Die Jagd nach der Wirbelklinge (III) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 16 Baliho (Die Ermittlung beginnt)

Am nächsten Morgen wurden die weiteren Maßnahmen der Helden verabredet. Man hielt Rücksprache mit Drachwill und kam zu der Übereinstimmung, dass die Nachbarsleute der Trauerfamilie auch von der Liste der Verdächtigen gestrichen werden konnten. Damit blieben elf Personen übrig. Dass Tannfried Schoberbrück der Hauptverdächtige war, lag auf der Hand. Deshalb sollte Sal einen Waffennarr mimen, besser gesagt, er sollte sich selber spielen und zusammen mit Legolant den Onkel des gefallenen Leugrimm und dessen Leibwächter überprüfen. Falk zog los, um die Intention der Tagelöhnerin zu ergründen. Dazu musste er sich in die ärmeren Bezirke der Stadt begeben. Ilkarion suchte die Kaserne auf, um die herzoglichen Soldaten zu befragen und das eingespielte Duo Aldare und Beorn nahm sich den Waffenhändler vor. So plante man bis zum Nachmittag sieben der elf Leute ausgespäht zu haben. Drei weitere würde man bis zum Abend schaffen. Danach konnte man bei einem Abendessen im ‚Goblinwürger’ die Wirtin genauer unter die Lupe nehmen. Drachwill gab noch einmal eine detailgetreue Beschreibung der Wirbelklinge, bei der es sich um ein Tuzakmesser, einen maraskanischen Zweihandsäbel, handeln sollte, ab.


Jetzt verstand Legolant endlich was ein Antiquitätenhändler war. Nach dem ganzen Krimskrams zu urteilen, der in seinem Laden herumstand, war er ein Abfallsammler. Hier gaben die Leute wohl alte Möbel, Kleider und Bücher ab, wenn sie deren Besitz überdrüssig waren. Er musste breit grinsen, als er darüber nachdachte, was für Trottel den Plunder danach noch kauften. Sie warteten noch auf den Ladeninhaber. Außer ihnen war nur der schweigsame Leibwächter Efferdin Melltheuer anwesend, der hinter dem Tresen auf einem Stuhl saß.

"Ganz schöner Firlefanz hier, und ich sehe auch keine Waffen. Doch, da hinten hängt ja eine Klinge. Ach ist das orksch, ist nur ein olles Turnierschwert", redete Sal zu sich selber.

"Meinst du hier gibt es auch bunte Tücher?", riss ihn Legolant aus seinen Selbstgesprächen.

"Was? Das ist die dümmste Frage, die ich je gehört habe, du Schwachsinniger", fuhr ihn Sal an,

"schlimm genug, dass ein Mann herumläuft wie eine Hupfdohle, da fehlen ein paar bunte Tücher gerade…"

"Travia zum Gruß! Wie kann ich euch behilflich sein? Tannfried Schoberbrück mein Name, ich bin hier der Geschäftsführer", wurde der Söldner von dem Antiquar unterbrochen, der aus einem Hinterzimmer getreten war. Der Mann wirkte irgendwie wesentlich jünger als Drachwill. Zum einen war sein schwarzes Haar nur mit wenigen grauen Schlieren durchzogen, zum anderen war sein Gesicht nicht so stark vom Leben gezeichnet, wie das von Drachwill. In seinem Falle konnte man davon ausgehen, dass ein Leben in Reichtum doch schon seine Vorzüge hatte.

"Kor zum Gruße, Herr Kaufmann! Ich bin ein Sammler und Träger von prächtigen Waffen und habe gehört, dass ihr besondere Klingen in eurer Sammlung habt", erwiderte Sal den Gruß.

"So habt ihr das? Nun, es stimmt. Nach welcher Kategorie von Rondras Werkzeugen steht euch der Sinn?"

"Ich dachte da an so eine Art schweren Säbel."

"Meint ihr vielleicht einen Reitersäbel, wie er dem kaiserlichen Offiziere würdig ist?"

"Nein, noch schwerer!", forderte Sal.

"Oho, ich weiß es. Die Waffe der Wüstensöhne, einen…"

"Nein, nein, nein. Ihr müsst mich entschuldigen", fiel ihm der Söldner ins Wort. "Ich dachte da an einen Zweihandsäbel, wie ihn die Reisfresser verwenden. Die sollen Unseren ja beim großen Aufstand im Jahre 2 Hal mächtig eingeheizt haben."

"Da seid ihr hier am falschen Ende der Welt", meinte Tannfried schmissig.

"Ein Mann eures Formats ist doch gerade auf solche Kostbarkeiten spezialisiert", der Söldner blieb immer noch gefasst.

"So eine Waffe könntet ihr nie und nimmer bezahlen. Da würdet ihr auf mindestens 40 Golddukaten kommen. Davon mal abgesehen kenne ich nur einen Mann, der so ein Tuzakmesser führt, wie die - Reisfresser sagtet ihr, die Waffe nennen."

"Ihr kennt einen Mann, hier?", fragte Legolant erstaunt dazwischen.

"In der Tat, er steht hier vor euch", erklärte Tannfried feierlich.

"Ihr?", platzte es gleichsam aus dem Schelm und dem Söldner heraus. War Drachwills Vermutung richtig? Hatten sie so schnell den Grabräuber gefunden?

"Nein, nicht ich. Efferdin!", drehte sich Tannfried zu seiner Leibwache um.

Der schwarz gekleidete, schlanke Mann erhob sich und zog dabei eine prachtvolle, gebogene Zweihandklinge mit einer messerscharfen Schneide und reich verzierter Parierstange. Jetzt, als der Kämpfer näher kam, wirkte er eigentlich nicht besonders bedrohlich. Seine Gewandung brachte seine rotblonden Haare besonders zur Geltung, und Leute mit roten Haaren waren Legolant am liebsten. Wortlos hielt er die Waffe den zwei Besuchern entgegen.

"Potzblitz, ein echtes Tuzakmesser", staunte Sal.

"Nein, leider nicht wirklich", sagte Tannfried.

Nun waren Sal und Legolant aber wirklich baff.

"Eine Kopie von mittelreicher Schmieden, zu erkennen an der gebogenen Parierstange", als die beiden Kunden daraufhin ungläubig dreinschauten, meinte er: "Ja wirklich, die Maraskaner verwenden ausnahmslos Parierscheiben."

"Dann wollt ihr damit also sagen, dass die Waffe nur eine Mittelreicher Nachbildung ist", hakte Legolant noch einmal nach.

"Richtig, genau das ist mein Ansinnen."

"Dann gibt es also hier in Weiden wahrscheinlich niemanden, der so eine Waffe besitzt", seufzte Sal gespielt.

"Nicht mehr", antwortete der Antiquitätenhändler.

"Dann gab es also mal jemanden?"

"Bis vor kurzem, richtig. Es war ein Offizier der herzoglichen Armee, der die Waffe im Krieg gegen die Maraskaner erbeutet hatte. Genau genommen war er mein Neffe", erzählte der Antiquar.

"Oh, das wusste ich nicht. Tut mir leid mit eurem Neffen", entschuldigte sich der Söldner.

"Ein bedauerlicher Verlust, den wir den arglistigen Rotpelzen zu verdanken haben", stöhnte Tannfried.

"Also haben die Goblins die Waffe erbeutet?", fragte Legolant rhetorisch.

"Dann wäre die Waffe noch irgendwie greifbar, aber jetzt ist sie das nicht mehr", verdeutlichte der Antiquar den Umstand der Begrabung.

"Wie meint ihr das?", fragte der Söldner.

"Mein Bruder hat sich unsinnigerweise dazu entschlossen die Wirbelklinge, so war der Name der Waffe, für immer im Grab seines Sohnes verrotten zu lassen", klagte Tannfried.

"Schrecklich, schrecklich", äußerte Sal schauspielerisch betroffen.

"Ich habe ihm gutes Geld für die Klinge geboten, doch der alte Tor lehnte ab. Jetzt ist die Waffe verloren."

"Dann kann man wohl nichts mehr machen. Aber wenn ihr so ein Tuzakmesser mal bekommen solltet, reserviert es für uns!"

"Das kommt euch zu teuer, fürchte ich, aber falls euch so ein Schmuckstück in die Hände fallen sollte, dann wisst ihr ja wo ich bin!", sagte der Antiquitätenhändler.

Sal nickte.

Legolant und er verabschiedeten sich und verließen den Laden. Der Hauptverdächtige machte einen unschuldigen Eindruck, doch konnte dieser auch gespielt sein. Jeder Grabschänder musste sich in Gefahr wähnen. Es mangelte dem Schelm und den Söldner zwar nicht an einem Motiv, aber der Beweis war im Moment nicht zu erbringen, so dass sie erstmal die Resultate ihrer Kameraden abwarteten.


