Die Jagd nach der Wirbelklinge (V) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 26 Baliho (Das Bündnis)

Die Nacht war noch jung, als Aldare, Legolant und Ilkarion den Schiedsspruch von Hauptmann Thordenan Menzheimer erwarteten. Der Hauptmann war schon daheim am Schlafen und so kam es, dass sogar noch Falk, Sal, Ulvane und Beorn vor dem Offizier eintrudelten. Es war noch ein geselliges Treiben in einigen Teilen der Stadt, so dass die Aussichten der Garde, irgendeinen ihrer Verdächtigen noch am heutigen Abend zu fassen verschwindend gering waren. Alle Härte und Vehemenz, die Weibelin Ëarissa Schönacker in die Suchaktion nach der Wirbelklinge steckte, schien in diesem ausgeklügelten Intrigenspiel nur im Sand zu verlaufen. Es brauchte hier eine Prise phex’scher Gerissenheit, denn der oder die Mörder würden sich niemals auf eine offene Feldschlacht gegen Ëarissa und ihre Vasallen einlassen, es sei denn, man konnte sie erzwingen. Doch hierfür schien Ibarnjabiel Hariskjatat viel zu durchtrieben. Der Krieger war ohne erkannt worden zu sein auf der Flucht und schien im Moment unerreichbar für die Helden. Was Ibarnjabiel nicht wusste war, dass die Jäger nach der Wirbelklinge immer zahlreicher wurden und damit bald nur noch ihn jagen würden. Jetzt blieben ihm nur zwei bodenständige Möglichkeiten. Erstens eine schnelle Flucht oder zweitens die anderen Jäger nach Leugrimms Waffe gegeneinander auszuspielen. Der zweite Fall schien ihm gar nicht so abwegig, da es nur schwer vorstellbar war, dass Ëarissa Schönacker und Beorn von Narutil auf derselben Seite fochten.


Als der Hauptmann eintraf, wurde eine Konferenz eröffnet, an der die sechs Gefährten, Schwester Ulvane und einige von niederen Diensten gefreite Gardesoldaten teilnahmen.

"Die Tatsache, dass etwas nicht stimmt in dieser Stadt, ist kaum noch vor der Bevölkerung zu verbergen. Zu viel ist in den letzten Tagen geschehen. Es herrscht Unsicherheit. Doch frage ich mich, ob diese Unsicherheit endet, wenn ich euch alle einsperre?", begann der Hautmann die Sitzung.

"Sie wird nicht enden, denn wir sind nicht die Mörder und haben Leugrimms Klinge nicht gestohlen. Im Gegenteil, wir selbst jagen die Diebe", antwortete Beorn.

"Ich finde euren Gerechtigkeitssinn sehr löblich, doch frage ich mich, ob ihr nicht wisst, dass diese Aufgaben in den Bereich der Stadtgarde und der Praioskirche fallen?"

"Herr Hauptmann, wir wurden von Drachwill Schoberbrück angeheuert, um die Klinge zu finden, und wir haben den Geist von seinem Sohn Leugrimm gesprochen. Wir müssen der Familie helfen", schlug Beorn auf den Tisch.

"Gar nichts müsst ihr! Macht euch nur selbst verdächtig. Ab jetzt wird Weibelin Schönacker die Suche durchführen und zwar allein", zürnte Thordenan.

"Vater, bist du sicher, dass deine Leute das alles wirklich schaffen können?", fragte Ulvane.

"Herzchen, wir haben bisher noch jeden Verbrecher gefasst", warf Ëarissa ein.

"Doch diesmal müsst ihr in ganz anderen Kreisen operieren", sagte die Phexjüngerin und legte den Brief von Farlgard Meiler von Eichenbach vor.

Wie die Geier stürzten sich die Gardisten auf den Brief und lasen ihn mit großer Spannung.

"Das ist eine wahrhaft schlechte Nachricht, in mehreren Fällen. Der Brief zeigt zwar, dass die Meierin an der Klinge Interesse hat, doch weist er nicht auf ein Verbrechen in ihrem Auftrag hin", bei diesen Worten vergrub der Hauptmann sein Gesicht in den Händen.

"Bis ich die Genehmigung habe, in Espen auf Burg Eichenbach Nachforschungen anzustellen, ist die Waffe schon dreimal verkauft, verschifft oder eingeschmolzen worden. Ich muss also etwas tun, wovon ich schon bei dem bloßen Gedanken daran Bauchschmerzen bekomme, aber ich sehe es im Moment als die beste Möglichkeit. Ihr, die ihr die Prophezeiten aus Trallop seid, werdet weiterhin nach der Wirbelklinge suchen, wie euch von Drachwill und Leugrimm geheißen. Ihr werdet von nun an mit Weibelin Schönacker zusammenarbeiten. Die Stadtgarde wird eine Position parallel zu der Eurigen einnehmen. Wenn sich starke Widersacher in dieser Sache zeigen sollten, kann die Garde sie für euch aus dem Felde schlagen. Ich brauche die Waffe und wenn sie Baliho verlässt oder verlassen hat, bin ich aufgeschmissen. Findet die Waffe und wehe euch, wenn ihr mein Vertrauen missbraucht!", erklärte der Hauptmann.

"Dann steht das Tor zur Wirbelklinge jetzt ein ganzes Stück weiter offen, als zuvor, ich danke euch im Namen von uns allen, Hauptmann", sagte Ilkarion.

"Da ist noch eine Sache, um die ich euch bitten muss, Hauptmann Menzheimer", sagte der Boronsdiener.

"Ich höre, Herr von Narutil."

"Da die Begräbniszeremonie von Leugrimm Schoberbrück gestört wurde, ist es meine Pflicht als Diener des Boron nach den Geweihten meines Gottes schicken zu lassen."

"Ich verstehe. Das darf natürlich bei der ganzen Misere nicht vergessen werden. Ich werde noch heute einen Brief an seine Eminenz Voltan Rogel aufsetzen und ihn ersuchen, mir Bruder Jergan nach Baliho zu schicken", versicherte Thordenan.

"Danke, ich hoffe, dass unsere Suche bis dahin von Erfolg gekrönt sein wird. Doch haben wir es hier mit Gotteslästerern der übelsten Sorte zu tun. Das sind keine Laien. Sie haben sich bisher immer wieder aus der Schlinge gewunden, die wir um ihren Hals gezogen haben", meinte Beorn.

"Wir werden sie schon klein kriegen, doch wenn wir hier diskutieren, wird der Feind nur weiteren Abstand zu uns gewinnen", meinte Serschant Falber Zeel.

"Recht habt ihr Serschant! Doch heute Nacht können wir nur wenig tun. Wir sollten die Sache vielleicht erstmal überschlafen und dann morgen alle der uns zur Verfügung stehenden Kräfte an verschiedenen Stellen in den Kampf werfen", schlug Thordenan vor.

Die Anwesenden stimmten zu. Damit war die Runde aufgelöst und die Gefährten zogen sich in den ‚Silbernen Pandlaril’ zurück. Schwester Ulvane Menzheimer begleitete die Heroen noch ein Stück.

