Die Jagd nach der Wirbelklinge (I) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 1 Baliho (Das letzte Geleit)

"Und möge seine Seele in Rondras Hallen ewig weiterleben!" Bruder Jergan fiel nach diesem Satz in andächtiges Schweigen.

Die Grabrede des Boronpriesters war zu einem Ende gekommen und er schritt nun zu den Angehörigen des Toten hinüber. Die Eltern waren das ältere Ehepaar Schoberbrück; der Mann Drachwill hielt seine bitterlich weinende Gattin Erdlinde im Arm. Das Paar war von einem langen Leben gezeichnet und in Ehren ergraut. Der Schock über den Verlust ihres einzigen Kindes war offenkundig, dies zu erkennen, bedurfte es nicht die hohe Menschenkenntnis eines Borongeweihten.

"Euer Sohn Leugrimm war ein gottgefälliger und bußfertiger Mann. Er ist nun an einem besseren Ort, denn die Zwölfe sind mit ihm", erklärte Bruder Jergan.

"Habt Dank, dass ihr den weiten Weg aus Trallop gekommen seid, Exzellenz!", sagte Drachwill.

"Eminenz Voltan wollte mir die Reise zuerst verweigern, aber als ich ihm kundtat, dass Leugrimm mein Freund und zudem ein großer Kriegsheld war, ließ er mich gen Süden ziehen."

"Es wird noch sehr lange dauern, bis mein Weib und ich darüber hinweg sind."

"Der Glaube wird euch in diesen schweren Zeiten Trost spenden", versicherte der Boronpriester. Er schaute sich nun nach Drachwills Bruder um.

Tannfried Schoberbrück stand mit seinem Leibwächter etwas abseits. Er blickte unentwegt auf das zerbrochene Rad, das die Grabstätte zierte, und schien in fernen Sphären zu schwelgen.

Der Leibwächter verhielt sich genau gegenteilig: seine dunklen Augen wirkten übertrieben wachsam, als ob von diesem heiligen Boronsanger eine Gefahr ausgehen könnte. Er war in eine schwarze Tuchrüstung gewandet und trug eine marineblaue Schärpe mit einem langen exotisch anmutenden Zweihandsäbel, sein dunkelbraunes Haar war sehr kurz geschoren; alles in allem wirkte er gepflegt. "Kein gewöhnlicher Reisiger also", dachte Bruder Jergan.

Er bedeutete den zahlreichen anderen Begräbnisteilnehmern mit einem Nicken, näher zu kommen, und während das Ehepaar Schoberbrück die Beileidsbekundungen entgegennahm, ging Jergan zu dem Onkel des Toten herüber.


"Ich erbiete euch meine aufrichtige Anteilnahme für den Verlust eures Neffen, werter Tannfried!"

"Danke!", murmelte Tannfried abwesend.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte sich Jergan ab, in der Annahme ab, die Trauer sei für den Zustand von Leugrimms Oheim verantwortlich. Doch in Wahrheit gingen dem Antiquitätenhändler Tannfried Schoberbrück andere Gedanken durch den Kopf:

"Ich kann es noch immer nicht glauben, dass dieser Narr es wagen konnte Leugrimms famose Waffe als lächerliche Grabbeigabe verfaulen zu lassen. In Rondras Hallen gibt es Myriaden von überirdischen Klingen, aber das alles interessiert ihn nicht.

Mein l i e b e r Bruder, dieser halsstarrige Tor muss ja immer den Hüter den Moral spielen. Er hätte sich von dem Geld für die Wirbelklinge einen schönen Lebensabend machen können, nun darbt er weiterhin in seiner Armut."

Tannfried blickte düster zu Drachwill herüber und flüsterte: "Das hast du dir verdient, l i e b e r Bruder!"

Irgendetwas kam Bruder Jergan an Tannfrieds Verhalten aranisch vor, doch die gewöhnlichen Menschen neigten manchmal zu den seltsamsten Gefühlsregungen, wenn sie mit dem Tod konfrontiert wurden.

So begleitete er ein wenig später das Ehepaar Schoberbrück nach Hause.

Morgen könnte er guten Gewissens nach Trallop zurückkehren. Sein Freund Leugrimm war borongefällig bestattet worden und nun wartete nur noch ewiger Frieden auf ihn.



Szene 2 Baliho (Die beiden Zauberer und der Redner)

Die winterliche Sonne verlieh der dünnen Schneedecke auf den Dächern Balihos einen majestätischen Glanz, und Firuns weiße Pracht, die in den letzten Wochen das Weidener Land so unbarmherzig heimgesucht hatte, schien Praios` sengenden Strahlen nicht mehr lange standhalten zu können.

Falk bereitete dies unglaubliche Freude. Wenn die Reichsstraße nach Trallop wieder frei von Eis war, würde er endlich seine Geliebte Shandrissa wieder sehen. Innerlich tadelte er sich dafür, sie so lange alleine gelassen zu haben, aber nachdem er und seine Kampfgefährten eine Abenteuerreise ins Gebirge unternommen hatten, wirkte sie doch stark erschöpft, so dass er die Auelfe für eine Weile bei ihrem Ziehvater in Trallop zurück ließ.


Der Hexer sah einen jungen Mann aus dem Haupteingang der Herberge "Silberner Pandlaril" kommen. Schon aus einiger Entfernung erkannte er, dass dieser eine leuchtend blaue Magierrobe und einen langen Zauberstab trug. Er hielt schnurstracks auf ihn zu. Der blonde Magier blinzelte ihn aus seinen blauen Augen an. Er war zwar für gewöhnlich recht blass, doch aufgrund der Kälte hatte er nun gerötete Wangen.

"Guten Morgen, Ilkarion! Na, schon ausgeschlafen?", griente Falk.

"Höchst komisch, mein Freund, ich bin schon länger wach als du. Ich kam nicht umhin, des Morgens die transzendenten Thesen der Magica Moventia zu studieren, um…"

"Schon gut, schon gut! Lass uns sehen, was die anderen so machen!", fiel Falk dem Graumagier ins Wort.


So schickten sie sich zu einem morgendlichen Ausflug durch die Gassen des Grafenstädtchens Baliho an. Ilkarion war in den letzten Tagen wieder intensiv mit seiner Gildenzauberei beschäftigt und führte darüber stundenlange Monologe.