Unterdessen hatte sich der Hexer in die ärmeren Viertel der Stadt aufgemacht, um die Tagelöhnerin Holdtraude Barnenbrück auszuhorchen. Er kannte weder einen Anhaltspunkt noch ein Motiv bei der Frau. Ilkarion hatte ihm gegenüber starke Zweifel geäußert, dass sie von dem wahren Wert der Waffe wissen könne. Trotzdem entschloss man sich die Tagelöhnerin nicht von der Liste der Verdächtigen zu streichen. Nachlässigkeiten durfte man sich im Hinblick auf eine gequälte, ruhelose Seele nicht erlauben.

Falk war etwas unwohl, als er an Holdtraude Barnenbrücks Türe pochte. Er hatte seit kurzem edle Kleidung und kam sich daher unter dem gewöhnlichen Stadtvolk noch stärker wie ein Außenseiter vor, als er es schon vorher war.

Die windschief in den Angeln hängende Türe wurde geöffnet und eine Frau jenseits ihrer besten Jahre öffnete. Sie hatte hellbraunes glattes Haar mit wenigen grauen Strähnen dazwischen und listig dreinschauende Augen. Dem Hexer fiel an der Gewandung der Frau auf, dass die Kleidungsstücke anscheinend willkürlich kombiniert waren. Manches wirkte ärmlich und manches edel. Auch die Farben bissen sich. Zwar nicht so extrem wie bei Legolant, aber dieser wollte ja möglichst auffallen.

"Was gibt’s hübscher Junge?", begann Holdtraude das Gespräch.

"Ich bin gekommen, um mich nach einem Freund von euch zu erkundigen, sein Name ist Leugrimm Schoberbrück", antwortete Falk.

"Da biste ’nen Monat zu spät. Ist gefallen", erklärte die Tagelöhnerin.

"Gefallen? Wo denn?"

"Junge, kommste aus’m Wald, oder was? Auf den Schlachtfeldern im Nordosten, wo die Rundhelme mit den Rotpelzen um unser aller Schicksal gerungen haben", sagte Holdtraude.

"Das ist ja furchtbar. Kanntet ihr ihn gut?"

"Das will ich meinen, aber in den letzten Jahren hab ich nicht mehr so oft mit ihm zu tun gehabt, nachdem meine Schwester gestorben war."

"Eure Schwester?", erkundigte der Hexer sich aufrichtig interessiert.

"Sie war seine Freundin", sie hielt kurz inne: "Bevor sie vor fünf Jahren bei der Zerstörung Ysilias durch die Oger getötet wurde."

"So viel schlechte Kunde, und obendrein war meine Suche umsonst", seufzte Falk.

"So geht’s im Leben, seid froh, dass ihr noch lebt!", bemühte ihn Holdtraude.

"Ich hätte gerne mal seine Waffe gesehen", stöhnte der Hexer.

"Sein maraskanisches Schlachtmesser. Das stellt er bestimmt gerade den Rondraheiligen vor, hat sein Vater mit ihm begraben lassen."

"Wie sich’s gehört", meinte Falk.

"So will es der Brauch. Ach, eine Sache noch bevor ihr geht, woher wusstet ihr von meiner Bekanntschaft zu Leugrimm?"

"Von einem Bettler", log Falk.

"Ach so", nickte Holdtraude. "Dann gehabt euch wohl, und Phex sei mit euch!"

"Mit euch ebenfalls", sagte der Hexer und ging fort.

Er war sich absolut sicher, dass Holdtraude nichts mit dem Diebstahl der Wirbelklinge zu tun hatte. Vielleicht würden andere Verdächtige bessere Hinweise aufwerfen.


Die Kaserne war eigentlich eher ein Außenposten, der zufällig in einem großen Ort lag. Baliho war eine Stadt, in der die Reichen und Mächtigen gerne versuchten das Gesetz des Handels an sich zu ziehen. In den Ränken der Großgrundbesitzer und der Adligen war einfach kein Platz für die aufrichtigen Streiter, die für Herzog Waldemar ins Feld zogen. Trotzdem weilten einige der Rundhelme hier in dieser Art Versorgungslager.

Ilkarion hatte das Glück, die ersten wirklichen Erfolge auf der Suche zu erzielen. Erfolg war vielleicht ein schöngefärbtes Wort, aber sein Verdienst war auf jeden Fall eine zügige Eingrenzung der verdächtigen Personen. Die drei Kriegskameraden von Leugrimm Schoberbrück schieden jedenfalls schnell aus. Hauptmann Plötzbogen und seine Männer waren sofort nach der Beerdigung wieder an die Front abmarschiert, was einen Diebstahl an den Rand des Unmöglichen trieb. Die Befragung eines Offiziers hinsichtlich solch eines Verbrechens wäre auch sehr delikat für Ilkarion geworden.

So ließ sich der Magier nun den Korporal herbeizitieren. Zu ihm wurde ein kleiner rundlicher aber dennoch durchtrainierter Mensch von vielleicht 30 Lenzen geführt, dessen dunkelblonde Haare wirr auf dem Kopf umherstanden. Seine Augen spiegelten Neugier und Furcht wieder.

Er salutierte knapp und blieb gleich stehen, was in seinem Kurbul auch bequemer war.

"Hesinde zum Gruß, Korporal Ehrenstein!", eröffnete Ilkarion die Konversation.

"Praios zum Gruß, Herr Magier. Was, was habt ihr vor?", stammelte Alrik Ehrenstein.

"Ich wollte euch nur einige Fragen bezüglich Leutnant Schoberbrück stellen", lächelte der Graumagier.

"Warum ein Magier? Was habe ich getan, dass Praios mich so straft? Bitte verzaubert mich nicht!", flehte Alrik.

"Aber Korporal, ich wollte euch doch nur fragen, was ihr über die Wirbelklinge wisst", wurde Ilkarion etwas energischer.

"Diese verfluchte Maraskanerschneide! Seht, wie sie ihm Unglück gebracht hat", zeterte der Korporal.

"Ich verstehe nicht", grübelte Ilkarion laut.

"13 Jahre, nachdem er sie gefunden hat, wurde er getötet. 13 ist die Zahl des Namenlosen, der Fluch hat ihn getroffen. Wehe uns, wenn er noch andere erwischt hat", graute es dem Korporal.

"Moment, das kann ich nicht glauben…"

"Sie sind alle unheilig, die Maraskaner. Die Waffe ist bestimmt von Echslingen gemacht worden…"

"Schon gut!", meinte Ilkarion.

"…jetzt in Rondras Hallen wird sie ihre dämonische Kraft verlieren…"

"Seid ihr euch bewusst, was…", da wurde der Magier schon wieder unterbrochen.

"…Welch schwarze Magie ihr wohl innegewohnt hat, konnte sie doch selbstständig…"

"Ich gehe jetzt!", schüttelte Ilkarion den Kopf.

"…Möge euch Praios strafen, wenn ihr selber auf die Idee kommt, euch selbst solch finstere Magie zunutze zu machen!"

Der Graumagier winkte ab und ging.

Wenn ihn seine hohe Menschenkenntnis nicht täuschte, dann war der Korporal so abergläubisch, dass er selbst vor dem Schelm fliehen würde, wenn er ein paar illusionäre Kunststückchen machte.

Auch die Oberschützin Matissa Sivering konnte die Waffe nicht entwendet haben. Sie lag schlafend auf einer Pritsche im Siechenhaus von Baliho. Als Ilkarion einen Therbûniten fragte, was die Frau habe, bekam er zu hören, dass sie an dem gefürchteten Schlachtfeldfieber leide.

Nach weiteren Erkundigungen seitens des Magiers wurde offenkundig, dass die Soldatin mit letzten Kräften auf der Beerdigung erschienen war. Danach hatte sie so hohes Fieber bekommen, dass sie fast verstorben wäre. Der Heiler erklärte Ilkarion, dass sie nun aber wieder auf den Weg der Besserung sei.

Mitleidig wie er war, sprach Ilkarion trotzdem einen Heilzauber auf die Oberschützin, um ihre Lebenskraft zu stärken, bevor er sich zurück auf den Weg zu den anderen machte.