"Ich weiß, dass ihr eigentlich nicht ohne Gegenleistung handelt, doch ich würde euch trotzdem gerne mal fragen, ob ihr etwas für uns tun könntet", sprach Sal die Phexgeweihte an.

"Das kommt ganz darauf an, wie tiefgehend der Gefallen von euch ist, mein lieber Sal."

"Offensichtlich haben wir es hier mit einem Gegner zu tun, der auch Elfen in seinen Reihen hat", meinte der Söldner.

"Das ist doch ausgekochter Humbug, Sal", entfuhr es dem Hexer.

"Nein, Falk, sei du jetzt ruhig und lass mich reden!", forderte der Söldner und fuhr dann fort: "Schwester, berichtigt mich, wenn ich falsch liege, aber in Baliho gibt’s keine Spitzohren, oder?"

"Das ist richtig, Sal. Jetzt verstehe ich langsam, worauf ihr hinaus wollt", lächelte die Phexpriesterin.

"Ich sehe wir verstehen uns, Mädel. Also, wenn irgendeinem von euch und euren Leuten ein Elf auffällt, wäre es doch eigentlich kein großer Dienst uns bescheid zu sagen, oder?", fragte Sal.

"Nein, ich denke, es ist in unser aller Interesse, wenn wir uns nach diesem Langohr umschauen", meinte Ulvane.

"Und wenn wir diesen gottlosen Elfen haben, werden wir ihm selbstverständlich mit Flamme und Schwert begegnen, so wie es der Herr Praios will", erklärte Beorn.

Wie immer bei solchen Diskussionen schauten sich Falk und Ilkarion mit einem Blick an, der erkennen ließ, dass sie einen ganz anderen Standpunkt zu der Sache hatten. Was außer Ilkarion keiner wusste, war der Umstand, dass es auch Magier gab, die sich durch einen Zauber mit dem Bogen treffsicherer machen konnten. Ilkarion beherrschte diesen Fernkampfzauber, sowie auch den Schnelligkeitszauber, den der Bogenschütze, den Sal verfolgt hatte, verwendet hatte. Genau genommen hätte Ilkarion selbst der Bogenschütze sein können, wenn er nicht auf ihrer Seite stünde. Doch der Graumagier schwieg zu diesem Thema, es würde ihm ohnehin niemand zuhören außer Falk und der Schelm.

Sie erreichten schließlich ihre Herberge und wiegten sich in Borons Armen. Der morgige Tag sollte eine neue Phase auf der Jagd nach der Wirbelklinge einläuten.


Szene 27 Baliho (Die dritte Kraft)

Es herrschte eine zunehmende Stille in den Straßen Balihos. Nur noch wenige Kneipengänger, ihre Wirtsleute und die Bäcker der Stadt waren jetzt auf den Beinen, nicht zu vergessen die Diener des Phex, doch diese waren ja ohnehin Nachtmenschen. In einem unbedeutenden Stall irgendwo in der Stadt brannte aber noch eine Laterne. Dort wartete jemand, der noch nicht schlafen wollte.


Simian strich seiner schneeweißen elenviner Vollblutstute Xsara liebevoll über den Rücken.

Das Pferd schnaubte und drehte seinen Kopf anerkennend in seine Richtung. Xsara und er hatten schon so einige Abenteuer erlebt und die Bindung zwischen den beiden glich derjenigen, zwischen einer Amazone und ihrem Pferd, das sie, seit sie eine junge Maid ist, besitzt. Dem Krieger war sein Schlachtross lieber als viele Menschen. Menschen, was waren die Menschen für ihn? Er war kein richtiger Mensch, aber auch nichts anderes. Schon als kleiner Junge war er von den Leuten aufgrund seines Aussehens gehänselt worden, dabei war er doch fast einer von ihnen. Simian hatte weißblonde Haare, doch das war gar nicht so ungewöhnlich hier im Norden, seine eisgrauen Augen jedoch und seine ganz leicht angespitzten Ohren zeugten von elfischer Herkunft. Hätte sein Vater noch gelebt, wären ihm solche Hänseleien erspart geblieben, denn er zog seinerzeit für den jungen König von Tiefhusen als Offizier in die Schlacht. Doch eines Tages, als Simian noch ein kleiner Bub war, fiel sein Vater im Kampf gegen marodierende Orkhorden. Seine Mutter, eine Halbelfe, suchte von da an die Nähe des Elfenvolkes und siedelte mit ihrem Sohn nach Donnerbach über. Simian war von der Stadt sehr begeistert gewesen, allen voran von den Geweihten der Rondra, die dort eines ihrer größten Heiligtümer hatten. In den Tempelkavernen befand sich die wundersame Rüstung der Rondra, welche einen Kämpfer so gut wie unverwundbar machte, aber ihn trotzdem nicht in der Bewegungsfreiheit einschränkte. In Donnerbach lebten Menschen und Elfen friedlich zusammen und trotzdem wurde den Lehren der Zwölfgötter gefolgt. Sein Talent in der Waffenkunst erkennend, aber auch seine fehlende Redegewandtheit begreifend, schickte ihn ein Ritter der Göttin Rondra nach Baliho, um ihn dort die Kriegskunst erlernen zu lassen. Dies tat Simian, doch er bewahrte auch die Erziehung seiner halbelfischen Mutter voller Toleranz und Güte in seinem Herzen. Die Zeit verging und es zog ihn schließlich nach Tiefhusen zurück; wo er in den Dienst des Königshauses trat, wie schon Jahrzehnte zuvor sein Vater.


Heute führte ihn eine Queste nun wieder an den Ort seiner Ausbildung zurück. In Baliho ist etwas geschehen, das die Aufmerksamkeit eines Kriegers erforderte. Was ihn jedoch sehr verunsicherte, war die Gegebenheit, dass die Fronten in diesem Kampf, den er zu fechten hatte, nicht offensichtlich waren. Hier gab es mehrere Gruppen, die nach der Wirbelklinge wetteiferten und bei keiner konnte man so genau sagen, ob ihre Gründe löblich oder frevlerisch waren. Deshalb war Simian froh, dass er seine alte Kampfgefährtin Tashina Jaksemanìjin dabei hatte. Sie war eine Maraskanerin und das sollte in ihrem Fall einiges heißen. Die Streunerin war in den Gassen Tuzaks aufgewachsen, der Hauptstadt von Maraskan. Hier hatte sie als Straßenkind gelernt, mit allen Unannehmlichkeiten, die es in der durch das Mittelreich besetzten Stadt gab, fertig zu werden. Sie kannte die Reichen und die Armen, egal welcher Glaubensgruppe sie angehörten. Wenn jemand ein fundiertes Gassenwissen hatte und sich irgendwo anpassen konnte, dann sie. Simian setzte sie überall dort ein, wo es galt, jemanden aufzuspüren, zu verfolgen oder irgendetwas zu besorgen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Bei dieser Queste konnte ihm das möglicherweise nützlich sein.