"Im Ernst, Falk. Die magierphilosophischen Theorien der Tamara von Gerasim zu lesen, lege ich dir besonders ans Herz!"

"Ilkarion, du weißt doch, dass ich staubige alte Bücher hasse und außerdem kaum lesen kann", entgegnete Falk.

"Du bist eben ein Sohn Satuarias und verstehst davon nichts. Wird Zeit, dass ich mal wieder ein Gildenhaus von innen sehe. Wir müssen bald mal nach Ysilia, und…"

"Ilkarion sieh mal!" unterbrach ihn der Hexer.

Der Graumagier hielt inne. Vor ihnen war eine Menschentraube, die um einen Redner geschart war. Dieser musste wohl auf einem Podest stehen, da er seine Zuhörer um eine halbe Mannslänge überragte. Er schaute die Menge sehr eindringlich an und redete mit erhobenem Zeigefinger auf sein Publikum ein.

"Die Elfen sind fürwahr ein gottloses Volk. Burschen haltet euer Weib fest, allwo ihr einen Elf erblicket! Ihre pure Anwesenheit auf Dere ist eine Lästerung der Lehren unseres Herren Praios und unser Herrin Travia…"

"Oh nein, schon wieder so ein abergläubischer, engstirniger Weidener. Ich habe Angst, dass Shandrissa irgendwann mal aufgrund so eines Scharlatans etwas angetan wird", sorgte sich Falk.

"…nicht nur, dass diese Daimonen die zwölfgöttliche Ordnung negieren, einiger Exemplare reden in schlechten Zungen über die heiligen Zwölf…"

Nun ging ein Raunen durch die Menge.

"Das wird die Herrin Hesinde hoffentlich verhindern. Ah, sie nur, da kommt schon die Stadtgarde", der Graumagier deutete auf ein paar Bewaffnete, die sich ihren Weg durch die Menge bahnten.

"…und einige von ihnen pflegen sich gar unzüchtig zu kleiden…", in dem Moment wurde der Redner von zwei Gardisten gepackt. "He, so lasset mich los, ihr Ungläubigen!"

Der Redner wehrte sich mit Händen und Füßen, als er abgeführt wurde.

Ein Bürger tippte Falk an: "Jetzt gibt’s Saures für den Burschen, das sind Weibelin

Ëarissa Schönacker und ihre Leute."

"Aha!", meinte der Hexer nur. Das herrische Auftreten der zahlenmäßig sehr kleinen Stadtgarde und deren drakonischen Strafen waren ihm schon nach wenigen Tagen in Baliho aufgefallen.

"Serschant, bringt diesem Tagedieb mal etwas Benehmen bei!" tönte die raue Stimme der Weibelin über den Platz.

"Zu Befehl!", der Unteroffizier ging zu dem Redner und verpasste ihm einen kräftigen Tritt mit seinem Stiefel.

"Was für barbarische Sitten", dachte Falk und schüttelte den Kopf, so dass ihm ein paar blonde Strähnen ins Gesicht fielen.

"Gibt’s ’n da zu glotzen?", die Weibelin kam jetzt auf Falk und Ilkarion zu. Sie hatte kurze braune Locken, ein wettergegerbtes Gesicht und wirkte etwas drall. Falk fand sie weder gut aussehend, noch charismatisch.

"Verzeiht, Frau Weibel. Wir bestaunen nur die lokalen Rechtskräfte bei der Ausübung ihrer Pflichten", lächelte Ilkarion.

"Na, dann ist’s ja gut", drehte sich Ëarissa weg.


Die beiden Zauberkundigen machten sich eiligst weiter. Da war ihnen die Gesellschaft von Landsknechtsnaturen wie Sal und Aldare lieber als diese bärbeißige Gardistenführerin.

Sie lenkten ihre Schritte auf die schneebedeckten Wiesen außerhalb der Stadt, wo man bald wieder Rinder grasen lassen konnte, wenn die Praiosscheibe weiterhin so hoch am Himmel stand. Hier übten sich ihre Mitstreiter im morgendlichen Wettkampf.



Szene 3 Baliho (Die sechs Heroen und die beiden Rittsleute)

"Hohö Aldare, in einem echten Kampf wärst du nun einen Kopf kürzer!"

"Mach dich nicht lächerlich Beorn, ich hätte dich schon mindestens zwölfmal erschlagen können!", die Amazone betrachtete das Blut, das aus ihrer Nase tropfte und wischte es weg. "Ein Glückstreffer", sagte sie.

"Aua, aua. Das ist unfein, Sal schlägt mir immer auf den Kopf", kam Legolant zeternd zu Aldare und dem Boronsdiener herüber.

"Also Sal, du solltest doch Legolant etwas beibringen und ihn nicht verprügeln!", beschwerte sich Beorn.

"Das sind nur die kleinen Bestrafungen für seine Unfähigkeit beim Kampfe", grinste der Söldner. "Außerdem, da, wo ich herkomme, wird sich von morgens bis abends nur geprügelt, egal ob Mann, Weib oder Kind."

"Ja, von den rauen Sitten in Uhdenberg habe ich schon gehört", nickte Beorn.

"Dort ist es durch die Stadtverordnung verboten, keine sichtbare Waffe zu tragen. Daran sollten sich mal ein paar andere Städte ein Beispiel nehmen!" forderte Sal.

"Das wollen wir doch nicht hoffen", warf der Schelm ein. "Seht mal, da kommen Falk und Ilkarion!"

"Kor zum Gruße, ihr beiden Hänflinge. Na, wer von euch möchte für Legolant weiter machen?", grinste der Söldner.

"Ich mache freiwillig weiter, dann werde ich dich einfach in einen Steppenhund verwandeln, na wie wäre das, Sal?" schmunzelte der Graumagier.

"Oh nein, nicht schon wieder. Lass das mal lieber bleiben!" Sal verzog sein Gesicht.

"Oder vielleicht in einen Steppenelfen?"

"Nein, nein, nein. Phex möge mir beistehen, nicht einer dieser gottlosen Elfen", der Söldner spie dabei auf den Boden.

"Was habt ihr nur alle gegen Elfen? Gerade eben haben wir einen Redner gesehen, der gegen die armen Elfen gehetzt hat", mischte sich Falk ein.

"Du verstehst das nicht, Falk, mein Freund", sagte Beorn. "Die Elfen bringen uns den Nordwind und dafür hassen wir sie alle. Shandrissa ist natürlich eine Ausnahme, sie ist ja unter Menschen und Zwergen aufgewachsen."

