr vier. Hieß diese Frau Selissa von Bethana?" Janko wollte es nun wissen.

"Nein! Tut mir Leid, hier steht Adra von Hullheim."

"Hhmm! Ihr Zimmermädchen?", fragte Janko.

"Ich werde nach ihm leuten!", sagte Ardo.

Ein vielleicht 16-jähriges, etwas rundliches Mädchen mit dunkelblonden Locken und Sommersprossen eilte herbei und knickste.

"Sagt an, Mädelchen! Adra von Hullheim, war sie eine Frau von etwas unter neun Spann mit langen blonden Haaren und Magierstab?"

"Das mag sie gewesen sein, mein Herr!", sagte das Zimmermädchen.

Janko gab dem Mädchen 5 Heller.

"Die Götter mögen euch schützen, Herr!" sie ging wieder an ihre Arbeit.

Falk und Janko bedankten sich noch bei Sommerfeld und machten sich zur Schenke ’Die Axt und der Hammer’ auf. Sie wollten Selissa zur Rede stellen.

"Legolant, die Struktur deines Zaubers löst sich auf!"

Der Schelm schaute an sich herab. Ilkarion hatte Recht, nun hatte er endlich seine wahre Gestalt zurück.

"Gehen wir zu der Zwergenschänke was essen?", fragte er den Magier.

"Klar, ich hole nur noch Thorescha!"

Wenige Minuten später schlenderten der Schelm, die Zwergenwandergesellin und der Graumagier durch die weidener Mittagssonne.

"Vielleicht haben ja Rukjol und Selissa ein paar Neuigkeiten?", dachte sich Ilkarion.


Szene 21 - Phexian Seehoff

Aldare und Sal waren noch etwas unentschlossen. Sie entschieden zuerst mal zu ’Peraines Heilgesang’ zurückzugehen, um Thorescha, Ilkarion und Legolant Bericht zu erstatten.

Während sie so marschierten, erblickte Aldare in einer engen Seitengasse Rukjol, der sich mit einer vermummten Gestalt unterhielt. Rukjols Gesten sahen so aus, als wollte er dem Fremden etwas verdeutlichen.

Die Kleidung des Fremden kam ihr ziemlich komisch vor, weil es ja immer noch Sommer war. Sie hielt Sal an und zeigte in Rukjols Richtung.

Doch bevor sie reagieren konnten verschwand der Vermummte schon zwischen zwei Häusern. Rukjol kam jetzt in die Richtung der beiden Kämpfer.

"Aldare!", rief er schon von weitem und winkte.

"Rukjol, was machst du hier?", fragte Aldare.

"Wo ist Selissa?", wollte Sal wissen.

"Nun, sie meinte, ich solle mich mal in der Unterwelt umhören, während sie den Wirt beschattet. Das habe ich dann auch getan!", erklärte der Gaukler.

"Und sie?", fragte Sal.

"Behält den Wirt Gurthag im Auge, das sagte ich doch gerade."

"Mit wem hast du da eben geredet?", fragte die Amazone.

"Das war Phexian Seehoff, ein Gauner und Glücksritter. Er schuldet mir noch einen Gefallen", grinste der Gaukler.

"Und, was hast du ihm gesagt?"

"Ich hab ihm aufgetragen, Ausschau nach Shandrissa und nach Kämpfern mit scharlachroten Umhängen zu halten", erklärte Rukjol.

"Gute Arbeit, das könnte uns durchaus helfen!", lobte die Amazone.

"Aber nun auf, wir wollen Selissa den ganzen Spaß nicht alleine lassen!"

Aldare, Rukjol und Sal machten sich also auch zu Gurthags Taverne auf. Unterwegs trafen sie auf Legolant, Ilkarion und Thorescha.

Sal berichtete nun, was sie von Gernot Tannhaus erfahren hatten.

"Wir sollten die Magierin nicht mehr alleine durch Trallop tigern lassen!", forderte Sal.

"Ich bitte dich! Wir haben mit Ruwan und Shandrissa schon mehr Verräter, als die Prophezeiung erwähnt hat. Willst du noch weitere herbei beschwören?", entgegnete ihm Ilkarion.

