Die Jagd nach der Wirbelklinge (VIII) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 40 Burg Eichenbach (Socii pugnae ante portam)

"Mir reicht’s, ich geh rein", sagte Sal und erhob sich aus seinem Versteck.

"Warte, gib ihm noch etwas Zeit! Er kann sich auch nur so weit in der Burg bewegen, wie es ihm die Etikette gebietet", hielt Aldare den Söldner an.

"Er ist ein Magier und dazu noch einer, der nicht auf den Mund gefallen ist. Er hätte sich mit der Wirbelklinge einfach weggezaubert, doch er ist bestimmt vorher aufgehalten worden."

"Wir haben es hier mit einer edlen Dame und ihren Vasallen zu tun und mit keiner Verbrecherbande", warf Dingel ein.

"Diese edle Dame schert mich einen feuchten Kehricht. Ilkarion hat mir mehr als einmal das Leben gerettet, nun werde ich seins retten. Wenn ihr hier alle euren Mut verloren habt, dann tut es mir Leid. ICH gehe jedenfalls rein, und ich bin mir sicher, dass sich Falk und Beorn auf meine Seite schlagen werden."

"Du nennst mich mutlos, Söldner? Dann werde ich dir nun mal zeigen wie sehr du dich irrst", daraufhin stand Aldare auf und rief: "Herrin Rondra, gib uns Aufrichtigen die Kraft, das Unheil zu finden und es zu besiegen. Kein Tor und keine Mauern sollen uns aufhalten!" Sie zog ihren Reitersäbel. "Lasst den letzten Kampf um die Wirbelklinge beginnen!"

Sal rief begeistert: "Das ist unsere Aldare. Los kommt, bringen wir dem verdammten Adelspack ein paar Manieren bei!"

Nach diesen Worten schritten die beiden Waffengefährten nebeneinander auf dem Hohlweg in Richtung Haupttor voran.

"Das kann kein gutes Ende nehmen", tuschelte Dingel und schlurfte Legolant hinterher, der sich anschickte, den Hexer und Beorn zu unterrichten.


Aldare pochte vehement an das Eingangstor der Festung und wartete ab. Beorn stand zu ihrer Rechten und der Söldner zu ihrer Linken. Der Hexer war unmittelbar hinter ihr.

Minuten vergingen. Niemand redete, da man auf Schritte innerhalb der Feste lauschte. Ein kühler Windzug pfiff den Helden durch Mark und Bein, so dass sie ihre Kleider enger zogen. Legolant und Dingel standen etwas weiter hinten auf der 3-bogigen Brücke. Doch da es dort besonders zog, suchten sie nun hinter einer windgeschützten Mauer Deckung.

"Was ist das denn? Warum kommt den keine Sau?", hörten die beiden den Söldner fluchen.

Erneut schlug jemand gegen das Tor, diesmal war es Sal.

"Warte Sal, das nützt nichts! Die wollen uns hier absichtlich aussperren", vermutete Falk.

"Das glaube ich auch. Die haben Ilkarion erwischt und jetzt verschanzen sie sich, aber da haben sie die Rechnung ohne Sal Winterkalt gemacht. Irgendwann muss mal jemand herauskommen und dann steche ich ihn ab, egal ob Mann, Weib, Kind oder Hund."

"Sal!", brüllte die Amazone.

"Ist doch wahr. Wir stehen hier untätig herum, und derweil tun sich die Haustiere der Meierin an Ilkarions Leiche gütlich."

"Sal, halt die Klappe!", forderte Beorn.

"Ja natürlich, der Reisige soll die Klappe halten. Wenn ihr richtigen Schneid hättet, würdet ihr mir endlich einen Wurfhaken geben", meinte der Söldner verächtlich.

"Seid mal alle still, da tut sich etwas", mischte sich Falk ein und deutete auf den Sehschlitz des Haupttores, der soeben geöffnet wurde. Ein Paar braune, von Falten umringte Augen kamen zum Vorschein. Aldare vermutete eine Torwache und sagte: "Rondra zum Gruß! Wir bitten um eine Audienz bei Meierin Farlgard Meiler von Eichenbach, sagt ihr, es geht um eine wichtige Angelegenheit!"

"Was für eine Angelegenheit, und wer seid ihr überhaupt?"

"Mein Name ist Aldare Rondrawohl, ich bin eine Amazone der Göttin Rondra. Sagt eurer Herrin, dass es um die Wirbelklinge geht!"

"Rondrawohl, Amazone, Wirbelklinge", murmelte der Mann.

"In Ordnung, wartet hier!", gebot er den Ankömmlingen und knallte den Sehschlitz wieder zu.

Erneut vergingen etliche Minuten, und die Gefährten waren sich ihrer Sache, ob sie gewaltlos in die Burg eindringen konnten, nicht mehr so sicher. Zu lange erschienen ihnen die Wartezeiten. Sal war das alles am wenigsten geheuer und mit jedem Herzschlag des Wartens wurde er rasender: "Seht ihr denn nicht, dass wir hier hingehalten werden, irgendetwas ist dort drinnen im Busch. Ich sage, jetzt zuschlagen, solange wir noch einigermaßen überraschen können!"

"Das können wir schon lange nicht mehr. Übe dich in Geduld, der Herr Boron wird’s schon richten!", sagte Beorn.

Sal begann lautstark zu lachen: "Genau das ist meine Meinung."

Zur Erlösung aller ging endlich nach über einer Viertelstunde der Sehschlitz wieder auf, doch die Antwort des Dieners war für die Gefährten wie ein Schlag ins Gesicht: "Meierin von Eichenbach wünscht keine Fremden zu sehen und will auch nichts von einer Wirbelklinge wissen. Ihr werdet nicht eingelassen."

Mit dem letzten Wort wurde der Sehschlitz wieder zugeschlagen.

"Da habt ihr den Beweis. Ich könnte diese Nichtsnutze in der Burg alle aufspießen, aber die Feiglinge sind in dem Kasten so gut wie sicher", fluchte Sal.