Ilkarion und Falk verdrehten die Augen, als der Boronsdiener über die angeblichen Fehlverhalten der Elfen referierte. Währenddessen führten die Recken ihre morgendliche waffenlose Übung Ende und kleideten sich der kalten Witterung entsprechend wieder vollends an.

Aldare bemerkte eine kleine Fahne, die über einer schneebedeckten Anhöhe zum Vorschein kam. Leises durch den Schnee gedämpftes Hufgetrappel deutete sich an, und schon bald waren zwei voll gerüstete Reiter auf der abfallenden Seite der Anhöhe zu erkennen. Das Fähnlein zeigte eine grüne Eiche auf silbernen Grund, doch von den sechs Freunden kannte niemand die Nation, die dieses Zeichen im Wappen führte. Die beiden Rittsleute bogen vom Weg ab und hielten geradewegs auf die Sechse zu.

"Rondra zu Gruß", eröffnete Aldare das Gespräch, worauf der vordere der beiden Reiter sein Visier öffnete und tönte: "Joh fürdi Praios, Madelche. I bin da Rondradan Fichelbreitner. A Rittersmann aus Teshkal im schönen Andergast und des is moi Knappen, der Praiotin Muxeneder. Kennts mir vielleucht sage, wo wir in dem Städele a Herbergen finden?"

"Äh, natürlich, Herr Ritter. Ihr scheint ja von weit her zu kommen", meinte Aldare.

"Des is wohr. Wir komme von weud her, das war a g’fährliche Reisen, aber unterwegs hamma sogor a poar Nostrische getroffe. Die konnde lader entkomme, aber ahnen hat der Praiotin abgestoche."

"Wie? Abgestochen?", Legolant wirkte geschockt. "Joh, wie de Säue. Doch sagt’s einige hom von euch a des Hondwerk von de Krieger erlernt!"

"Das ist richtig. Ich bin eine Amazone der Göttin Rondra", erklärte Aldare.

"Des ist recht! Bei uns daham gibt’s nit fuile Weibsbilder, die kämpfe lerne", erklärte Ritter Rondradan.

"Welches ist denn die beste Herberge, die wir in Baliho kennen?", fragte Beorn in die Runde.

"Ah na, des wolln wa a net. Wir geh’n in die übelste Spielunken, da kenne ma a bisserl für Recht und Ordnung sorge."

"Dann müsst ihr in den ‚Silbertaler’ gehen, da wird öfters mal gemischt!", sagte Sal.

"Des hert sich guart an. Was meinst, Praiotin?"

"Joh freilich", sagte der Knappe.

"Also, dann reite ma moar weider. Mir sehe uns donn vielleicht mar in dieser Schenken!", der Ritter klappte sein Visier nun wieder herunter und hob die Hand zum Abschiedsgruß, dann ritten er und sein Knappe wieder zurück auf die Straße in Richtung der Grafenstadt zurück.

"Was für ein sonderbares Volk, diese Andergaster", grübelte Ilkarion.

"Ja, aber zumindest scheinen es treue Diener der Göttin zu sein" sagte die Amazone.

"Gehen wir in die Stadt und schauen, was wir so los machen können!", Legolant unterstrich diese Worte mit einem Wink, und schon bald lagen die weißen Viehweiden wieder mutterseelenallein in der Wintersonne. Nur die unterschiedlichsten Spuren zeugten noch von kürzlich dagewesenen Besuchern.



Szene 4 Baliho (Die unanständige Frau)

Sie waren soeben wieder in das bunte Treiben Balihos eingetaucht, als das Geschrei einer Frau ihre Wachsamkeit auf den Plan rief. Es klang mehr nach einem lang gezogenen Schmerzensschrei, denn einem Hilfeschrei.

"Hört ihr das?", fragte Beorn.

"Ja, macht schnell!", entgegnete Aldare nur.

"Hier jagt eine Heldentat die andere. Ich hätte in Uhdenberg bleiben sollen, obwohl, vielleicht zahlt uns die Alte ja ein bisschen Zaster, wenn wir sie retten", dachte Sal.

"Als dann, für den ewigen Zahlmeister", brüllte der Söldner und hastete los.

Legolant, der als schnellster der Sechse voran stürzte, rannte beinahe in ein Grüppchen Stadtgardisten hinein, die ihn teils verwundert, teils argwöhnisch musterten. Es waren sechs an der Zahl, und ein besonders kräftiger zog eine rothaarige, spärlich bekleidete Frau hinter sich her.

"Was habt ihr hier wie von einem Skorpion gestochen herumzurennen, Bürschchen?", fuhr den Schelm eine braun gelockte, stämmige Gardistin an.

"Und ihr, was behandelt ihr diese Frau wie den letzten Dreck?", stürmte Falk heran.

"Ah, ihr schon wieder", sagte die Gardistin, die Falk und Ilkarion als Ëarissa Schönacker kannten.

"Sagt an, werte Weibelin! Was hat diese Frau getan, dass sie so eine Behandlung verdient?", warf Beorn ein.

"Sie hat es gewagt, spärlich bekleidet in ihrem Haus herumzulaufen", erklärte Ëarissa.

"Und das ist in dieser Stadt ein Verbrechen, das kann ich nicht glauben", meinte Ilkarion.

"Das hier ist meine Stadt und hier sorge ich für Recht und Ordnung", polterte die Weibelin.

"Es ist kein Verbrechen in seinem eigenen Haus spärlich bekleidet herumzulaufen, Frau Gardistin", Aldare wurde nun lauter.

"Sie tat dies vor geöffnetem Fenster."

"Dann haben sie das Recht, sie so zu behandeln. Schafft dieses unzüchtige Weib so denn in den Kerker!", forderte Beorn.

"Das würden wir tun, wenn ihr uns nicht weiter aufhalten würdet!", fauchte die Weibelin die Gruppe an.

"Wäre es vielleicht möglich, dass ihr die Frau selbständig gehen lasst?", fragte Falk.

"Warum sollte ich?", entgegnete die Weibelin.

"Weil ICH darauf bestehe", sagte die Amazone selbstsicher.

"Na schön", grummelte Ëarissa. "Korporal, lasst sie aufstehen, aber passt auf, dass sie nicht wegläuft!"

"Zu Befehl, Frau Weibel", der Korporal und ein Gemeiner packten die Frau grob und stellten sie auf die Beine.