"’s Blondchen hat’s dir ganz schön angetan, oder?", meinte Legolant.

"Keine weiteren Anschuldigungen mehr gegen Selissa! Sie ist viel zu gläubig, um auf der Seite der Dämonenknechte zu stehen", stimmte Aldare dem Magier zu.

"Und wenn dies geheuchelt ist?", fragte Sal.

"Papperlapapp! Jeder Heuchler wird irgendwann entlarvt. Nur von euch hat noch keiner gesehen, wie Selissa gegen uns gearbeitet hat. Richtig?" Aldare hielt inne.

"Gut, dann werden wir jetzt zu ihr gehen und sehen, ob sie uns vielleicht durch ihre Ermittlungen weiter bringen kann!"

"Ja, weiter ins Verderben", sagte Sal leise zu sich selbst.


Szene 22 - Böses Blut

Janko und Falk standen in einem Häusereingang. Sie sahen Selissa durch ein Fenster von Gurthags Taverne. Die Weißmagierin saß alleine bei einem Glas Wein an einem Ecktisch.

"Worauf warten wir eigentlich noch?", fragte Falk.

"Ich überlege noch, wie es dieses vermaledeite Frauenzimmer geschafft hat, den Gaukler loszuwerden? Was hat sie vor?"

"Vielleicht will sie sich mit jemanden treffen, ohne dass Rukjol dabei sein soll?"

"Das wäre möglich", nickte Janko.

"Oh nein Falk, da vorne kommen Aldare und die anderen, jetzt können wir Selissa wieder nicht ausquetschen."

"Hach, die Amazone würde sich nie auf die Seite von uns Männern stellen und Ilkarion... Er tut mir so leid!", seufzte Falk.

"Diesmal werd ich mich nicht ruhig stellen lassen, die Meisten werden uns schon Recht geben", erklärte Janko.

"Was ist mit Aldare und Ilkarion? Ich werde ihnen nichts tun!"

"Sie werden sich der Macht der Tatsachen beugen müssen. Selissa ist schuldig!"

Dann traten beide aus dem Häusereingang und begrüßten die anderen sechs Prophezeiten.

Bevor sie eintraten, weihte der Barde den Söldner und die Zwergin in seine Pläne ein. Sie hatten nichts einzuwenden. Falk tat das Gleiche bei Legolant. Letzterer bat zwar, um ein gewaltloses Vorgehen, war aber grundsätzlich mit den Plänen der Mehrheit einverstanden.

"Hallo, Schwesterchen!", rief Selissa zu Aldare, als sie eintraten, "Hast ja gleich alle mitgebracht."

"Hast du etwas herausgefunden?", fragte Ilkarion und setzte sich.

"Leider nicht, mein Hübscher." Sie nahm den Graumagier in den Arm und wollte ihn gerade küssen, als Janko den Sturm auch schon energisch lostoben lies.

"Aber wir haben etwas herausgefunden", sprach er lauter als nötig.

"Erzählt uns doch, was ihr vor Beginn unserer Queste im ’Tralloper Hof’ getrieben habt!"

"Ja, und danach gleich noch, wie ihr beim Juwelier Gernot Tannhaus das gefälschte Amulett in Auftrag gegeben habt!", setzte Sal einen drauf.

"Seid ihr von Sinnen?", entgegnete Selissa.

"Sprecht, Schändliche!" Janko fletsche wütend die Zähne.

"Ich war weder an dem einen Ort, noch an dem anderen." Selissa wurde nun auch lauter.

Janko packte Alrechs Armbrust aus Sals Reisegepäck und hielt sie in Anschlag auf Selissa. Schlagartig wurde es still in der Schenke. Zahlreiche Gäste, inklusive Legolant und Rukjol gingen unter Tischen oder hinter Pfeilern in Deckung.

"Wir werden hier nicht eher weg gehen, bis ihr gesteht!", tönte der Barde.

"JANKO!", schrie die Amazone.

"Nein, lass ihn!", forderte Sal.