Karfang Graubuckler konnte man getrost als einen alten Haudegen bezeichnen. Der Waffenschmied war wohl schon über 50, doch wirkte er geschmeidiger und gestärkter als mancher Bursche von jungen Jahren. Aldare sah ihm sofort an, dass er nicht immer Schmied gewesen war. Er war ein Abenteurer gewesen, den irgendein Grund, aber nicht sein Alter, dazu gebracht hatte, sesshaft zu werden. Wenn man erstmal die Vorzüge solch eines Lebens ein paar Jahre genossen hat, ist es sehr schwer wieder auf Abenteuerreise zu gehen. Das Vagabundenleben ohne richtige Heimat ist natürlich auch sehr anstrengend, doch dem tapferen und rondragefälligen Streiter gebührt viel Ruhm. Wer aufrichtigen Herzens ist dem reichen der Ruhm und die Ehre, um ein glückliches Leben zu führen. Nicht viel kann einen Recken der Rondra von seinem Feldzug im Namen des Guten abhalten. Tod ist eine Ehre, Verkrüppelung eine Schmach und lieben kann ein aufrichtiger Rondrianer eigentlich nur einen anderen Helden. Eigentlich?

Die Wege der Göttin Rahja sind unergründlich.

"Seid gegrüßt in Rondras Namen. Kriegskundige sind mir die liebsten Kunden und ihr seht aus, als ob ihr euer Schwert nicht nur zur Zierde tragt", begrüßte Karfang den Boronsdiener und die Amazone herzlich.

"Recht habt ihr, werter Herr. Ich bin eine Amazone und mein Begleiter kämpft im Namen des Gottes, der über unseren Schlaf wacht", erklärte Aldare.

"Nun, wenn ihr lesen könnt, dann wisst ihr wohl, dass ihr in Graubucklers Waffenladen seid. Ich sage euch, hier ist für jeden von euch etwas dabei."

"Wenn es euch Recht ist, sehen wir uns eine Weile um", meinte Aldare.

"Schaut euch die Waffen an! Anfassen ist erlaubt", feixte Karfang.

Die beiden begutachteten Karfangs Waren. Da waren Klingenwaffen wie Schwerter, Säbel und Anderthalbhänder. Da waren Dolche, Messer, Stilette, Hirschfänger. Sogar gegossene Waffen wie Morgenstern und Streitkolben hatte der Waffenschmied anzubieten. "Nur weit und breit kein Tuzakmesser zu sehen", dachte Beorn.

Nachdem sie sich umgeschaut hatten, traten sie wieder an Karfang heran.

"Wie ihr wahrscheinlich wisst, oder auch nicht wisst, bevorzuge ich als Amazone gebogene Klingen. Ich bin schon lange auf der Suche nach einem dieser maraskanischen Zweihandsäbel", bemerkte Aldare fast beiläufig.

"Ein Tuzakmesser meint ihr wohl. Ja, ich kenne die Klinge der Beni Rurech. Hatte mal einen Kunden, der so ein Schätzchen hatte", fachsimpelte Karfang.

"Ihr hattet?", bohrte Beorn nach.

"Tatsache! Er war ein Krieger Weidens, guter Kunde, ja eigentlich eher ein Freund, den man nicht allzu oft sieht. War ja viel auf der Walz, der Leugrimm", erinnerte sich der Waffenhändler.

"Ah, ihr meint Leutnant Schoberbrück, den Kriegshelden", tat Beorn überrascht.

"Genau", strahlte Karfang. "Wie gut, dass der Bursche noch in den Herzen von aufrechten Rondrianern und Gläubigen weiterlebt", freute er sich.

"Und er hatte so ein Tuzakmesser?", fragte Aldare.

"Original aus den Schmieden von Tuzak. Hab’s mehr als einmal in der Hand gehabt. Hervorragende Arbeit. Ich hätte das nicht hingekriegt. Soll sogar verzaubert gewesen sein."

"Und wo ist die Waffe nun?", wollte Aldare wissen.

Karfang drehte sich zu Beorn: "Also, Herr Boronsdiener, da müsst ihr unserer Reckin hier mal Nachhilfe in borongefälligem Verhalten beibringen!"

Beorn lächelte ungekünstelt und sagte: "Sie ist mit ihm bestattet worden, wie es die Tradition und der Glaube gebietet."

"Ganz, ganz richtig. Die Waffe war einmal auf dieser Welt."

Nachdem sie Karfang in Bezug auf dieses Thema ausgehorcht hatten, diskutierte Aldare noch ein wenig mit dem Händler über Waffen, bis sie sich schließlich mit dem Boronsdiener freundlich, aber bestimmt von ihm verabschiedete.

Der erste Eindruck dieses Mannes war gut und das zählte bei der Amazone schon fast alles.


Man saß nach den ersten Ermittlungen im ‚Silbernen Pandlaril’. Ratlosigkeit herrschte bei einigen der sechs Gefährten. Man war untereinander am diskutieren, ob man vielleicht die falschen Fragen gestellt habe, zu auffällig war oder generell verkehrt an die Suche herangetreten war. Zu einem Ergebnis kamen die Sechse nicht, und eine heiße Spur hatten sie auch keine. Keine, nicht mal die Geringste. Nur Beerdigungsgäste, die möglicherweise alle aufrichtig waren. Ja, vielleicht war der Grabfrevler nicht einmal auf der Beerdigung des Toten zugegen gewesen. Dies war gar nicht unwahrscheinlich.


Ilkarion atmete tief durch, erhob sich und sagte: "Los, klappern wir die nächsten Leute auf meiner Liste ab!"

"Ich habe da eine weitaus bessere Idee. Warum fragen wir nicht einfach den Geist, wer ihn bestohlen hat?", fragte Beorn in die Runde.

"Och nö", meinte Legolant nur.

"Er hat seinem Vater nicht gesagt, wer ihn beklaute", stellte Falk fest.

"Dieser hat ihn wohl auch nicht explizit gefragt", äußerte Ilkarion.

"Ex, was?", plärrte Sal.

"Vergiss es!", sagte der Magier und wandte sich an Beorn: "So machen wir’s! Die Totenruhe ist ohnehin schon gestört."

"Au weia, das wird 'ne Lange Nacht", seufzte Legolant.

Trotz ihres Plans den Friedhof zu besuchen, entschlossen sie sich, noch vorher ein Abendessen im ‚Goblinwürger’ einzunehmen; dort konnte man quasi im Vorbeigehen die Wirtin Kupunda Bogenbauer, die ihnen ja schon bekannt war, unter die Lupe nehmen.



Szene 17 Wildnis (Die silberne Frau tritt auf)

Morena vernahm das Zwitschern einer Purpurmeise im Geäst über sich. Sie konnte den Vogel nicht richtig sehen, da die Winterlinde, auf der er saß, auch bei solch kalten Temperaturen immer noch voller Blätter war. Der Singvogel war ein sehr mutiger Zeitgenosse, oder er war einfach nur dumm. Der Warnruf des Weidenhüpfers hätte ihn eigentlich vor Morena warnen müssen, die nun im feuchten Moos unter dem Baum in Lauerstellung gegangen war.

Der Winter trieb die Vögel oft in die Nähe von kulturschaffenden Zweibeinern, doch diese hatten teilweise selber ihre liebe Not, die kalte Jahreszeit zu überstehen.

Für Morena jedenfalls war die Purpurmeise eine Delikatesse. Ein Turmkleiber wäre ihr zwar lieber gewesen, doch im Winter durfte man nicht wählerisch sein.

Die Purpurmeise hopste blitzschnell auf einen etwas tiefer liegenden Ast, so dass Morena sie nun mit großen hellblauen Augen aufmerksam anstarrte.

Stück für Stück pirschte sie sich vorwärts. Ein Beobachter, der mehr als fünf Schritt von ihr entfernt stünde, konnte kaum sehen, dass sie sich überhaupt vorwärts bewegte. Nur das Heben und Senken ihrer Gliedmaßen war mit Mühe zu ersehen.

Nun flatterte die Meise noch etwas tiefer die Linde herab und begann sich eifrig ihr Gefieder zu säubern.

Das war eine fabelhafte Gelegenheit. Morena wartete nur noch einen kurzen Augenblick, bis der Vogel sein Köpfchen wegdrehen würde und wollte dann zupacken. Doch soweit sollte es nicht kommen.

"Morena, Sila feljaure!", erklang eine helle, liebliche Frauenstimme irgendwo hinter Morena. In dem Moment war die Purpurmeise gewarnt und flog geschwind davon. Sie ließ sich etliche Schritt weiter auf der Krone eines Nadelbaumes nieder, womit sie für Morena unerreichbar war.