"Und jetzt gebt ihr etwas zum Anziehen in dieser Kälte!", brüllte Aldare.

Als die Stadtgardisten auch dies widerwillig taten, grinste Aldare und sagte: "Danke, seht ihr so einfach geht das."


Die Garde zog mit ihrer Gefangenen weiter, während sich die sechs Helden noch einen Einkaufsbummel in der Stadt gönnten.

"Diese Einfaltspinsel werden uns noch einigen Ärger machen, Ëarissa", sagte der Serschant.

"Das werden sie, mein lieber Falber, das werden sie."

"Und was werden wir dagegen tun?"

"Mach dir da keine Sorgen, ich hab noch jeden klein gekriegt", höhnte die Weibelin.

Die beiden Unteroffiziere verfielen in ein hämisches Lachen, in das auch bald die anderen Gardisten einstimmten.



Szene 5 Baliho (Ein Abend im Silbertaler)

Da es nun Abend war und sich bei Beorn ein leichtes Hungergefühl, gepaart mit einer leeren Geldkatze, breit machte, entschied man zum Leidwesen Ilkarions, in den ‚Silbertaler’ zu gehen und sich dort den Abend zu vertreiben.

Den ‚Silbertaler’ konnte man wahrlich eine Kaschemme nennen. Die Schenke machte den Eindruck, als würden hier nur Leute geduldet, die besonders grimmig aussahen. Jedenfalls kam dies Falk so vor. Ilkarion bezeichnete die Menschen, die an solchen Örtlichkeiten zu verkehren pflegten, gelegentlich als den Bodensatz der Gesellschaft. Er meinte dies durchaus vorwurfsvoll, denn nach seiner Weltsicht hatten Tugend und Benimm nichts mit Standesdünkel oder Vermögen zu tun.

Der Graumagier rümpfte die Nase, wenn er daran dachte, dass hier alle Bediensteten sich fast ausschließlich ihm widmen würden, wenn sie seine Golddukaten sahen.

Er setzte sich zwischen Sal und Aldare, seine kampfstärksten Begleiter, damit auch ja kein Angetrunkener oder gar ein Raufbold in seine Nähe käme.

Am Nachbartisch saßen die beiden Andergaster, die ihnen freundlich zuprosteten. Sie hatten ihre schweren Gestechrüstungen gegen ein Kettengeflecht ausgetauscht. Dessen ungeachtet musste ihnen sehr heiß sein. Doch kam den beiden dies scheinbar nicht ungelegen, denn sie konnten sich ja mit Bier Kühlung verschaffen.


"Heda, Schankmaid, bringt mal fünf Humpen Bier und euren besten Wein für unseren Magus!", brüllte Sal durch den Schankraum, als sie Platz genommen hatten.

"Kommt sofort!", antwortete der Wirt ersatzweise und meinte dann leiser: "Da ist Gold in Anmarsch, bei Phex!"

Er trieb seine Schankmaid förmlich an den Tisch der Sechse, damit diese bestens versorgt waren.

Während sie so speisten und tranken, bemerkte Aldare einen südländisch gekleideten Mann, um den sich ein Grüppchen von Tavernenbesuchern scharte.

Als sie fertig gegessen hatte, stand sie auf um sich den Grund für das Interesse der Kneipengäste anzuschauen; Legolant begleitete sie.

Der Tulamide drehte mit geschickten Fingern immer wieder ein Trio von kleinen Schalen auf einer glatten Holzunterlage und redete dabei auf die Umstehenden ein.

Bevor der Schelm und die Amazone an dessen Tisch erreicht hatten, stürzte ihnen ein junger Mann entgegen, der in der Hand drei oder vier Goldstücke hielt und rief: "Phex sei Dank, ich hab gewonnen!"

Aldare sah dem Mann nach, der freudestrahlend an die Theke schlenderte.

Als die beiden am Tisch des Tulamiden ankamen, rief dieser: "Ah gutes Abend, schönes Frau. Meine Name ist Jassafer ibn Nebahath. Wollen du spielen eine Runde mit mir? Du sagen wo ist die Kugel und du kriegen deine Einsatz verdoppelt!"

"Verdoppelt?", entfuhr es Aldare. "Naja, versuchen kann ich es ja einmal."

Die Amazone kramte einen Taler aus ihrem Geldbeutel und legte ihn auf den Tisch.

"Da siehst du die Kugel. So drehe ich die Schalen. Siehst du? Jetzt du wählen!", sagte der Tulamide.

Aldare war etwas verwirrt, der Mann hatte äußerst flinke Finger. Doch sie war sich sicher, dass die Kugel in der rechten Schale war.

"Nimm die Linke, Aldare!", forderte Legolant.

"Ach Blödsinn, da kann sie doch gar nicht sein. Ich nehme die Rechte!", erklärte Aldare.

Jassafer hob die mittlere Schale hoch und sagte: "Leider verloren, die Dame."

"Verdammt, ich war mir sicher, dass ich recht hatte", fluchte Aldare.

"Wollen du versuchen noch einmal?", fragte Jassafer listig.

"Na schön, aber diesmal doppelter Einsatz", die Amazone klaubte energisch zwei Taler aus ihrem Vorrat und knallte sie vor dem Tulamiden auf dessen Spielbrett.

"Da hab ich die Kugel. Siehst du? So drehe ich die Schalen. Da guckst du. Jetzt du müssen wählen!"

Diesmal versuchte Aldare nicht auf die Stimme des Glücksspielers zu hören, sondern achtete nur auf dessen Finger, und nun war sie so felsenfest wir Ingerimms Hammer davon überzeugt, dass die Kugel in der linken Schale sein musste. Trotzdem wand sie sich noch einmal an ihren Kampfgefährten Legolant.

"Die Linke", sagte der Schelm selbstsicher.

"Ich nehme also die Linke, ibn Nebahath", erklärte die Amazone.

"Leider wieder verloren", der Tulamide zeigte, dass die Kugel unter der rechten Schale war.

Im selben Moment flog die Eingangstür auf. "Stadtgarde, keiner rührt sich!", vernahmen die Schenkengäste.

Eine junge aber stark vernarbte Gemeine mit einem Hölzchen zwischen den Zähnen und einer Repetierarmbrust in der Hand ging voran, dahinter folgte sofort Serschant Falber Zeel.