Der junge Krieger merkte auf, als ein in Ketten gerüsteter Mann in den Stall trat. Er mochte kaum älter sein als Simian selbst, der Mitte zwanzig war, doch sein Haupt zierte graues Haar und während Simian bei seinem elfisch ebenmäßig schönem Gesicht kaum Bartwuchs hatte, mochte man den Ankömmling für einen halben Bären halten. Und mit einem Bären konnte es der Mann wahrhaftig aufnehmen, nicht zu Unrecht hieß er Rondrian Bärentöter.

Simian wandte sich von seinem treuen Pferd ab und kam Rondrian entgegen, der ihn etwas besorgt, aber auch bestimmt und freundschaftlich aus seinen blauen Augen anstarrte.

"Und?"

"Die Garde hat drei von ihnen abgeführt, doch die Waffe hatten sie nicht dabei", erklärte Rondrian.

"Dann haben also die übrigen von ihnen die Klinge?", runzelte Simian die Stirn.

"Auch danach sieht es nicht aus, es muss noch eine dritte Kraft geben, die nach der Wirbelklinge strebt und die sie im Moment ihr Eigentum nennt", sagte Rondrian.

"Eine Vierte, oder?"

"Nein, in der Tat eine Dritte. Ich glaube, dass die Amazone und ihre Leute mit der Garde zusammenarbeiten. Tashina hat beobachtet, wie sie im Hauptquartier der Garde geplauscht haben, als wären es alles Freunde", antwortete der Bärentöter.

"Dann scheint die Garde von den aufrichtigen Absichten der Amazone und ihrer Gefährten überzeugt zu sein", grübelte der Krieger.

"Und wir? Können wir das auch?"

Simian schüttelte den Kopf: "Ich weiß nicht. Ich bin mir auch noch nicht mal sicher, ob die Stadtgarde überhaupt aufrichtig ist. Ich kenne Hauptmann Thordenan als jemanden, der sich lange zurückhält, und erst eingreift, wenn seine Untergebenen nicht mehr weiter wissen oder Mist bauen."

"Ich frage mich nur, warum sie Runarlin und Plorin getötet haben, obwohl beide die Wirbelklinge nicht hatten?", überlegte Rondrian.

"Nun, sie waren in frevlerische Umtriebe verwickelt, trotzdem ist mir diese andere Gruppe dadurch noch weniger geheuer geworden."

"Und nun, streiten wir weiterhin allein?", wollte Rondrian wissen.

"Ich werde mich mit Praioslieb deswegen noch mal unterhalten, aber ich habe schon eine Idee, wie wir die andere Gruppe zu unseren Gunsten agieren lassen können."

"Was schlägst du vor, Simian?"

"Wir werden jemanden in ihre Reihen einschleusen… Jemanden, der… gleichzeitig unschuldig und doch Furcht erregend für sie ist", grinste Simian katzenartig.

"Ich glaube, ich weiß, wen du meinst", lächelte Rondrian.

"Ja, sie wird herausfinden, ob die Amazone, der Magier und ihre Spießgesellen auf der richtigen Seite stehen."

"Hast du keine Angst um sie?", fragte Rondrian.

"Das habe ich, aber ich hoffe, dass in der Amazone ein Funken Gutes steckt", seufzte der Krieger.

"Wenn nicht, hat sie ihr Leben verwirkt", protzte der Bärentöter.

"So wird es denn geschehen", sagte Simian.

"Was ist, wenn sie die Wirbelklinge für sich beanspruchen?"

"Das sollen sie ruhig versuchen! WIR werden die Klinge zuerst finden und WIR werden sie zu unseren Auftraggebern bringen, so wie uns geheißen wurde.", meinte Simian selbstsicher.

"Aber wo ist die Klinge nur? Das scheint überhaupt niemand nur ansatzweise zu wissen."

"Das ist ein noch größeres Problem. Ich würde vorschlagen, du nimmst dir Tashina und meinen Späher und versuchst in Baliho alles Verdächtige zu ergründen! Derjenige, der die Waffe hat, muss irgendetwas mit ihr vorhaben. Ach ja, und such nicht dort, wo unsere Stadtgarde sucht! Wenn Ëarissa Schönacker eine heiße Spur hätte, dann hingen schon ein paar Bürger an der Stadteiche", wusste Simian.

"Das ist wohl wahr", dachte Rondrian und schickte sich zum Gehen an.

Der Krieger wandte sich wieder seinem Pferd zu. Er hoffte, dass er bald dem Dieb von Leugrimms Waffe im Kampf Mann gegen Mann gegenüberstehen würde. Ein gewöhnlicher Kämpfer, der Simian in seiner goldenen Plattenrüstung und auf seinem weißen Pferd, ankommen sah, musste ihn für einen sehr reichen oder adligen Offizier halten. Allein schon Gold, die Farbe des Praios, ließ manch gestandenen Bösewicht erzittern. Simian hoffte nur, dass alles für ihn eine gute Wendung nahm und keiner seiner Gefährten verletzt wurde. Alles andere war für ihn in erster Linie nebensächlich.



Szene 28 Baliho (Ulvanes Meisterplan)

"Ich suche eine schöne Vase, hab aus Versehen gestern eine von meiner Frau zerdeppert", sagte Harmwulf.

"Na dann ist Neunhild bestimmt sauer gewesen?", fragte Drachwill.

"Och, es geht. Im Alter wird man eben mehr und mehr zum Schussel. Was suchst du Schönes?"

"Ich brauche einige Taftflicken. Bin doch gestern tatsächlich an so einem blöden Haken hängen geblieben, weil Erdlinde wieder mal alles abstauben musste und das zugehörige Bild abgenommen hat. Leider hab ich keine mehr daheim gehabt, deshalb hol ich mir gleich mal welche auf Vorrat", erklärte Drachwill.

Die beiden älteren Stadtbürger erreichten und betraten schließlich das Geschäft, das sie angesteuert hatten und in dem schon einige Kunden ihre morgendlichen Einkäufe tätigten.

"Travia zum Gruß, lieber Nolle! Na, hast du mal wieder das Ganze oder ist der alte Waidhart heut morgen nicht aus den Federn gekommen?", begrüßte Harmwulf den Gesellen freundlich.

"Guten Morgen, die Herren Rundarek und Schoberbrück! Ich habe eine furchtbare Nachricht. Meister Plorin wurde gestern ermordet", meinte Nolle betrübt.

"Nein, aber das kann doch nicht wahr sein", entfuhr es Drachwill.

"Leider doch, die Stadtgarde sagte, es wäre ein Einbrecher gewesen. Der Meister hat ihn ertappt. Dies war sein Tod."

"So ein starkes Stück. Hier kann man kaum noch sicher sein vor solch gottlosem Lumpenpack. Sag an, Nolle, wer führt jetzt den Laden?", fragte Harmwulf.

"Der Advokat meines Meisters hat gesagt, dass der Laden und ein Teil des Vermögens mir und dem Lehrling zufallen. Der Rest geht an einen Vetter des Meisters, der in der Reichshauptstadt wohnen soll", erläuterte Nolle.

"Wer kann nur so ein gemeines Verbrechen durchgeführt haben? Hängen soll er dieser Bastard!", fluchte Drachwill.

"Der Mörder von Waidhart Plorin hat auch die Klinge eures Sohnes Leugrimm", hörte Drachwill die Stimme einer Frau ganz nah hinter sich.