Dimeloé hielt ihre Hand vor die Stirn um die Sonnenstrahlen abzuwehren und spähte in das Wäldchen hinein. Sehen konnte sie Morena nicht, aber die Spuren ihrer kleinen Füßchen waren deutlich im Schnee zu erkennen. Es ging schon auf den Abend zu, und stellenweise war der Schnee zu einer starren Eisschicht erkaltet. Dimeloé war es aber trotz allem fast noch zu warm. Die Firnelfe hatte schon Temperaturen erlebt, bei denen sogar Tiere mit dickem Fell kaum noch außerhalb einer Höhle existieren konnten. Dies hier war nichts dagegen. Sie neigte dazu, wenn ihr durch längeres Laufen schon sehr warm war, nur noch mit Fellleggins und einer Pelzweste bekleidet herumzulaufen. Die Menschen glotzten sie ohnehin an, als wäre sie irgendein übernatürliches Wesen. Tolerante und nicht abergläubische Leute würden Dimeloé höchstens als übernatürlich schön bezeichnen. Die Firnelfe hatte langes, glattes silberfarbenes Haar, das, wenn es gekämmt war, aussah, wie die Klinge eines Schwertes. In den eisgrauen großen Augen konnte man sich verlieren und das Gesicht war von einer vollkommenen Ebenmäßigkeit. Sie hatte sehr helle Haut, die aber nicht abstoßend aussah, wie bei einigen Zwergenbergarbeitern. Die Kumpels mieden fast immer das Licht der Sonne, was ihnen natürlich den Unbill der Praiosgeweihtenschaft einbrachte. Ein tulamidischer Händler hätte vermutlich eine ganze Herde Kamele für Dimeloé gegeben und auf dem Sklavenmarkt von Al’Anfa hätten sie bestimmt über 1000 Dublonen erzielt. Doch solche Überlegungen waren der Winterelfe fremd, selbst einfache Gedankengänge der Rosenohren, wie sie die Menschen nannte, konnte sie nicht nachvollziehen. Vor allem, wieso sie soviel Reichtum anhäuften und warum so viel Zwietracht in ihren Reihen herrschte.

Elegant und geschmeidig bewegte sich Dimeloé über das Eis, bis sie auf einmal ausglitt und sich gerade noch an dem blattlosen Ast einer Blutbuche festhalten konnte. Sie strich sich ein paar silberne Strähnen aus dem Gesicht und legte eine störrische Miene auf. Dann begann sie an ihren Pelzstiefeln herumzunesteln und sie auszuziehen. Wie sie so barfuss dastand, wurde auch ihr allmählich kühl. Dimeloé zögerte nicht mehr länger, sie breitete die Arme aus und sprach: "Ia’bha a’sela diundra fir’ye!" Es waren die Worte eines Zaubers, den die Elfen Firnlauf nannten. Einige Bewegungsmagier aus der Stadt Belhanka hatten eine gildenmagische Thesis dieses Spruches als ‚Über Eis und über Schnee, ich wie über Erde geh’ entwickelt, doch nur wenige verstanden wirklich etwas vom Leben und der Kultur der Firnelfen, ja selbst die anderen Elfenvölker betrachteten sie teilweise als blutrünstige Außenseiter. Blutrünstig, weil sie nur mäßigen Respekt vor dem Leben eines Tieres haben.

Nun ging Dimeloé sicher über die Eisschicht, als ginge sie auf einer Reichsstraße. Das Eis brach nicht ein, egal wie dünn es war, auch rutschte die Firnelfe nicht. Lief sie über eine Schneeschicht, sank sie nicht in ihr ein. Das würde auch nicht passieren, wenn sie schwerer wäre, denn sie mochte nicht mal 60 Stein wiegen.

Trotz allem schritt sie langsam voran und ihre geschärften Augen beobachteten aufmerksam jede Bewegung, die sich in der weißen Welt abspielte. Firuns Griff über das Land war zwar bisher nicht übermäßig hart, aber auch nur eine kleine Schneeschicht machte ein Verstecken schon sehr viel schwieriger als bei anderen Witterungsverhältnissen.

Dimeloé sah einen kleinen Vogel über sich hinweg fliegen. "Sa Tija", flüsterte sie leise. Ihr war schon klar, dass Morena nicht mehr weit sein konnte und einen Augenblick später entdeckte sie die Katze auch in einem kahlen Strauch von say’dhaba, den die Menschen den merkwürdigen Namen Seidelbast gegeben hatten.

"Morena Tausna, hhmm", knuddelte die Firnelfe die große, schwarz, grau und rot getigerte Katze mit weißem Hauptfell. Dann ging sie mit ihr auf dem Arm, immer noch durch ihre Magie geleitet, spielend leicht durch das Wäldchen zurück auf die freie Wiese. Sie hatte fast die Baumgrenze erreicht, als sie plötzlich etwas witterte.

Sie wandte sich um und blickte direkt in die smaragdgrünen Augen eines Bogenschützen. Völliges Unverständnis lag in ihrem Gesichtsausdruck, als sie die Pfeilspitze sah, die auf ihr Herz zielte.



Szene 18 Baliho (Ein Abend im ‚Goblinwürger’)

Wie geplant, fand man sich zu einer vornächtlichen Stärkung im ‚Goblinwürger’ ein. Die dritte Abendstunde war schon eine ganze Weile angebrochen und eine spürbare Nervosität ob der einbrechenden Dunkelheit machte sich unter manchem der sechs Freunde breit. Immerhin sollte man des Nachtens einem Geist gegenübertreten, einem Wesen, das nicht von dieser Welt war, dass ein Gefangener zwischen zwei Sphären war und das durch seine gestörte Totenruhe vielleicht sogar feindselig gegenüber Fremden war.


Die Sechs hatten an einem Tisch Platz genommen und betrachteten das gesellige Treiben in dieser eher volkstümlichen Schänke. Sie waren alle bis auf Ilkarion und dem Schelm recht knapp bei Kasse, so dass die beiden Zauberkundigen die Hauptlast der Ausgaben trugen. Da sie nicht besonders goldgierig oder geizig waren, machte es ihnen ohnehin nichts aus. Der Magier hielt seine Begleiter aber trotzdem gerne zum besseren Haushalten an, da man sonst irgendwann mit Geldverleihern zu tun haben würde. Bei höheren Schulden hatte man dann schnell auch ein paar Kopfgeldjäger auf den Fersen.

Falk orientierte sich derweil zur Wirtin, um sie hinsichtlich Leugrimm Schoberbrück zu befragen. Er erfuhr, dass Leugrimm gelegentlich mit einem seiner Freunde, dem Viehtreiber Firnmar Runarlin, einem Stammkunden des ‚Goblinwürgers’, in der Schänke war. Dies passte gut, denn der Mann stand ja auf ihrer Liste. Er erörterte mit seinen Weggefährten diesen Sachverhalt und man fasste den Beschluss, auf Firnmar zu warten. Früher oder später musste er in seiner Stammkneipe auftauchen, und sollte er wider Erwarten nicht auftauchen, hatte man sowieso noch den Geist als heiße Spur, so dass sich die ratlose Stimmung ob der Hilflosigkeit in dieser Sache von einigen der sechs Recken langsam aber sicher wieder besserte.

"Euer Essen", knallte ein grimmig aussehender Bediensteter der Wirtin Kupunda Bogenbauer die Speisen von Aldare und Ilkarion auf den Tisch.

"Ein gar seltsamer Kellner", grübelte der Graumagier und schaute dem unrasierten Burschen mit der speckigen Pelzweste hinterher, dann begann er jedoch seine Hühnerflügel zu essen.

Der Mann kam nun mit weiteren Gerichten zurück und ging zu Beorn und Legolant. Beim Hinstellen schüttete er eine heiße Suppe über den Boronsdiener. Falk sah dessen Gesicht sich schmerz- und wutverzerrt verändern.

"Oh Verzeihung, das wollte ich nicht", meinte der Kellner, doch Falk glaubte zu erkennen, dass ihm der Vorfall nicht wirklich Leid tat.

Beorn sprang nun von seinem Stuhl auf, blickte den Mann, der mit seinen schiefen Zähnen ein hinterhältiges Grinsen aufgelegt hatte, an und riss ihm einen Ärmel seines Hemdes ab, um sich damit trocken zu wischen.

Daraufhin schlug der Mann zu und wenige Herzschläge später waren die beiden in eine wilde Keilerei verwickelt. Aldare stieg ungehalten auf und wollte mit Sal dazwischen gehen, als wie auf Kommando und wie nicht anders zu erwarten der Ruf "Stadtgarde, sofort aufhören!", durch den Schankraum hallte.

Die beiden Streithähne hielten inne.

Vor ihnen standen drei Stadtgardisten. Vier weitere hatten sich im Schankraum verteilt. Ëarissa Schönacker führte die Einheit an. Sie wandte sich an einen ihrer Männer und sagte dann, während sie auf den Boronsdiener zeigte, übertrieben überheblich: "Korporal, kennen wir diesen Mann?"

"Ja, Frau Weibel. Das ist Beorn von Narutil, ihr erinnert euch?", fragte der Korporal rhetorisch in militärischen Ton.

"Ah ja, unser guter Beorn von Narutil bei jeder Rauferei vorne weg", schüttelte die Weibelin den Kopf, bei diesen Worten konnte man sie für die Arroganz in Person halten.

