Die 15 Prophezeiten (VI) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 24 - Im Tal der Schmerzen (Wildnis)

Das Zwielicht der Abendstunden hatte das Weidener Land eingehüllt, als die neun Prophezeiten das kleine Tal erreichten, wo Adra von Hullheim eines der finstersten Rituale vorbereitete, das in dem Geiste eines gewissenlosen Wahnsinnigen möglich war.

Adepta von Hullheim hatte die Gunst der Stunde genutzt, um die übrig gebliebenen Häscher von Sefina auf ihre Seite zu ziehen. Die Chimäre, die sie erschaffen würde, sollte die Macht von gleich zwei Erzdämonen in sich vereinigen. Einmal die der Asfaloth, der Herzogin des wimmelnden Chaos und durch den Fokus die des dämonischen Elementaristen Widharcal.

Shandrissa blickte zu dem Altar herüber, an dem ihre Meisterin stand. Sie war in einem fremdartigen Singsang vertieft. Die Anwesenheit der beiden Kreaturen neben ihr war ihr sehr unangenehm, wobei das Unbehagen mehr von einer der beiden ausging. Dieses Wesen sah wie eine gewaltig hoch gewachsene Kellerassel aus.

"Die Rosenohren, die in ihren dreckigen Löchern hausen, kennen die kleineren Verwandten als lästige Untermieter. Dieses Wesen ist jedoch doppelt so hoch, wie ein Zwerg und höher als ein Oger", ging es der Elfe durch den Kopf.

Shandrissa schauderte, die Greifzangen der Gruftassel waren so lang, wie ihr ganzer Körper.

Die andere Kreatur war ein eher scheues Echsenwesen, das ihr etwa bis zur Hüfte ging und dessen Schuppenfarbe immer langsam mit dem jeweiligen Hintergrund zu verschmelzen begann.

Hinter dem Altar grinste ihr Ugo entgegen. Er war einer der Scharlachroten, der nun unter Adras Befehlen stand. Er stütze sich auf seinen bedrohlich aussehenden Zweihänder.

Plötzlich witterte die Elfe etwas. An der vor ihr liegenden Hügelkuppe tauchten nach und nach ihre alten Weggefährten auf und gingen in Stellung. Hatte ihre Meisterin dies mitbekommen? Die Frage erübrigte sich schnell.

"Warum mischt ihr euch nur in meine Forschungen ein, ihr törichten Dilettanten? Ihr hättet heute besser nicht aufstehen sollen, denn nun habt ihr Mächte gegen euch, die ihr weder verstehen noch besiegen könnt!", rief Adra zu den Prophezeiten herauf.

Von der Kuppe kam nur das hasserfüllte Lachen Falks zurück.

"Shandrissa, Ugo, diese Taugenichtse kommen mir unpassend. Vernichtet sie und kommt dann zurück, auf dass wir das Ritual zu Ende führen!", befahl Adra.

Janko hatte Alrechs Armbrust angelegt, er zielte auf den Kopf der Schwarzmagierin. Eiskalt drückte er ab. Doch was machte dieser verruchte Bolzen?

Adra hob einfach die Hand und das Geschoss fiel vor ihr auf den Boden.

"Das ist ein wirklich starkes Stück!", stellte Rukjol fest und zog Janko an der Schulter hoch. "Komm, diese Echse dort will uns in die Flanke fallen!"

In der Tat, während die Gruftassel, der scharlachrote Krieger und die Elfe geradewegs auf die Prophezeiten zuhielten, erklomm die Sumpfechse eine seitliche Anhöhe, um den Helden halbkreisförmig näher zu kommen.

Aldare packte den Säbel so fest, dass sich ihre Adern auf den Händen abzeichneten. Dieses riesenhafte Ungeziefer würde ein sehr harter Brocken werden. Sal sollte den Zweihandkämpfer angreifen, während die beiden Fahrenden zusammen mit Thorescha die äußerst wendige Echse stellen sollten.

Die vier Zauberkundigen konnten sich dann der Schwarzmagierin und der Elfe entgegenstemmen.

Ilkarions Blick erfasste Adra, als diese sich auch schon fort teleportierte.

"Umso besser", dachte der Graumagier.

Falk war verzweifelt, doch er war sich sicher, dass er es tun musste. Dämonische Mächte gegen dämonische Mächte. Seine Hand schrieb niederhöllische Symbole in die Luft und er sammelte seine Gedanken. Die nächste halbe Minute versuchte er den Kampf nur noch in seinem Hinterkopf an sich vorüber ziehen zu lassen und steigerte all seine Emotionen, seinen Hass und seine Rachsucht in den Zauber "KRABBELNDER SCHRECKEN".

Aldares Säbel fing immer wieder die Zangenangriffe der Gruftassel ab. Doch die Kreatur vollführte heftige Attacken mit beiden Zangen zugleich. Ihr Säbel schnitt dem Wesen einen tiefen Riss durch seinen Panzer, doch im selben Moment stieß es eine seiner Zangen in das Bein der Amazone. Aldare biss die Zähne zusammen und löste ihr Bein aus der Zange. Im selben Moment umschloss die andere Zange aber schon ihre Rüstung und begann sie zusammenzudrücken.

Sals Anderthalbhänder und Ugos Zweihänder trafen mit solcher Wucht aufeinander, dass Sals Handgelenke danach furchtbar schmerzten. Der Scharlachrote trieb den Uhdenberger Söldner vor sich her.

Sal versuchte die Angriffe des Kriegers immer wieder zu unterlaufen, doch sein Gegenüber tat in dem Fall immer einen Schritt nach hinten, um kurz danach wieder mit seiner Klinge vorzuschnellen.

Ilkarion wendete sich nun Shandrissa zu. Er überlegte gerade, ob es zweckmäßiger sei, die Elfe zu töten oder sie zu beherrschen. Da hörte er auch schon die Worte "Bha’iza dha feyra".

Schlagartig sah er nur noch ein grelles Licht, als ob er in die Praiosscheibe starren würde. Shandrissa hatte ihn magisch geblendet.

Legolant eilte Ilkarion gerade zu Hilfe, als er neben sich die Stimme von Adra hörte. Die Schwarzmagierin hatte sich hinter Selissa teleportiert und zauberte "ERRINERUNG VERLASSE DICH!", dann fasste sie der Weißmagierin an die Schläfen und schaute sie intensiv an.