Jassafer raffte sein Geld zusammen und rannte in Richtung Hintertür, wo schon zwei Gemeine auf ihn warteten. Der Tulamide wurde an einem Ohr zu Weibelin Schönacker geschleift, die mittlerweile auch in den Schankraum getreten war.

"Was haben wir denn da, Jassafer? Wieder mal unerlaubtes Glückspiel", stellte die Weibelin fest. "Korporal, schafft diesen Abschaum aus meinem Blickfeld!"

"Wie ihr befehlt, Frau Weibel", sagte der Angesprochene und packte zusammen mit zwei Gemeinen den Tulamiden.

"Wer hat noch mitgespielt?", frage Ëarissa in die Runde.

Einige Tavernengäste zeigten auf den jungen Burschen an der Theke, der sofort gefasst wurde, und auf Aldare.

"So, die Amazone auch. Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet", schüttelte Ëarissa den Kopf.

"Entschuldigt, Frau Weibel, ich wusste nicht, dass Glückspiel unter Strafe steht!"

"Es ist nur an den dafür vorgesehenen Orten erlaubt. Doch gegen eine kleine Aufklärungsentschädigung lassen wir euch natürlich ziehen, werte Amazone."

Beorn war inzwischen hinzugetreten und meinte: "Das was ihr da gerade gesagt habt, nennt man anderswo Bestechung."

"Ihr wagt es? Was fällt euch ein? Na schön, dann werden wir die Amazone eben gehen lassen. Das nächste Mal wisst ihr aber bescheid", die Weibelin drehte sich nun zu Falber und sagte leise: "Aber nehmt diesen schwarz gerüsteten Unruhestifter mit!"

"Zu Befehl!", der Serschant trat mit zwei Gemeinen an Beorn heran. "Mitkommen!", sagte er nur.

"Ihr werdet schon gegen mich kämpfen müssen, Serschant! Meine Verhaftung ist ungerechtfertigt", sprach der Boronsdiener kühl.

"Das habt ihr nicht zu entscheiden", donnerte Falber.

Legolant bahnte sich seinen Weg durch die Menge zu den Andergastern.

"Ritter Rondradan, helft mir bitte, die Stadtgarde will meine Freunde ohne Grund verhaften!", beschwor der Schelm den Andergaster.

"Wos? Jo do hob i noch ahn Wörtche mitzurede", der Ritter stand auf und ging zu den Gardisten.

"Sofort mitkommen!", brüllte der Serschant die halbe Schenke zusammen.

"Jetzt lasst mal die guarten Leud hier in Ruh, sonst geb i dir a Watschen!", drohte Ritter Fichelbreitner.

"Herr Ritter, wieso lassen wir nicht den Hauptmann entscheiden, wer unschuldig ist und wer nicht?", fragte die Weibelin in die Runde.

"Jo mei, des is wohl ’s Best", kratzte sich Rondradan am Kopf.

So wurden Aldare und Beorn schließlich zum Hauptquartier der Garde geführt. Man schickte sie in das Dienstzimmer von Hauptmann Thordenan Menzheimer.

Als die beiden den Raum betraten, achtete dieser im ersten Moment gar nicht auf seine Besucher, sondern schrieb weiter auf irgendwelche Schriftstücke und Dokumente, bis er endlich aufschaute. Der Mann war vielleicht Anfang 40, hatte eine ordentlich gekämmte schwarzhaarige Frisur mit ersten Grauspuren. Er war schlank, aber trotzdem kräftig. Seine dunkelblauen Augen musterten die Amazone und den Boronsdiener eine ganze Weile. Dann meinte er: "Rondra zum Gruß! Mein Name ist Thordenan Menzheimer, ich bin im Rang eines Hauptmanns."

"Aldare Rondrawohl, Amazone der Göttin Rondra."

"Beorn von Narutil, Diener des Gottes Boron."

"Was wird euch vorgeworfen?", fragte der Hauptmann.

"Mir wird Glückspiel vorgeworfen, aber ich wusste nicht, dass es im ‚Silbertaler’ verboten ist", erklärte Aldare.

"Nun das ist es, werte Amazone. Ich werde euch zwar sofort wieder frei lassen, aber ich muss eine Strafe von 15 Talern erheben. Meine Leute sind nicht dazu da jeden Bürger von selbst über die Gesetze aufzuklären. Ihr versteht?"

"Natürlich, ich werde meinen Obolus auch sofort bezahlen", bejahte die Amazone.

"Und ihr, was wirft man euch vor?", wandte sich der Hauptmann an Beorn.

"Ich habe einfach nur Unfrieden gestiftet, weil ich es wagte eurer Weibelin zu widersprechen", erläuterte Beorn.

"Nun, dann seit ihr selbstverständlich frei. Weibelin Schönacker ist manchmal etwas übereifrig", schmunzelte der Hauptmann.

"Ich danke euch, Hauptmann", freute sich Beorn.

Aldare und er verabschiedeten sich und traten erleichtert den Rückweg zu ihren Gefährten an. Der Hauptmann war anscheinend ein vernünftiger Mann, doch leider konnte er seine Unteroffiziere nur mäßig im Zaum halten. "Wir werden dieser Weibelin noch mehr als einmal begegnen", dachte sich Beorn und runzelte die Stirn.

Das Madamal stand schon hoch am Firmament, als die beiden ihre Herberge erreichten. Nach und nach gingen nun die Lichter in Baliho aus. Nur Phexens Diener waren jetzt noch in den finstren Gassen anzutreffen.



Szene 6 Baliho (Der Traum – Die Nacht der Erscheinungen Teil 1)

Falk schlummerte tief und fest in seinem weichen Bett im ‚Silbernen Pandlaril’, seine Gedanken waren bei Shandrissa, doch irgendetwas begann sich in seinen Geist zu drängen, als wollte es Falks Träume und Wünsche fortspülen, um stattdessen die Bedürfnisse eines anderen in sein Bewusstsein zu pflanzen. Der Hexer konnte sich nicht wehren und wollte es auch nicht. Sein Verstand und sein Aurapanzer spürten, dass nichts Böses von der fremden Macht ausging, vielmehr schien sie Angst zu haben, doch war es unklar, wovor.

Shandrissas liebliches Bild verschwamm nun endgültig und eine undeutliche im Nebel liegende Siedlung wurde zur Lokalität von Falks Traumgestalten.