"Diesmal von Narutil, könnt ihr euch nicht herausreden!", grinste Ëarissa.

"Das habe ich nicht vor, es ist offensichtlich, dass ich unschuldig bin", erklärte der Boronsdiener selbstsicher.

"Das wird sich herausstellen!", bellte Serschant Falber Zeel.

"Wer hat mit dem Raufhändel begonnen?", wollte die Weibelin nun wissen.

Der merkwürdige Kellner ergriff sofort das Wort und sprach: "Ich habe diesen Mann aus Versehen mit seinem Essen überschüttet, da hat er mich attackiert, hat mir Kleidungsstücke vom Leibe gerissen."

"Ist das war, von Narutil?", fragte der Serschant.

"Das kann ich nicht leugnen", meinte der Boronsdiener.

"Außerdem habe ich mich entschuldigt", stellte der Schankhelfer fest.

"Ha, die Entschuldigung war doch nur gespielt", entfuhr es Sal.

"Das reicht jetzt, wir werden beide mitnehmen, soll doch Hauptmann Menzheimer entscheiden, was mit euch geschehen wird", beendete Ëarissa die Diskussion.


Wieder einmal wurde Beorn festgenommen und diesmal waren die Anschuldigungen greifbarer als an dem Abend im ‚Silbertaler’. Aldare begleitete ihren Freund, den Boronsdiener, auch diesmal in der Hoffnung, unter Hauptmann Thordenan Menzheimer würde Praios’ Gerechtigkeit genüge getan werden. Es machte die Amazone traurig und wütend, dass eine Clique von Unteroffizieren in Baliho faktisch schalten und walten konnte wie sie es für richtig hielt. Wenn man sich vor Augen rief, dass die meisten anderen Machtfaktoren den aufrichtigen Lehren der Zwölfgötter noch weiter entfernt waren als die Stadtgarde, musste man zu dem Ergebnis kommen, dass die Viehzüchterstadt niemals ein gutes Pflaster für rechtschaffene Menschen sein konnte.

Der Boronsdiener wurde in eine Einzelzelle gesteckt, weil der Hauptmann im Moment nicht zu gegen war, während Aldare geheißen wurde, im Vorraum von Hauptmann Menzheimers Schreibzimmer Platz zu nehmen.

Beorn erkannte in der Zelle gegenüber einen alten Kampfgefährten seiner Freunde. Es war der mehr als zwei Schritt hohe Barbarenkrieger Vlad. Seine Weggefährten hatten ihn seinerzeit als einzigen Überlebenden in einem von Goblins niedergemetzelten Dorf bei klirrender Kälte unter einem Haufen von Leichen herausgezogen. Der Heide verehrte seltsame Drachenwesen und sprach meistens eine Sprache, die nur Ilkarion richtig verstehen konnte. Den Magier hatte er immer als Schamanen bezeichnet, während er Aldare als eine Art weiblichen Häuptling akzeptierte.

Weibelin Schönacker hatte ihn verhaften lassen, weil er einen Zweihänder trug, was nur Kriegern und Rondrageweihten erlaubt war. Da er sich bei der Verhaftung widersetzt hatte, würde er noch eine ganze Weile hier im Kerker bleiben.

"Vlad, wie geht’s dir?", rief Beorn zu dem Barbaren herüber.

"Vlad in Ordnung. Gleich geben Essen", antwortete der Hüne.

Und in der Tat, nur eine Minute später trafen zwei Wächter mit dem Essen ein. Beorn belustigte, dass diese bei Vlad besondere Vorsicht walten ließen, sie wussten wahrscheinlich warum. Schließlich wurde Beorns Zelle geöffnet und eine Gemeine stellte eine kümmerliche Mahlzeit aus Brot, Rüben und Wasser vor ihm auf den Boden. Er wollte sich gerade nach den Speisen bücken, als die Soldatin ihm unvermittelt ins Gesicht trat. "Schönen Gruß von Weibelin Schönacker", meinte sie hämisch.

Vlad rüttelte an den Stäben seiner Zelle, als er den Vorfall bemerkte, doch es half nichts, die Wächter zogen sich grinsend in die Wachstube zurück.

Beorn konnte nur hoffen, dass er bald vor den Hauptmann geführt wurde.


Nach einer knappen Stunde wurde Beorn von zwei Gardesoldaten zu Hauptmann Menzheimer geleitet. Die Amazone durfte an ihrem Gespräch nicht teilnehmen, worüber sie nicht gerade erbaut war, nachdem sie solange gewartet hatte.

"Nun, so sehen wir uns also wieder, Herr von Narutil", eröffnete Thordenan Menzheimer die Vernehmung.

"Boron zum Gruß Herr Hauptmann, wieder einmal bin ich wegen einer Nichtigkeit inhaftiert worden", antwortete der Boronsdiener.

"Was nichtig ist uns was nicht, entscheide immer noch ich. Aber davon mal abgesehen, habt ihr Recht. Ich bin über den Vorfall unterrichtet worden und habe daher erneut beschlossen euch frei zu lassen."

"Vielen Dank, Hauptmann. Ich sehe, ihr seid der praiosgefälligen Rechtsprechung noch mächtig, im Gegensatz zu euren Unteroffizieren."

"Was wollt ihr damit sagen?"

"Nun, vor allem Weibelin Schönacker scheint des Öfteren weit über ihr eigentliches Ziel hinaus zu schießen", bemerkte Beorn.

Thordenan wurde nun laut: "Weibelin Ëarissa Schönacker ist mein bester Soldat. Sie hat erst letzten Mond den berüchtigten Vergewaltiger vom Uferviertel dingfest gemacht, dessentwegen sich kaum eine Frau mehr nachts auf die Straßen traute."

"Entschuldigt Hauptmann…", versuchte der Boronsdiener zu unterbrechen.

"Nein Herr von Narutil, jetzt rede ich! Ich habe Erkundigungen über euch einziehen lassen. Nicht nur, dass ihr in zwielichtigen Schänken und Freudenhäusern gesehen worden seid, ihr wurdet auch beobachtet, wie ihr unschuldigen Bürgern merkwürdige Fragen stelltet. Des Weiteren seid ihr in alle Rechtsverstöße der letzten Tage verwickelt gewesen. Ihr könnt froh sein, dass ich euch nicht zu euren Barbarenfreund in den Kerker werfe, der immerhin wegen eines Verstosses gegen zwölfgöttliche Edikte hinter Gitten sitzt", nachdem dieser Gefühlsausbruch beendet war, atmete Thordenan tief durch und beruhigte sich.

Beorn steckt weit zurück und sagte: "Ich danke euch für eure Umsicht!"

"Vielleicht ist es euch ein Trost, dass ich Weibelin Schönacker angewiesen habe, euch nicht mehr ständig nachzustellen."

"Das ist eine höchst willkommene Nachricht", meinte Beorn erleichtert.

"Wartet doch erst einmal ab! Von nun an wird Korporalin Ilme Eslebon gegen euch ermitteln. Ich brauche Ëarissa zurzeit bei anderen Untersuchungen."

"Na großartig", stöhnte Beorn.

"Benehmt euch gebührlicher in meiner Stadt, dann werden euch solche Unannehmlichkeiten in Zukunft erspart bleiben! Und nun dürft ihr euch entfernen!", beendete der Hauptmann das Gespräch mit einem Wink.


Aldare und Beorn schritten zurück zu ihren vier Gefährten. Dass sie jetzt sogar offiziell die Stadtgarde im Nacken hatten, machte ihre Suche nach der Wirbelklinge nicht gerade leichter. Zumindest war die rechthaberische Weibelin nicht mehr für sie verantwortlich.

Beorns Ausführungen überraschte die anderen Vier nur wenig, sollte die Stadtgarde doch ihren Weg gehen. Sie wandelten immer noch auf dem Pfad des Guten und würden sich daher nicht durch weltliche Gerichtsbarkeiten einschränken lassen.


Firnmar Runarlin kreuzte diesen Abend nicht mehr im ‚Goblinwürger’ auf. Dies sollte dem Viehtreiber zum Verhängnis werden.