"Ich werde nichts gestehen. Dann würde ich vor meiner Göttin Lügen." Selissas Gesicht war wutverzerrt, ihre Augen füllten sich mit Tränen.

"Ihr lügt doch schon, Dämonenbuhle! Wo habt ihr das Amulett?", giftete Janko.

"Was habt ihr mit meiner Shandrissa gemacht?", warf Falk nicht ganz so aufbrausend ein.

"Ich habe das Amulett nicht und ich weis auch nicht, wo die Elfe ist!", schrie Selissa durch den ganzen Raum.

"Janko, BITTE!", flehte Ilkarion.

"Sprecht euer letztes Gebet zu eurem Dämon!" Janko begann auf Selissas Herz zu zielen.

"Legt sofort die Waffe weg!" Aldare hieb so hart auf den Tisch, dass Selissas Weinglas umfiel.

"WAFFEN RUNTER, ALLE!", brüllte Gurthag. Er stand am Tresen mit einer Windenarmbrust im Anschlag, mit der er auf Janko zielte.

Sal riss sein Bastardschwert aus der Rückenscheide. Aldare zog im selben Moment ihren Amazonensäbel.

"Ich sagte, Waffen runter, NICHT Waffen ziehen!", tobte der Zwergenwirt.

"Thorescha, bist du für uns oder gegen uns?", rief Sal.

"Für euch!" Die Zwergin zog ein Breitschwert.

"Ilkarion lass mich nicht sterben!", schluchzte Selissa.

"Wenn hier nicht augenblicklich Ruhe einkehrt, dann...", forderte Aldare, doch Janko fiel ihr ins Wort: "Schweigt! Beugt euch den Tatsachen! Die Schattenmagierin wird nun für ihre finsteren Morde und ihre Lügen bezahlen."

Ilkarion starrte teilnahmslos vor sich hin. Er versuchte zu verarbeiten, was gerade passierte. Janko war ein fanatischer Kämpfer für die gute Seite, doch lag er wirklich richtig?

Er versuchte wegzuhören, alle schrieen sich gegenseitig an, immer mehr Tavernengäste zogen Waffen. Wie konnte es die Gegenseite nur schaffen, ihre Herzen durch solch böses Blut zu vergiften. Doch was sollte er tun? Wem sollte er beistehen? Oder war gar eine Flucht nach Legolants und Rukjols Manier angemessen?

Er schloss die Augen. Seine Gedanken formten ein Bild von ihm und Selissa, wie sie sich duellierten und sich danach in den Armen lagen. Die Bilder in seinem Kopf zeigten ihr Lächeln und ihre leuchtenden Augen, wenn sie seiner ansichtig wurde.

Er merkte auf. Er konnte und wollte ihre Liebe nicht verraten.

"MOTORICUS!", rief plötzlich Ilkarion, den einige schon halb vergessen hatten.

Der Zauber drückte Alrechs Armbrust mitsamt Jankos Armen nach oben, und der Bolzen schlug in die Decke.

"NEEIIN! Ilkarion, was habt ihr getan?", fluchte der Barde.

In dem Moment rannte Sal los. Doch bevor er sein Ziel, die Theke, erreichte, waren die Waffen von Gurthag und einigen anderen Zwergengästen auf ihn gerichtet.

"Bei Kor! Seht ihr denn nicht, dass wir nur diese finstere Magierin aufhalten wollen?", fluchte Sal.

"Rafft ihr nicht? Sie hat eure Ziehtochter verzaubert und mit ihr unser Amulett gestohlen", ächzte Janko.

"Bei Angrosch, ihr seid allesamt Tölpel. ICH habe das Amulett!", schrie der Wirt.

Nun war es wirklich totenstill in der Schänke, alle Augen waren auf Gurthag gerichtet.

"Vor vielen Dekaden zog ich selbst als Glücksritter mit anderen Abenteurern durch die Lande. Das Amulett gehörte einer meiner Weggefährtinnen, der Hexe Farika. Nun, da niemand mehr aus diesen Tagen lebt, außer mir, habe ich mir das Recht genommen, es an mich zu bringen!"