"Falk", vernahm der Hexer, jemand rief ihn. "Hilf mir, Falk!", es war eine helle weibliche Stimme. Schwach, hilflos und wie aus großer Ferne. "Hilf mir, bevor es zu spät ist!", die astralen Muster im Körper des Hexers begannen zu pulsieren, doch nicht mal er selbst konnte dies wahrnehmen. Jetzt nahm die Traumgestalt eine Wendung, der Hexer konnte undeutlich eine Menschenmenge erkennen. Obwohl er ihre Gesichter nicht sehen konnte, spürte er blinden Hass. "Noch passt die silberne Frau auf mich auf", erklang die Mädchenstimme erneut. "Doch sie wollen sie gefangen nehmen!"

Falks Verstand begann sich zu recken und suchte nach einem Weg aus der Vision, in der er gefangen war. "Sie wollen sie gefangen nehmen", und dann ein lang gezogener Schrei.

Ein Ruck ging durch Falks Körper, als sein Aurapanzer das Band der fremden Magie zerschnitt.


Der Hexer riss die Augen auf. Niemand war zu sehen, alles war ruhig. Der Traum war wie eine Flammenschrift in sein Gedächtnis gebrannt worden. Doch war es NUR ein Traum, oder war es ein Hilferuf? Wer war die silberne Frau?

Falk legte sich auf die Seite und schloss die Augen. Er versuchte sich wieder Shandrissas Bild ins Gedächtnis zu rufen, doch es wollte ihm kaum gelingen. Mal hatte die Auelfe silberne Haut, mal silberne Haare oder Augen. Ihm wurde mulmig, und er zog die Decke über den Kopf. "Höre auf deine Träume!", erinnerte er sich an die Worte einer alten Hexe auf seiner letzten Hexennacht. "Durch sie spricht dein Herz oder das Herz eines anderen zu dir. Sie erzählen immer die Wahrheit."

Die Wahrheit, was war die Wahrheit?

"Ich muss die Wahrheit finden", kam es immer wieder leise über seine Lippen, bis er schließlich wieder sanft einschlief.

Dass es noch mehr Menschen gab, die diese Nacht so schnell nicht wieder vergessen würden, konnte der Hexer nicht mal in seinen kühnsten Traumvisionen erahnen.



Szene 7 Baliho (Der Geist – Die Nacht der Erscheinungen Teil 2)

"Hatte gar nicht bemerkt, dass wir es schon so spät haben", grübelte Harmwulf.

"Was nutzt’s, Erdlinde wird sowieso schon schlafen", erwiderte Drachwill.

"Ja, ich weiß. Ich werde von Neunhild morgen auch ganz schön Ärger bekommen."

"In unserem Alter geht man eben nicht mehr so lange aus, lieber Nachbar."

"In der Tat. Unsereins sollte nur noch Enkel hüten oder über Politik diskutieren", meinte Harmwulf unbedacht.

"Tja, Enkel, die ich niemals haben werde", entgegnete Drachwill gedämpft.

"Oje, Drachwill, ich habe nicht nachgedacht."

"Lass gut sein, Harmwulf! Es ist nicht deine Schuld. Ich mach' mich dann aber mal wirklich rüber, also gute Nacht und bis morgen!"

"Gute Nacht, Drachwill!"


Drachwill stand gerade vor seiner Haustür, als er einen hellen Lichtschein sah, der sich in der Türklinke spiegelte. Erstaunt wandte er sich um. In einigen hundert Schritt Entfernung musste eine sehr helle Lichtquelle sein. Schon bald würde jeder Bürger, der jetzt noch wach war, dorthin eilen. "Was soll’s, ob ich jetzt noch ein paar Minuten später nach Hause komme oder nicht", sagte Drachwill leise zu sich selbst und eilte in Richtung des Lichtscheins.

Nach vielleicht 200 Schritt erkannte er, dass das Licht seinen Ursprung auf dem Friedhof der Stadt haben musste. "Praios steh mir bei!", entfuhr es Drachwill. Er steuerte zwei Stadtgardisten an, die eine nächtlicher Streife durch die Stadt gingen.

"Sagt an, Gardesoldat, wollt ihr nicht nachschauen, was auf dem Boronsanger vor sich geht?", begann Drachwill das Gespräch,

"Was soll denn da vor sich gehen, alter Mann?", fragte ein jüngerer Büttel mit Glatze und einem Kinnbart zurück.

"Na seht ihr denn nicht das grelle Licht?"

"Dort ist kein Licht, alter Mann. Ihr solltet nicht so viel saufen! Geht nach Hause und schlaft euren Rausch aus!", die beiden Gardisten schüttelten den Kopf und ließen den verdutzen Drachwill stehen.

"Stumpfsinnige, freche Jugend", dachte Drachwill und schritt weiter zum Friedhof. Er passierte schließlich das Eingangstor. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Dann war das Leuchten plötzlich vorbei.

Drachwill kratzte sich am Kopf und wollte wieder umdrehen, doch dann hörte er einen Ruf.

"Vater, komm zu mir!"

"Boron sei mir gnädig!", zitterte Drachwill.

Es war die Stimme seines toten Sohnes. War sie wirklich oder war es eine düstere Magie, die Drachwill diese Stimme vorgaukelte?

"Vater, komm zu meinem Grab!", tönte die Stimme wieder.

"Heilige Herrin Travia, das kann doch alles nicht wahr sein."

"Vater, du musst mir helfen!"

Drachwill näherte sich vorsichtig dem Grab seines Sohnes, über welchem eine durchsichtige Gestalt schwebte. Es war Leugrimm Schoberbrück, sein Sohn.

Drachwill kam es vor, als wären die Konturen von Leugrimms Antlitz leicht verschwommen. Es schien, als wäre er einen Moment in dieser Welt, im nächsten wiederum aber nicht.

"Sohn, bist du das?", fragte Drachwill.

"Ja, Vater, habe keine Angst!", sagte Leugrimm.

"Wie? Wie kann das sein? Solltest du nicht in Rondras Hallen weilen?", stammelte Drachwill.

"Meine Seele kann keine Ruhe finden, solange ich mein Schwert nicht habe", erklärte Leugrimm.

"Aber Junge, es ist mit dir bestattet worden. Dein Freund Jergan Fuxfell hat höchstpersönlich die Zeremonie durchgeführt."

"Ja, das weiß ich, Vater, aber die Wirbelklinge wurde aus meinem Grab gestohlen", die Stimme des Geistes klang jetzt stark erbost.