"Verdammtes Biest, bleib stehen!", brüllte Janko, als er Rukjol sah, wie er an der Sumpfechse vorbei sprang. Auch die Axt der Zwergin ging fehl. Jetzt kam das Sumpfwesen in seine Richtung. Zu spät! Kurz bevor es ihn erreichte schlug es einen Haken und machte sich davon.

Aldare sah schon Sterne, immer fester drückte die Assel zu. Sie ließ tobend den Säbel auf deren Panzer niedersausen, doch diese Ausgeburt schien zu hart gepanzert.

"BANNBALADIN, mein Täubchen!", flüsterte Adra Selissa ins Ohr.

Sal blockte den Hieb des scharlachroten Kriegers. Er drückte mit seiner Parierstange die Waffe des Gegners nach oben, um ihn einen Stich durch den Unterleib zu versetzen. Doch bevor die Klinge dessen Körper erreichte, sauste der mächtige Zweihänder auf Sal herab und schlug ihn durch die Rüstung bis auf die Knochen in die Brust.

Der Söldner brach sofort blutüberströmt zusammen.

Shandrissas Zauber ließ nach, Ilkarion sah wieder. Fast überall waren die Seinen auf dem Rückzug. Sal lag wie tot am Boden, sein Gegner war gerade dabei, ihm die Waffe durchs Herz zu stoßen.

"Legolant, verzauber’ ihn!" Ilkarion wies auf den scharlachroten Krieger. Dieser hielt inne und blickte zu dem Schelm herüber.

Legolant warf sich auf die Knie und zeigte mit den gespreizten Fingern der rechten Hand auf den scharlachroten Krieger Ugo. Doch sein Zauber verpuffte wirkungslos.

Der Krieger lächelte nur und wollte gerade Sal erstechen, als er einen lauten Kampfschrei auf Rogolan hinter sich hörte.

Er drehte sich und sah Thorescha mit erhobener Kriegsaxt auf ihn zustürzen. Sal war für den Moment gerettet.

Aldare quoll schon Blut aus dem Mund. Lange konnte sie nicht mehr durchhalten, dann wären ihre Gedärme platt wie Pergament. Sie trieb den Säbel in eine ungepanzerte Stelle der Gruftassel und begann ihn zu drehen.

"NEEEEEEEEEIIIIN!", gellte Rukjols Schrei durch das Tal. Der Gaukler hatte die Sumpfechse gepackt und wurde nun von ihr mitgeschleift. Janko eilte den beiden mit gezückter Waffe hinterher.

Doch schon ein paar Mannslängen weiter hatte sie den Gaukler abgeschüttelt.

Adra verwendete noch einmal die Formel des TRANSVERSALIS TELEPORT. Später würde sie zurückkommen, um zu sehen, was ihre Kriegsknechte von den so genannten Prophezeiten übrig gelassen haben.

"Ja, hau du nur wieder ab, dämonisches Weibsbild!", dachte Ilkarion und rief dann erregt: "Legolant hinter dir!"

"Tut mir Leid, Rotschöpfchen! Du warst immer sehr nett zu mir. Hach, wirklich Schade, doch es muss sein. Fial Minniza dao’ka!", sprach die Elfe.

Sie ignorierte Legolants jämmerlichen Schmerzensschrei und blickte zu Falk, der immer noch dabei war, die Macht der Dämonen anzurufen.

Thoreschas Axtblatt hatte sich in Ugos Schneide eingehakt. Sie befreite ihre Waffe, indem sie sie drehte und fing einen wuchtigen Schlag des Kriegers ab. Doch die Axt zerbarst einfach unter den tumben Hieb des übermächtigen Gegners. Thorescha heulte vor Wut, als der Zweihänder auf sie herabsauste, wo sie sich doch nun nicht mehr wehren konnte.

"Na warte, du verdorbenes Stück Elfenfleisch!", rief Ilkarion. Doch die Elfe lächelte ihn nur so kokett wie einstmals an, ohne etwas zu unternehmen. Ilkarion fing an eine Manifestierung der Elemente heraufzubeschwören, als ihn von hinten ein magischer Blitz traf. Er sank ob des Kampfzaubers auf die Knie.

Jemand drehte seinen Kopf nach hinten. Selissa!

Ihre Augen starrten ihn an, als ob sie besessen sei, dann zog sie ihr Rapier, um ihren Geliebten zu erstechen.

"Rukjol, Legolant, helft mir!", krächzte der Graumagier nur.

Legolant rappelte sich auf und torkelte in Richtung Ilkarion, doch vor ihm stand nun wieder Shandrissa. "Miststück!", entfuhr es ihm. Er taumelte auf die Elfe zu und packte sie am Kragen.

"Ich rette euch!", lief Rukjol schreiend mit gezogenem Florett ins Tal herunter.

Die Echse musste Janko nun alleine anpacken. Als dieser gewahr wurde, dass sie nur noch einen Gegner hatte, griff sie den Barden geifernd an.

Ein letzter Stich durch den Hals beendete das unheilige Leben der Gruftassel, doch Aldare war schwer verletzt, sie konnte nur noch stoßweise atmen und war in einer Zange gefangen.

Mit dem Mut der Verzweiflung und ihrem scharfen Breitschwert kämpfte sich die schwer verletzte Thorescha immer weiter zurück. Ihr Gegner Ugo war noch kaum getroffen.

Selissa stieß Ilkarion weg und empfing den Gaukler mit einem PLUMBUMBARUM.

Rukjol schrie auf. Seine Arme waren so schwer, dass er sein Florett kaum noch heben konnte. Doch er lief weiter mit dem Mut eines Löwen. Seine Beine trugen ihn noch. Aber wie lange noch?

Der Zauber gelang. Falk entspannte sich. Der Scharlachrote ließ seine Waffe fallen und klopfte die imaginären Spinnen und Insekten von seinem Körper ab und lief dabei kreischend hin und her. Er sah Thorescha tief Luft holen und dann langsam in Richtung von Selissa humpeln.

Dann hörte er die Stimme der Weißmagierin, "SALANDER MUTANDER!", sagte sie.

