Die Jagd nach der Wirbelklinge (VI) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 32 Baliho (Wenn Sechse eine Reise tun)

Der Katzenmensch hatte Ulvane ein zweites Mal überlistet. In den vielen bunten Räumlichkeiten mit den zahlreichen Möbeln und Versteckmöglichkeiten war die Katze der Phexgeweihten entkommen. Sie hätte sich ohrfeigen können, denn den Elfen hatte sie zu Gunsten des Katzenmenschen entwischen lassen. Doch wie sehr Phex mit ihr war, das erfuhr sie erst am nächsten Vormittag. Eine alte Bettlerin, welche Ulvane gebeten hatte, die Augen nach einem Elfen offen zu halten, hatte ihn tatsächlich entdeckt, sogar die Beschreibung des Mannes passte perfekt. Langes, rabenschwarzes Haar, fast 190 Halbfinger hoch und Augen, die so grün glänzten, als wären es geschliffene Smaragde. Er hatte die Stadt in Richtung Osten verlassen. Das besondere war aber, dass er noch drei Begleiter dabei hatte. Den Erzählungen der Bettlerin nach waren es eine Glücksritterin, ein Söldner und eine hohe Dame, die den Elfen begleiteten. Ulvane kam sofort in den Sinn, dass die beiden Mitreisenden des Elfen bei der Schlacht um Waidhart Plorins Haus durchaus der Söldner und die Glücksritterin hätten sein können. Die hohe Dame mochte sie beauftragt haben. "Ja, jetzt fügt sich endlich alles zu einer Lösung zusammen", hatte Ulvane erfreut gedacht und die Bettlerin mit zwei Silbertalern belohnt. Die Segenswünsche aller Zwölfgötter regneten daraufhin auf die Phexpriesterin herab, so froh war die Obdachlose über das für ihre Verhältnisse sehr viele Geld.

Nachdem sie diese Nachricht erhalten hatte, war Ulvane natürlich spornstreichs zu den sechs Gefährten gelaufen und hatte ihnen eröffnet, dass sie nun endlich wieder eine Spur hatten, deren Verfolgung sie aufnehmen konnten.


"Dann müssen wir aufbrechen, jede Verzögerung vergrößert die Distanz zwischen uns und der Wirbelklinge", forderte Ilkarion.

"Aber wohin? Die Stadt gen Osten verlassen ist leicht. Doch keiner kann genau sagen, was sie in dieser Richtung suchen", bemerkte Beorn.

"Vielleicht steuern sie ja Espen an?", überlegte Falk.

"Das ist doch völliger Unsinn. Der Handelspartner der Meierin ist tot, damit ist ihr das Geschäft durch die Lappen gegangen. Keiner außer uns weiß, dass sie an der Waffe interessiert ist", stellte der Boronsdiener fest.

"Legst du dafür auch deine Hand ins Feuer?", fragte der Magier.

"Nun hört mal zu! Diejenigen, die begierig auf die Waffe des werten Leugrimm sind, werden auch weiterhin nach ihr suchen lassen, solange sie das Tuzakmesser nicht haben", vermutete Aldare.

"Du meinst, die Meierin hat vielleicht verschiedene Leute beauftragt, nach der Wirbelklinge zu suchen?", fragte Legolant.

"Der Gedanke ist mir durch den Kopf gegangen. Vielleicht wollte sie sichergehen, dass das Schmuckstück garantiert in ihrer Sammlung landet?", grübelte Aldare.

"Bleibt uns eine andere Wahl? Die Waffe musste aus der Stadt gebracht werden. Hier war und ist es viel zu heiß für den Dieb. Die Anzahl seiner Verfolger wird immer größer. Er muss sich entweder davonmachen oder schlicht und einfach verkaufen", sagte Ilkarion.

"Und wenn die Meierin mehr bietet als 75 Dukaten, dann… dann wird jemand, der bei klarem Verstand ist, sofort verkaufen", mischte sich Sal ein.

"Dann ist es also beschlossen. Wir werden noch heute die Stadt verlassen und die Verfolgung aufnehmen", entschied die Amazone.

"Nun denn, ich klaube noch schnell all meine Waffen zusammen dann können wir losreiten!", sagte der Söldner.

"Och nö, das könnt ihr mir nicht antun! Ihr wisst doch, dass ich Angst vor Pferden habe", stöhnte Legolant entnervt.

"Außerdem möchte ich anmerken, dass ich über gar kein Pferd verfüge", ergänzte Beorn.

"Ach so… Da war ja doch so einiges", meinte Sal.

"Leihen wir uns einfach eine Kutsche", schlug Ilkarion vor.

"Und was soll der ganze Rotz kosten?", sagte der Söldner missmutig.

"Du musst es ja nicht bezahlen", entgegnete der Graumagier.

"Na dann auf, wir wollen keine Zeit verlieren!", drängte Aldare.


Die sechs Gefährten brachen mit Sack und Pack auf. Vorher meldeten sie sich noch beim Hauptmann und ihrem Auftraggeber Drachwill Schoberbrück ab. Ihre neue Freundin Ulvane Menzheimer blieb als ihr Auge und ihre Ohren in Baliho, man konnte ja nie wissen, ob sich nicht doch noch eine andere Fährte entdecken ließ, außerdem fehlte bisher immer noch jede Spur von der weißen Frau und von Morena.

Zuvor hatte man im Balihoer Fuhrmannbetrieb eine Reisekutsche gemietet. Der Kutscher war bei solchen Geschäften immer mit von der Partie. Der Fuhrknecht, der die Helden von nun an begleiten sollte, war ein Mann von vielleicht 35 Lenzen. Er war im Vergleich zu seinen meist hoch gewachsenen Begleitern ein halber Zwerg. Doch das sollte ihm auf dem Kutschbock auch kein Verhängnis sein. Der Mann trug schwere braune Stiefel und grobe graue Leinenkleidung, darüber die obligatorische lederne Fuhrmannsjacke. Der Viehtreiberhut durfte bei einem echten Balihoer natürlich auch nicht fehlen. Braunes kurzes Haar und ein buschiger Oberlippenbart zierten das Haupt des blauäugigen Kutschenlenkers. Dingel Huisdorn, so hatte er sich vorgestellt, trieb seine zwei Zossen unerbittlich mit der Peitsche voran. Legolant und Beorn wurden in der Kutsche teilweise gut durchgeschüttelt, da Dingel immer irgendwelche Abkürzungen nach Espen kennen wollte. Die Amazone ritt erhaben voran, während Ilkarion und Falk seitlich ritten und sich miteinander über dies und das unterhielten. ‚Dies’ konnte man auch als Morena und ‚Das’ konnte man auch als die Wirbelklinge bezeichnen. Der Söldner Sal trabte mit seinem Svellttaler Kaltblut der Kutsche hinterher. Noch waren sie in Gefilden, wo es unwahrscheinlich war, dass sie auf Wegelagerer oder Orkengezücht trafen, doch blieb der Uhdenberger Kämpe immer wachsam.