"Bei den Göttern, diese Tat darf nicht ungesühnt bleiben! Ich werde den hundsgemeinen Dieb jagen und finden", grollte Drachwill.

"Nein, Vater! Du bist zu alt und du bist auch kein Krieger. Finde eine Schar tapferer Recken, die von Ehre erfüllt sind und sich nicht von der Gier nach Gold oder Macht leiten lassen! Nur solch tugendhafte Streiter können dir helfen die Waffe zurückzubringen", erklärte Leugrimm.

"Mein Sohn, mein einziges Streben wird von nun an die Suche nach diesen Recken und deren Unterstützung sein, das schwöre ich bei allen Zwölfen!"

"Danke, Vater, doch sei vorsichtig! Wer ein Grab schändet, der ist auch zu Schlimmerem fähig", Leugrimm begann sich langsam aufzulösen.

"Sohn, geh nicht fort!", flehte Drachwill.

"Ich muss nun gehen, Vater. DU musst gehen! Geh, und tue, wie dir aufgetragen!", danach verschwand Leugrimm.

Tränen liefen Drachwill über die Wangen, als er sich auf den Heimweg machte. "Ich werde dir schon das Handwerk legen, lieber Bruder. Ich hatte gehofft, dass du es nicht wagen würdest, einen Frevel gegen Boron zu begehen. Aber dadurch ist es für mich nun leichter, dich zu hassen", wähnte Drachwill.

Während Drachwill in Gedanken versunken durch das schlafende Baliho nach Hause lief, bemerkte er nicht die in dunkles Grau gewandete Person, die zu ihm herüberblickte.

Doch dies war auch nicht so tragisch, denn schon wenige Augenblicke später, schickte sich die Gestalt hastig zum Weitergehen an. Ihr harrte des Nachtens noch ein anderes Schicksal.



Szene 8 Baliho (Die Verfolgung – Die Nacht der Erscheinungen Teil 3)

Ulvane sog prüfend die kalte Nachtluft ein. Sie hatte zwar für einen Menschen besonders gute Sinne, doch der Geruch des Wesens, dass sie suchte, war nicht wahrnehmbar.

Obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, was die Kreatur, die sie verfolgte, im Schilde führte, war sie schon den halben Tag unterwegs. Einmal hätte sie ihn, hätte sie es fast erwischt, doch im allerletzten Moment schaffte es das Biest, seine Gestalt zu ändern und in Form einer schwarzen Katze durch einen schmalen Spalt zu entkommen.

Ulvane spürte keinen Argwohn im Verhalten des Wesens, auch schien dieses die heilige Aura, die sie seit ihrer Weihe im Phextempel begleitete, nicht zu stören. Trotzdem flüchtete es. Was war es, oder er?

Die Phexjüngerin hatte es sofort bemerkt als sie ihn, es das erste Mal gesehen hatte. Das war am Nachmittag des heutigen Tages. Sie war zuerst verzückt gewesen, als sie den wild aussehenden Mann in einer Seitengasse erblickt hatte. Schon von weitem war er interessanter für sie als der gewöhnliche Balihoer Viehtreiber oder Handwerksgeselle.

Mit dem anderen Geschlecht tat sich Ulvane etwas schwer, besser gesagt die Mannskerle mit ihr. Und dies lag nicht an ihrem Aussehen, denn wenn sie mit ihrem Sternenmantel bekleidet durch die Straßen ihrer Heimatstadt schritt, drehten sich die Männer reihenweise nach ihr um. Vielmehr bereitete es potentiellen Verehrern Probleme, dass die zierliche Mittzwanzigerin die wahrscheinlich gefährlichste Frau der Stadt war. Sie war die Tochter des Gardehauptmannes. Eine falsche Geste ihr gegenüber konnte ausreichen, um sich an einer Eiche baumelnd wieder zu finden. Hauptmann Thordenan hatte seinen Untergebenen aufgetragen ganz besonders auf sein einziges Töchterchen aufzupassen. Mit dem Erfolg, dass nur irgendwelche reiche oder adlige Langweiler für Ulvane abfielen. Männer ohne Mut und mit biegsamem Rückrad.

Der Mann, oder das Wesen, das sie verfolgte, strotzte vor Wildheit, wie es Ulvane sonst nur von Elfen oder Orks kannte.

Interessiert war sie auf ihn zugegangen, doch dieser hatte sich abgewendet und war zwischen ein paar alten Fässern verschwunden. Das Merkwürdige war, dass er dabei auf allen Vieren lief. Verdutzt war sie zu den Fässern gelaufen, in deren Nähe aber nur eine schwarze Katze war. Zuerst wollte sie den Ort verlassen, doch irgendetwas am Verhalten der Katze hatte sie stutzig gemacht. Sie wirkte intelligent. Ulvane hatte versucht sie zu greifen, doch vergebens.

Nun war sie ihr schon etliche Stunden auf der Spur. "Um eine Phexgeweihte zu überlisten, gehört mehr dazu als die Fähigkeit der Gestaltwandlung", dachte Ulvane.

"Miez, Miez, komm her!", rief sie in die Gasse hinein, in der sie das Wesen vermutete. Natürlich regte sich nichts. Ulvane überlegte einen Moment, dann ging sie langsam in eine Querstraße. Als die Gasse außer Sicht war, begann sie zu rennen. Sie umrundete zwei direkte aneinander gebaute Stadthäuser. In einem Hinterhof angekommen, bestieg sie das Dach eines der Häuser. Die Phexgeweihte kletterte geschmeidig und mit Obacht. Oben angekommen hatte sie die Gasse, in der sie eben noch gestanden hatte, im Blickwinkel. Sie wartete. Nach einer halben Stunde dachte sie, das Wesen hätte sie getäuscht, doch dem war nicht so. Es nahm wohl an, die Luft wäre rein, aber Ulvane war hartnäckig.

Der animalische Kerl bewegte sich nun die Gasse entlang in ihre Richtung, mal aufrecht gehend, mal auf allen Vieren. Die Phexgeweihte sah ihn auf eine größere Straße abbiegen. Ulvane zog ihren Waffengürtel mit dem Degen aus und erhob sich. Mit einem phänomenalen Wurf landete der Gürtel ohne einen Laut zu verursachen an dem Schild einer gegenüberliegenden Fleischerei. Mit der Gewandtheit eines Pumas stürzte sich die junge Phexpriesterin vom Häuserdach in die Tiefe. Obwohl sie sich perfekt auf dem Schnee abrollte, schmerzte ihre Schulter aufgrund des darunter liegenden Kopfsteinpflasters.