Der Ruheständler drehte sich um und blickte in die brauen Augen einer zierlichen, unscheinbar gekleideten, aber hübschen, jungen Frau.

"Das… Das ist doch nicht etwa die kleine Ulvane Menzheimer, die mit den lustigen Zöpfchen, der ich immer ihre Kleidchen nähen musste?", stutzte Drachwill.

"Doch ich bin es, Meister Schoberbrück. Ich helfe euren Freunden auf der Suche nach der Wirbelklinge", erklärte die Phexgeweihte.

Drachwill nahm die junge Frau nun beiseite: "Du machst was?"

"Eure Freunde, Rondrawohl, von Narutil, Twillen, Silbertatze, zu Sagichnicht und Winterkalt."

"Jaja, ich weiß, wer meine Freunde sind, doch warum hilfst du ihnen, kleine Ulvane? Und was hat Meister Plorins Tod mit der Waffe von meinem Leugrimm zu tun?"

"Er hatte die Waffe in seinem Besitz. Er kaufte sie von dem Grabräuber, der allerdings auch ermordet wurde. Nun tappen eure Recken und die Garde im Dunkeln, da sie den Mörder nicht aufspüren können. Ich helfe euren Verbündeten, weil ich ein anständiges und gottesfürchtiges Mädchen bin", schwindelte Ulvane.

"Das musst du auch sein! Dein Vater hat dich richtig erzogen, aber daran habe ich auch nie gezweifelt", meinte Drachwill.

"Danke, Meister Schoberbrück!"

"Warum schauen sie nicht nach, ob mein Bruder, dieser Halunke, die Waffe hat?"

"Das ist eine gute Frage. Wenn er die Waffe hätte, dann könnte man nur sein Haus durchsuchen und das würde die Garde ohne triftigen Grund nicht zulassen", erwiderte die Phexpriesterin.

"Dann sollen die Sechse sein Haus auf eigene Faust durchsuchen! Ach nein, der Leibwächter spürt sie auf und könnte Alarm schlagen. Verflixt und zugenäht, wie kann man nur beweisen, dass er die Waffe seines Neffen gestohlen hat? Er kann sich nun entspannt zurücklehnen, die Waffe im tiefsten Keller verstecken und warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist", grübelte Drachwill.

"Moment, das bringt mich auf eine Idee, Meister Schoberbrück! Ich muss weiter…", verabschiedete sich Ulvane.

"Dann wünsche ich viel Erfolg, junge Dame!", rief Drachwill hinterher.

"Wer war das denn?", fragte Harmwulf.

"Das war die Kleine vom Hauptmann."

"So, die ist ja schon richtig erwachsen geworden."

"Nicht wahr?", entgegnete Drachwill nur.


Die Frage, wo man anfangen sollte, nach dem Mörder von Waidhart Plorin zu suchen, hatte Ilkarion diese Nacht kaum Ruhe gelassen. Das Bündnis mit Thordenan Menzheimer, das für einige von ihnen und von der Stadtgarde nur ein Lippenbekenntnis war, konnte sie kaum weiterbringen.

Irgendjemand musste etwas gesehen haben, aber wer? Die Gefährten kannten zahlreiche Interessenten an der Wirbelklinge, doch welcher von diesen hatte die Waffe an sich gebracht? Wer waren diese Leute, die sogar vor Mord nicht zurückschreckten?

Aldare war der Meinung, man sollte so schnell wie möglich bei der Meierin in Espen vorsprechen. Doch Falk bezweifelte, dass dies die Helden weiterbringen konnte. Immerhin war Farlgards Kontaktperson in Baliho ja ermordet und beraubt worden. Es galt jetzt nach den drei Angreifern zu suchen, von denen einer möglicherweise ein Elf war. Keiner wollte sich so recht vom Frühstückstisch aufraffen, da niemand einen Vorstoß in eine falsche Richtung machen wollte.

"Meint ihr, dass die Stadtgarde noch irgendeinen Verdacht hat?", fragte Legolant.

"Wenn sie einen hat, dann wird Weibelin Schönacker mit Sicherheit bald unübersehbar losschlagen", schätzte Ilkarion.

Plötzlich platzte Schwester Ulvane schnellen Schrittes in den Schankraum herein. Aufgeregt kam sie an den Tisch der sechs Gefährten und meinte: "Ich weiß, wie wir den Mörder aus der Reserve locken können."

"Wie? Ich meine, seid gegrüßt, Ulvane! Wie können wir das schaffen?", sagte Beorn.

"Ganz einfach. Wir kennen doch mehrere Leute, die an der Waffe interessiert sind."

"Richtig", sagte Falk.

"Eine dieser Gruppen hat die Waffe."

"Auch richtig", sagte der Boronsdiener.

"Die Parteien, die die Waffe nicht haben, wissen nicht wer die Waffe hat."

"Das klingt logisch, Schwester Ulvane. Und dies sind auch alles Tatsachen, doch wie hilft uns das bei der Suche nach der Wirbelklinge effektiv weiter?", fragte der Graumagier.

"Jetzt kommt’s! Ihr sagt einfach jeder Gruppe, dass ihr die Waffe besitzt!", strahlte Ulvane.

"Und dann?", Legolant guckte ungläubig.

"Dann werden die Interessierten die Waffe von euch kaufen wollen…"

"…und derjenige mit der Waffe wird keinerlei Ambitionen zeigen die Klinge zu erwerben, die er ja schon sein Eigen nennt. Genial!", lobte Ilkarion.

"Das ist hervorragend, das bringt uns sehr weiter. Habt Dank, Ulvane!", sagte Beorn.

Ulvane lächelte und wollte sich gerade verabschieden, als Sal sie noch einmal aufhielt: "Sagt an, edle Ulvane, habt ihr euch schon nach dem Elfen erkundigt?"

"Das habe ich, bisher hat aber nur ein verrückter Bettler behauptet einen Elfen mit rabenschwarzem Haar und grünen Augen wie Smaragde gesehen zu haben. Aber das ist kein Hinweis, glaubt mir! Ich kenne den Alten, der ist nicht mehr ganz bei Trost", erklärte Ulvane.

"Werdet ihr euch weiter umschauen?", wollte Beorn wissen.

"Das werde ich, bis dahin viel Glück bei eurem… meinem Plan!", zwinkerte die Geweihte und verließ den ‚Silbernen Pandlaril’.

Nun hatten die Gefährten endlich eine neue Taktik, mit der ihre Widersacher nicht rechnen konnten.



Szene 29 Baliho (Die Wirbelklinge ist unser Teil 1)

Während die anderen ausdiskutierten, wie man nun beim angeblichen Verkauf der Wirbelklinge vorgehen sollte, war Falk wieder einmal überhaupt nicht bei der Sache.