"Was ist mit mir los?", fragte sich Legolant. Selissas Zauber hatte ihn stark verkleinert. Er sah nur noch übergroße Füße. Er ging auf allen Vieren und hatte einen langen weißen Schwanz. Seine Nase war irgendwie lang und spitz geworden. Hui, war er schnell! Er rannte an einer riesigen zerbrochenen Axt vorbei aus dem Tal. Irgendwie gelüstete es ihm nach Käse.

Aldare zerbrach gerade die Zange, die sie gefangen hielt, als eine Flammenlanze von Selissa sie traf. "Warum nur, Schwesterchen?", fragte sich Aldare, dann wurde sie bewusstlos. Es stank nach verbranntem Menschenfleisch.

Sal erhob sich quälend aus seiner eigenen Blutlache. Er hatte nur noch genug Kraft, um seinen Scheibendolch zu führen. Er stürzte Ugo hinterher, der immer noch von Falks dämonischem Zauber gepeinigt wurde.

Janko stach auf die Echse ein, doch sie wich immer wieder aus. Sie hatte nur eine kleine Wunde zu verschmerzen, als sie ihn umkreiste und sich neuen Gegnern zuwenden wollte.

Falk packte Shandrissa von hinten und hielt sie fest, damit sie nicht mehr zaubern konnte. Doch die Elfe versuchte sich zu befreien, dabei trat sie wild um sich.

Selissa visierte den Hexer an, um ihn einen schmerzhaften Kampfzauber entgegen zu werfen, als Rukjol mit letzter Kraft sein Florett bis zum Heft in Selissas Bauch trieb.

Sal drückte dem Scharlachroten seinen Dolch von hinten in den Hals, bis dieser kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Dann torkelte er zu seiner Armbrust.

Der Barde frohlockte, als ein Bolzen die Sumpfechse am Boden festnagelte, nun konnte er sie für immer vom Angesicht dieser Welt tilgen.

Falk schlug der Elfe mit der flachen Hand so kräftig auf die Wange, so dass sie seitlich umkippte und bewusstlos wurde.

Der Gaukler lies das Florett fallen. Er hatte keine Kraft mehr, es zu führen und harrte der Dinge, die da nun kamen. Er blickte die Weißmagierin mitleidig an. Sie war auf die Knie gesunken und Blut floss in Sturzbächen aus ihrer Wunde und aus ihrem Mund. Thorescha war jetzt auch da, sie holte mit ihrem Schwert aus, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten.

"Rigesce, velut lapis!" Ilkarion schlug bei diesen Worten seine rechte Faust in die linke flache Hand.

Thoreschas Klinge schlug auf Fels.

Selissa von Bethana existierte nur noch als Steinstatue.

Der Kampf war geschlagen. Doch eine rechte Freude wollte sich bei den Prophezeiten nicht einstellen, denn die Befehlshaberin der dämonischen Heerscharen war entkommen.

Falks Blick sprach Bände von Trauermärchen, als Janko die Kleider des Schelms hochhielt und langsam mit bitterem Gesichtsausdruck den Kopf schüttelte.

Aldare, Sal, Thorescha und Selissa waren so schwer verletzt, dass sie nicht mehr lange leben würden. Ilkarion ließ sich zwar nichts anmerken, doch auch er war innerlich schwer verwundet.

Rukjol saß kraftlos im Gras. Ein paar Schritte weiter lag Shandrissa.

Nur Janko und Falk schienen unverletzt zu sein.

Ilkarion schlich unsicher zu den letzten Standhaften herüber. Falk stütze ihn, als er ankam.

"Selissa stand unter einem Beherrschungszauber, als sie uns angegriffen hat. Ich musste sie retten, mein Freund!", stöhnte der Weißmagier.

"Ich weis, ich nehme an, dass es sich bei meiner Shandrissa ähnlich verhält!", klopfte ihn der Hexer auf die Schulter.

Die Prophezeiten waren ausgeblutet. Mit den letzten arkanen Kräften von Falk und Ilkarion gelang es, den Beherrschungszauber von Shandrissa zu nehmen, die Versteinerung und die Beherrschungen von Selissa zu entfernen und die tödlichsten Wunden der Helden zu schließen.

Auf dem Altar lag das Amulett, das Adra zurückgelassen hatte. Sie nahmen es an sich und traten bei tiefer Dunkelheit den Rückweg nach Trallop an.


Szene 25 - Die Angeschlagenen (Trallop)

Ilkarion leerte den Zaubertrank auf einen Zug. Kurz darauf begann er zu spüren, wie die Astralkraft langsam in seinen Körper floss. Er schaute sich in dem Siechenhaus der Peraine um. Seine Freunde waren wirklich die schwersten Fälle, die hier gegenwärtig behandelt wurden.

Falk war gerade dabei, Aldares Wunden zu bandagieren, während eine Geweihte den furchtbar zugerichteten Sal versorgte.

Thorescha war schon wieder am zetern und brachte den Laienbruder, der sich um sie kümmerte, zum Verzweifeln: "Ich bin kerngesund. Wegen ein paar Kratzern bleib ich hier nicht liegen, Großling!" Nun begann auch noch eine Novizin beruhigend auf die zähe Zwergin einzureden.

Ilkarion zog Selissa ihre Magierrobe aus. Dann begann er die unteren Knöpfe ihrer Bluse aufzuknöpfen. Die Weißmagierin war ohne ihre Kleidung so zerbrechlich wie ein Al’Anfaner Kristallpokal. Ein Goblin würde fragen, ob die Schamanin nichts zu essen kriegen würde, wenn er Selissa jetzt sehen könnte.

Der Graumagier legte seine Hand auf Selissas flachen Bauch. Die Wunde, die das Florett verursacht hatte, war daumendick und durchgehend. Er schaute angewidert an die Decke und steckte einen Finger von jeder Hand in die Verwundung. Selissa gluckste und spuckte Blut, worauf Ilkarion sofort seine magischen Kräfte fließen ließ.

Rukjol begutachtete dieses Schauspiel skeptisch, doch je weiter es fortschritt, kam er mehr und mehr ins Staunen.

Immer mehr Schweißperlen bildeten sich auf Ilkarions Stirn, während die astrale Kraft in Strömen aus seinem Geist in Selissas Körper floss, wobei sie dort in Lebenskraft umgewandelt wurde. Dann zog er seine Finger wieder aus der Wunde zurück, die sich daraufhin von beiden Seiten schloss.