Szene 19 Baliho (Tod eines Grabschänders)

Das geschäftliche Treiben, das tagsüber auf dem Gutshof von Firutin Gundelbach herrschte, war längst verflogen. Das Gros der Lichter im Gesindehaus war bereits gelöscht, als Ibarnjabiel durch einen kleinen Hain auf das Herrschaftsgebiet des reichen Viehbarons Gundelbach vorstieß. Der Maraskaner wusste genau, wohin er sich wenden musste. Seine Freundin Kavashira hatte alles Notwendige für ihn ausgeforscht. Sie war eine Hexe und hatte mit Hilfe ihrer Illusionsmagie die Gestalt einer Viehtreiberin angenommen. Es würde ein Zuckerschlecken für die beiden werden. Der Viehtreiber Firnmar Runarlin, den Ibarnjabiel und Kavashira suchten, wollte die Wirbelklinge verkaufen, darum mussten sie heute Nacht zuschlagen, außerdem waren ihm zahlreiche Abenteurer und Möchtegernhelden auf den Fersen, so dass es nicht lange dauern würde bis einer anderen Interessengruppe die Waffe in die Hände fiel. Der Viehtreiber konnte die Waffe nicht halten. Hätte er gewusst, welch große Anzahl von Verfolgern er sich dadurch auf den Hals gehetzt hatte, dann wäre er wahrscheinlich nicht so töricht gewesen, seinen alten Freund Leugrimm zu bestehlen. Der Umstand, dass die Jäger nach der Wirbelklinge entweder so unauffällig oder so unwissend waren, wodurch Firnmar gar nicht mitbekam, dass man ihm auf der Spur war, machte die Sache für Ibarnjabiel um einiges leichter.

Der Krieger schritt behutsam näher an das Haus der Bediensteten heran. Als einmal ein Stallknecht heraustrat, um ein wenig frische Luft zu schnappen, kniete Ibarnjabiel leicht ab und wurde so auch nicht entdeckt. Er hatte sich diesen Abend einen schwarzen Kapuzenmantel angezogen. Seine Panzerkleidung würde bei der in Kürze folgenden Kletterpartie wirklich wenig hilfreich sein. Firnmar Runarlin wohnte nämlich im ersten Stock.

Jetzt, nachdem er an der Häuserwand angekommen war, musste er darauf warten, dass der Viehtreiber das Fenster öffnete. Dies tat er gelegentlich, um seinen Tobak zu rauchen. Dann konnte er nur hoffen, dass Firnmar nicht direkt nach unten stierte, sonst war sein Plan dahin.

Kavashira spielte eine wichtige Rolle bei diesem Unternehmen. Sie sollte den Viehtreiber ablenken. Wenn es ihnen nicht gelang, die Waffe lautlos an sich zu bringen, dann wäre ihnen auch noch die Stadtgarde auf den Fersen.

Ibarnjabiel rammte seinen Reiterhammer, der am Ende seines Schaftes mit einem Dorn versehen war, unter Firnmars Fenster in den Boden. Im selben Moment wurden über ihm die Fensterläden geöffnet. Er sah die Hand des Viehtreibers über sich mit einer glimmenden Zigarre.


Kavashira hörte, wie in Firnmars Zimmer das Fenster geöffnet wurde und klopfte an die Tür. Ihr Illusionszauber wirkte noch immer. Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis der Viehtreiber öffnete. Er war wohl um die 40. Seine Kleidung war, wie bei den meisten seiner Zeitgenossen, nicht modisch, sondern auf Bequemlichkeit ausgelegt. Die Hexe hätte in ihrer Eitelkeit niemals ein rot kariertes Hemd und dabei eine anders gemusterte blaue Hose mit Wildlederbesatz angezogen, ganz zu schweigen von den dunkelgrauen Stulpenstiefeln. Firnmar war anscheinend auch einer der Leute, die nirgendwo ohne Hut herumlaufen konnten. Als er sich zu ihr drehte, war er weder überrascht noch verärgert. Jedenfalls blieb ihr durch ihren Zauber HARMLOSE GESTALT der lüsterne Blick des schwarzhaarigen Kuhburschen erspart, den sie sonst wahrscheinlich abbekommen hätte.

Die Schöne der Nacht sah in der Stube nirgendwo die Wirbelklinge, nur ein alter Säbel stand in der Mitte des Raumes an einen Stuhl gelehnt.

"Was gibt’s ’n? Biste neu hier, Kleene?", fragte Firnmar.

"So ist es, Kumpel. Wollt’ nur mal hören, ob hier irgendeiner ein wenig Schnappes hat", versuchte Kavashira die rauen Viehburschen nachzuahmen.

"Klar, da bist du bei mir richtig Mädchen. Wie heist’n?"


Als er die Stimmen über sich hörte, benutzte der Krieger seinen Reiterhammer als Leiter. Dann fasste er mit muskulösen Armen an die Fensterbank von Firnmars Fenster, um sich darauf mit ansehnlicher Kraft und perfekter Körperbeherrschung hoch zu schwingen.


Kavashira sah ihren Geliebten hinter Firnmar zum Fenster hinein springen. Sofort wandte der Viehtreiber sich um und griff nach dem Säbel. Ibarnjabiel riss unterdessen sein Sichelmesser aus der Rückenscheide. Firnmar war jedoch etwas schneller, er führte mit dem schartigen Säbel einen Angriff, der direkt auf die Brust des Kriegers zielte. In dem Moment berührte Kavashira von hinten die Stirn des Kuhburschen, welches die Geste des Druidenzaubers GROSSE VERWIRRUNG war.

Im gleichen Augenblick schnellten beide Waffen nach vorne, doch während Firnmar kurz vor Ibarnjabiels Körper innehielt, stieß der Krieger ihm das Sichelmesser mitten durch die Brust.

Der Viehtreiber bäumte sich noch einmal auf, als wolle er noch einen tödlichen Gegenangriff führen, brach dann aber tot zusammen.

"Nur ein Mittelreicher", sagte sich Ibarnjabiel leise, als er auf Firnmars Leiche herabschaute.

Kavashira sperrte derweil alle Schränke auf, in welche die Wirbelklinge von der Größe her hineinpassen könnte, doch sie fand nichts. Auch Ibarnjabiel, der unter dem Bett des Kuhburschen suchte, fand keine Spur von der Waffe.

"Er hat uns übertölpelt und sie doch schon übergeben", zischte Kavashira.

"Das erklärt den Beutel voller Silber hier", vermutete Ibarnjabiel und deutete auf eine Kommode, die er gerade aufgemacht hatte.

"Dieser schräge Vogel Firnmar, wie konnte er es schaffen, mich zu überlisten? Mich?", fluchte Kavashira.

"Nur ruhig Blut, meine Schöne. Wir wissen, wo sie ist", streichelte der Krieger der Hexe über die Wange.

"Und die Verfolger?", fragte Kavashira, während sie Ibarnjabiel zärtlich in den Hals biss.

"Die Verfolger werden in Kürze mal eine Lektion in maraskanischer Kampftaktik erhalten. Die werden ihr blaues Wunder erleben", grinste Ibarnjabiel zynisch.

"Wir sollten jetzt hier verschwinden!", bemerkte die Hexe und schmiegte dabei ihren Kopf an Ibarnjabiels Brust.

"Ja, das sollten wir tun, und morgen werden wir beide die Wirbelklinge endlich in unseren Händen halten!", nach diesen Worten verließ Ibarnjabiel den Tatort durchs Fenster. Die Hexe ging auf dem Hauptweg aus dem Gesindehaus. Nachdem sie auch das Landgut hinter sich gelassen hatte, ließ sie den Illusionszauber fallen. Nun kamen wieder ihre langen kupferroten Locken und ihre grünen Augen zum Vorschein, womit sie in den Augen eines Weideners vollkommen einer Klischeehexe entsprach. Sollte man sie ruhig für eine Hexe halten, sie wusste, wie sie die kleingeistigen Stadtmenschen manipulieren konnte. Vor allem bei Männern war ihr dies ein Leichtes.



Szene 20 Baliho (Gestalten der Nacht)

Die Zeit war nun gekommen, um das Balihoer Begräbnisfeld zu besuchen. Beorn bat den Gott des Todes für die nächtliche Störung seines heiligen Ortes inständig um Vergebung, bevor er behutsam das Metalltor zum Friedhof aufschob.

Legolant versuchte sich Mut zu machen, immerhin waren sie ja die Guten. Aber die Toten waren etwas Kaltes, Verblichenes. Sie zeigten ihm seine eigene Vergänglichkeit und das bereitete ihm ein mulmiges Gefühl. Der Totenkult des Borons hatte eine für den Schelm seltsame Eigenart. Die Dahingeschiedenen wurden nämlich in der Erde vergraben. Genau auf der Stelle, wo man die Leiche verscharrt hatte, wurden kleine schwarze zerbrochene Wagenräder aufgestellt. Reichere Leute hatten manchmal Grabsteine, auf denen das zerbrochene Rad abgebildet war. Zusätzlich hatten Steinschneider den Namen mit den Tagen von Geburt und des Todes der Verstorbenen eingraviert.

Doch Legolant hatte auch schon andere Bestattungsrituale kennen gelernt. So ließen sich manche Anhänger der Götter Praios und Rondra nach dem Tod verbrennen.