"Was jetzt?", fragte Aldare in die Runde.

"Ich hätte da möglicherweise eine Idee", strich sich Beorn übers Kinn.

"Dann mal los, jetzt können wir wirklich davon ausgehen, dass hier irgendwas nicht stimmt!", sagte der Hexer.

"Meine Rede", warf Sal ein.

"Nun", Beorn machte eine lange Pause, als müsste er seinen Plan noch einmal gründlich durchdenken, dann meinte er: "Falk trägt sehr kostspielige Kleidung, wir könnten doch behaupten, er sei ein Adliger, und so einen Einlass erpressen!"

"Was? Seid ihr von Sinnen? Wollt ihr, dass wir alle gehängt werden?", platzte es aus Dingel heraus.

"Nein, doch lasse ich die vielleicht letzte Möglichkeit, einen Freund zu retten nicht ungenutzt verstreichen", nach diesem Satz pochte Beorn gegen das Eingangsportal.

"Aber wie soll ich mich denn als Adliger betragen?", fragte Falk verunsichert.

"Sei einfach… höflich!", entgegnete Beorn.

"Arrogant", meinte Sal.

"Illuster", fügte die Amazone hinzu.

Nach kurzer Zeit war der alte Diener wieder zur Stelle: "Hab ich euch nicht gesagt, dass ihr verschwinden sollt? Ihr seid hier nicht willkommen."

Beorn baute sich nun Auge in Auge vor der vermeintlichen Torwache auf und brüllte: "Wie könnt ihr es wagen, dem Junker Falk von Narutil und seiner Gefolgschaft den Einlass zu der Festung eurer Herrin zu verwehren? Ich verlange, dass ihr sofort das Tor öffnet, sonst lässt der Junker", hierbei zeigte er auf Falk: "Nach seinem Oheim in Trallop schicken und dann seid ihr dran, traviaungefällige Bande!"

"Oh entschuldigt, ich wusste nicht…"

"Papperlapapp, ihr werdet meinen Herren nicht weiter hinhalten, sonst werde ich mal im Praiostempel von Altnorden vorsprechen, dass man es hier mit den Gesetzen nicht so genau nimmt", unterbrach ihn Beorn.

"Nein, nein, verzeiht mein Unwissen! Ich werde sofort öffnen", flehte der Mann hinter dem Tor. Man konnte seine Angst förmlich riechen.

Lautes Klappern kündigte die schwerfällige Bewegung eines Kettentriebes an, und langsam begann sich das Haupttor zu öffnen.

Der Boronsdiener lächelte zufrieden in die Runde. Phex war heute mit ihm. Schwester Ulvane würde stolz auf ihn sein.



Szene 41 Burg Eichenbach (Socii pugnae in arce)

"So denn, Junker von Narutil. Ich heiße euch herzlich auf Burg Eichenbach willkommen. Was ist nun euer Begehr?", fragte der alte Diener den Hexer.

"Ich… Ich möchte, dass wir Quartier bekommen", entgegnete Falk.

"Ähem", räusperte sich Beorn und stieß den Hexer an.

"Sehr wohl, dann möget ihr mir bitte folgen!", meinte der Diener und wandte sich zum Gehen um.

"Was ist?", flüsterte Falk dem Boronsdiener zu.

"Wir müssen das alles ganz anders angehen! Ich sag dir etwas ins Ohr und du sprichst es laut aus!", daraufhin hielt Beorn seinen Mund vor die Ohrmuschel des Hexers und begann etwas zu wispern. Dieser hatte seinen Mund leicht geöffnet, nickte dann aber und sprach: "Und nachdem wir das Schlafgemach erblicket haben, melde er mich auf der Stelle bei seiner Herrin an, auf das ich ihr die Aufwartung mache!"

Der Diener schaute sich etwas betreten um, und sagte: "Wie euer Hochgeboren wünschen."

Die Gefährten gingen weiter, aber Falk war unruhig wie ein junger Hahn, der auf seine Hennen Acht gibt. "Du musst mir sagen, wie ich die Meierin anreden soll!", zupfte er seinen Freund aus Kindheitstagen am Ärmel. "Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, du musst Wohlgeboren sagen", entgegnete ihm Beorn.

Sie folgten dem Diener weiter durch die für einen Naturburschen wie Falk verwirrenden Gangsysteme der Festungsanlage. Sal hatte richtig gelegen, denn in diesem Wehrbau war Meierin Farlgard mehr als sicher vor Goblins, Orks und sonstigem Gelichter. Es ließen sich jedoch auffallend wenige Wachen und Bedienstete blicken. Was aber nicht unbedingt seltsam war an einem derart abgelegenen Ort. Eine viel merkwürdigere Entdeckung machte Legolant, der mit Dingel das Schlusslicht der Gruppe bildete. Den Schelm hatten die Sorgen des Fuhrmanns bezüglich der Angst vor dem Verbrechen des vorgetäuschten Adelsstandes sehr erheitert. Wäre er in dieser Beziehung nicht so weltfremd gewesen, wäre er wohl auch etwas stutzig geworden. So blickte er sich verhältnismäßig gut gelaunt und neugierig in der Festung um. Er konnte nur wenig interessante Dinge ausmachen, denn Wandteppiche, Portraits und Ritterrüstungen waren für ihn nicht wirklich von Bedeutung. Ein schelmisches Lächeln kam auf seine Lippen, während er gerade überlegte, ob er eine Gestechrüstung magisch verrosten lassen sollte, als er an einer schweren Buchentür in einem Seitengang einen reich verzierten Stab angelehnt sah. Allein dies war schon merkwürdig, doch die Tatsache, dass es sich dabei um Ilkarions Zauberstab handelte, weckte den Schelm aus all seinen Streichgedanken.

"Ilkarion", rief Legolant nur und stürmte auf die Buchentür zu. Sofort ging ein Raunen durch die Reihen der Kampfgefährten, und auch der Diener wandte sich um, denn einige seiner Gäste setzten sich nun selbstständig in andere Richtungen in Bewegung.