Ilkarion schwanden die Sinne und er sank über seiner Geliebten zusammen.

Janko und Rukjol halfen ihm auf.

Die Weißmagierin blickte Ilkarion aus fiebrigen Augen an. "Mein Schatz!", flüsterte sie nur.

Sie ließen die Verletzten nun schlafen und machten sich auf gen Praiostempel.

Schwester Dana war nach dem Mitternachtsgottesdienst noch wach geblieben, um ein Glas Wein zu trinken. Doch was sie nun sah, überraschte sie gewaltig. Fünf Personen, die nebeneinander einherschritten, als hätten sie gerade die Welt gerettet, hielten auf ihren Tempel zu. Sie schüttelte den Kopf, als sie in die Tempelhalle traten. Ein Barde, eine Elfe, ein Magier, ein Waidmann und ein Geck. Also etwas Unpassenderes, als diese Leute des Nachtens im Tempel des Götterfürsten, war ihr noch nicht untergekommen.

Der Barde trat auf sie zu und hielt ein Amulett hoch. Ein Kälteschauer durchflutete Danas Körper. Sie spürte die Gegenwart von etwas Dämonischem.

"Eurer Gnaden, wir bringen dem Götterfürsten ein Geschenk, das vom Kampf und vom Triumph gegen dämonische Knechte zeugt", sagte der Barde demütig.

Auf Danas sonst fast immer streng blickendes Gesicht schlich sich ein Lächeln. Diese Vagabunden fochten für eine gerechte Sache.

Schwester Dana und ein weiterer Geweihter, der noch wach war, lauschten aufmerksam und interessiert Jankos Ausführungen, der dabei zuweilen von den anderen Prophezeiten ergänzt wurde. Als die Erzählung des Barden endete, schwiegen alle eine ganze Weile. Aber dann hob Schwester Dana doch noch zu einer Äußerung über die soeben vernommenen Ereignisse an.

"Den unheiligen dämonischen Mächten wurde ein gewaltiger Schlag versetzt, von dem sie sich so schnell nicht erholen werden. Dass eine zaubermächtige Ketzerin entkam, ist zu bedauern. Doch sollten wir frohen Mutes sein, denn alles Übel wird früher oder später im Feuer der Praioskirche, ihrer heiligen Inquisition, ihrer Bannstrahler und ihrer Sonnenlegion zu Grunde gehen! Eure Taten waren lobenswert und werden dem Hochgeweihten vorgetragen werden. Das Artefakt werden wir in Bälde zerstören. Selbstverständlich dürft ihr bei dieser Zeremonie zugegen sein, Bürger!" Dana hatte einen listigen Ausdruck auf ihrem Gesicht aufgelegt.

"Habt Dank, Exzellenzia! Wir werden dann noch weiter ziehen, um Sina Leska die frohe Kunde zu bringen", sagte Ilkarion.

"Eine Sache ist aber noch!", hielt Dana sie auf, "Das Elfenweibchen muss einen Tag im Tempel bleiben, damit seine heilige Aura die Spuren der finsteren Magie tilgt, welche das ketzerische Magierweib auf sie gewirkt hat!"

"Falk, bitte bleib bei mir! Ich habe Angst vor diesen Leuten." Shandrissa blickte den Hexer fassungslos an. Diese Personen waren ihr schon immer zuwider.

Die Praiospriester grinsten sich an. Sie wussten um ihren Ruf, als Geißel der Magiekundigen.

"Nein Liebste!", flüsterte er, "Wenn sie herausfinden, dass ich ein Hexer bin, werden sie mich verbrennen. Auf Hexerei steht die Todesstrafe."

Er nahm sie in den Arm und strich ihr zärtlich eine Strähne ihrer hellbraunen Haare aus dem Gesicht hinter ihr linkes Ohr. "Sie werden dir nichts tun, Süße!"

Sie verabschiedeten sich, wie dies zwei Liebende tun und Janko blieb schließlich bei Shandrissa. Denn ein Barde und seinen Anhang würden selbst die Praiosgeweihten nicht schlecht behandeln.

Drei Prophezeite waren noch übrig, um Sina Leska von der Beendigung der Queste zu berichten. Das Madamal stand hoch am Himmel, so dass man trotz tiefster Nacht doch recht gut sehen konnte. Rukjol und Ilkarion munterten Falk auf, der sich aufgrund Shandrissas Aufenthalt im Praiostempel so gar nicht wohl fühlten wollte.

Der Gaukler erblickte eine verwirrt umherlaufende Gestalt in einiger Entfernung. Es war offensichtlich ein Mann, doch er trug ein grünes Kleid.

Rukjol schüttelte den Kopf. Da war wohl ein besoffener Irrer nach so spät unterwegs.

Falk hatte den Mann auch entdeckt. Mit seinen Katzenaugen konnte der Hexer erkennen, wer da wirklich vor ihnen herlief. "Legolant?", fragte er.

Sofort wurde auch Ilkarion hellhörig. Da stand tatsächlich der Schelm vor ihnen und er hatte ein grünes Kleid an.

"Du lebst!", rief der Magier erstaunt.

"Ja, irgendjemand hat mich in eine Maus verwandelt und als ich wieder normal wurde, tja, da war ich nackt, also hab ich mir das Kleid von einer Wäscheleine genommen", strahlte der Schelm.

Die drei begrüßten Legolant freudig zurück. Die Stimmung war schlagartig besser geworden. Und Falk pfiff sogar ein fröhliches Liedchen, als sie gegen die Tore des Firuntempels pochten.

"Ah, die Herren kommen wohl jetzt immer zu nachtschlafender Zeit?", begrüßte sie die Novizin etwas ungehalten.

"Seid nicht so missmutig, Ifirniane! Holt lieber die Geweihte Sina!", entgegnete Ilkarion freundlich aber bestimmt.

"Euer Gnaden, die Queste ist beendet! Das Amulett ist in Besitz der Praioskirche und wird vernichtet werden", verkündete Ilkarion.

"Das ist schön zu hören, meine Freunde. Doch eure Reihen? Sie haben sich stark gelichtet..." Die Firungeweihte schaute traurig.

"Sie leben und sind in der Obhut der Peraine- und der Praioskirche!", erklärte Rukjol.

Ilkarion berichtete nun über die Geschehnisse in der alten Kultstätte und Sina hörte aufmerksam zu. Danach schickten sich die Helden zum Gehen an.