"So ist das also, ihr wollt tatsächlich nach Espen? Mag der gelehrte Herr das Örtsche kennen?", rief Dingel zu dem Graumagier herüber.

"Nein, ich bin noch nicht dorten gewesen. Gibt es denn irgendetwas in Espen, das sich lohnen würde anzuschauen?", fragte Ilkarion.

"Nun ja, ihr seid nicht gerade zu einer Großstadt unterwegs. Espen mag die Hälfte von tausend Einwohnern zählen, vielleicht etwas mehr."

"Und sonst?"

"Es befinden sich die Tempel von den Göttinnen Peraine und Rahja in dem Ort und nicht zu vergessen Schloss Eichenbach."

"Ah, ich verstehe, der Regierungssitz von Meierin Farlgard."

"Ja genau, das ist er. Aber nur wenige Leute reisen zu diesem abseits gelegenen Dörfchen. Gerade mal eine Herberge könnt ihr dort finden, gelehrter Herr", erklärte der Kutscher.

"Scheint ja ein richtiges Kaff zu sein", vermutete der Graumagier.

"Oh ja, so kann man es nennen. Dort möchte ich nicht begraben sein. Wir werden in den nächsten Tagen durch Altnorden kommen, da ist zwar auch nicht viel los, aber im Vergleich zu Espen steppt dort der Bär. Beinahe Eintausend Bewohner hat’s dort und die Tempel der Herren Praios und Ingerimm", erzählte Dingel.

"Dann können wir von Glück sagen, dass wir in dieser Gegend wenigstens noch die Macht der Götter und ihrer Geweihten erspüren können", sagte der Graumagier und lenkte dann seinen Tobimora Falben wieder in Richtung des Hexers.

"Die Zwölfe werden mit uns sein", freute sich Dingel und wandte seinen Blick wieder strack nach vorne.


Aves, der Gott der Reisenden, meinte es gut mit den Sieben, denn nach knapp zwei Tagen hatten sie, ohne das sich irgendwelche Vorfälle ereignet hatten, die nächste Ortschaft in Sichtweite. Falk preschte voller Vorfreude voran und spähte von weitem in die Ortschaft hinein. Doch obwohl es ein heller Arbeitstag war, erkannte er keine einzige Person auf der Hauptstraße des Bauerndorfs, nicht eine. Doch der Wind trug ein Geräusch an sein Ohr. Das war kein gewöhnliches Geräusch, das war ein Donner. Immer wieder das gleiche Wort und immer wieder traf es Falk mitten ins Herz. Während sich seine Augen vor Zorn mit Tränen füllten, trieb er sein Pferd noch schneller voran. Seine verblüfften Begleiter konnten nun auch den Chor der Stimmen wahrnehmen. Wieder und wieder hörten sie aus hundert Kehlen das Wort ‚Hexe’.



Szene 33 Auenhag (Die Hexe soll brennen!)

Die vier Reiter galoppierten in das kleine Dorf Auenhag hinein. Falk ritt knapp an der Spitze, doch der Söldner und vor allem die Amazone holten immer weiter zu dem Hexer auf. Ilkarions Falbe konnte das hohe Tempo der ersten Drei nicht ganz halten und die Kutsche holperte als abgeschlagenes Schlusslicht weit hintendran auf das kleine Bauerndörfchen zu. Immer noch war keine Menschenseele zu erkennen, obwohl der Ruf, den sie aus dem Örtchen vernahmen, immer lauter wurde. Es konnte nicht mehr weit sein, hinter der nächsten Kurve MUSSTE sich eine Menschenansammlung befinden. Und so war es auch.

Eine riesige Menschentraube stand um das einzige zweistöckige Gebäude des Ortes herum. Dies war offensichtlich eine Herberge, denn über der Tür hing ein Schild mit einer aufgemalten Pritsche sowie einem eberkopfgroßen Krug und der Aufschrift ‚Bauerndank’. Die Bewohner des Dorfes hatten wutverzerrte Gesichter und brüllten immer wieder solche Sätze wie "Die Hexe soll brennen!" oder "Tötet die Hexe!". Angeführt wurde der Aufmarsch von einer Geweihten der Peraine in den besten Jahren. Die Ankömmlinge mussten von ihren Pferden absitzen, da die Dörfler ihnen keine Beachtung schenkten und deshalb auch keine Anstalten machten, vor ihnen zu weichen. Alle Augenpaare der gesamten Ortschaft waren auf die Herberge gerichtet, in der sich eine Hexe aufhalten sollte. Zumindest Falk und Ilkarion waren sehr skeptisch über das, was sie im Moment erlebten. Sie waren gerade dabei, sich den Weg durch die Menschenmassen zu bahnen, als die Eingangstür der Herberge aufflog und ein Büttel herausstürmte. Sofort begann sich die Menge zu teilen, doch der Mann ließ sich nach ein paar Schritt des Laufens zu Boden fallen. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht und schrie: "Sie hat mir das Gesicht zerkratzt", und wand sich im Straßenstaub. Nach kurzem Innehalten setzten Falk, Ilkarion, Sal und Aldare ihren Weg zum Eingang fort. Noch eine halbe Minute, dann waren sie da. Inzwischen hatte Dingel die Kutsche am Rande der Meute zum Stehen gebracht. Beorn steckte seinen Kopf aus dem Fenster und rief zu der Geweihten herüber: "Sagt an, euer Gnaden! Was geht in diesem Orte vor sich?"

"Wir haben eine Hexe in der Herberge eingekreist, jetzt sollen unsere mutigsten Männer sie herausholen, auf dass wir sie den reinigenden Flammen übergeben können."

"Recht so, Praios möge die gottlosen Hexen strafen!", rief der Boronsdiener zurück.

Ein tosendes "Ja" wurde aus der Menge zurückgebrüllt. Die Diener des Sonnengottes konnten heute stolz auf Auenhag und seine Einwohner sein.