Der Hexer war innerlich zerrissen. Der Hilferuf von Morena und der silbernen Frau war nun schon Tage her, und seitdem war alles verstummt. Niemand schien etwas zu diesem Thema zu wissen und Falk hatte das Gefühl, dass die Stille in dieser Hinsicht dem Tod der Frauen gleichkam. Ihm war, als würde die Suche nach der Wirbelklinge ihn von seiner eigentlichen Bestimmung abhalten. Er hatte das Empfinden, dass jedesmal, wenn er und seine Freunde einen Angriff in Richtung der Wirbelklinge starteten, eine unsichtbare Macht diesen vereitelte, und sie so wieder von neuem beginnen mussten. Ein Instinkt sagte dem Hexer, dass irgendetwas begann, sich mit seinem Lebensfaden zu verbinden, doch dieses Gefühl zeigte ihm nicht, ob das Schicksal ihn auf den Weg des Glücks dirigierte, oder ob er von einem Sturzbach in die Tiefen der Niederhöllen herab gerissen wurde. Es ermunterte ihn kaum, dass sich seine fünf Weggefährten nach dem Vorschlag der Phexgeweihten wieder in guter Position für einen Ansturm auf den Aufenthaltsort der Wirbelklinge wähnten.


Die anderen entschieden derweil, dass Sal sich zu Karfang Graubuckler, dem Waffenhändler, aufmachen sollte, um ihn ihre erdachte Ware zum Verkauf anzubieten. Der Söldner sollte dabei als ein Glücksritter agieren, der sich in der Fecht- und Schmiedekunst auskannte. Graubuckler war ein Mensch, den man in Bezug auf Waffen nichts vormachen konnte, deshalb sollte der Söldling vorher genau überlegen, wie er dem alten Haudegen gegenübertrat. Man ließ Sal alleine losziehen, um möglichst viele der eigenen Leute im Hintergrund zu halten. Die Amazone und der Boronsdiener schieden für diese Aktion ohnehin aus, da sie dem Waffenhändler in positivem Sinne bekannt waren.

"Wenn er Leugrimms Waffe hat, dann kann ich ihn ja gleich an Ort und Stelle einen Kopf kürzer machen", belustigte sich Sal.

"Sei dir da mal nicht so sicher, dass du das schaffst! Der Mann sieht wie ein fähiger Kämpfer aus und so alt ist er noch nicht", erzählte Beorn.

"Kämpfer hin oder her, wenn ich ihn von hinten mit…"

"Das wirst du schön bleiben lassen, solch unrondrianische Kampftaktiken anzuwenden!", redete die Amazone dazwischen.

"Ach, es zählt nicht, wie man sein Ziel erreicht, sondern dass man sein Ziel erreicht", sagte Sal.

"Mit so einer Einstellung wird dir niemals die Ehre Rondras zuteil."

"Kor wird meine Waffe leiten und dann werden Köpfe rollen", grinste der Söldner.

"Armer Irrer", meinte Aldare nur.

Nach diesem Disput machte sich der Söldner in gewohnter Aufmachung und ohne sich großartig zu verstellen zu dem Waffenhändler auf. Unterdessen heckten seine restlichen Gefährten schon eine weitere Stippvisite bei einem der Verdächtigen aus.

Ohne zu zögern betrat Sal Graubucklers Waffenladen. Er wollte so vorgehen wie er es immer tat. Einfach drauf los reden, sehen was dabei raus kam, und gegebenenfalls die Konsequenzen tragen. Vorteilhaft für ihn war, dass er im Moment der einzige Kunde im Laden war.

"Seid mir gegrüßt im Namen unserer Kriegsgöttin, junger Freund! Wenn ich mir eure Aufmachung so anschaue, dann erkenne ich, dass ihr ein Liebhaber der schönen Kriegskünste und der Schmiedekunst des Ingerimm seid. Wenn das so ist, dann kann ich euch beglückwünschen, denn nirgendwo in Baliho werdet ihr so ein Arsenal an Waffen wie bei mir finden und so Praios es will, steht auch noch eine Rüstung in eurer Größe in meinen Regalen. Und sollte dies nicht der Fall sein, dann kann ich euch nur die Dienste meiner alten Freundin Farnlieb Harnischmacher empfehlen, die ist schon zusammen mit Yppolita, der Königin der Amazonen, in die Schlacht gezogen, bei Rondra", erzählte Karfang.

"Kor zum Gruße, ehrbarer Händler! Doch ist es nicht mein Ansinnen etwas von euch zu erwerben, viel mehr wollte ich fragen, ob ihr eventuell an einer prächtigen Waffe interessiert seid", erwiderte Sal.

"Selbstverständlich bin ich auch ab und zu darauf erpicht, ein paar neue Waren zu erwerben. Doch darf ich euch gleich warnen, dass ich keinen alten Schund kaufe. So ein rostiges Säbelchen, das ihr einem kranken Goblin abgenommen habt, gehört nicht in die Ausstellung meines Ladens. Wenn ihr so was habt, dann gebt es lieber gleich ein paar Kindern, damit sie die Ogerschlacht nachspielen können!", alberte der Waffenhändler.

"Nun, es ist eigentlich eher eine gar seltene Waffe und sie ist in einem fabelhaften Zustand, da müsst ihr euch also keine Sorgen machen!"

"Das ist gut zu hören. Was ist es denn? Der Anderthalbhänder auf eurem Rücken? Ich bitte euch, Junge! Ihr wollt doch nicht nackt durch die Nordlande reisen?"

"Nein, nein. Es ist eine Waffe aus fernen Ländern und ich habe sie auch nicht dabei. Ich hätte nur die Möglichkeit sie euch zu besorgen, natürlich nur, wenn von eurer Seite der Wunsch danach besteht", sagte Sal.

"Das fragt ihr noch? Hier in Baliho eine Waffe aus entlegenen Gegenden zu erblicken, dass ist ja wie Schwertfest und Tsatag auf einmal. Bringt her das Ding! Wo kommt es denn nu her?"

"Es kommt von der Insel Maraskan", erklärte Sal.

"Eine Waffe der Beni Rurech also, phantastisch, phantastisch. Wie seid ihr an so ein Schätzchen gekommen? Ist den Kaiserlichen mal wieder einer dieser schlitzäugigen Meuchelmörder vor die Armbrust gelaufen?", lachte Karfang.

"Wie ich euch bereits kundtat, ich selber habe die Klinge nicht, ich hätte nur die Aussicht, sie für euch zu beschaffen."

"Das ist dann euer Bier, wie ihr für mich die Waffe ergattert! Also, schießt los! Was ist es denn für ein Modell?"

"Es handelt sich um ein Tuzakmesser."

"Na sieh mal einer an, alle Welt spricht von Tuzakmessern. Wo habt ihr… äh, eure Handelspartner denn so ein Schmuckstück abgestaubt?", fragte Karfang.

"Mir wurde zugetragen, dass die Waffe einem Leutnant der herzoglichen Armee gehört hat, der kürzlich bei einem Goblinüberfall ums Leben kam", berichtete Sal.

"Das… das kann doch nicht… Hört zu, Bursche! Diese Waffe ist als Grabbeigabe für diesen Leutnant zeremoniell mit ihm bestattet worden. Sagt euren Spießgesellen, wenn sie es wagen sollten, sich an dem Grab dieses Mannes zu vergreifen, dass sie dann der Fluch des Boron treffen wird und ewige Verdammnis auf sie wartet!", meinte der Waffenhändler wütend.