Sina ließ die Viere wissen, dass sie alle Prophezeiten noch einmal sehen wolle, bevor sie zurück zu ihrem Tempel nach Riva reise.

Sie versprachen der Priesterin morgen bei Tageslicht mit ihren Kameraden vorbeizuschauen und machten sich danach auf den Weg in ihre Herberge.


Szene 26 - Der Lohn der Schrecken

"Aus dem Nichts bist du gekommen, ins Nichts sollst du stürzen!", durchschnitt die Stimme des Hochgeweihten die Finsternis. Aldare war die ganze Sache etwas unangenehm, doch sie wollte sich der Zerstörung des Fokus gewiss sein.

Neben ihr stand Dana Gutnot, eine jüngere Geweihte, mit der sie vor einiger Zeit in Streit geraten war. Die grauen Augen der Priesterin glühten in einem leidenschaftlichen Feuer. Ein goldener Stirnreif hielten ihr die rotbraunen Haare aus dem Gesicht. Sie war sehr klein, vielleicht 160 Halbfinger, womit ihre Augen auf Höhe von Aldares Oberarmmuskel waren, aber sie wirkte drahtig, zäh und vor allem herrisch. Das machte sie der Amazone nicht unähnlich.

Aldare fiel dies durchaus positiv auf. Normalerweise waren gerade die Weibsbilder in Städten sehr verweichlicht.

"Verbrennen sollst du im Namen von Praios und seinen Heerscharen, auf dass du niemanden mehr mit deiner unheiligen Magie vergiftest!", sagte der Hochgeweihte und reckte den Fokus empor.

"In Aranien ist das anders", dachte Aldare. Diese Nation hatte das Matriarchat als Regierungsform gewählt. Die aranischen Männer galten als besonders feige und unterwürfig. Ihre Erlebnisse und ihrer Erziehung versetzen die Amazone immer mehr in den Glauben, dass die Frauen überall in Aventurien das stärkere Geschlecht seien.

Bei den 15 Prophezeiten waren Selissa, Thorescha und sie, ihrer Meinung nach, die besten Anführer und hatten die am Meisten gefestigte Gesinnung.

Die Geweihten verfielen nun in einen praiosgefälligen Kanon. Aldare hörte nur auf einem Ohr hin, was der Feind aus früheren Jahrhunderten da von sich gab.

Dann, ohne Vorwarnung, verglühte das Amulett in einem weißen Feuer. Die Hände des Hohepriesters nahmen dabei weder Schaden noch wurden sie irgendwie rußig.

Nach dem Zeremoniell ging Aldare guter Dinge zu ihren Kameraden. Shandrissa durfte nun den Tempel verlassen. Die beiden sputeten sich, sie hatten noch ein wichtiges Treffen mit Sina Leska, das keinen Aufschub haben durfte.

Die Prophezeiten waren in freudiger Erwartung, was die Firungeweihte als Dank für sie hätte. Sal und Thorescha waren auf den Weg zum Tempel des Wintergottes in ein Gespräch über mögliche Belohnungen und deren Verwendung, Wert, Nutzen, etc. vertieft.

Nur Selissa wirkte betrübt, sie ging mit Ilkarion Hand in Hand und bettete ihren Kopf ab und zu seufzend auf dem Oberarm des Magiers. Auf Fragen, was sie denn habe, antwortete sie immer nur ausweichend. Ilkarion blickte Legolant nur an und beide zuckten mit den Schultern.

Im Firuntempel wurden die zehn Prophezeiten von drei Leuten erwartet.

Sina Leska strahlte ihre Helden der Reihe nach an, während Movert Korber, der Dorfschulze Sonnenfurts, aufrichtig lächelte und in die Hände klatschte.

Schwester Dana, die dritte im Bunde, war etwas reservierter, doch auch ihr konnte man ansehen, dass sie zumindest zufrieden war.

Sina legte ihren Kopf zur Seite und blickte zu Dana.

Daraufhin ging die Praiosgeweihte auf Aldare zu und gab ihr einen kleinen Beutel.

"Im Namen der Praioskirche soll ich euch eine kleine Entschädigung von 50 Goldstücken überbringen. Auf dass ihr euch weiter tapfer gegen die Horden der siebten Sphäre behauptet!" Nach diesen Worten nickte Schwester Dana noch kurz und verließ dann, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Tempel.

In Sals und Thoreschas Köpfen explodierten Freudenfeuer, als sie das Gold sahen.

"Nun, edle Recken", sprach nun der Dorfschulze, "ich habe euch die Geschenke unseres schönen Dorfes mitgebracht. Sie sollen euch zeigen, dass wir euch unendlich dankbar für eure Taten sind. Ihr seid in Sonnenfurt solange ihr lebt immer als Freunde willkommen!"

Die Prophezeiten waren überwältigt von den vielen Sachen, die ihnen die Dörfler geschickt hatten. Sal nahm sich gleich einen altertümlichen Hakenspieß, den Radulf Gerdenwald noch von seines Großvaters Großvater besaß. Die Hebamme hatte eine kleine Blutblattpflanze in einem Blumentopf mitgeschickt, die sich Falk aneinigte.

Bei der Gabe des Perainegeweihten wiederum handelte es sich um einen magischen Edelstein. Selissa erklärte, dass dies ein Topas sei.

Und Aldare vernarrte sich gleich in den Fünflagenharnisch, der früher Moverts Tante, einer Kriegerin, gehört hatte.

"Draußen warten noch zwei Tobimora Falben auf euch! Die sind von Goswin Aldarain und seiner Frau", erklärte Movert.

Legolant probierte gerade den Wurfhaken von Bauer Kulman Sulberg aus, als Sina Leska die Helden bat, nun ihr Geschenk in Empfang zu nehmen.

Die Firungeweihte stellte sich vor die Prophezeiten und schloss die Augen. Dann breitete sie ihre Arme aus und sprach: "Heilige Ifirn ich bitte dich! Stimme deinen Vater milde, denn seine Vasallen waren erfolgreich! Die alten Feinde wurden überlistet und die Gejagten wurden zu Jägern." Dann zeigte Sina mit beiden geöffneten Händen auf jeden einzelnen Prophezeiten. "Nehmt nun das Geschenk Firuns entgegen, auf das ihr in der Wildnis niemals den Unbill der Verlorenheit erfahren müsst!"