Die anderen hatten nun die Menge hinter sich gelassen. Falk und Aldare schritten gerade einträchtig voran, als ein weiterer Gardist aus der Herberge gelaufen kam. Dieser machte gar keine Anstalten, die Heroen zu beachten, sondern er warf sein Schwert und seinen Holzschild von sich, um dann mit den Worten "Lauft um euer Leben!" durch die sich erneut teilende Menge das Weite zu suchen. Einige verschreckte Bauern taten es ihm gleich.


Sal zerriss von außen eines der Ölpapierfenster und spähte in den Schankraum der Herberge. Da er dort drinnen keine einzige Person sah, schaute er mit einem Schulterzucken zu Falk, der vor der Eingangstüre stand. Der Hexer seinerseits blickte Aldare an, die ihm zunickte. Falk atmete noch einmal tief durch, dann öffnete er die Tür. Mit ein paar hastigen Schritten betraten die Amazone und er den Schankraum. Sal warf sich mit einem Fluchen durch das Fenster. Die drei blickten sich um. Sie standen in einem sehr rustikalen, heimelig eingerichteten Dorfgasthof. Alle Tische waren leer und abgeräumt, nur auf einem standen ein Tonkrug und ein Becher. Der Tresen war sauber und nicht besetzt. Als Ilkarion eintrat fielen ihm zuallererst einige Wandbehänge gegenüber dem Eingang auf. Da hing der Kopf eines Rothirsches neben dem eines Borkenbären, etwas weiter rechts waren ein großes Wagenrad und an der daneben liegenden Wand ein paar Blumenampeln aufgehängt. An der Wand gegenüber hatte ein Künstler mit schwarzer Farbe die Umrisse eines Firunsbären auf die weiße Wand gemalt und daneben mit vielen bunten Farbtönen einen Paradiesvogel, welcher als das heilige Tier des Aves galt. "Au fein", klang die Stimme Sals durch den Raum. Er hatte einen Stamm aus weichem Holz entdeckt, auf dem ein leichter Hammer und einige schwarze Holznägel lagen.

Aldare räusperte sich und schaute ihn ermahnend an. "Naja, vielleicht später", zügelte sich der Söldner und setzte seine Suche fort. "Vielleicht sollten wir mal oben nachschauen?", überlegte Ilkarion. "Moment, ich schaue gerade noch hinter der Theke nach!", entgegnete ihm Aldare. Der Hexer und die Amazone näherten sich also den Tresen von zwei Seiten, als plötzlich eine Gestalt mit gezückter Waffe hinter ihm hervorsprang. Es war eine Frau mit langem, silberfarbenem, glattem Haar und Augen, die in einem so hellen Grau glitzerten, dass man fast geblendet wurde, wenn man sie anblickte. Die Frau war eine Elfe, und in der Art, wie sie gekleidet war, konnte Ilkarion sie als eine Angehörige vom Firnvolk erkennen. Aber nicht nur die Haare, sondern auch Teile der Pelzkleidung waren in Silber gehalten, worauf es einigen schlagartig klar wurde: dies war die silberne Frau. Während der Söldner, Ilkarion und die Amazone mehr auf die Elfe selber geachtet hatten, fasste der Hexer sofort die Hände der bildschönen Frau ins Auge. In der rechten Hand hielt sie den Weggefährten einen Robbentöter entgegen. Diese Waffe war ein firnelfischer Jagdsäbel, dessen Name daher rührte, dass die Eiswüstenbewohner damit Robben abschlachteten. Im Gegensatz zu ihren Brüdern und Schwestern, die in den Auen und in den Wäldern lebten, hatten die Firnelfen verhältnismäßig wenig Respekt vor dem Leben der Tierwelt. Ilkarion hatte von einer Magietheoretikerin gehört, dass die Firnelfensippen in einer kollektivistisch geprägten Geriokratie lebten, aus der sie alle Fremdkörper ausgrenzten, um einen sonst bei keinen Lebewesen denkbaren Zusammenhalt zu gewährleisten.

Falks Aufmerksamkeit galt aber viel mehr der linken Hand der Winterelfe. Denn diese umfasste eine auf ihrem Arm sitzende große Glückskatze, die typischerweise schwarz, grau und rot getigert war und den Hexer aus ihren hellblauen Augen anblickte. Plötzlich hörte der Hexer eine Stimme in seinem Kopf: "Endlich hast du mich gefunden, mein lieber Falk. Du bist der Sohn Satuarias, den ich schon mein ganzes Leben gesucht habe."

Falk starrte die Firnelfe verwirrt an. "Nein, nicht sie. Ich bin es, die zu dir spricht. Ich bin Morena, die Katze", erklang die Stimme erneut.

"Was bist du?", fragte Falk laut.

"Vor allem wer bist du?", meinte Aldare, die ja nicht wissen konnte, dass ihr Weggefährte die Katze ansprach und nicht die Elfe.

Die Firnelfe hob ungläubig die Augenbrauen.

Ilkarion trat der Elfe mit einer freundlichen Geste entgegen und sagte: "Taladha Ilkarion."

Die Elfe schaute ihn daraufhin ein wenig überrascht an und entgegnete: "Feydha Dimeloé."


"Ich bin keine gewöhnliche Katze. Ich bin dein Hexentier, Falk", vernahm er wieder die Stimme. "Du bist also mein Tierbegleiter, ich hätte es früher wissen müssen", flüsterte Falk und hörte mit einem Ohr das nun beginnende Gespräch zwischen Ilkarion und Dimeloé an. Er war der einzige, der neben dem Magier etwas Elfisch sprach. Ilkarion hatte das Isdira gemeistert und die Firnelfe war immer wieder erstaunt, wie gut er auch ihren Dialekt verstehen konnte.

"Das ist meine Freundin Dimeloé. Du musst sie beschützen! Du musst mich beschützen!", bat Morena den Hexer telepathisch.

"Das werde ich gerne tun, doch muss ich vorsichtig sein. Nicht jeder hier weiß, dass ich ein Sohn Satuarias bin", murmelte Falk.


"Was redest du denn da die ganze Zeit mit der Elfenhure?", mischte sich der Söldner ein.

"Sal, hör bitte auf, diese Frau zu beleidigen! Dimeloé hier ist die Friedfertigkeit in Person, obwohl sie behauptet, eine Firnelfenkriegerin zu sein", erklärte der Graumagier.

"Ja natürlich, eine Kriegerin", meinte die Amazone abfällig und schaute die Eiselfe mit ihren vielleicht 60 Stein Körpergewicht an.

Dimeloé kniff daraufhin die Augen etwas zusammen und baute sich vor Aldare auf.

Danach salutierte sie und meinte in unbeholfenem Garethi: "Rondra mit euch!"