Ilkarion hatte ihm gar erzählt, dass die Waldelfen bei ihren Verstorbenen fast nie Trauer empfanden. Das kam dem Schelm schon sehr merkwürdig vor. Aber als der Graumagier ihm eröffnete, dass diese Elfen ihre Toten in Baumkronen oder auf Hügel legten, war er vollends irritiert.


Immer wieder nach allen Seiten sichernd, drangen sie unablässig tiefer in den Friedhofsbezirk vor. Doch es schien hier keine unmittelbare Gefahr präsent zu sein. Sal achtete mit gespitzten Ohren und wachsamen Augen darauf, ob er irgendeine Regung zwischen den Grabsteinen oder hinter einer der knorrigen Blutpappeln erkennen konnte. Doch genau wie die Amazone, die ebenfalls misstrauisch die Umgebung beäugte, fand er nichts. Da war sogar noch weniger als nichts. Nur der Wind fächelte ein Crescendo von fremdartigen Melodien zu ihnen herüber. War das die Wirklichkeit, oder spielte ihnen ihr Verstand in dieser menschenleeren, unheimlichen Gegend einen Streich?

Alle, bis auf den Boronsdiener, waren angespannt und suchten mit ihren Augen stetig die Umgebung ab. Allgegenwärtig war das zerbrochene Rad.

Plötzlich hielt Beorn inne, sie hatten das frische Grab von Leugrimm Schoberbrück erreicht.

Noch immer war nicht der geringste Laut zu vernehmen. Das andächtige Schweigen auf dem ganzen Boronsanger bestätigte ihnen nur ihre gänzliche Einsamkeit. Eine bessere Möglichkeit, den Geist zu rufen, sollte sich wohl nicht mehr ergeben.

"Was jetzt?", durchschnitt die an den Boronsdiener gerichtete Frage Ilkarions die Grabesstille.

Beorn wollte gerade zu einer Antwort anheben, als er den Nebel sah, der um sie herum vom Boden aufstieg.

"Hier passiert irgendwas", kommentierte Sal das Ereignis.

Die Sechs hielten gespannt inne. Der Nebel wurde nun schon recht dicht, aber man konnte noch bequem 20 Schritt weit schauen. Dann erstrahlte aus dem Grab ein gleißendes Licht, das aber überraschenderweise nur mäßig blendete.

Daraufhin erhob sich das Gespenst. Der durchscheinende Körper des Leugrimm Schoberbrück in kompletter Rüstung und in Kriegstracht schwebte einen Spann über seinem eigenen Grab. Bewegt starrten die Gefährten das blasse Antlitz des Kriegers an. Zu Lebzeiten war er ein starker Mann von beträchtlicher Körpergröße gewesen. Seine Plattenrüstung schimmerte nun wie das kalte Licht, das zuweilen einen Efferdtempel in ein sanftes Blau hüllte.

"Boron zum Gruß, werter Leugrimm! Wir sind hier um für euch in den Kampf gegen die Schergen des Bösen zu ziehen", begann Beorn das Gespräch.

"Ja, ich fühle es. Ihr werdet mir die Wirbelklinge zurückbringen, auf das ich in Rondras Hallen eingehen kann", lächelte der Geist.

"Das werden wir tun, doch wir beißen uns auf der Suche nach dem frevlerischen Grabräuber die Zähne aus", warf Aldare ein.

"Firnmar Runarlin, welchen ich einen Freund nannte, hat mir die Wirbelklinge gestohlen", zürnte Leugrimm.

"Doch sagt, werter Leugrimm, warum habt ihr euren Vater nicht darüber aufgeklärt?", wunderte sich Beorn.

"Mein Vater ist alt, er ist ein Schneider. Nein, solch Wissen ist zu gefährlich für ihn. Firnmar mag ein Halunke sein, doch ist er nicht alleine auf so eine gotteslästerliche Idee gekommen. Schlimmere, bösartigere Mächte müssen hinter ihm stehen. Diese Aufgabe kann ich nur denjenigen erlauben, die reinen Herzens und bar jeder Furcht sind", sagte der Geist erhaben.

"Dann habt ihr in uns die Richtigen auf eurer Seite", erklärte Aldare feierlich.


Sal bespähte immer noch die ganze Zeit durch den Nebel die umliegende Umgebung. Der Dampf spielte ihm immer wieder Streiche, so dass er dachte, es würde sich etwas bewegen. Da, da war doch etwas gewesen. Nein, war nur eine optische Täuschung, die ihm der Wind und der Dunst vorgaukelten. Er musste die Fassung bewahren. Keine Gefahr war hier, selbst das Gespenst war offensichtlich keine Bedrohung.

Doch da schon wieder. Sal tat ein paar Schritte vom Grab weg, um noch einmal genauer nachzuschauen. Doch erneut hatte ihn eine Sinnestäuschung genarrt.

Er wollte sich gerade wieder dem Gespräch zuwenden, als er eine Gestalt erblickte, die hinter einem Grabstein hervorkam und ihre Position wechselte, indem sie näher in seiner Richtung hinter einem Monument Deckung nahm. Diesmal war er sich völlig sicher, dass es nicht die Nebelschwaden waren, die ihn verspotteten.


"In Rondras Namen und mit Hilfe der anderen Elfe wird es euch gelingen das Unrecht ungeschehen zu machen und den Frevler zu bestrafen", sagte der Geist.

"Aldare, da hinten ist jemand", stieg Sal in das Gespräch ein und deutete mit seinem Kopf in die Richtung des Standbildes.

"Sicher?", fragte Aldare etwas ungehalten.

"Ganz sicher", bestätigte der Söldner.

Die Amazone sah den Geist von Leugrimm Schoberbrück eindringlich an.

"Geht! Euer Schicksal wird kein Leichtes sein, doch dürft ihr mit ihm nicht hadern. Geht, denn es darf kein Zögern und kein Zaudern geben!", forderte Leugrimm seine Recken auf.

Dann fing er an, langsam zu verschwimmen.

"Geeeeeeht!", hörten sie noch, als sie ihre Klingen aus den Scheiden rissen und einträchtig auf das Monument zuliefen.

Sal hatte sich nicht getäuscht. Kurz nachdem sie losgelaufen waren und den Dunst um das Grab herum verlassen hatten, sprang eine grau gekleidete Kuttengestalt aus der Deckung. Sie rannte sofort zum Ausgang des Totenackers. Ihr Tempo war so hoch, dass anfangs nur Falk mit ihr mithalten konnte. Ilkarion und Legolant, die durch keine Rüstung behindert auch sehr gut Schritt halten konnten, sahen, wie der Fremde immer mehr Abstand zu dem Hexer gewann.

Falk atmete durch, so würde er den Spitzel nie erwischen. Ilkarion war bei ihm und hieb ihm leicht auf die Schulter. "Links, lauf nach links! Schneide ihm den Weg ab!", ächzte er.

"Aber…", stammelte Falk.

"Mach schon, ich bin schneller!", bat der Graumagier, dessen Brustkorb sich unter dem beständigen tiefen Atmen sichtbar hob und senkte.

"Legolant, nach rechts!" bedeutete Ilkarion dem Schelm, welcher ohne anzuhalten in eine halbrechts gelegene Gasse davon spurtete.

Der Magier stand immer noch still und gebeugt. Die Hände hatte er auf den Oberschenkeln abgelegt. Er sah wie sich die Kuttengestalt in vielleicht 120 Schritt Entfernung umdrehte und dann etwas langsamer davonlief. Das war Ilkarions Chance. Er konzentrierte sich auf alle Muskeln und Sehnen seiner Beine, und begann die astralen Muster eines sehr komplexen, nur meisterhaften Bewegungszauberern bekannten, Spruches zu weben.

"Blitzgeschwind", vernahm die gerade heraneilende Aldare nur, als Ilkarion auch schon davon sprintete. Ja, er schoss; er flog.


Die Schnelligkeit des Magiers vervierfachte sich. Er setzt Schritt für Schritt voreinander, und wurde schneller und schneller. Die Häuser zogen an ihm vorbei, als ob er auf einem Hexenbesen im Tiefflug durch die Stadt sauste. Gegenstände, die dort am Straßenrand standen oder lagen, waren binnen einer Sekunde wieder aus seinem Sichtfeld verschwunden, er war so schnell, dass er nicht mal erkennen konnte, welche Beschaffenheit die Straße hatte auf der er lief. Ein Schlachtross im vollen Galopp hätte gegen ihn den Kürzeren gezogen, ja nicht den Hauch einer Chance gehabt. Der Fremde hatte sich erneut zu ihm gewandt und erschrak. Der Magier fegte mit einem Tempo von fast 30 Schritt pro Sekunde heran. Ein Weglaufen wäre sinnlos.