Danach schwieg Sina Leska. Einige der Prophezeiten grübelten was die Firungeweihte bloß mit ihnen gemacht haben könnte. Irgendetwas hatte sich verändert. Die freie Natur wirkte nun selbst für die Stadtmenschen nicht mehr so befremdlich wie zuvor.

Die Prophezeiten wurden von ihrer Beistandspflicht gegenüber der Firunkirche entbunden. Doch wie sollte es nun mit ihnen weitergehen?

Dass sie weiterhin zu zehnt durch die Lande reisten, war somit völlig überflüssig.


Szene 27 - Aufbruch ins Ungewisse

Die Auelfe sah einige ihrer Begleiter teilweise traurig, teilweise fröhlich den Abschied aus ihrem Bündnis vorbereiten. Ohne Sina Leska hätte sie einige der Prophezeiten bei ihrer Arbeit in der Schänke ’Die Axt und der Hammer’ wahrscheinlich gar nicht richtig beachtet. Aber nun war sie sehr traurig, dass einige sie verlassen wollten. Auch ihre Zukunft war noch ungewiss. Diese Abenteurer führten so ein interessantes Leben im Vergleich zu einer Schankmaid. Doch es war auch genauso gefährlich wie spannend. Viele Menschen und andere Zweibeiner hassten die Elfen, weil sie neidisch auf ihre Langlebigkeit und ihr bis zum Tode jugendliches Aussehen waren. Sie erinnerte sich, wie ihr immer irgendwelche Kerle nachstellten und sie sich dann bei Alrike oder ihrem Ziehvater versteckt hatte.

Sie spürte den Blick des Hexers auf sich und lächelte ängstlich. Auch ihr Falk lebte gefährlich, das wusste sie. Dann sah sie Aldare und das machte ihr Mut. Die Amazone schien nur darauf zu warten, dass irgendein Mann etwas tat, was ihr nicht passte. Sie war die größte Kriegerin, die sie je gesehen hat. Wenn jemand für ihre und Falks Sicherheit sorgen konnte, dann sie.

"Was wird nun sein?" Shandrissa blickte Falk erwartungsvoll an.

"Ich will, dass du bei mir bleibst!", entgegnete der Hexer.

"Ich will auch bei dir bleiben, Liebster!" Die Elfe umschlang Falk überglücklich.

"Ich habe mit Aldare gesprochen, wir werden Trallop bald verlassen. Die weite Welt wartet auf uns!", griente der Hexer.

"Vater wird das bestimmt nicht passen. Aber ich bin nicht mehr sein kleiner Angramant, so wie früher. Ich bin inzwischen so groß wie er, wenn er auf einem Schemel steht."

"Aber eines musst du wissen, Liebste. Leute wie Aldare und Ilkarion scheinen das Böse magisch anzuziehen. Überall wo sie ihre Nase reinstecken, finden sie auch irgendwelche Schurken", erzählte der Hexer und blickte andächtig in die Ferne.

"Dann werden wir zwei wohl ein bisschen auf die beiden aufpassen müssen!", lächelte Shandrissa und lehnte sich an Falks Schulter.

Janko nahm die Aufbruchsstimmung mit Unbehagen war. Diese Leute hier schrieben den Stoff für Geschichten und Heldenepen. In seinen Augen eine Schmach, sich nun zu trennen. An diesem Umstand war jedoch nichts zu machen, da war er sich ziemlich sicher. Er grübelte und lenke seine Schritte in Richtung der Amazone.

"Werte Aldare, gehe ich recht in der Annahme, dass ihr vielleicht einen reisenden Musiker braucht, der eure Heldentaten besingt?"

"Nein Janko, da liegt ihr falsch! Aber wenn ihr unbedingt weiter mit uns ziehen wollt, kann ich euch dies nicht verbieten. Lasst euch allerdings eines gesagt sein, eure Reise wird kein Spaziergang. Wo immer das Böse sich zeigt, sind wir in Rondras Namen zur Stelle, um es zu bekämpfen. Wo immer Hilflose geknechtet werden, da schreiten wir ein. Und wo immer ein Unrecht geschieht, helfen wir der Gerechtigkeit auf die Sprünge."

"Hervorragend! Es ehrt mich, dass ich weiterhin mit solch tugendhaften Recken reisen darf. Mögen die Zwölfe unsere Wege zum Guten leiten!", verkündete der Barde.

Die Amazone nickte. Solange sie die Anführerin war, machte ihr ein Begleiter mehr oder weniger keine Sorgen.

Selissa starrte schon seit geraumer Zeit in Richtung Westen. Sie wirkte fast wie versteinert, aber der Wind, der ihre lange Mähne durchwühlte, zeigte, dass sich dies nicht wirklich so verhielt. Sie war abreisefertig. Endlich zurück in die Hochzivilisation, endlich zurück ins Liebliche Feld. Es war auch die Heimat des Gauklers, und so würde er sie begleiten. Ihr alter Freund Rukjol, er hätte sie beinahe getötet. Doch sie konnte und wollte ihm das nicht übel nehmen. Sie war einer magischen Beherrschung unterlegen und hätte beinahe den Sieg der Gerechtigkeit verhindert. Jemand hatte sie aufhalten müssen.

Thorescha als zweite Begleitung konnte ihr in diesen Nordlanden nur recht sein. Die Zwergin würde sie dann irgendwann verlassen, um in den Eisenwald aufzubrechen, aber bis dahin waren sie und Rukjol schon fast selbst zu Hause.

"Du reist also ab?", hörte sie die Stimme Ilkarions hinter sich.

Sie nickte nur ohne ihn anzusehen. Es fiel ihr sehr schwer ihn so zu behandeln.

"Hast du mir nichts zu sagen?" Ilkarions Stimme klang fordernd.

"Ilkarion, ich... Ich muss zurück ins Liebliche Feld!"

"Du liebst deine Heimat verstehe ich", sagte der Magier etwas schroff.

"Nichts verstehst du! Ich habe dort Verpflichtungen!"

"Wem gegenüber?"

"Meiner Familie!"

"Ah, da läuft der Hase lang. Bei solchen Ereignissen darf natürlich der Gerasimer Hinterwäldler nicht zu gegen sein", stellte Ilkarion rechthaberisch fest.