Erstaunt hob Aldare ihre rechte Augenbraue. Dann fing die Firnelfe prustend an zu lachen.

"Das, das, das kannst du nicht tun, du nichtsnutzige…", begann Aldare, doch Ilkarion unterbrach sie schnell: "Warte! Sie kann unsere Sprache nicht. Den Gruß hat sie wahrscheinlich irgendwo aufgeschnappt und weiß nicht mit ihm umzugehen. Bitte Aldare, du bist ihr doch haushoch überlegen!"

"Du hast Recht, ich hab mich gehenlassen", bestätigte Aldare dem Graumagier.


Im selben Moment betraten Legolant und Dingel den Raum. Der Kutscher blieb sofort am Eingang stehen und sagte: "Hilf Praios! Da ist ja eine von diesen Alben."

"Keine Angst, werter Dingel! Sie wird euch nichts tun", versicherte Ilkarion.

Dimeloé hatte sofort den Schelm ins Auge gefasst, als dieser in den Schankraum gekommen war. Sie näherte sich ihm vorsichtig und durchwühlte seine Haare. Während die meisten anderen verwundert dreinschauten; beantwortete der Schelm diese Geste mit dem für ihn typischen, überbreiten Grinsen. Die Eiselfe fragte den Magier auf Elfisch: "Was ist denn das für ein lustiger Mann mit so merkwürdigen Haaren?"

"Das ist Legolant. Bei uns Menschen kommt es zuweilen vor, dass rothaarige Kinder geboren werden", gab Ilkarion auf Isdira zurück.

Kurz hinter dem Schelm und dem Fuhrmann trat der Boronsdiener in seiner schwarzen Rüstung in die Herberge. Augenblicklich sprang die Firnelfe auf und riss ihren Robbentöter, den sie zuvor weggesteckt hatte, aus der Scheide. Auf Ilkarions Frage, was denn in sie gefahren wäre, entgegnete sie nur: "Shakagra!"

"Warum richtet diese gottlose Elfe die Waffe auf mich", brüllte Beorn in die Runde.

"Warte einen Moment!", hob Ilkarion die Hand und fasste Dimeloé bei der Schulter. Die Firnelfe begann nun aufgeregt auf ihn einzureden.

"Was sagt sie?", fragte die Amazone.

"Sie meint, dass Beorn die Rüstung von irgendwelchen Dämonenknechten namens Shakagra trägt. Ich habe ihr gesagt, dass dies nicht so ist.", äußerte Ilkarion.

"Soso, ein Dämon bin ich also. Das ist die Höhe", entfuhr es Beorn.

"Nein, es ist wegen deiner schwarzen Panzerung. Bei ihr im ewigen Eis leben Wesen mit Namen Shakagra, die schwarze Rüstungen tragen und unglaubliche Gräuel über das Land bringen. Dimeloé ist hier nach Weiden gekommen, weil sie einen Firnelfen von ihrer Nachbarsippe namens Lariel Nebelblau sucht. Dieser sei auch in die Lande der Menschen gezogen, aber müsse nun zurückkommen, weil die Shakagra seine Sippe zum Großteil ausgelöscht haben", tat Ilkarion kund.

"Wir werden sie beschützen!", verlangte Falk, der mittlerweile mit Morena auf dem Arm neben die Winterelfe getreten war.

"Was? Eine Elfe?", spie Sal aus.

"Sie ist die silberne Frau und das ist Morena", hielt Falk dem Söldner die Katze hin.

"Waaas? Wie kann Morena eine Katze sein, sie hat doch einen Brief geschrieben?", entfuhr es Beorn.

"Sie ist eine magische intelligente Katze."

"Ist das so, Ilkarion?", fragte Aldare.

Der Graumagier konzentrierte seine astrale Kraft auf den Zauber ODEM ARCANUM und bestätigte: "Ja, sie ist magisch."

"Habt ihr alle den Verstand verloren?", plärrte der Söldner.

"Nein Sal, sie haben Recht. Wir werden die Schwächeren beschützen, wenn dir das nicht passt, dann werden wir damit leben müssen", sagte die Amazone.

"Na schön, ihr hört ja ohnehin nicht auf mich. Dann können wir jetzt aber den Angsthasen dort draußen sagen, dass die Hexe nur in ihren kleinen Hirnen existiert!"

"Ja, lasst uns hinausgehen und das ganze Theater beenden!", meinte der Magier.


Die sechs Helden traten zusammen mit ihren drei neuen Weggefährten Morena, Dimeloé und Dingel wieder aus der Herberge ‚Bauerndank’ ins Freie. Die Menschenmenge hatte schon eine ganze Weile mit ihrem Gekreische aufgehört. Jetzt wirkten sie etwas verunsichert und tuschelten, als Aldare, Sal und Ilkarion zuvorderst die Perainegeweihte ansteuerten.

"Seht her, euer Gnaden! Es gibt überhaupt keine Hexe. Ihr habt eine harmlose kleine Elfe mit einem Kätzchen gejagt. Oh, sie ist bestimmt eine große Gefahr für euer Dorf", spottete Sal.

"Das ist nicht die Hexe, Hohlkopf. Die Hexe ist DAAAAAAA!", zeigte die Perainegeweihte in Richtung des Nachmittagshimmels.

Aus dem oberen Stockwerk der Herberge löste sich eine rothaarige Gestalt mit grünem Kleid und einem Hexenbesen. Die Frau flog in Richtung Wald und da sie in große Höhen aufsteigen konnte, würde auch eine Verfolgung zu Pferd wenig nützen. Einzig Falk konnte mit Hilfe seiner Magie einen Versuch wagen. Doch keiner der Dorfbewohner durfte mitkriegen, dass er ein Hexer war. Sal, Dingel und Beorn ebenfalls nicht. Falk schwang sich trotzdem auf sein Pferd und galoppierte der Hexe hinterher, wenn er außer Sichtweite der anderen war, würde er seinen fliegenden Kampfstab benutzen.

Der Hexer blickte sich noch einmal um, nur Aldare folgte ihm, da sie am schnellsten reiten konnte. "Gut", dachte er und schwang sich auf seinen Stab. Wie ein Blatt im Wind stieg Falk mit seinem Kampfstab immer höher auf, bis er die unter ihm liegende Landschaft mit dem Blick eines Vogels wahrnehmen konnte. Er konzentrierte sich auf ein möglichst schnelles Vorankommen. Die Hufschläge von Aldares Ross blieben immer weiter zurück. Vor ihm kam die Hexe stetig näher, anscheinend hatte sie sich damit abgefunden, dass Falk schneller war. Doch in Wirklichkeit wollte sie ihn näher kommen lassen.