"Aber sie sagten, dass wir ein prima Geschäft machen könnten", log Sal.

"Geschäft? Ihr habt sie wohl nicht mehr ganz alle? Wenn ihr die Klinge ausbuddelt, werdet ihr zu Gottesfrevlern. Wollt ihr das?"

"Nein, ich dachte nur…"

"Bei so was hat man nicht zu denken! Schlagt euch diese Machenschaften aus dem Kopf, sonst werdet ihr irgendwann auf gottesfürchtige Menschen treffen, die euch auf Goblingröße zurechtstutzen und jetzt schert euch aus meinen Laden, bevor ich die Beherrschung endgültig verliere und nach der Stadtgarde rufe!", polterte Karfang.

"Oh nein, bei Phex, nur das nicht! Ich werde gehen und werde das Ding in seiner kalten Gruft lassen, wo es hingehört", brachte Sal nur noch heraus und stürzte hastig aus dem Laden.

"Das will ich um euer Seele Willen hoffen!", rief der Händler hinter ihm her.


Der Söldner machte sich auf den Rückweg zu seinen Gefährten. Karfang Graubuckler wollte die Waffe zwar nicht haben, doch die Schärfe, mit der er ihren Diebstahl verurteilte, ließ seine Unschuld in dieser Sache vermuten. Doch der Waffenhändler war von Anfang an keiner der Hauptverdächtigen gewesen. Als dieser galt noch immer Tannfried Schoberbrück, der reiche Antiquitätenhändler.



Szene 30 Baliho (Die Wirbelklinge ist unser Teil 2)

Ein weiterer Händler, der für den Diebstahl der Wirbelklinge in Frage kam und noch lebte, war Leugrimms Onkel. Tannfried Schoberbrück wurde von seinem Bruder Drachwill immer noch verdächtigt, ob zu Recht oder zu Unrecht ließ sich bisher nicht einwandfrei sagen. Fest stand nur, dass der Antiquar mit Sicherheit über die Skrupellosigkeit und die finanziellen Mittel verfügte, um dem Gemischtwarenhändler Plorin drei Meuchler auf den Hals zu hetzen.

Da man vermutete, Tannfried könnte genau über die Recken bescheid wissen, die für seinen Bruder arbeiteten, entschloss Beorn sich einen alleinigen Vorstoß in Richtung des Antiquitätenhändlers zu wagen. Hierzu wollte er sich im Phextempel bei Schwester Ulvane eine Verkleidung holen. Seine schwarze Rüstung war für dieses Unternehmen einfach viel zu auffällig.


Im Phextempel angekommen, fragte Beorn den erstbesten Geweihten nach Ulvane.

"Verzeiht guter Mann, aber ich kenne keine Schwester Ulvane!", bekam er als Antwort

"Nicht? Aber sie ist ganz sicher hier…", sagte der Boronsdiener und hielt dann aber inne, als er die Priesterin, die er suchte, in der Menge erblickte. Ulvane Menzheimer machte eine kreisende Handbewegung, um ihm zu zeigen, dass sie ihn erkannt hatte.

"Entschuldigung, war ein Missverständnis!", meinte Beorn zu dem anderen Geweihten und schritt auf Ulvane zu.

"Seid mir gegrüßt, Schwester Ulvane! Gut, dass ich euch treffe. Euer Mitgeistlicher da, wollte mir nicht sagen, dass ihr hier seid."

"Das liegt daran, dass der Mann dort hinten überhaupt kein Geweihter ist, sondern ein ganz gewöhnlicher Balihoer Schurke", erklärte Ulvane.

"Ihr Phexjünger seid ja nicht einmal in euren eigenen Tempeln zu erkennen, aber das scheint ja euer Wunsch zu sein."

"Das ist er, wirklich. Also, womit kann ich euch helfen, Beorn von Narutil?"

"Wir sind gerade sozusagen eifrig dabei, euren Plan in die Tat umzusetzen, nur können wir bei Tannfried Schoberbrück nicht einfach hereinschneien und uns als die Helfer seines Bruders zu erkennen geben", erläuterte Beorn.

"Ich verstehe. Ihr wollt euch also auf den göttlichen Fuchs verlassen und euer Äußeres in eine wenig gewohnte Bekleidung hüllen?"

"Äh ja, richtig."

"Gut, gut. Dann solltet ihr nun mit mir kommen und ein wenig zu dem Gott beten dessen Hilfe ihr wieder und wieder auf eurer Suche in Anspruch nehmt!", forderte die Priesterin.

"Das werde ich selbstverständlich und gerne tun, Ulvane!"


Die Phexpriesterin ging mit Beorn in einen Raum abseits des Trubels in der Haupthalle des Tempels und breitete zwei Gebetsteppiche auf dem Boden aus. Vor ihnen stand eine Holzplastik eines Fuchses mit geöffnetem Maul. Der Fuchs war ungewöhnlicherweise sitzend dargestellt. Die Statue selbst stand auf einem Steinsockel an, der eine Metallplatte mit einem Schloss angebracht war. Als Ulvane sich zum Beten niederkniete, tat der Boronsdiener es ihr gleich.

"Phex, mein Gebieter, hier kniet dein gewissenloser und hesindialer Mondschatten Ulvane Menzheimer. Ich bete zusammen mit einem Soldaten deines Bruders Boron für deine Hilfe bei einer dir gefälligen List. Schenke uns die Gabe und den Ideenreichtum, dass wir in der Lage sind, die Kriegsknechte der Finsternis zu täuschen, die den Statuten der Zwölfgötter keine Treue leisten und die Menschlichkeit mit Füßen treten! Als Geschenk hierfür werde ich dir einen Gegenstand aus dem Tempel der Rahja bringen", betete Ulvane.

Als sie fertig war, zog sie einen Silbertaler und steckte ihn in den Rachen der Holzstatuette. Beorn kratzte sein letztes Geld zusammen und warf es ebenfalls in den Fuchsschlund.

"Kommt mit!", sagte die Phexgeweihte und ging mit Beorn in einen weiteren Raum in der Tiefe des Tempels. Hier standen mehrere Truhen, wie man sie sonst auf einer Überseefahrt verwenden würde, und einige große Spiegel. Die Priesterin öffnete eine der Truhen und begann geschäftig in ihr zu wühlen. Beorn ertappte sich dabei, wie er Ulvane immer wieder anstarrte. Die Frau war faszinierend, aber er musste sich auf seinen Auftrag konzentrieren. Immerhin war er hier in Baliho der einzige bodenständige Vertreter von Borons Interessen und seine Gesetze waren es, die durch den Raub der Wirbelklinge und die Geistererscheinung im besonderen Maße verletzt wurden.

Als Ulvane eine Verkleidung beisammen und Beorn sie anprobiert hatte, konnte der Boronsdiener seine Bewunderung für die Talente der Geweihten nicht mehr verbergen. Den Mann, den er dort im Spiegel sah, würde er selber kaum als sein eigenes Ich erkennen.