"Ilkarion, ich bin verlobt!!!", schrie die Weißmagierin, so dass alle Umstehenden aufmerksam wurden.

Legolant schüttelte den Kopf und stand auf, um zu den Magiern zu gehen.

"Was? Verlobt? Du..."

"Meine Eltern haben mich, als ich noch sehr jung war, mit Baronet Thurio Aralzin von Bethana-Selzin verlobt", sagte Selissa jetzt leiser.

"DAS sagst DU mir erst jetzt?" Nun wurde Ilkarion lauter.

"Komm schon, wir beide wissen doch gut genug, dass ich mich in höheren Gesellschaftskreisen bewege. Da wird eben Staatskunst gemacht. Gefühle sind dabei nun mal nebensächlich." Selissa wendete sich dabei ab, denn ihr kamen die Tränen.

Der Schelm war mittlerweile eingetroffen und packte Ilkarion am Arm.

"Komm mit, so brauchst du dich von ihr nicht behandeln zu lassen!", meinte er zu dem Magier.

"Ja, vielleicht ist dies das Beste für mich!" Ilkarions Blick war bei diesen Worten leer.

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie weh mir das tut!", weinte Selissa.

"Komm!", drängte Legolant. Ilkarion ließ sich mitreißen.

"Wir sind deine Freunde. Ich bin dein Freund. Bleib bei uns! Da geht es lustig zu und keiner hintergeht den anderen." Der Schelm sprach vertrauenswürdige Worte, da war Ilkarion sich sicher.

Der Gaukler und die Weißmagierin verabschiedeten sich nacheinander von Falk, Shandrissa, Legolant, Aldare, Janko und Sal. Während Rukjol sich bei allen sehr herzlich verabschiedete, tat Selissa dies, außer bei der Amazone, eher kühl.

"Kommt, Thorescha!", meinte Selissa zu der Zwergin, die noch ihr Gepäck zusammenraffte. Dann blickte sie noch zu Ilkarion, der abseits stand und rief: "Leb wohl Ilkarion! Ich wünschte, ich könnte unser Schicksal ändern."

Der Graumagier reagierte nicht.

Rukjol ging, bevor er aufsaß, noch zu ihm und klopfte ihn auf die Schulter. Diesmal drehte sich Ilkarion um. "Lebt wohl Rukjol und gute Reise!"

Der Gaukler nickte lächelnd und ritt fort.

Während Thorescha sich noch hastig, aber aufrichtig verabschiedete, verschwanden die Weißmagierin und der Gaukler schon aus dem Sichtfeld der restlichen Helden.

Auch die Zwergenwandergesellin marschierte noch mal zu Ilkarion, bevor sie ihre lange Reise in südlichere Gefilde antrat.

"Kopf hoch, Kleiner, es gibt doch so viele hübsche Großlingfrauen auf dieser Welt, da weis man gar nicht, welche man zuerst auf eine Lage Ambosskronen einladen soll!"

Ilkarion schaute sie nur unnahbar an.

"Hhmm, vermutlich nicht das was du nun hören willst", grübelte die Zwergin, "Lass dir jedoch nur eines gesagt sein, du bist zwar ein Großling und obendrein noch ein Zauberer, aber trotzdem bist du echt in Ordnung."

Ilkarion starrte immer noch, als ob er nie mehr etwas sagen wollte.

Thorescha wand sich schließlich um und bestieg ihr Maultier Dolgi.

"Thorescha!", ertönte jetzt doch die Stimme des Magiers.

"Ja?"

"Ich wünsche euch ein langes erfülltes Leben, mögen die Zwölfe euch schützen!"

"Danke Ilkarion, aber wartet ab! Wir werden uns irgendwann wieder sehen..."

Thorescha trieb ihr Maultier an und meinte noch zu ihm: "Wer einmal gegen das Böse gezogen ist, gerät Zeit seines Lebens immer wieder mit ihm aneinander!"

"Wahr gesprochen", ging es dem Graumagier durch den Kopf.

Aus der Ferne tönte es noch: "Irgendwann werden wir uns irgendwo auf einem angroschverlassenen Schlachtfeld wieder sehen und dann könnt ihr froh sein, weil eine rechtschaffene Zwergin an eurer Seite kämpft!"

Ilkarion musste schmunzeln. Er vernahm noch eine ganze Weile das schallende aber herzensgute Lachen Thoreschas.


Szene 28 - Die beiden Adepten und der alte Tsageweihte

Eine milde Brise, die das langsame, aber unausweichliche Ende des Sommers kundtat, wehte durch die blonden Locken der Amazone. Sie wetzte ihren Schleifstein immer wieder über die Schneide ihres Reiterschwertes, wobei kleine, silbrig glänzende Segmente von Schwert und Stein säulenartig zu Boden rieselten.

Ilkarion saß ihr gegenüber auf einer Parkbank und zupfte die karmesinroten Blüten von einer Lichtnelke. Aldare beobachtete ihn schon seit geraumer Zeit mit einem mitfühlenden Blick. Ab und zu seufzte er und murmelte etwas zu sich selbst.

Die Amazone machte sich aber nicht wirklich Sorgen. Eine neue Queste gegen die Kreaturen der Finsternis war nur eine Frage der Zeit, und dann würde der Magier wieder zur Hochform auflaufen.

"Tja, gegen Liebeseskummer kennt er keinen Zauber, der Adeptus minor extraordinarius Ilkarion Hesindian Twillen", sagte der Graumagier leise zu sich selbst.

"Er vielleicht nicht, aber ich!", hörte er eine einfühlsam klingende Stimme neben sich.

"Bruder Angrond!", entfuhr es Aldare, als sie den Tsahochgeweihten neben Ilkarion erblickte. "Was macht ihr denn hier?"

"Wisst ihr, Kind, es hält mich nirgendwo sehr lange, aber ich hab doch tatsächlich noch etwas hier in Trallop zu erledigen", lächelte der Hohepriester.

"Schön, euch zu sehen, Eminenz. Wolltet ihr eigentlich zu uns?"

"In der Tat..." Weiter kam Angrond nicht, da er jäh unterbrochen wurde.

"Hey, seht mal, was ich hier im Park gefunden hab!" Sal hatte einen alten Goblin an dessen Hemd gepackt und hielt ihn nun hoch, so dass der Rotpelz keinen Bodenkontakt mehr hatte.