Kavashira schaute über die Schulter nach hinten. Der junge Hexer kam immer näher, doch dies war ihr nur willkommen. "Das ist wirklich sehr unschön von dir, dich gegen die deinen zu wenden", sagte Kavashira, ohne dass es Falk wirklich hören konnte. Dann deutete sie mit der rechten Hand auf den Hexer und beschrieb mit ihrer Linken einen Kreis in der Luft. Bei dem Manöver musste sie höllisch aufpassen, damit sie nicht vom Besen fiel. Doch ihr Gleichgewichtssinn enttäuschte sie nicht, und so hielt sie sich standhaft wie eine Zirkusartistin.


Kavashiras Zauber störte jedwede Bewegungsmagie in Falks Richtung, so dass der Hexer zunächst ins Trudeln geriet und dann wie ein Stein zu Boden fiel.

Mit einem wutverzerrten Schrei schlug er schließlich auf. Er hatte sich den Knöchel verstaucht, doch gebrochen schien ihm nichts, als er sich abtastete.

Als die Amazone ankam, half sie ihm auf und nahm ihn mit zurück ins Dorf.

Die Hexe allerdings war mittlerweile nur noch als großer schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen.


Den Rest des Tages, den die Helden im ‚Bauerndank’ verbrachten, unterhielten sich Falk und Ilkarion angeregt mit der Firnelfe. Obwohl der Hexer verraten hatte, dass Morena sprechen konnte, wollte dies außer Ilkarion und Dimeloé keiner so richtig glauben. Beorn kam in den Sinn, dass eine sprechende Katze nur eine Tierkönigin sein konnte, und hielt zu Legolants Belustigung immer ehrfürchtigen Abstand zu Morena.


Der Tag hatte einige unvorhersehbare Ereignisse für sie gehabt, doch auch die Nacht sollte in dieser Hinsicht keine Wünsche offen lassen.



Szene 34 Auenhag (Düstere Augen)

Die Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden, als die neun Weggefährten ihren Schlafsaal in der Herberge ‚Bauerndank’ bezogen. Man fasste den Entschluss, Wachposten aufzustellen. Doch die Absichten der einzelnen Jäger gingen dabei in gänzlich verschiedene Richtungen. Während Mancher Schutz vor anderen Suchern nach Leugrimms Waffe im Sinn hatte, herrschte bei anderen der Gefährten das Misstrauen gegenüber der Elfe und der laut Falk sprachbegabten Katze vor. Der Einzige, dessen aufrichtige Absichten keiner anzweifelte, war Dingel Huisdorn, ihr braver Wagenlenker.

Die besonders argwöhnischen Gruppenmitglieder vereinbarten eine abgespeckte Einmannwache, die den gesamten Schlafsaal inklusive Fenstern und Eingangstür von einem in der Ecke stehenden Schaukelstuhl aus überblicken sollte.

Langsam kehrte eine selige Ruhe im Nachtlager der Gefährten ein, nur die beiden ersten Wachhabenden, Sal und Beorn, gingen noch einmal ihre Strategie durch.

"Du darfst ihr niemals in die Augen gucken!"

"Natürlich nicht, wofür hältst du mich, für lebensmüde?", entgegnete Sal dem Boronsdiener.

"Eigentlich nicht, ich wollte nur sichergehen, dass du bescheid weißt. Wenn du erst einmal verzaubert bist, kann dir auch der gute Ilkarion nur noch mit großer Mühe helfen", sagte Beorn.

"Ist nur die Frage, wie ich sie dann am besten beobachte."

"Tja, mein lieber Sal. Dann schau ihr doch dahin, wo du sonst bei Frauen hinstarrst!"

"Aber doch nicht bei dieser verwahrlosten Elfe", erklärte der Söldner trotzig.

"Meine Herren, dann schau ihr eben auf die Hände!", Beorn wurde langsam ungeduldig.

"Ich glaub, die hat sie unter ihrer Decke."

"Hör zu, es ist ganz einfach, du gehst jetzt erstmal schlafen und während ich wache, suche ich mir einen geeigneten Punkt, wo wir unbekümmert hinschauen können!"

"Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag", meinte Sal.

"Alsdann, lass uns reingehen!"

Die beiden Kampfgefährten betraten ihren Schlafsaal in dem anscheinend alle anderen bereits das Schlummerland betreten hatten. Sal bezog seine Pritsche zwischen den Plätzen von Dingel und Legolant. Er war froh, dass er weitab von Dimeloé liegen konnte.

Beorn nahm derweil eine sehr unbequeme Haltung auf seiner Wachposition ein. So würde er am wenigsten dazu verführt werden, sanft in Borons Traumland zu entgleiten. Der Boronsdiener blickte aufmerksam in die Runde der Schlafenden. Alles war sehr ruhig, nur aus einer Richtung war immer wieder das Schnarchen von zwei verschiedenen Personen zu vernehmen. Da das Schnarchen von Sal und Dingel abwechselnd ertönte, hörte es sich fast so an, als lieferten sie sich eine Art Streitgespräch. Während der Söldner eher laut gluckste und pustete, kam von Dingels Schlafplatz ein gleichmäßiges Sägen. Der Boronsdiener war froh, dass er selber immer sehr tief ruhte. Die beiden Schnarchnasen würden ihm sonst später in der Nacht, wenn seine Wache beendet war, den letzten Nerv rauben.

Dann glitt der Blick von Beorn über das Nachtlager der Firnelfe. Sie lag auf der Seite, ihr Kopf war jedoch in ihren Armen vergraben, was den Boronsdiener sehr erleichterte. So konnte sie ihm auch unmöglich in die Augen blicken.

Beorn nickte zufrieden, vielleicht würde es doch eine geruhsame Wache werden. Eigentlich sollte auch niemand so dumm sein und in eine Herberge eindringen. Und die Elfe war zwar gottlos und zaubermächtig, doch schien sie ja laut Falks Vision selbst hilfsbedürftig zu sein und konnte damit nicht als übermäßig gefährlich gelten. Trotzdem blieb Beorn vorsichtig. Im Ernstfall würde sich wahrscheinlich nur Ilkarion mit ihr messen können und der tolerante Graumagier, der schon oft mit dem Titel ‚Elfenfreund’ begrüßt worden war, könnte, wenn es hart auf hart käme, in einen Gewissenskonflikt geraten und wankelmütig werden. Letztendlich würde der Magier zwar den Weg der richtigen Seite, Beorns Seite, wählen, doch bis dahin konnten wertvolle Sekunden vergehen, die der Gottlosen eine Gnadenfrist geben würden, oder ihr gar zur Flucht oder einer Hinterlist verhelfen könnten.