Als der Schelm die Tür aufsperrte, stand er in einer Speisekammer. Es duftete nach einer Mischung aus Fleisch, Fisch und Salz in dem über und über vollem Vorratsraum. Von der Decke hingen die verschiedensten Fleisch- und Wurstwaren an Haken herab. Legolant leckte sich über die Lippen, als er dort Dörrfleisch, saure Wurst, Eselsfleisch, Schweinespeck und Salzfleisch erblickte. Obendrein waren dort noch Räucherfische und gemahlenes Fleisch auf einem Regal. Darunter standen Säcke mit Roggen, Rüben und Weizen. Aber am meisten fasziniert war der Schelm von den Fässern mit Quitten, Mostbirnen und Äpfeln, sowie den Gefäßen mit Dörrobst und Kirschen. Auch eine ganze Stiege mit verschiedenen Broten fiel ihm ins Auge, doch er musste sich zurückhalten. Normalerweise hätte er sofort zugelangt, doch ein kleiner Umstand hielt ihn davon ab. In einer Ecke der Vorratskammer hockte sein treuer Freund, der Graumagier Ilkarion, der sich an dem Essen gütlich tat.

"Hallo Legolant, ich habe leckeres Pökelfleisch gefunden", freute sich der Magier. Entsetzt sahen der Schelm und die anderen die nun hineinstürmten, dass Ilkarion scheinbar willkürlich Fleisch, auch Rohes, annagte und seine Gefährten kaum beachtete.

Als der Söldner dies mit ansah, packte er den Diener am Kragen und hob ihn hoch: "Was habt ihr mit ihm gemacht, ihr und eure hundsgemeine Drecksbande?"

"Zu Hilfe, pfeift euren Reisigen zurück, Hochgeboren! Ich habe für die Gebärden des gelehrten Herrn keine Erklärung", jammerte der alte Burgbewohner.

"Nun gut, lass ihn herab, Sal! Doch ihr werdet uns sofort zur Meierin führen, ich fürchte sie ist derselben Gefahr ausgesetzt, die unserem Adeptus das hier angetan hat!", forderte Aldare.

"Ich werde euch zu ihr geleiten, das hier kann nicht mit rechten Dingen zugehen."

Während Sal den Diener freigab, fragte Beorn den Hexer: "Kannst du ihm helfen?"

"Ich kann es nicht sagen, aber versuchen werde ich es."

Falk trat langsam vor seinen Freund Ilkarion. Dieser schaute ihn aus leeren Augen an, ohne davon abzusehen, weiter auf seinem Stück Salzfleisch zu kauen. Falk war sich sicher, dass derjenige Zauber, der den Magier getroffen hatte aus dem Repertoire der Töchter und Söhne Satuarias stammte. War einer seiner Brüder oder Schwestern für Ilkarions Zustand verantwortlich? Er hatte keine Zeit zum Überlegen, also streckte er seine Hände nach dem Graumagier aus.

"Du wirst mir doch nicht mein Fleisch wegnehmen wollen?", fragte Ilkarion äußerst ernst.

"Nein, nein, Ilkarion, ich nehme mir gleich etwas Dörrobst oder kandierte Früchte", schmunzelte der Hexer. "Du hast da was im Gesicht", log er dann und packte den Magier darauf an die Schläfen. Leuchtend rote Linien von astralen Mustern pulsierten aus Falks Fingern und schon konzentrierten sich all seine Sinne auf den Zauber EINFLUSS BANNEN.

Wie ein Spinnennetz, das fortwährend expandierte, breiteten sich die roten Linien über Ilkarions Kopf aus, der in limbischen Gefilden in einem grellen Rot leuchtete. Doch in seinem Großhirn war eine Unterbrechung dieses normalerweise dominierenden Rotes, einige grüne Schlieren wanden sich durch die Nervenstränge des Graumagiers und blockierten all seine Instinkte außer dem Selbsterhaltungstrieb. Falk war der Zauber, den er nun brechen musste, mehr als gut bekannt, doch war es trotzdem kein Einfaches, denn der Anwender hatte dessen Handhabung vorzüglich gelernt. Trotzdem hatte Falk Erfolg, das Rot begann das Grün immer weiter einzuhüllen, bis es die Schlieren endgültig verdunkelt hatte. Danach stellte sich wieder das nur für Magiewesen sichtbare konstante Rot ein. Der Zauber war gebrochen.

"Ah, ich kann wieder klar denken. Hab Dank, mein Freund!", sagte der Magier zu Falk, als er aus seiner Gedankenstarre erwachte.

"Was ist dir widerfahren?", fragte Beorn von weiter hinten im Raum.

"Ich habe den Träger der Wirbelklinge getroffen und bekämpft. Es ist tatsächlich ein Maraskaner. Ibarnjabiel Hariskjatat mit Namen."

"Also doch. Eines muss man Simian lassen, er hat sich verhalten, wie es einem Krieger gebührt. Ganz schön ehrenvoll für einen Mann", meinte Aldare positiv überrascht.

"Aber wer hat dich verzaubert, doch nicht der Maraskaner?", forschte Falk den Graumagier aus.

"Nein, ich denke nicht. Irgendjemand hat mir während des Kampfes mit dem Zeigefinger auf die Stirn getippt und dann war’s vorbei", erklärte Ilkarion.

"Das war eine Hexe", rumorte der Boronsdiener.

"Durchaus möglich", gab sogar Falk zu, wobei ihm mulmig wurde. Sein Kindheitsfreund wusste immer noch nicht, dass ausgerechnet er ein Hexer war.

"Du hast den Zauberer also nicht gesehen?", fragte Aldare.

"Nein, aber eine Magd war noch bei mir, sie wird wissen, wer mich dort verzaubert hat."

"Wenn sie noch lebt", sagte der Söldner.