Auf leisen Sohlen und mit kleinen Füßchen trippelte Ulvane um die Ecke. Gerade rechtzeitig, denn ihr Gejagter bog im selben Moment erneut ab.

Instinktiv ging sie unter einem alten Karren in Deckung. Jemand anderes kam die Straße entlang. Ulvane schärfte ihren Blick. Es war der alte Drachwill Schoberbrück. Als sie noch klein war, hatte er ihr immer ihre Kleidchen genäht. Sie schüttelte den Kopf. "Seitdem die Goblins seinen Jungen abgeschlachtet haben, ist der Alte nicht mehr derselbe", erkannte Ulvane wehmütig.

Als er vorüber war konnte sie ihre Verfolgung endlich wieder aufnehmen. "Hoffentlich ist das Biest jetzt nicht schon wieder verschwunden", dachte die Phexpriesterin.

Doch der göttliche Fuchs war mit ihr, die Kreatur stand vor der Herberge ‚Silberner Pandlaril’ und schien zu überlegen. Ulvane schlich langsam näher, während das Wesen die Wand der Herberge hochkletterte.

Die Phexgeweihte sandte ein Stoßgebet zu ihrem Gott: "Herr Phex, gib mir die Fähigkeit, mich vor dieser sonderbaren Kreatur zu verbergen!"

Die dunkelgraue Kutte von Ulvane nahm wie durch Geisterhand das Muster des Kopfsteinpflasters an und genauso Ulvanes zarte helle Haut. Dieser Zustand würde anhalten solange sie keinen Laut von sich gab.

Die Kreatur machte sich an den geschlossenen Läden eines Fensters im ersten Stock des Gasthofes zu schaffen, als Ulvane unter sie trat.

"So, mein wilder Bursche, gib lieber gleich auf und sag mir was du hier machst!", überraschte Ulvane das Wesen. Sie war sich sicher, dass es nach oben zu hoch für das Wesen war zu entkommen, es musste also zu ihr runter klettern oder seitlich ausweichen. In beiden Fällen wäre es langsamer als sie.

Es tat jedoch etwas ganz anderes. Zuerst verkrallte es sich in den Fensterläden und dann machte es einen ungeheuer weiten Salto nach hinten.

In einer flüssigen Bewegung riss Ulvane den Degen aus seiner Lederscheide und schlug nach der Kreatur, die nur wenige Finger über die Degenspitze hinwegsauste, um dann hinter Ulvane zu landen.

Ohne sich umzudrehen stach die Phexgeweihte nach hinten, ins Leere. Im nächsten Atemzug sprintete das Wesen an ihr vorbei und suchte sein Heil in der Flucht. Ulvane hinterher.


Falk schreckte hoch. Was waren das nur für Geräusche vor seinem Fenster gewesen?

Er lauschte noch eine Weile, aber da war nichts. "Vermutlich nur der Wind", dachte er und mummelte sich wieder in seine Decke ein. "Ich muss die Wahrheit finden", flüsterte er, bevor er wieder einduselte.


Jetzt lief die Kreatur auf die Nordseite der Herberge zu. Im Lauf kramte es eine Pergamentrolle aus der Tasche, hielt kurz inne und warf sie zielgenau durch ein leicht offen stehendes Fenster.

"Wo hat das Viech auf einmal die Tasche her?", grübelte Ulvane.

Sie war fast bei ihm. Doch dann passierte es: unter den staunenden Augen der jungen Priesterin machte die Kreatur erneut eine Metamorphose von Mensch zur Katze durch. Mit einem Satz warf sich Ulvane auf die Katze. Doch diese fauchte wild, als die Priesterin sie packte, und strampelte mit den Hinterbeinen. "Laaaaass mich!", sprach die Katze.

Ulvane war so perplex, dass es der Katze gelang, sich los zu winden und unter ein paar Brettern in den Stall der Herberge zu entkommen. Ulvane hinterher.

Sie stand vor der Stalltür. "Das Pergament", platzte es aus ihr heraus, also lief sie zurück zu dem unverschlossenen Fenster und stieg vorsichtig hinein. Die Pergamentrolle lag auf dem Bett des Einzelzimmers, in dem sie sich nun befand. Aus ihrer Sicht fatal war, dass dort noch jemand im Bett lag. Ulvane wiegte den Kopf etwas zur Seite. "Hübsch ist der Bursche ja, aber auch ein bisschen schmächtig."

Behutsam krabbelte sie neben den jungen Mann aufs Bett. "Ulvane, komm jetzt nicht auf dumme Gedanken", ermahnte sie sich. Der Mann atmete tief durch und zog an der Decke. Ulvane rollte sich auf den Rücken, um ihm die Decke frei zu geben. Dann tastete sie nach der Pergamentrolle über ihr im Bett. "Verdammt, wo ist das Ding", zischte sie. Ihre Augen weiteten sich, als ihr gewahr wurde, dass sie eben gesprochen hatte. Der Mann hustete einmal und drehte sich auf die Seite, seine Hand blieb dabei auf Ulvanes Brust liegen.

"Ganz toll, Blondschopf, wer immer du bist", dachte Ulvane.

Sie verrenkte ihr Rückrat, um sich von der Berührung des Burschen zu lösen. Dabei rutschte sie im Bett etwas nach unten. Sie blickte sich nach dem Pergament um, als ein Zauberstab in ihr Blickfeld fiel.

"Du liebe Zeit, ein Magier", kam es leise über ihre Lippen.

Dann ließ sich die Phexgeweihte vom Bett gleiten.

Der Mann drehte sich nun auf den Bauch, so dass er genau auf der Pergamentrolle lag.

"Wenn der mich erwischt, dann friste ich danach ein Dasein als Kröte oder Schlimmeres", malte sich Ulvane aus.

Sie prägte sich noch einmal die blonde Kurzhaarfrisur, das zarte Gesicht und den Stab des Magiers ein, dann sprang sie mit einem Satz aus dem Fenster, lehnte es etwas an und ging.

"Dich werde ich im Auge behalten, Magierchen!", grinste Ulvane in sich hinein und spazierte gedankenvoll den Weg in ihren Tempel zurück.



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