Das Klappern eines Fensters ließ den Boronsdiener aus seinen Gedanken aufschrecken. Langsam begann er sich aus dem Schaukelstuhl zu erheben, doch dann überlegte er es sich und nahm wieder Platz, ohne dass er die Lehnen überhaupt losgelassen hatte. "Wird wohl nur der Wind gewesen sein", dachte er und beruhigte sich damit gleichzeitig. Sein Blick fand wieder zu der Elfe zurück und diesmal erschrak er richtig. Sie hatte ihm ihr Gesicht zugewandt und stierte ihn aus eisgrauen Augen an. Instinktiv hatte er seinen Kopf zur Seite gedreht, doch eine innere Stimme flüsterte ihm: "Es ist bereits zu spät Beorn, du hast ihr in die Augen gesehen. Wie konntest du nur so töricht sein?"

Beorn starrte mit weit aufgerissenen Augen an eine Zimmerwand. Dann bewegte er die rechte Hand durch sein Blickfeld. Nichts erschien ihm ungewöhnlich an seinem Befinden. Er war nur etwas nervös. Er musste zu sich kommen und wieder auf die Umgebung achten. Doch was war hier los? Warum schnarchte niemand mehr? Es war nun totenstill. Beorn lief eine Schweißperle die Stirn hinab. Er wagte nicht, seinen Blick von der Wand abzuwenden. In der Stille konnte sich ihm wenigstens niemand nähern, ohne dass er es merkte. Nach einer weiteren Minute des Abwartens setze das ihm nun höchst willkommene Sägen des Kutschers wieder ein. "Puh", atmete der Boronsdiener durch. Durch das geräuschvolle Fenster war wohl auch der Schlaf der Schnarchenden kurzzeitig gestört worden. Langsam gewann Beorn seinen Mut zurück. Wie konnte er sich durch diese schwächliche, kleine Elfe, die nicht einmal aus den umliegenden Provinzen kam, in seiner Heimat so narren lassen?

Zorn stieg in ihm auf und er fasste die Eiselfe erneut ins Blickfeld. Sie schaute ihm immer noch direkt in die Augen, doch diesmal wollte er ihren Blick standhalten und das tat er auch. Beorn grinste hämisch, so leicht konnte sie einen Diener des Boron nicht in die Knie zwingen. Das Verwunderliche war nur, dass die Firnelfe ihren Blick ebenfalls nicht abwandte. Beorn war aber fest entschlossen dieses Blickduell für sich zu entscheiden. Für ihn war es nicht nur ein Kräftemessen zwischen ihm und Dimeloé. Für ihn war es der Kampf Mensch gegen Elf. Gläubiger gegen Heide. Gut gegen Böse.

Irgendetwas geschah mit Dimeloé. Sie begann sich langsam auf ihrem Ruhelager zu drehen. Es hatte den Anschein, als wollte sie sich auf den Bauch legen. Ihre Hände gruben sich unter ihrem Körper in die Strohmatte und ihre Beine drehten sich ebenfalls. Dies alles geschah, ohne dass sie ihren Blick von Beorn ließ. Doch als sie ihre neue Position eingenommen hatte, drehte sie sich weiter. Ihre Arme und Beine machten Verrenkungen und schienen um einen festgenagelten Kopf zu rotieren. Dies war selbst einem Schlangenmenschen unmöglich, was hier geschah, und der Mund des Boronsdieners stand dementsprechend weit offen. Schließlich begann auch der ganze Raum sich den Drehbewegungen anzuschließen. Die Wände, die Personen, die komplette Ausrüstung begann zu verschwimmen. Eine neue Ordnung war in Auenhag entstanden. Alles drehte sich um den Kopf einer Firnelfenkriegerin. "Was geschieht mit mir?", stieß Beorn entsetzt aus und vergrub die Hände in seinem Gesicht. Er hatte das Duell verloren. Die finstere Magie hatte den Boronsdiener verzaubert. Dimeloés düstere Augen hatten seinen Verstand gebrochen. Beorn schwitzte wie im Hochsommer. Die Elfenmagie hatte all seine Sinne verdreht, doch sein Verstand, er war noch nicht gebrochen. Mit einem Stöhnen zog er sein Schwert aus der Metallscheide und erhob sich zeitgleich. Die Augen hatte er geschlossen. Sein pulsierender Zorn gab ihm Mut und Kraft und so öffnete er sie wieder und heftete seinen Blick auf das zarte Elfengesicht Dimeloés. Diesmal war sein Erstaunen noch größer als je zuvor. Die Elfe lag so dort, wie zu dem Zeitpunkt, als Sal und er den Raum betreten hatten. Ihr Gesicht war in ihren Armen vergraben. Der Raum stand da wie vor einer Stunde. Jeder der Gefährten lag an seinem Platz. Nichts deutete auf etwas Unheimliches hin, nichts auf schwarze Magie. Auch war wieder das altbekannte Schnarchen von Sal und Dingel zu hören.

Beorn raffte sich auf und ging zum Fenster. Mehr um sich die Beine zu vertreten, als sich nach den Umständen des Geräusches von eben zu erkundigen.

Hinter ihm hörte er wie sich jemand von seiner Pritsche erhob. Sofort fuhr er herum. Dimeloé stand in ihrer spärlichen Nachtbekleidung vor ihm, die Spitze ihres Robbentöters tanzte vor seinem Gesicht. Beorn lenkte seinen Blick vorsichtshalber auf den Bauchnabel der Winterelfe. Jetzt erst wurde ihm gewahr, dass er sein Schwert immer noch gezückt hatte. Denn seine Spitze war nur knapp von Dimeloés Unterleib entfernt. Die Elfe atmete angstvoll, und als Beorn ihr ins Gesicht blickte, bemerkte er nicht das düstere, furchtlose Wesen, dass er vermutete, sondern ein ängstliches kleines Mädchen. Der Boronsdiener hob beschwichtigend die Hand und steckte sein Schwert wieder weg. Dimeloé nickte und tat das Gleiche mit ihrem Robbentöter. Dann schaute sie ihn noch ein wenig ungläubig an, begab sich dann aber wieder zurück zu ihrem Schlafplatz.

Beorn beendete seine Wache noch, sehr nachdenklich. Was hatte er heute Nacht erlebt? War es ein Traum oder finsterer Elfenzauber?