Ilkarion lächelte fein. Der Fremde kam mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit näher, obwohl er fortlief. Er holte so zügig auf, dass man denken konnte ein Fußsoldat wollte vor einer Harpyie fliehen.

Gleich würde der Magier auftreffen und wenn er nicht aufpasste, brach er der Kuttengestalt dabei alle Knochen. Doch im letzten Moment schlug die Gestalt einen Haken und ließ sich seitlings zu Boden fallen, so dass Ilkarion an ihr vorbei tobte. Direkt auf eine Hauswand zu.


Legolant sah die Graukutte auf den Boden stürzen und eine pfeilschnelle Person wie wild darüber hinwegfegen. Er rannte weiter, gleich konnte er die Gestalt packen, die sich gerade wieder aufrappelte.


Ilkarion versuchte abzubremsen, doch bis zum Stillstand kam er nicht mehr. Seine hohe Geschwindigkeit nutzend lief er einfach die Häuserwand hoch, bis seine Füße schließlich ins Leere traten. Nun sah er sich über einem zweistöckigen Haus in der Luft schweben.


Legolant versuchte die Graukutte mit einer Attacke niederzuringen, doch er wurde vorher von deren filigranen Händen gepackt und im Laufe seitlich über sie hinweg geworfen. Der Schelm schlug mit Wucht auf dem harten Kopfsteinpflaster auf.


Mit vollem Schwung prallte Falk der Kuttengestalt in den Rücken und umschlang sie mit seinen Armen. Sie wehrte sich heftig, und trat dem Hexer unter größtmöglichem Kraftaufwand rücklings gegen sein Knie.


Ilkarion klammerte sich im freien Fall an einem Vordach fest, so dass er nun etliche Schritt über der Szenerie in der Luft hang.


Legolant stürzte in Falks Richtung und sprang dessen Gegenüber in die Beine. Als nun auch noch Sal, Aldare und Beorn die Straße herunter gerannt kamen, war das Schicksal ihres Verfolgers besiegelt. Der Hexer hielt ihn fest umklammert, während die beiden umstellt wurden. Im selben Moment schwebte Ilkarion, der seinen Magierumhang wie einen fliegenden Teppich benutzte, in die Mitte der staunenden Runde ein.

Beorn riss der Gestalt die Kapuze vom Kopf. Eine junge Frau kam zum Vorschein.

Sofort begann sie in einem schrillen Ton zu kreischen, so dass Falk ihr das Mundwerk zuhalten musste. Als sie aufgehört hatte, nahm der Hexer die Hand von ihrem Mund und sofort rief sie nach der Stadtgarde. Erneut hielt man ihr die Klappe zu.

"Hört zu, wir werden euch nichts zu Leide tun, wenn ihr aufhört zu schreien", stellte sich Beorn vor sie. "Wollt ihr also mit uns reden?"

Die Frau nickte und Falk nahm seine Hand vom Mund weg und umschlang sie wieder.

"Wer beim Namenlosen seid ihr", entfuhr es dem Söldner.

"Das geht euch überhaupt nichts an, Söldling!", antwortete die Frau selbstsicher.

Sie mochte vielleicht etwas älter als die meisten der Sechse sein, aber die 30 hatte sie auf keinen Fall überschritten. Ihr dunkelblondes Haar trug sie zu einem Zopf gebunden und ihre braunen Augen strahlten gebieterische Selbstsicherheit aus. Die Frau wirkte kratzbürstig und widerspenstig, doch irgendwie machte sie dies noch attraktiver als sie ohnehin schon war.

"Ha, ihr seid nicht in der Position, um jemandem vorschreiben zu können, was ihn angeht und was nicht", meinte Aldare.

"Und was wollt ihr dagegen tun, wollt ihr mich zum Duell fordern, Amazone?", reizte die Fremde Aldare.

"Wie kannst du es…", begann die Amazone.

"Lass dich nicht aufbringen, Aldare!", unterbrach Ilkarion sie und meinte dann zu dem Hexer, der die Frau immer noch in seiner Umklammerung hielt: "Übrigens Falk, fremden Damen fasst man nicht an die Brust!"

"Das sagt der Richtige", äußerte die Frau.

"Wie bitte?", der Magier schaute sie fragend an.

"Och nichts…", sagte sie nur.

"Jetzt rück endlich mit deinem Namen raus, du starrköpfige Göre, oder soll dir Sal hier mal deinen kleinen Hintern versohlen?", polterte Aldare.

"Ihr selber schafft das wohl nicht ohne eure Lakaien?", bemerkte die Frau spöttisch.

"Na warte, du…", setzte die Amazone an.

"Es ist jetzt gut, Aldare! Wir sollten vielleicht von der Straße verschwinden und sie an einem sicheren Ort verhören", fiel ihr der Magier erneut ins Wort.

"Hör zu! Ich lasse mich nicht von so einem dahergelaufenen spindeldürren Flittchen beleidigen und dann noch…", diesmal wurde die Amazone von der Frau unterbrochen.

"Haltet die Klappe, Aldare!"

Daraufhin verpasste die Amazone ihr eine schallende Ohrfeige.

"Los, drisch doch weiter auf Hilflose ein, du Schlampe!", keifte die Gefangene.

Aldare holte erneut zu einem Schlag aus, aber Beorn hielt sie fest.

"Sie will nur Aufsehen erregen, wenn die Garde hier vorbeikommt, sind wir die Gefoppten", erklärte ihr der Boronsdiener mit Nachdruck.

"Dann rede du mit ihr, bevor ich die Beherrschung endgültig verliere", Aldare wandte sich ab.

"Hört zu, werte Dame! Nichts liegt mir ferner als euch zu bedrohen, doch ich muss wissen, warum ihr des Nachtens auf dem Boronsacker herumstöbert", wandte sich Beorn an die Gefangene.

"Dasselbe könnte ich euch fragen", erklärte die Frau mürrisch.

"Nun, wir kennen unseren Grund, und dieser ist dringend."

"Ihr werdet an der Stadteiche baumeln für eure Experimente auf dem Friedhof", fauchte die Gefangene.

"An eurer Stelle wäre ich sehr vorsichtig, dass wir euch nicht von der Stadtgarde holen lassen, immerhin steht euer Wort gegen das von uns Sechs", betonte Ilkarion.

"Das was ihr dort getan habt kann nur etwas Unheiliges gewesen sein."

"Ihr wisst also gar nicht, warum ihr uns verfolgt?", grinste Beorn.

Die grau gewandete Frau schaute ihn nur verblüfft an.

"Dann darf ich euch auf einen Wein einladen?", lächelte der Boronsdiener.

"Na schön, dann bin ich mal gespannt, was ihr mir zu berichten habt", sagte die junge Frau gefasst.


Wenig später saß man an einem Tisch im ‚Silbernen Pandlaril’, wo der Herbergsvater zu dieser späten Stunde wohl dachte, die Helden wollten hier den Kehraus machen.

"Also, wie ist nun euer Name", fragte Beorn voller Neugierde.

"Menzheimer. Ulvane Menzheimer", antwortete die Frau.

"Dann gehe ich wohl recht in der Annahme, dass ihr die Tochter von Hauptmann Thordenan seid?"

"Das ist richtig. Nun wisst ihr’s. Da ihr mir nichts angetan habt, gehe ich davon aus, dass ein Funken Ehre in euch steckt. Also werde ich auch aufrecht sein, und nicht meinen Vater unterrichten. Es sei denn ihr habt ein Verbrechen begangen", erklärte Ulvane.

"Gehört ihr auch zur Stadtgarde?", fragte Aldare jetzt sichtlich gefasster.

"Nein, ich bin eine Geweihte."

Der Amazone wurde in dem Moment mit Unbehagen bewusst, wen sie da gerade geohrfeigt hatte.

"Dann werdet ihr es erst recht gutheißen, was wir auf dem Friedhof getan haben", meinte Ilkarion. Ulvane zuckte nur mit den Schultern.

Doch als Beorn ihr eröffnete, dass sie im Auftrag von Drachwill Schoberbrück nach der gestohlenen Wirbelklinge seines toten Sohnes suchten, änderte sich ihre Meinung rasch.

Die Phexgeweihte tauschte noch eine ganze Weile Informationen mit den sechs Jägern nach der Wirbelklinge aus. Man kam zu der Übereinkunft, dass die Waffe für Leugrimm gefunden werden musste. Ulvane wollte die Helden unterstützen und versuchen, die Stadtgarde von ihnen abzuhalten.

Sie hatten eine einflussreiche Verbündete gewonnen. Doch damit waren sie immer noch nicht die größte treibende Kraft im Ränkespiel um Leugrimms Waffe.



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