"Ich lebe ja auch noch", grinste Ilkarion.

"Heda Diener, wir dürfen keine Zeit verlieren! Bringe er mich sofort zur Meierin, ihre Sicherheit zu garantieren ist nun unsere vortrefflichste Pflicht!", hob Falk erstaunlich selbstsicher an.

"Sehr wohl, dann bitte ich euch, mir zu folgen!"

Sie machten sich also endlich zum Thronsaal auf; bereit, allem, was dort kommen mochte, erhobenen Hauptes zu begegnen.



Szene 42 Burg Eichenbach (Socii pugnae in solio atrio)

Der alte Diener sperrte die große Doppelflügeltüre auf, die zum Thronsaal von Burg Eichenbach führte. Die Gefährten waren zwar in Alarmbereitschaft, doch keiner hätte auch nur im Traum daran gedacht, eine Waffe zu ziehen, denn sie wandelten ohnehin schon auf Pfaden am Rande der Legalität. Der Residenzraum der Meierin war, wie die gesamte Festung, relativ schlicht gehalten. Der nackte Steinboden war nur durch einen einzigen großen, südländisch anmutenden Teppich bedeckt. Die Fenster waren zusätzlich zu den Läden mit Wolldecken verhangen, um die Wärme, die von einem über und über mit Holz beschickten Kamin ausging, nicht entfleuchen zu lassen. Nur durch ein einziges Glasfenster mit Butzenscheiben, wie sie in den Waldhütten im Herzen des Mittelreiches hergestellt wurden, fiel natürliches Licht. Neben dem Kamin tat ein zwölfstrahliger Kerzenleuchter sein Bestes, um den Raum zu erhellen.

Nach der Gestaltung des Saales zu urteilen, waren Meierin von Eichenbach oder einer ihrer Vorgänger scheinbar Großwildjäger, die ferne Länder bereist hatten. An der Wand hinter dem ehernen Thron hingen die Köpfe von zahlreichen Wildniskreaturen und von in den Augen vieler Kirchen unheiligen Lebewesen. Da war zum Beispiel der Kopf einer Harpyie. Jene Kreaturen waren eine widernatürliche Mischung aus Menschenfrau und Greif und man erzählte sich, dass diese durch schwarze Magie miteinander verschmolzen wurden. Ein weiterer Kopf an der Wand war der eines Schneelaurers. Diese Wesen waren so groß wie ein Dachs, verfügten aber über die Kraft und den Mut eines Ogers. Das Besondere an ihnen war, dass ihre Stärke mit zunehmender Verwundung bis ins Unermessliche wuchs, so dass manch gestandener Krieger gegen solch ein Wesen den Kürzeren ziehen mochte. Die eindrucksvollste Trophäe, die dort an der Wand prangte, war jedoch der Kopf eines Schlingers. Diese Echse erreichte die Höhe eines einstöckigen Hauses und tötete alles, was größer als ein Hund und kleiner als ein Elefant war, selbst ohne Hunger zu haben. In den Sümpfen, die sie bewohnte, mussten teilweise alle erwachsenen Männer eines Echsenmenschenstammes Jagd auf so ein Untier machen, um es zur Strecke zu bringen. Über diese Mitbringsel von Abenteuern aus entlegenen Gegenden konnte man im ersten Moment die lebendigen Anwesenden des Thronsaals übersehen, allen voran die zierliche Meierin selbst. Farlgard war eine Frau von vielleicht 160 Halbfingern, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, was man an ihren von Falten gezeichneten Gesicht und ihren grau-schwarz melierten, zu einem Zopf geflochtenen Haaren erkennen konnte. Sie trug eine in dunkelgrau gehaltene Bauschkleidung, die teilweise mit schwarzem Leder verstärkt war. Zu ihrer Rechten stand ein maraskanisch aussehender Krieger in einer schwarzen Plattenrüstung, der mit zahlreichen Waffen ausgerüstet war. Jedem der Ankömmlinge - selbst Dingel - war klar wer dieser Mann war. Sal meinte den Griff eines Tuzakmessers aus dessen Rückenscheide herausgucken zu sehen. Sie waren am Ziel.

Den übrigen Anwesenden, drei Wächtern und einer Magd, wurde nur wenig Beachtung geschenkt.

Dann zerschnitt die Stimme des alten Dieners die Stille, die das gegenseitige Mustern zugelassen hatte: "Der Junker Falk von Narutil mit seinem Gefolge ist hier, um seine Aufwartung zu machen, euer Wohlgeboren." Bei diesen Worten zeigte der Lakai der Meierin auf Falk, der daraufhin eine leichte Verbeugung machte.

"Ich hatte doch befohlen, nicht gestört zu werden, was soll also dieser Auftritt?", erklang die dunkle, gebieterische Stimme der Meierin.

"Verzeiht, Meierin von Eichenbach, wir sind hier, um ein Verbrechen aufzuklären!", ergriff der Boronsdiener das Wort.

"Wer ist er, dass er es wagt mich zu unterbrechen?"

"Mein Name ist Beorn von Narutil, ich diene der Priesterschaft des Boron und ich bin hier, um die Waffe zu holen, die dieser Mann aus euren Reihen trägt. Auf dass sie dem ruhelosen Geist des Leugrimm Schoberbrück aus Baliho zurückgegeben wird."

"Schweige er! Die Wirbelklinge ist nun mein. Herr Hariskjatat hat mich vor euch Betrügern gewarnt, die ihr die Waffe stehlen wollt, doch nun seid ihr zu weit gegangen. Die Dreistigkeit, in meine Burg einzudringen, werdet ihr mit jahrelangem Kerker oder euren Leben bezahlen."

"Das glaube ich kaum, Meierin. Wir stehen unter dem Schutz des Junkers von Narutil", mischte sich Ilkarion ein.

"Soso, ich kenne zufälligerweise jemanden aus dem Nachbarort von Narutil, nämlich den Baron von Hardorp. Soll ich euch etwas sagen, es gibt keinen Junker von Narutil. Und nun, ergebe es sich, Gesindel!"