Er trug eine abgewetzte dunkelgraue Leinenhose, die an den Knien mit dunkelblauen Stofffetzen ungeschickt geflickt war. Sein Hemd war ebenfalls in einem dunklen Grauton gefärbt, aber es war an den Ärmeln noch einmal in hellem Grau abgesetzt. Völlig unpassend wirkte eine grelle orangefarbene Schärpe für sein Schwert, die aber die Aufmerksamkeit seines Gegenübers vom Gesicht ablenken würde. Beorn trug schwarze kurze Lederstiefel, die ihn an den Seiten etwas zwickten, aber sonst groß genug waren. Ein brauner Viehtreiberhut führte die willkürliche Farbkombination seiner Gewandung noch weiter ad absurdum. Komplettiert wurde seine Verkleidung durch einen grauen Schafswollmantel. Beorn von Narutil wirkte wie neu geboren.

"Tja, dann kann’s ja los gehen!", lächelte ihn die Phexjüngerin an.


Auf dem Weg zu Tannfried Schoberbrück dachte der Boronsdiener die ganze Zeit an Ulvane. Doch er musste diese Gedanken aus seinem Kopf verbannen. Jetzt galt es möglicherweise einen Boronfrevler dingfest zu machen.

Beorn schickte ein Stoßgebet zu Boron und betrat den Antiquitätenladen.


"Praios zum Gruß! Was kann ich für euch tun?", hieß der Antiquar den Boronsdiener willkommen. Neben dem Ladeninhaber stand sein Leibwächter Efferdin Melltheuer. Der rotblonde Kämpfer war in eine schwarze Tuchrüstung gekleidet. Als Waffe trug er einen gewaltigen Zweihandsäbel, der Beorn sofort aufmerken ließ.

"Bei Boron, das könnte genauso gut die Tatwaffe gewesen sein, jagen wir etwa schon die ganze Zeit einem Phantom hinterher und hätten einfach nur hier suchen sollen?", überlegte Beorn.

"Travia zum Gruß, werter Antiquar! Hagen Obermann mein Name. Ich hätte etwas Geschäftliches mit euch zu besprechen, unter vier Augen versteht sich", schwindelte der Boronsdiener.

"Ich versichere euch, werter Herr, mein Leibwächter hier gehört zu meinen engsten Vertrauten, ihr könnt mir deshalb getrost euer Geschäft unterbreiten!"

"Also gut. Es geht um eine sehr wertvolle Waffe. Eine Waffe hier aus Baliho. Genau genommen die Wirbelklinge, falls euch der Name etwas sagt?"

Tannfried und Efferdin schauten sich überrascht an, dann meinte der Antiquitätenhändler: "Natürlich sagt mir der Name etwas. Und ihr habt diese Waffe?"

"Ich habe sie nicht, aber es wäre mir ein Leichtes sie euch zu besorgen", erklärte Beorn.

"Was verlangt ihr für die Wirbelklinge?"

Beorn grübelte, denn er hatte nicht die leiseste Ahnung, was die Waffe in Wirklichkeit wert war, also sagte er einfach: "50 Dukaten."

"Passt auf, junger Mann, ich bin ein fairer Geschäftsmann. Wenn ihr sofort loslauft und die Waffe zu mir bringt, dann werde ich euch 75 Dukaten für die Klinge geben. Nun, ist das ein Angebot?"

"Bei Phex, das ist es! Ich werde auf der Stelle losziehen und die Waffe besorgen", frohlockte Beorn.

"Und vergesst nicht, die Klinge zu mir, und nur zu mir zu bringen!", forderte Tannfried.

"Selbstverständlich, ich werde mir die 75 Goldstücke nicht entgehen lassen", meinte Beorn und verließ den Laden.


"75 Dukaten, dafür kann ich 'ne Woche im Puff übernachten", sprudelte es aus Sal heraus, als der Boronsdiener seinen Weggefährten das Angebot des Antiquars kundtat.

"Wie es scheint, hat Tannfried Schoberbrück die Waffe also nicht", vermutete Ilkarion.

"Graubuckler hat sie aber auch nicht", sagte der Söldner.

"Dann ist nur die Frage, wer sie letztendlich hat. Uns gehen allmählich die Verdächtigen aus", meinte Falk betrübt.

"Bleibt also für den Moment nur noch der Elf, oder?", fragte Beorn in die Runde.

"Dann müssen wir in der Stadt ausschwärmen und ihn finden, oder wollt ihr hier weiter tatenlos rumsitzen?", wollte die Amazone wissen.

"Wenn ihn die Phexdiener nicht einmal ausfindig machen können", lamentierte Ilkarion.

"Was ist mit Farlgard Meiler von Eichenbach?", fragte Falk.

"Ich würde vorschlagen, wir warten noch einen Tag ab, wenn sich bis dahin nichts tut, müssen wir eine Entscheidung treffen und notfalls die Stadtgarde um Hilfe bitten", erklärte Aldare.

Keinem der Sechse war wohl bei der Sache. Sie hatten sich wieder in eine Sackgasse verrannt und den Ausweg daraus schien nur ein Fremder öffnen zu können.



Szene 31 Baliho (Die Wirbelklinge ist unser Teil 3)

Während Aldare und ihre Vasallen blind und unbeholfen wie ein Neugeborenes nach der Wirbelklinge forschten, waren ihre Besitzer gerade dabei, Baliho und somit die nähere Umgebung ihrer Verfolger zu verlassen.

Die Nacht war bereits angebrochen und die beiden Gestalten, die dort in einem kleinen Obsthain standen, waren von den nächsten Häusern aus nur schemenhaft zu erkennen. Bei solch einer kalten Witterung war aber ohnehin kaum jemand zu dieser Zeit unterwegs. Es herrschten die Monate, wo man lieber den ganzen Tag gemütlich in der warmen Küche verbrachte, anstatt sich die Kälte durch Mark und Bein gehen zu lassen.

"Nun, nach einer langen und anstrengenden Suche bist du endlich mir, oh du prächtigste Waffe, die man auf der Insel der Rechtgläubigen finden kann", sagte Ibarnjabiel und betrachtete Leugrimms Tuzakmesser.

"Nein, die Wirbelklinge ist unser", wurde er von Kavashira berichtigt. Die Hexe umschlang den Krieger mit beiden Armen. Sie war für eine Frau ihrer Zunft mit fast 180 Halbfingern schon bemerkenswert groß, doch der schwarzhaarige Krieger überragte sie trotzdem noch um eine Haupteslänge. Ein eindringlicher Blick ihrer grünen Augen signalisierte Ibarnjabiel, dass sie nur eine bestimmte Antwort hören wollte.

"Natürlich, noch ist sie unser, aber wir müssen sehen, dass wir sie loswerden", meinte Ibarnjabiel.

"Wenn wir die Waffe verkaufen, werden wir unermesslich reich sein. Dann können wir in den Süden zurückkehren und leben wie die Könige", freute sich Kavashira.

"Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, obwohl uns keiner der Verfolger direkt auf der Spur ist, müssen wir verdammt aufpassen. Früher oder später werden sie feststellen, das wir sie alle nur getäuscht haben", entgegnete der Krieger.

"Aber dann werden wir schon längst über alle Berge sein, glaub mir!"

"Das hoffe ich. Was ist mit der Amazone und ihren Leuten?"