"Jungelchen, seid bitte so gut und lasst meinen Freund Tramik wieder runter!", bat Bruder Angrond.

"Ich wollte doch... Äh... Hrmmpf... Ach, ihr seid das. Äh... Verzeihung Ehrwürden!" Der Söldner setzte den Goblin auf den Boden.

Tramik rappelte sich auf und schaute nun in die Runde, als er Ilkarion erblickte, schmunzelte er und meinte: "Hah, kefeerlicher Schamane du sein, kommen du mit! Tramik dir zeigen Gute muss. Bruder Angrond das wollen haben. Du kommen mit!"

"Ah ja, na wenn ihre Eminenz das so will", entgegnete Ilkarion skeptisch und ging dem alten Goblin hinterher, der eilig vor ihm her trippelte, sich immer wieder umdrehte und den Graumagier freudig näher winkte.

"Wo will die Pelztöle mit unserem Zauberer hin?", grübelte Sal deutlich vernehmbar.

"Das werdet ihr zwei noch früh genug erfahren!", grinste Bruder Angrond, dann fasste er Sal und Aldare an der Schulter und schritt mit ihnen durch den Park.

"Hab ich euch beiden Kriegern eigentlich schon erzählt, dass die Tsakirche jedes Leben achtet?"

"Oh je, das kann ja heiter werden", dachte die Amazone.

Auch Sal bereitete sich innerlich auf die Moralpredigt vor. Wäre er doch in der Schänke bei Falk und Shandrissa geblieben. Zu spät. Er nickte immer nur, wenn er angesprochen wurde und überlegte sich, wie er dem Tsageweihten am Besten entwischen könnte.

Ilkarion stand auf einem Hügel, auf dem er große Teile der Stadt überblicken konnte.

"Ja, ein netter Ausblick, aber würdet ihr mir vielleicht nun verraten, was ich eigentlich hier soll, Herr Goblin!"

"Du hier warten!", befahl der Rotpelz freundlich.

Ilkarion streckte sich und stellte sich auf die Zehenspitzen, um eine noch bessere Aussicht zu haben. "Na wenn’s denn sein muss", meinte er nur zu Tramik, der sich nun hastig entfernte.

Der Graumagier genoss das Panorama. Er erblickte den Park, wo Bruder Angrond deutlich an seinem regenbogenfarbenen Gewand zu erkennen war. Zu seiner Linken und Rechten schlenderten seine Gefährten Sal und Aldare.

"Hallo Ilkarion!", hörte er eine schnell gesprochene Begrüßung hinter sich.

Der Magier erkannte die Stimme, die ihn da ansprach und entgegnete nur: "Hesinde zum Gruß!", ohne sich umzudrehen.

"Sie mich an!"

Nun wendete er sich doch um. Vor ihm stand Selissa, sie lächelte unsicher.

"Ilkarion, ich will nicht, dass wir uns so trennen!", forderte die Weißmagierin traurig.

"So, dann wirst du also nicht fort gehen?" Der Graumagier hob skeptisch eine Braue.

"Doch, ich MUSS!"

Ilkarions Blick trübte sich und nun drehte er sich wieder Richtung Stadt.

"Ich muss meinem Vater sagen, dass ich eher den Namenlosen tun werde, als meinen Verlobten zu heiraten!"

Blitzschnell hatte Ilkarion die Weißmagierin wieder im Blickwinkel.

"Ich werde ihm sagen, dass mich mein Verlobter und seine ganzen rückratlosen Adelsspießgesellen einen Dreck scheren!"

Ilkarion musste grinsen, das war die Selissa, die ihm gefiel.

"Und weist du warum?", fragte Selissa weniger aufbrausend und fuhr dann fort ohne den Graumagier antworten zu lassen, "Weil ich nur dich liebe!"

Dann fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn.

"Ich liebe dich auch, Selissa", flüsterte ihr Ilkarion ins Ohr.

Rukjol musste sich eine Träne wegwischen. "Ist das nicht herzergreifend mit den beiden?"

"Fürwahr, echt zum Feuer kreischen!", schüttelte Thorescha nur grinsend den Kopf und warf einen kurzen Blick zu dem Gaukler und dem Goblin, die neben ihr im Gebüsch saßen.

Sie standen lange so da, eng aneinander geschmiegt, ihre Lippen und ihre Zungen fanden sich immer wieder. Selissa lächelte den Graumagier verliebt an.

Die Weißmagierin erinnerte sich, wie sie trotzig und missgelaunt neben Rukjol und Thorescha einher ritt, als sie eine Kutsche überholten. Bruder Angrond hatte herausgeschaut und gefragt, was sie denn für ein Firunsgesicht mache.

Sie erklärte dem Hochgeweihten von ihrer Liebe zu Ilkarion und davon, dass ihre Mutter einen Adligen für sie als Verlobten ausgesucht hätte. Ilkarion sei nicht edel genug für ihre Familie. Eine Heirat mit ihm würde ihre Mutter niemals zulassen.

Der alte Tsageweihte hatte sie daraufhin besorgt, ja fast verärgert angeschaut und meinte dann: "Ändere dein Leben, mein Kind! Schau über den Rand! Die Zeit deiner Erneuerung hat begonnen. Jetzt ist dein früheres Leben nicht mehr wichtig."

"An was denkst du?", fragte Ilkarion und blickte Selissa in ihre saphirblauen Augen.

"An Bruder Angrond. Lebe so, wie du selbst am Glücklichsten bist, hat er mir gesagt. Also bin ich zurück zu dir, mein Schatz."

Ilkarion strahlte über das ganze Gesicht und schmiegte Selissa wieder sanft an sich, während der linde Abendwind die Haare seiner Geliebten tanzen ließ.

"Denn wisset ihr beiden! Die junge Göttin sagt, lebe so, wie du selbst am Glücklichsten bist!" Der Tsahohepriester hob dabei den Zeigefinger.

Sal grinste daraufhin breit: "Wohlan, dann auf zur nächsten Taverne!"

Der Söldner hatte sich von der Berührung des verdutzten Bruder Angrond gelöst und rannte jetzt lauthals lachend davon.

Aldare schüttelt nur den Kopf. Sal war ein Söldner, das war keine Frage.

Ende des Abenteuers



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