"Und Shandrissa?", fragte Falk.

"Der geht es gut, sie arbeitet für mich und nur für mich."

"Farika hat das Amulett aus gutem Grunde versteckt! Es ist ein dämonisches Artefakt", brüllte Aldare.

"Es ist aber auch pures Gold", stellte Gurthag fest.

"Sei vernünftig, Gurthag. Wir Angroschim haben es nicht nötig, mit solchen Elfenwerk Geschäfte zu machen!", forderte Thorescha.

"Na schön, und was werdet ihr mit dem Amulett machen?"

"In den Praiostempel bringen", sagte Selissa noch etwas verheult. Sie hielt Ilkarions Hand.

Vor seinen Gästen konnte der Wirt natürlich nicht anders, als den Fokus herauszugeben. Aldare warf ihn Ilkarion zu: "Ist er das?"

Der Graumagier aktivierte seinen magischen Blick. Sichtlich erschüttert schüttelte er den Kopf: "Es ist eine Fälschung!"

"Shandrissa hat euch reingelegt", platzte es aus Rukjol heraus.

"Sie wagt es?", zürnte Gurthag.

"Nimm es nicht so schwer!", beruhigte ihn Thorescha, "Auch uns hat das Elfenpüppchen reingelegt."

"Wir müssen sie finden!", entfuhr es Legolant.

"Also ist doch was dran an Selissas und Shandrissas Ränkespiel!", behauptete Janko.

"Aldare, was haltet ihr davon, wenn ich sie einer magischen Befragung unterziehe?", fragte Falk.

"Das ist entwürdigend und ehrlos für eine Weißmagierin!", kam Ilkarion der Amazone zuvor.

"Sie soll sich rechtfertigen! Schaffen wir sie zum ’Tralloper Hof’!", schlug Janko vor.

"Und zum Juwelier!", meinte Sal.

Selissa wurde nun wie eine Gefangene durch Trallop geführt. Sie wurde beim Gehen grob an den Armen gepackt und zahlreiche Waffen waren auf sie gerichtet. Ein Knebel im Mund hinderte sie am Sprechen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter.

Wo war Ilkarion? Warum half er ihr nicht?

Der Graumagier schritt hinten in der Gruppe. Im Moment konnte er nichts für seine Geliebte tun.


Szene 23 - Das letzte Indiz

Gernot schaute ungläubig in die Runde der neun Leute, die vor ihm standen. Seine Wachleute waren aufgestanden und warteten das weitere Geschehen ab.

Drei der Besucher kannte er bereits. Eine davon war anscheinend in Gefangenschaft, ihr wurde soeben ein Knebel aus dem Mund genommen.

Sal stieß Selissa schroff gegen den Tresen. "Ist das die Frau, die das Amulett gekauft hat?"

Gernot war unschlüssig. Wenn er nach der Garde rufen würde, schlugen diese Flegel bestimmt alles kurz und klein. Also ließ er sich auf ein Gespräch ein.

"Ja, in der Tat. Dies ist die Dame."

"Lügner! Praios möge dich strafen, niederträchtiger Händler!", keifte Selissa.

"Da seht ihr’s Aldare. Jetzt bezichtigt sie schon einen ehrbaren Kaufmann der Lüge. Wie lange wollt ihr die Geschichten dieser Heuchlerin noch glauben?", fragte der Barde zufrieden.

"So eine Frechheit. Raus aus meinem Laden, würdeloses Weibsbild!", schrie Gernot.

"Ich werde sie entfernen!", grinste Sal und nahm den Knebel zur Hand.

"Nein, geh weg von mir, Abschaum!", schrie Selissa den Söldner an.

Falk hatte jetzt genug. Er ignorierte die Rangelei zwischen Sal, Selissa, Thorescha, Ilkarion und den Wachleuten und blickte die Weißmagierin, die gerade ruhig gestellt wurde, eingehend an. Dann sprach er die Formel des alten Elfenzaubers BLICK IN DIE GEDANKEN.