"Die haben keinen Anhaltspunkt, der auf uns deuten könnte. Viel mehr sind sie damit beschäftigt sich mit Funkenflug und seinen Leuten in die Quere zu kommen", grinste die Hexe.

"Das ist gut, das ist sehr gut. Wir sollten der Amazone und ihren Verbündeten einen Hinweis zukommen lassen, wo sich Funkenflug und seine Leute aufhalten. Vielleicht löschen sich die beiden treuen Rondrianer und ihre verblendeten Anhänger dann gegenseitig aus, und wir können unbesorgt Richtung Espen reisen?"

"Meinst du nicht, dass wir dabei entdeckt werden könnten?"

"Wir müssen ja das Tuzakmesser nicht offen zur Schau tragen, es reicht, wenn wir es irgendwie schaffen, dass eine der Gruppen den Aufenthaltsort der anderen erfährt", sinnierte Ibarnjabiel.

"Wie wollen wir das anstellen?"

"Das muss ich mir noch überlegen. Vielleicht sollten wir einen von ihnen umlegen und den Verdacht auf die andere Gruppe lenken? Aber das lasse ich mir noch einmal genauer durch den Kopf gehen. Denk du dir schon mal aus, was wir mit dem vielen Gold anstellen werden, das wir von der Meierin erhalten!"

"Ich hoffe, sie nimmt uns ab, dass wir von Plorin geschickt wurden!", seufzte Kavashira.

"Und wenn nicht, was macht das schon? Sie will die Klinge, genau wie die ganzen anderen Hohlköpfe. Wir werden jetzt einfach nach Espen los reiten und unsere Verfolger noch ein Weilchen gegen ihre eigene Dummheit ankämpfen lassen", feixte der Krieger und umband die Hüften der Hexe mit seinen Händen. Kavashira grub ihm ihre langen Fingernägel in den Nacken und küsste ihn innig. Der Krieger berührte zärtlich die Schenkel seiner Geliebten und fuhr von dort aus langsam mit der Hand nach oben.

"Ibarnjabiel, doch nicht hier!", stöhnte die Hexe.

"Warum nicht? Wir sind doch völlig allein", hauchte ihr der Krieger ins Ohr.

Doch sie waren nicht allein. Hoch oben in einem der kahlen Obstbäume saß eine schwarze Katze. Der Hexe und dem Krieger war sie nicht aufgefallen. Kein Wunder, wenn man davon ausgeht, dass diese nachtaktiven Tiere zu einem gewohnten Stadtbild gehörten. Hätten sie beide die Katze wahrgenommen, dann wären sie stutzig geworden, denn sie schien intelligent zu handeln. Und das tat auch. Vorsichtig bahnte sie sich den Weg durch das Geäst nach unten, um dann mit einem Satz in den Schnee zu hopsen. Sie hatte genug gehört, das Liebesspiel der beiden Menschen war für sie nicht spannend.

Doch auch die geschärften Sinne der Katze bemerkten nicht den Bogenschützen, der sie aus smaragdgrünen Augen beobachtete und in einiger Entfernung an einer Hauswand stand. Er hatte eine merkwürdige Körperhaltung eingenommen. Mit den Rücken zur Wand stehend, hatte er seine Arme mit der flachen Hand gegen die Mauer gepresst. Sein Kopf mit dem schwarzen langen Haar war nach hinten gelehnt. Irgendwie schien er mit der Mauer zu verschmelzen, weshalb ihn die Katze nicht bemerkte. Seine Kleidung hatte für einen Betrachter die Farbe des hinter ihm liegenden Hauses. Ja sogar sein Gesicht und seine Haut waren auf einmal in dem sandfarbenen Ton der Wand eingefärbt. Der Bogenschütze hatte aber die Katze bemerkt, weil er sich sehr aufmerksam durch seine Umwelt bewegte. Zunächst erschien sie ihm nicht wichtig. Dies änderte sich jedoch schnell. Bevor er seine Haltung einnahm, hatte er die umliegende Gegend nach Magie untersucht. Das Ergebnis war für ihn sehr überraschend. Gleich drei astrale Quellen waren zwischen den Obstbäumen zu erkennen, aber nur eine ging von einem menschenähnlichen Wesen aus. Die Hexe war dem Schützen schon bekannt und auch die zweite Quelle, eine prächtige Nachtigall, die in einer Baumkrone thronte, konnte er deuten. Die Nachtigall war das Hexentier von Kavashira. Dass die Katze magiebegabt war, damit konnte er nun wirklich nicht rechnen. Das Spiel, in das er hineingezogen worden war, wurde von Stunde zu Stunde unüberschaubarer. Vorsichtig einen Fuß neben den anderen setzend, glitt der Bogenschütze an der Hauswand entlang. Er wollte endgültig den Sicht- und Hörbereich von Kavashira und Ibarnjabiel verlassen. Die Katze schlug ungünstigerweise eine andere Richtung ein als er, doch sobald er den Hain verlassen hatte, konnte er schnellen Schrittes die ganze Szenerie umrunden und so die Verfolgung der Katze aufnehmen.

Dies tat er dann auch. Hastig und ohne darauf zu achten, ob er gesehen wurde oder nicht, lief der Mann los. Mit einer flüssigen Bewegung holte er während dem Lauf seinen Bogen vom Rücken und zog danach einen Pfeil aus seinem Köcher. Die schwarze Katze hatte ihren Verfolger mittlerweile bemerkt und begann mit höchstem Tempo davonzueilen. Als er in einer günstigen Schussposition war, feuerte er sofort seinen Pfeil ab, der jedoch fehl ging und knapp über der Katz in ein altes Fass schlug. Er verzog seine Miene und packte die Schusswaffe wieder auf den Rücken.

"A’sela dhao biundawin”, kamen die elfischen Zauberworte aus dem Mund des Schützen.

Der Schnelligkeitszauber tat Wunder, schnell wie ein Jagdhund preschte er durch die Gassen Balihos. Es konnte nicht mehr lange dauern, nur noch wenige Schritte, dann hätte der Elf das kleine Tier erreicht. Mit einem Satz, der der Katze selbst alle Ehre gemacht hätte, sprang er los. Die Katze schlug jedoch im allerletzten Moment einen Haken nach links und und verschwand im Eingang eines großen Gebäudes. Der Waldelf haute vor Wut mit der Hand auf den Boden. Er lag hier vor dem Tempel der Rahja. Kopfschüttelnd tat er einen Seufzer und stand schließlich auf. Wenige Augenblicke später war er wieder in der Dunkelheit der Nacht verschwunden. Dies hier war kein gutes Pflaster für ihn, er musste zurück in seinen Wald.


Im Hauseingang gegenüber des Rahjatempels stand eine zierliche Gestalt, die jetzt, nachdem der Waldelf verschwunden war, langsam auf den Hauteingang des Tempels der Liebesgöttin zuschritt. Ein optimistisches Lächeln stahl sich auf die zarten Gesichtszüge der Nachtperson, und sie flüsterte: "Alles kommt von selbst zu dem der warten kann."

Dann betrat Ulvane Menzheimer den Tempel der Rahja.



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