"Das können wir leider nicht tun", sagte Sal.

"Dann habt ihr euer Schicksal gewählt, Bruderschwester", sprach Ibarnjabiel und riss die Wirbelklinge aus seiner Rückenscheide. Die Wächter ergriffen daraufhin ihre Langschwerter.


Beorn reagierte als Erster. Mit seinem Streitkolben im Anschlag stürmte er auf den Maraskaner zu, doch Ibarnjabiel kam gar nicht in die Bedrängnis, parieren zu müssen, denn die Magd reckte dem Boronsdiener ihre geballte Faust entgegen und brüllte: "HORRIPHOBUS!"

Beorns Gesicht wurde darauf kalkweiß und verzerrte sich zu einer Angstgrimasse. Der Boronsdiener warf seine Waffe von sich und rannte zitternd vor Angst aus dem Thronsaal. Im selben Augenblick fiel eine Illusion von der Gestalt der Dienstmagd, und Kavashira, die Hexe, die sie in Auenhag gesehen hatten, kam zum Vorschein.

Die Gefährten hatten jedoch keine Zeit auf diesen Umstand zu reagieren, denn sie standen alle in einem verzweifelten Abwehrkampf.

Ein besonders kräftiger Wächter hieb immer wieder auf Ilkarion ein, dessen Stab wohl schon längst zersplittert wäre, wäre er nicht unzerbrechlich gewesen. Der zweite Söldner hatte es da schon schwieriger, da ihm Sal mit seinem Schwert zu anderthalb Händen gegenüberstand. Aldare hatte mittlerweile ihren Amazonensäbel in Bereitschaft und fing den ersten Schlag des maraskanischen Kriegers ab. Sie wollte die Wirbelklinge zur Seite schlagen, doch die Waffe war schwerer als ihre eigene und irgendeine unsichtbare Macht schien die Wirbelklinge noch zusätzlich zu leiten. Aldare fintete nach allen Regeln der Kriegskunst, aber dennoch war Ibarnjabiel trotz dickerer Rüstung schneller als sie. Es hatte den Anschein, als handele die Wirbelklinge intelligent.


"Na, was habt ihr zwei jetzt vor?", fragte der dritte Wächter im Bunde.

Legolant und der Fuhrmann schauten sich an, dann meinte der Schelm: "Los Dingel, pack ihn!"

"Iiiiiich? Pack du ihn doch selber!"

Schon schnellte das Schwert des Wächters nach vorne. Legolant stieß den Wagenlenker zur Seite und wich selbst gerade noch aus, so dass ihm die Klinge des Wächters nur seitlings ins Gewand schnitt.


Währenddessen umging Falk alle anderen Kämpfe, um zu Kavashira vorzudringen. Seinen Kampfstab im Anschlag, trat er immer näher an sie heran, bis er schließlich auf eine unsichtbare Barriere traf.

"Das kann unmöglich real sein", stellte der Hexer fest.


Funken stoben, als das Schwert von Legolants Gegenüber auf den Steinboden schlug. Der Schelm hatte sich im letzten Moment zur Seite fallen lassen. Doch kurz danach war die Wache wieder über ihm. Der Mann hatte eine Glatze geschoren, weil er sonst wohl übergroße Geheimratsecken hatte. Ein Dreitagebart und schwarze Augen komplettierten dessen grimmiges Gesicht. Legolant war so gut wie verloren. Er hatte keine Waffe gezogen und der Wächter war in ausgezeichneter Angriffsposition.

"Hund, willst du mein Eisen spüren?", sprang nun Dingel mit einem schweren Dolch bewaffnet heran. Der Wächter konnte ihn geistesgegenwärtig am Waffenarm festhalten. Nun waren die beiden in einer Art bewaffneten Ringkampf, was Legolant die Gelegenheit zum Aufstehen gab.

Sal unterlief einen Seitenhieb seines Gegners so geschickt, dass er danach hinter ihm war, um anschließend mit voller Wucht mit seinem Anderthalbhänder auszuholen. Doch die Wache stieß mit ihrem Langschwert blindlings nach hinten, so dass der Söldner gezwungen war, seinen Angriff abzubrechen und eine neue, günstigere Angriffsposition zu suchen. Bevor er jedoch dazu kam, setzte sein Gegner zu einem Drehschlag an, dem er aber durch ein Ducken auswich, um danach sofort von der entgegen gesetzten Seite her anzugreifen. Das Bastardschwert schnitt dem Wächter in die ungedeckte Flanke und fällte ihn mit einem Schlag.


Aldare ging in die Knie, um Ibarnjabiel mit einem Stich in den Unterleib durch ein Loch in dessen Deckung niederzustoßen, doch erneut zeigte die Wirbelklinge ihren wahren Wert. Der Krieger schlug den Amazonensäbel Aldares halbkreisförmig weg und hieb ihr in derselben Bewegung tief in die Schulter. Ibarnjabiel setzte soeben zu einem finalen Angriff gegen die Amazone an, als Sal mit einem wütenden Kampfschrei von der Seite herannahte. Der Maraskaner musste seine gesamte Kraft einsetzen, um den gewaltigen Angriff des Söldners zu parieren.


Ilkarion reckte seinen Zauberstab waagerecht mit beiden Armen empor und fing einen Wuchtschlag seines Gegners ab, als dieser ihm auch schon im nächsten Zug in den Unterleib trat. Der Magier flog zurück, und da die Wache seinen Stab ergriffen hatte, wurde ihm dieser aus der Hand gerissen. Der Wächter warf den Magierstab zur Seite und ging auf den unbewaffneten Graumagier zu.

Ilkarion begann nun den siegessicheren, langsam näher kommenden Wächter zu fixieren. Dann deutete er mit seiner rechten Hand auf ihn und konzentrierte sein gesamtes Wissen als Bewegungsmagier, gebündelt in pure Astralenergie, in den Zauber MOTORICUS.