Ich werde euch töten, ich werde euch elende Primaten alle töten, wenn nicht bald jemand diese Intrige gegen mich aufdeckt.

Nimm deine Hände von mir, dreckiger Söldner!

Warum will mir denn keiner glauben? Jederfrau weis, das meine Gilde auf der Seite der Zwölfe steht.

Ilkarion, wie kannst du nur auf diesen göttinlosen Hexer und diesen arglistigen Söldner hören?

Falk brach den Zauber ab, er hatte genug gehört.

Seine Hand ergriff Jankos Schulter. Der Barde war gerade mit wüsten Beschimpfungen Selissa gegenüber beschäftigt.

"Was denn?"

"Sie ist unschuldig!", kam leise aus dem Mund des Hexers.

"Aber, wie kannst du das wissen?"

"Vertrau mir!", sagte der Hexer nur.

Falk machte die Weißmagierin los. "Ihr seid unschuldig, das weis ich nun!"

"Wie kommt diese späte Einsicht?", fragte Ilkarion.

"Ich hab es geschafft ihre Gedanken zu lesen", klärte der Hexer die beiden Magier auf.

"Wir hätten uns beinahe gegenseitig getötet", weinte Selissa.

Ilkarion nahm sie in den Arm. "Das hab ich aber nicht zugelassen!"

"Dafür danke ich dir, mein Liebster! Jetzt weis ich erst, was ich alles an dir habe."

Der Besuch des ’Tralloper Hof’s war jetzt nur noch Routine, da die Prophezeiten sich ja mittlerweile sicher waren, dass es jemanden gab, der Selissas Gestalt annahm.

Doch Ardo Sommerfeld hatte eine Überraschung für sie bereit. Er kannte Selissa nicht.

Seiner Beschreibung nach, war Adra von Hullheim ein paar Finger kleiner und hatte deutlich kürzere Haare. Außerdem war sie eher strohblond, während Selissas Haare einen noch helleren Farbton aufwiesen.

"Und Fräulein von Hullheim pflegte, sich zu schminken!", hob Ardo seinen Mittelfinger.

"Pfft! So was unrondrianisches würde ich nie machen. Ich bin doch keine Belhankaner Straßendirne", sagte Selissa abfällig.

"Ach ja", tippte er Legolant noch an. "Eure Zauberin hat auch etwas weniger Holz vor der Hütte, wenn ihr versteht!"

Legolant grinste nur. "Jaja, ’s Blondchen."

Draußen trat ein Mann mit dunkelblonden, langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren und Schlapphut an die Prophezeiten heran. Er trug hohe Stiefel, eine Leinenhose und ein Leinenhemd.

Darüber eine Lederweste und einen Waffengürtel mit einem Degen.

Als er vor Aldare stand, zog er seinen Hut vom Kopf, worauf ihm einige, nicht zusammengebundene Strähnen in sein Gesicht vielen. Er hatte einen drei Tagebart und braune, aufmerksam blinzelnde Augen.

"Phex zu Grusse, ihr guten Leute! Grüß dich, Rukjol. Ich bin Phexian Seehoff. Ich denke, ich habe etwas gefunden, was euch sehr interessieren dürfte."

In der Tat. Phexian hatte einen scharlachroten Krieger bis weit außerhalb Trallops zu ein paar Ruinen verfolgt. Laut Legenden waren diese mal eine Art Kultstätte. Sofort dachten einige an den Altar aus Sinas Vision.

Sie machten sich bereit, loszuschlagen. Nun war es an der Zeit, den Gegner zu stellen. Phexian hatte Rukjol den Weg beschrieben. Heute Abend sollte die Entscheidung fallen.

Aldare trat durch den Eingang des kleinen Tempels. Vor ihr stand die mächtige Statue der Göttin Rondra. Neben dieser thronte der löwenhäuptige Drache Famerlor.

Sie ging zu dem jungen Rondrageweihten, der vor einem Heldenschrein in ein Gebet vertieft war.

"Bruder Rondramir, bitte lasst uns zusammen beten!"

Der Ritter schaute auf und lächelte Aldare an, als sie sich neben ihn kniete.



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