Szene 35 Auenhag (Weiter nach Osten)

Als Aldare abmarschbereit mit ihrem treuen Streitross aus dem Stall der Herberge ‚Bauerndank’ trat, sah sie Dimeloé auf einem lichten Platz in einiger Entfernung irgendwelche aus ihrer Sicht merkwürdige Übungen machen. Obwohl es bitterkalt war und Firun das Land in eine dünne Schneeschicht gehüllt hatte, kleidete die Firnelfe sich ärmellos. Das Training, dass sie absolvierte, sah für die Amazone weniger nach Schulung der Kampffertigkeiten aus, als nach einer Art Klingentanz. Die Elfe vollführte diese Darbietung mit ihrem Robbentöter, doch auch ein langer Speer war ein paar Schritt neben ihr in die Erde gerammt.

"Was macht sie da?", wandte Aldare sich an den Magier, der bewundernd zur schönen Winterelfe hinüberstarrte. Neben dem Gelehrten war der Schelm abgekniet und wohnte ebenfalls den Übungen Dimeloés bei. Legolant kaute auf einer Mohrrübe herum und blickte der Amazone nun neugierig entgegen.

"Sie übt sich in der Waffenkunst", antwortete Ilkarion.

"Ach stimmt ja, sie ist ja eine Kriegerin", lästerte Aldare.

"Bei den Elfenvölkern haben Krieger andere Aufgaben als die Rondrianer bei uns Menschen, du musst diese Gebärden also nicht als Angriff auf deinen Stand ansehen!"

"Schlimm genug, dass es Leute gibt, die im Kampfe nicht auf Rondra vertrauen, aber wenigstens sind diese Elfen nicht aggressiv, wie die Orks oder die Oger."

"Trotzdem gibt es Gegenden, wo feige Menschenmassen diese lieblichen Geschöpfe mit den Ohren an Scheunentore nageln", meinte Ilkarion abfällig.

"Das ist noch viel schlechter und böser. Die Elfen sind einfach dumm und wissen es nicht besser. Aber solche hinterhältigen Bastarde, die im Namen des Praios Rondras Lehren mit Füßen treten, gehören ohne Diskussion einen Kopf kürzer gemacht. Wenn ich solch weichlicher Horden jemals ansichtig werde, lasse ich meinen Säbel kreisen", erklärte die Amazone wütend.

"Und du denkst, dass sie es dadurch lernen?"

"Lernen, reden, verhandeln, diskutieren. Ist das alles was du kannst? Aber mach dir nichts draus! Es ist nicht schlimm. Mir ist bekannt, dass wir Frauen bei solch schwermütigen Problemen ohnehin allein stehen. Rondra ist eine Frau. Ich bin eine Frau. Die Amazonen sind Frauen. Merkst du was? Kriege und Heldentaten sind nichts für euch schwächliche Mannsbilder."

"Wie du meinst. Aber ist es nicht sinnvoll, auch nach friedlichen Lösungen zu suchen?"

"Das ist manchmal löblich und erstrebenswert. Doch jederfrau weiß, dass Kriege, Schlachten und Heldentaten die höchste Form der persönlichen Selbstverwirklichung sind. Aber ihr zwei werdet das nie verstehen, darum habt ihr ja Glück, dass ich auf euch Acht gebe", grinste Aldare.

"Wie lieb von dir", lächelte Legolant betont schelmisch.

"Nicht wahr? So, und nun werde ich mal unsere Möchtegernkriegerin inspizieren", sagte Aldare und erhob sich.

"Sie wird doch nicht?", fragte der Schelm.

"Naja, ich weiß nicht, ob sie würde, aber sie könnte", meinte der Graumagier.

"Sie hat", sagte Legolant nur, als er sah, wie die Amazone ihren Reitersäbel aus der Scheide zog und auf Dimeloé zuspazierte.


Aldare schwang den Säbel halbkreisförmig in ihrer rechten Hand hin und her und ging dann in eine einfache Kampfstellung. Dimeloé verstand anscheinend, wie die Geste gemeint war und tat es ihr gleich. Während die Amazone ihren Säbel auf Hüfthöhe mit der Klinge nach oben gerichtet hielt, zeigte der Robbentöter schräg nach unten. Die Firnelfe hielt ihn jedoch auch fast auf der Höhe ihres Gesichts. Die Mimik der beiden Frauen ließ ihre beiden Beobachter beruhigenderweise wissen, dass es nur ein Testkampf würde.

Aldare winkte die Winterelfe mit der linken Hand heran. Kein Instinkt, keine Vermutung ließ die Amazone nur annähernd erahnen, dass ihr Gegenüber eine Gefahr für sie darstellen konnte.

Dimeloé vollführte, wie von der Amazone gewollt, den ersten Angriff. Ein filigraner von rechts oben nach links unten geführter Hieb zielte auf Aldares Unterleib. Doch konnte die Amazone die Attacke einfach senkrecht abfangen. Unter dem Gegenstoß duckte sich Dimeloé weg, obwohl dies eigentlich nicht nötig war, denn der Amazonensäbel prallte vorher auf die obere Kante des Robbentöters. Da die Firnelfenwaffe jedoch unter der Wucht des Schlages ein oder zwei Finger zurückfederte, wäre der Eiselfe ihre eigene Waffe womöglich gefährlich nahe gekommen.

Die Firnelfe machte eine Dreivierteldrehung, um Aldare durch einen Befreiungsschlag ihren nötigen Angriffsraum wegzunehmen. Die Rondrianerin ließ sich jedoch durch diesen lang angelegten Angriff nicht überraschen und fintete ihrerseits auf Dimeloés Deckung. Doch die Winterelfe schlug den Reitersäbel beiseite und wollte den Schwung ihrer Waffe nutzend eine ungeschützte Stelle unterhalb Aldares Rüstung erreichen. Zu spät erkannte sie, dass die Amazone mit ihrer linken Hand nach vorne schnellte und den reich verzierten Robbentöterknauf ergriff. Instinktiv ergriff Dimeloé auch Aldares Waffengriff und versuchte ihn nach unten zu drücken. Die beiden Frauen standen dabei Auge in Auge nur ein paar Halbfinger voneinander entfernt. Ihre Gesichtszüge ließen erkennen, dass die Anspannung bei beiden immer größer wurde.

"Schluss jetzt, das reicht! Wir sind hier in einem Bauerndorf und auf keiner Tjoste", störte Ilkarions Stimme den Zweikampf.