Der Wächter wurde wie von Geisterhand gepackt und mit der Geschwindigkeit eines Jagdhundes durch den Thronsaal geschleudert. Fast hätte der Körper noch die völlig überraschte Kavashira getroffen, die sich ducken musste, bevor er mit einem Knacken gegen den Kopf des Schneelaurers schlug und dann regungslos zu Boden fiel.


"Der Wächter hat die Barriere durchdrungen, also nur eine Illusion", dachte Falk und stürmte auf seine Zunftgenossin zu. Kavashira erhob sich gerade wieder, als Falk ihre Stirn mit dem Zeigefinger berührte und meinte: "Was du jetzt wirklich brauchst, ist die Wirbelklinge!"


Dingels Gegner gewann langsam die Oberhand in ihrem Ringkampf und versuchte nun den schweren Dolch des Wagenlenkers gegen seinen eigenen Besitzer einzusetzen, als ihn unvermittelt ein schwerer Stuhl auf dem Rücken traf und dort zerbarst. Der Burgwächter ließ unter Stöhnen ab und Dingel schaute in das grinsende Gesicht des Schelms.


Sal wich notgedrungen immer weiter zurück, denn der Krieger baute eine undurchdringliche Klingenwand vor sich auf. Verzweifelt schaute er sich schon nach weiteren Rückzugsmöglichkeiten um, als er unerwartete Hilfe erhielt. Kavashira die Kampfgefährtin des Maraskaners, erfasste doch tatsächlich während des Kampfes den Griff der Wirbelklinge.

"Kavashira, bist du von Sinnen?", entfuhr es Ibarnjabiel.

Sal hielt inne und rief: "Falk, die Waffe!", wobei er auf die Wirbelklinge deutete.

Der Hexer machte einen gewagten Sprung mitten ins Geschehen und wäre wahrscheinlich durchbohrt worden, wenn Kavashira nicht so extrem an Leugrimms Waffe gezogen hätte. Nun hingen gleich drei Kämpfer am Griff der Wirbelklinge. Sal armierte derweil seine Armbrust, um den Krieger niederzustrecken. Doch er fand es zu riskant, da Falk dabei war und das Trio sich unentwegt bewegte und verwarf diesen Gedanken wieder. Die Dreie taumelten immer weiter in Richtung des Fensters mit den Butzenscheiben. Plötzlich ließ die Hexe ab. Völlig überrascht versuchte Ibarnjabiel wieder die Kontrolle zu gewinnen und hieb mit der nackten linken Faust nach Falk. In diesem Moment griff Kavashira wieder zu und riss mit voller Wucht an der Waffe. Da der Krieger nun nur noch eine Hand an der Wirbelklinge hatte, gab es einen Ruck, der ihm und auch Falk sowie Kavashira die Waffe aus der Hand riss. In hohem Bogen flog das Objekt der Begierde davon und durchschlug die Butzenscheiben. Aus den Mündern fast aller Beteiligter kam ein Fluchen, als sie die Wirbelklinge aus dem Fenster fliegen sahen. Die Kämpfer hielten inne, nur Kavashira stürmte aus dem Thronsaal. Ilkarion fand als Erster wieder zu klaren Gedanken zurück und rief: "Falk, Legolant verfolgt die Hexe, wir kümmern uns um den Rest!"

Ohne weiter zu überlegen nahmen der Schelm und der Hexer die Verfolgung auf, so dass es jetzt auf einen Kampf von Zweien gegen Drei hinauslief.

"Wo sind meine restlichen Waaaaaaaaaachen?", donnerte die Meierin.


Ibarnjabiel ließ langsam sein Rapier aus der Gürtelscheide gleiten und sprang Sal entgegen. Diesmal war der Söldner im Vorteil. Der Krieger war zwar nach wie vor schneller, aber die Waffe des Söldners war wesentlich gefährlicher.

Aldare stand mittlerweile wieder. Doch in diesen Zweikampf würde sie nicht eingreifen, also richtete sie ihre Augen auf die letzte noch kampffähige Wache. Diese sah sich nun Dingel und Ilkarion gegenüber.

"PLUMBUMBARUM", rief der Graumagier und deutete mit seinem Zauberstab auf die Wache. Dieser wurde das Schwert in der Hand nun immer schwerer, und als Ilkarion und der Fuhrmann nun gleichzeitig zum Angriff übergingen, konnten sie den Wächter rasch überwältigen.


Die Hexe hastete den Flur entlang und öffnete scheinbar willkürlich eine Türe. Ihre Verfolger merkten erst als sie eintraten, dass es sich hierbei wohl um das Schlafgemach der Hexe handelte. Denn diese hatte nun ihren Besen gepackt und stürzte sich damit aus dem Fenster, um kurz darauf wieder an Höhe zu gewinnen.

Von außerhalb der Festung hörten Falk und Legolant Hufgetrappel und vom Flur drang das Geräusch von Schritten vieler Personen herein, irgendetwas war hier im Gange. Der Hexer reagierte schnell und sperrte die Tür zu. Legolant packte derweil alles, was er kriegen konnte, vom Stuhl bis zur Blumenvase, und schleuderte es der Hexe hinterher, ohne Erfolg. Sie war schon zu weit weg.

Der Schelm riskierte einen Blick auf den Boden des Burghofes, dort lag sie groß und breit, die Wirbelklinge. Zwei schwer gerüstete Reiter ritten im Moment in den Hof hinein. Sie trugen ein Wappen, das ihm verdächtig bekannt vorkam. Es war die grüne Eiche auf silbernen Grund. Beachtet wurde er von den Andergastern nicht, denn diese hatten nur Augen für die Hexe.

Auf dem Flur wälzte sich unterdessen eine ganze Kolonne am von Falk und Legolant besetzten Zimmer vorbei.


Sal setzte immer wieder seine volle Wucht beim Angriff ein, um dem Krieger das Parieren mit der Fechtwaffe möglichst schwer zu machen. Doch Ibarnjabiel Hariskjatat war nicht umsonst ein waschechter Krieger. Kein Versuch, die Verteidigung des Maraskaners zu zerschlagen, war von Erfolg gekrönt. Das Gegenteil war der Fall. Der Söldner hatte schon mehrere kleinere Stichwunden davongetragen, und als er zu einem gewaltigen Schlag über Kopf ausholte, stach ihm Ibarnjabiel sein Rapier mitten in die Brust. Schwer getroffen, aber doch noch den Schwung des Angriffes ausnutzend, überwand Sal jetzt die Deckung des Kriegers über dem abgesenktem Rapier und trennte ihm mit einem einzigen Schlag den Kopf vom Rumpf.

Ibarnjabiel Hariskjatat, einer der ehrgeizigsten Jäger der Wirbelklinge, war tot.


Doch auch Sal und Aldare waren so schwer verletzt, dass sie nicht mehr effektiv kämpfen konnten.

Farlgard hatte sich inzwischen erhoben, als die Tür aufflog und ein gutes Duzend weiterer Wachen in den Thronsaal drängte. Außer Ilkarion und Dingel waren keine vollständig einsatzbereiten Kämpfer mehr anwesend, um diesen Ansturm aufzufangen. Glücklicherweise für die Helden hielt die Meierin ihre Garde mit einem Wink zurück, dann sagte sie aber: "Ihr werdet nun die gerechte Strafe für eure praiosungefälligen Taten erhalten. Nicht nur, dass ihr euch über die zwölfgöttliche Ordnung der Adelsherrschaft lustig macht. Nein, ihr tretet auch noch das Gastrecht mit Füßen und zettelt wildeste Schlachten unter meinem Dach an. Ihr werdet vorerst in den Kerker geworfen, bis mir einfällt, wie ihr geläutert werden könnt!"

"Nein, Meierin, ihr begeht einen unvorstellbar großen Fehler", durchdrang eine wohlklingende, einigen Anwesenden vertraute Stimme den Saal.

"Schwester Ulvane", entfuhr es Farlgard, als sie die zierliche junge Frau mit den braunen Augen und den dunkelblonden Haaren erblickte.



Szene 43 Burg Eichenbach (Ein Ritt durch die Lüfte)

"Die scharfe Menschenwaffe ist nicht hier", vernahm Falk Morenas Stimme in seinem Kopf. Niedergeschlagen schloss er die Augen. Die Jagd begann von neuem. Ibarnjabiel Hariskjatat war zwar tot, und die Morde an Firnmar Runarlin und Waidhart Plorin somit gesühnt, doch harrte der Geist von Leugrimm Schoberbrück noch immer der Erlösung.

Aus dem Fenster geflogen war die Klinge, an deren Schneide schon soviel Blut, Angst, Zorn und Missgunst klebte. Sie würden entkommen, doch der Vorsprung von Kavashira Blutwind nahm stetig zu. Zwar wurde die Meierin gerade von Schwester Ulvane über die Umstände aufgeklärt, wie die Wirbelklinge nach Burg Eichenbach gelangt war, doch zeigte sich die Reichsbeamtin noch sehr skeptisch. Es würde noch etliche Minuten, vielleicht sogar eine Viertelstunde dauern, bis ihre Wachen sie alle aus ihrer Gewalt entließen.

Der verzauberte Beorn war in den Kerker geworfen worden, wie ihnen mitgeteilt wurde, und die Verwundungen einiger Heroen ließ keine effektive Verfolgung zu, schon gar nicht von einer Gejagten, die sich fliegend fortbewegte. Das Blatt hatte sich gewaltig gewendet, doch für keinen der Beteiligten zum Guten. Selbst Kavashira stand nun allein.

Falk schluckte. Er war die einzig logische Möglichkeit, um die Verfolgung aufzunehmen. Doch wie? Fliegend würde er sofort wegen Hexerei angeklagt und getötet werden. Einige Falten legten sich auf sein so jugendliches Gesicht. Eine verzwickte Situation.


"Kann nicht erkennen, wer sie mitgenommen hat", machte sich die Katze telepathisch vom Burghof aus bemerkbar und komplettierte so die Verzweiflung in Falks Gemüt. Sein Blick traf den des Graumagiers. Er war unverletzt und sah aus, als hätte er noch große Kraftreserven.

Langsam zeichnete sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Hexers ab, als er eine Idee in seinem Kopf immer weiter fortspann. Ilkarion erwiderte das Lächeln, denn auch er hatte einen Grund, sich zu freuen. Da er das Gespräch zwischen Farlgard und Ulvane verfolgt hatte, war ihm der Umschwung zugunsten von ihnen und der Phexgeweihten nicht verborgen geblieben.

"Somit beschwöre ich euch, diese tapferen Leute weiterziehen zu lassen, sonst wird der Vorsprung, den die Schergen der Finsternis haben, immer größer", hörte er die Stimme Ulvanes.

"Wohlan, doch rate ich euch, das nächste Mal auf euren Reisen Strategien zu verwenden, die unserem Herren Praios UND unser Herrin Travia gerecht werden!", sagte die Meierin mit einem Nachdruck in der Stimme, der darauf schließen ließ, dass sie es äußerst ernst meinte.

"Das werden wir, Meierin Farlgard, doch nun dürfen wir keine Zeit mehr verlieren!", entgegnete Falk und meinte dann zu dem Adeptus: "Ilkarion, kennst du nicht einen Zauber, der meinen Kampfstab fliegen lassen könnte, damit ich die Hexe auf ihrem Besen verfolgen kann?"

Der Graumagier stutzte im ersten Moment, bis ihm klar wurde, was sein Freund Falk vorhatte. Wenn er als Gildenmagier so tat, als lasse er Falks fliegenden Stab von alleine schweben, würde sein Gefährte nicht der Hexerei beschuldigt werden, und so grinste er und erklärte: "Selbstverständlich! Wofür hab ich denn sonst jahrelang die Magica Moventia studiert, wenn ich nicht einmal ein Stöckchen schweben lassen könnte? Stell dich schon mal ans Fenster!"