Einem erregten Blick Aldares antwortend, zuckte der Magier nur mit den Schultern. Die Elfe hatte mittlerweile abgelassen und war ein paar Schritt zurück getreten. Aus ihrer Sicht war die Übung beendet. Aldares Augen funkelten Ilkarion und die Firnelfe noch einmal an, dann steckte sie ihre Waffe weg und ging wortlos davon.


Beorn hatte sich von einem Bauern ein Pferd ausgeliehen. Das gestaltete sich als gar nicht so einfach, denn der Landwirt fürchtete um die Gesundheit seines Tieres zu dieser Jahreszeit. Nach gutem Zureden des Boronsdieners und der Amazone sowie nach einer kleinen Entscheidungshilfe des Graumagiers in Form von Gold war der Bauer aber doch noch einverstanden gewesen.

So brachen die Weggefährten wieder gen Osten auf, immer an den Verbleib der Wirbelklinge denkend. Dingel hatte erzählt, dass man als nächstes ein Örtchen namens Altnorden erreichen würde. Dieses sei im Vergleich zu Baliho gar nicht mal so klein. In der Kutsche hatten nun Legolant und Dimeloé Platz genommen. Ilkarion ritt dicht neben ihnen und unterhielt sich leise mit der Firnelfe. Nach einem Weilchen lenkte er seinen Tobimora Falben neben das Pferd von Aldare.

"Dimeloé hat gefragt, warum du keine goldene Rüstung trägst."

"Warum fragt sie so etwas?"

"Sie faselte irgendetwas von Menschenkriegern in goldener Rüstung. Du solltest auch so eine tragen, findet sie", schmunzelte Ilkarion.

"So, findet sie das? Das ist bestimmt die Rüstung eines Sonnenlegionärs, was sie da meint. Eigentlich müsste sie diese Missgeburten hassen, genau wie ich. Doch scheint mir unser kleines Herzchen nicht so helle zu sein", sagte Aldare.

"Vielleicht weiß sie es auch nicht besser?"

"Was wollen wir eigentlich… Ich meine was will sie von uns? Warum nehmen wir sie überhaupt mit?", runzelte Aldare die Stirn.

"Sie ist die silberne Frau. Ihr droht vermutlich eine Gefahr."

"Ich glaube, bei uns wird es bald viel gefährlicher, wenn wir erstmal in das Wespennest der Wirbelklingendiebe getreten sind."

"Mag sein, doch können wir…", begann der Magier eine Satz, hielt dann aber inne.

"Zu Hilfe! Zu Hilfe!", tönte die Stimme Dingels vom Kutschbock.

Sofort ritten alle Gefährten zu dem Wagenlenker hinüber, der die Kutsche unterdessen angehalten hatte.

"Was ist los, Dingel?", fragte Sal verwundert, der überhaupt keine Gefahr erkennen konnte.

"Die… Die göttinlose Elfe hat gesagt, ich glaube nicht an Rondra", meinte Dingel aufgeregt.

"Was? Das kann sie doch nicht tun", entrann es der Amazone.

"Ach so… Ist euch eigentlich bewusst, dass diese Frau unsere Sprache nicht beherrscht?", sagte Ilkarion skeptisch.

"Aber sie hat es ganz sicher gesagt."

"Na schön, na schön. Legolant, stimmt das Ganze?", fragte der Magier entnervt.

"Also ich hab nix gehört", erklärte der Schelm.

"Aber ihr müsst es gehört haben!", flehte der Fuhrmann.

"Nein, ehrlich nicht!"

"Also dann, lieber Dingel, dann solltet ihr euch vielleicht wieder auf den Kutschbock setzen, einmal tief durchatmen und euren Dienst wieder aufnehmen!", sagte Falk.

"Ja, vielleicht habt ihr Recht", äußerte Dingel etwas verstört und machte sich zur Weiterfahrt bereit.

Ilkarion ritt weiter und schüttelte noch einmal den Kopf: "Was für ein merkwürdiger Vorfall."


Ein paar Meilen später sprang Dingel erneut auf und rief: "Verflixt noch eins, sie hat es schon wieder getan."

Nachdem sich die anderen wiederum vollständig um die Kutsche versammelt hatten, meinte Falk: "WAS hat sie erneut getan?"

"Sie hat gelästert. Diesmal über Praios, unseren Götterfürsten", lärmte der Fuhrmann.

"Also Dingel, wie oft soll ich euch eigentlich noch sagen, dass Dimeloé kein Wort Garethi versteht?", meckerte Ilkarion.

"Aber gelehrter Herr, ich würde euch so gerne glauben, doch bin ich mir sicher, dass die Elfe in unseren Zungen gesprochen hat."

"Legolant, was hat sie gesagt?", fragte der Hexer.

"Also wenn sie was gesagt hat, dann hab ich’s überhört", der Schelm kratzte sich am Kopf.

"Das kann doch nicht wahr sein. Sind denn hier alle von Sinnen?", fragte Beorn in die Runde.

"Dingel, ich weiß nicht, was mit euch los ist, aber ihr solltet nun aus euren Tagträumen erwachen und weiterfahren!", forderte Aldare.

"Aber ich…", stammelte der Kutscher.

"Ab! Alle aufsitzen und weiter geht’s, ich will keine Diskussionen mehr hören!", mahnte die Amazone.


Falks Pferd trabte gemächlich weiter. Der Hexer war nun auch sehr nachdenklich wegen Dimeloé, denn Dingel erschien ihm aufrecht. Sein Blick traf den seines Hexentieres, das ihn aus einer gepolsterten Seitentasche des Sattels anblickte.

"Morena, welch seltsames Verhalten hat deine Freundin."

"Sie ist eben anders als wir, lieber Falk, aber sie ist eine Gute. Du musst auf sie aufpassen, das weißt du!", übermittelte ihm die Katze gedanklich.

"Ja, das werde ich auch weiterhin. Doch sollten wir die Macht der Zwölfgötter nicht herausfordern! Ihre Anhänger sind groß an der Zahl und teilweise sehr grausam", flüsterte der Hexer.

"Es wird uns nichts geschehen, wenn wir zusammenhalten", meinte Morena.


"Dort vorne am Horizont sieht man schon Altnorden, endlich raus aus dieser Einöde", rief Dingel erfreut von der Kutsche herüber. Der letzte Ort vor ihrem eigentlichen Ziel Espen lag nun vor ihnen. Erleichtert mal wieder ein paar neue Gesichter und Tempel zu sehen, ritten die Helden diesem rustikal charmanten Dörfchen am Rotwasser entgegen.



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