Ilkarion trat zu Falks Stab und ließ ihn theatralisch mit Hilfe des Telekinesezaubers MOTORICUS fliegen, bis der Hexer ihn ergriff. Dann sagte er: "Jetzt kannst du fliegen, aber sei vorsichtig, in diesem Kampf stehst du allein!"

"Danke mein Freund", zwinkerte Falk und sprang mit seinem Stab aus dem Burgfenster.

Ulvane legte Ilkarion ihre Hand auf die Schulter und sprach: "Jetzt liegt es in Phexens Hand, ob unser Falk gewinnt oder dieses biestige Frauenzimmer."


Falk erblickte seine Katze zahlreiche Schritt unter sich auf dem Burghof, wie sie gerade von einem der Wächter gestreichelt wurde.

"Morena, hast du gesehen, in welche Richtung meine Schwester davongeflogen ist?"

"Sie fliegt mit der Sonne im Rücken", kam von der Katze als Antwort.

"Vernünftig", meinte der Hexer nur und sputete sich.

Er erhob sich weiter in die Lüfte, so dass er schräg unter sich die Festung sah. Die Häuser in Espen wurden immer kleiner, bis sie wie bunte Holzwürfel auf einem Spielbrett aussahen, und Falk hielt seinen Stab auf dieser nun erreichten Höhe. Eine halbe Meile vor ihm erstreckte sich ein Nadelwald, über dem er nun die Umrisse eines wahrscheinlich großen Flugwesens sah. Auf solch eine Entfernung war es einem Menschen nur schwer möglich, Größen richtig einzuschätzen, doch er vertraute auf seinen Verstand und auf Morena.

Immer weiter über die weite Schneelandschaft fliegend, gelangte er endlich zu dem weiten Nadelforst, der nach einigen hundert Schritt in einen Mischwald überging. Es war tatsächlich die Hexe, die dort vor ihm her flog; da er die Verfolgung mit höchstmöglicher Geschwindigkeit aufgenommen hatte, war er ihr immer näher gekommen. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn bemerkt hatte, doch begann sie nun mit einem Landeanflug.

Ausgerechnet jetzt, wo der Hexer sich auf die Landestelle konzentrieren musste, flog eine Nachtigall vor ihm her. Merkwürdigerweise pendelte sie ständig vor ihm, als sei sie unschlüssig wo es hingehen sollte. Instinktiv zog Falk immer wieder hinter dem Waldvogel her, als wäre er durch das Tier verzaubert. Doch dann besann sich der Hexer auf die Naturkräfte seiner Gegnerin, die er ja auch verstand, und ließ sich mit einem gewagten Steilflug um ein paar Schritt absinken, so dass der Vogel nun weit über ihm war.

Die Nachtigall flatterte weiter, als hätte sie nie im Sinn gehabt, den Hexer zu verwirren, und so konnte er an der Stelle, wo er Kavashira vermutete, landen. Er hatte seinen Platz sehr gut gewählt, denn er landete hinter der Hexe, die bei einem großen schwarzen Pferd stand, das an einer Blutulme angebunden war. Ungünstig für ihn war, dass ein Tannenhäher seine Anwesenheit petzte und Kavashira sich sofort nach ihm umdrehte. Seine blauen Augen trafen kurz ihre grünen, und als habe sie nichts von ihm zu befürchten, wandte sie sich wieder ab und widmete sich erneut dem Gaul. Vorsichtig näherte sich ihr der Hexer in der Hoffnung seine Hexenschwester zu einer friedlichen Einigung bewegen zu können. Als er auf wenige Schritt heran war, und gerade etwas sagen wollte, drehte sich Kavashira zu ihm um, strich sich ein paar kupferrote lange Locken aus dem Gesicht, und sagte: "So schicken sie also ausgerechnet dich? Eure Pläne habe ich wohl durchkreuzt und deshalb werde ich nun sterben."

"Nein, niemand wird sterben, niemand hätte sterben sollen… Nur einer", entgegnete Falk.

"Einer?"

"Ja, der ruhelose Geist von Leugrimm Schoberbrück."

"Dann lass mich ziehen, Bruder! Ich hege keinen Groll gegen dich."

"Nicht bevor ich die Wirbelklinge habe."

"Ich habe sie nicht, die beiden Panzerreiter haben sie", erklärte Kavashira.

"Wie kann das sein?"

"Nun, mein Hexentier hat gesehen, wie die beiden die Waffe an sich genommen haben. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja meine Ausrüstung durchsuchen! Die Klinge nützt mir nichts mehr, wo ich hinkomme, muss ich mich tarnen. Alle suchen mittlerweile nach dieser Waffe, es wäre mein Tod, sie noch länger zu besitzen."

Falk überlegte eine ganze Weile, dann nickte er Kavashira kurz zu drehte sich um, und schickte sich an sie zu verlassen.

"Du lässt mich ziehen?", fragte die Hexe misstrauisch.

"Ich bin keiner dieser Zwölfgötterpriester oder einer ihrer Anhänger. Ich bin wie du. Ich kann meine Herkunft nicht verleugnen. Und du auch nicht. So denn, gehab dich wohl! Vielleicht sehen wir uns auf dem nächsten Hexentreffen, Schöne der Nacht", nach diesem Satz erhob sich Falk in die Lüfte und eilte schleunigst zurück zu seinen Gefährten. Sie mussten die wichtigen Neuigkeiten sofort erfahren.

"Auf bald, Schöner der Nacht", rief ihm Kavashira noch hinterher, als Falk schon einige Schritt aufgestiegen war. Auf ihrer Schulter hatte sich unterdessen die Nachtigall niedergelassen. Dies war nicht ihre letzte Begegnung mit Falk Silbertatze gewesen, dessen war sie sich sicher.



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