Die Jagd nach der Wirbelklinge (IX) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 44 Altnorden (Die Hetzjagd)

Falk berichtete seinen Weggefährten, dass sich die Wirbelklinge in den Händen der andergastschen Rittsleute befinden musste. Währenddessen kümmerte sich Ilkarion mit Hilfe eines auelfischen Heilzaubers um die Verwundeten. Die nun notwendig gewordene zügige Verfolgung der Andergaster milderte den durch Kavashiras Entkommen entstandenen Unbill einiger Jäger der Wirbelklinge. Deren Misslaunigkeit sollte aber schon bald wieder auf ein angespanntes Maß steigen, denn obwohl es Falk mit Hilfe der schon einmal von dem Graumagier und ihm angewandten Besenlüge gelang, Rondradan Fichelbreitner und dessen Knappen in ein paar Meilen Entfernung zur Hauptgruppe aufzuspüren, war es den Gefährten nicht möglich, den Vorsprung der Klingendiebe in kürzerer Zeit wieder aufzuholen. Notgedrungen musste man Dingel mit der Kutsche zurücklassen, während Legolant auf ein Pferd gebunden und mitgeschleppt wurde.

Doch die andergastschen Rittsleute waren schwer gerüstet und durch die Anstrengungen fernab ihrer Heimat zusätzlich massig mit Ausrüstung beladen. So begab es sich, dass ihre Verfolgergruppe sie als zwei immer größer werdende Punkte am Horizont im Blickfeld hatte.

Da es Winter war, wirbelten die beiden bei ihrem Galopp zwar keine Staubwolke auf, doch auch dieser Umstand nützte ihnen nichts mehr, ihnen war eine Einholung durch die sechs Helfer Drachwills sicher. Nur auf magischem Wege war noch eine Flucht möglich, doch daran wagte ein abergläubischer Andergaster nicht einmal zu denken.


"Dort vorne liegt Altnorden, da müssen sie wohl oder übel anhalten. Lange machen ihre Pferde diese Treibjagd nämlich nicht mehr mit", zeigte Beorn seinen neben ihm reitenden Gefährten zufrieden.

"Dann werden sie uns die Klinge übergeben müssen, wir sind ihnen dreifach überlegen", stellte der Graumagier fest.

"Ha, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ein Ritter eine dreifache Überzahl an Feinden scheut? Da bist du schief gewickelt. Wir werden den beiden unser Verhalten erklären müssen. Wenn sie das nicht überzeugt, dann könnt ihr euch auf einen Kampf bis zum Letzten gefasst machen!", rief Aldare herüber.

"Immer diese Rondrianer", flüsterte Falk zu Legolant und schüttelte mit Unbehagen den Kopf.


"Verdammt juchei, Praiotin! Dies dahmisch Weibsstück und ihre Kriegsknechte lassen nit locker, ´s wird Zaht, dass ma uns der neureichsche Möchtegernhelde entledige", fluchte Ritter Rondradan.

"Jo Herrschaftszeiten, ´s sieht nit gutt aas. Wir hom nur zwa Meglichkeide. Ninn in aan Tembel oder unners Volk mische", meinte der Knappe Praiotin.

"De Gäule machen jedenfalls nimmer lang."

"Hab k'ehrt, dass es unner Altorden noch en paar aale Bergwerchtunnel hat. Des ist vielloicht unsre Schaanz."

"In unser dicken Rüstung, bist jeck?"

"Da gibt’s bestimmt fuille olde Gänge, wo aaner von uns beien kämpfe koan, während sich da anner davo macht", vermutete Praiotin.

"Wir werns versuche, Jung. Wir werns versuche", sagte Rondradan und lenkte sein Ross in die Richtung der nächstgelegenen Anbindestelle.


Als die Helden vorsichtig und nach allen Seiten sichernd in Altnorden einritten, bemerkten sie schon rasch, dass die beiden Andergaster abgesessen sein mussten, denn ihre schwarzen Teshkaler standen an einer Bohle angebunden vor der Taverne ‚Liebliches Rotwasser’.

"Das darf doch nicht wahr sein, da gehen die beiden einfach ungeniert in der nächsten Schenke ein Bierchen trinken, ohne sich an der Verfolgung durch uns zu stören", meinte Ilkarion.

"Sie wollen die Auseinandersetzung an die Öffentlichkeit tragen, gar nicht mal so dumm diese Stiefelfresser", sagte Sal.

"Moment, vielleicht ist das ein Trick uns sie lauern uns in irgendeiner Weise auf?", warf der Schelm ein.

"Das werden wir leicht herausfinden", mischte sich Beorn ein, dann wandte er sich an einen Passanten und meinte: "Heda, Stenz, sagt an! Hab ihr gesehen, wohin es die Rittsleute verschlagen hat, denen diese beiden Pferde gehören?"

"Ich habe sie eben in den Tempel des Ingerimm gehen sehen, Laienbruder", entgegnete der junge Handwerker, den der Boronsdiener angesprochen hatte.

"Ahaaaa, der Ingerimmtempel also. Habt Dank, guter Mann. Los kommt, die Zwölfe haben nichts an uns zu beanstanden, denn wir sind im Recht!", meinte Beorn.

"Wahr gesprochen, so lasst uns die heiligen Hallen von Rondras älterem Bruder betreten", schlug Aldare vor.


Gesagt, getan. Sie betraten geschlossen und in voller Montur den Tempel des Feuer- und Handwerksgottes. Die Haupthalle des Tempels sah für einen in dieser Hinsicht unbedarften Menschen wie eine große Schmiede aus, was nicht nur die Esse vermuten ließ, an der ein in dicke Lederklamotten gekleideter zwergischer Geweihter bei der Arbeit stand; auch die riesenhaften Symbole eines roten Hammers und eines schwarzen Ambosses an der Tempelrückwand ließen erahnen, dass an diesem Ort der Schmiedekunst gehuldigt wurde. Was an den anwesenden Geweihten besonders auffiel, war das Tragen einer brennenden Laterne.

Feuer, den Priestern des Ingerimm galt dieses Element als die Essenz des Lebens. Für die Praiosdiener diente es der Reinigung, den Ingerimmanhängern jedoch der Wärme und der Lichterzeugung.

Während die Weggefährten noch staunend die Schmiedeerzeugnisse der Ingerimmdiener begutachteten, trat ein großer, kräftig gebauter Endvierziger an die Heroen heran. Der Mann hatte dunkelbraunes mittelgescheiteltes Haar mit ein paar weißen Schlieren darin, seine Augen erstrahlten in einem glänzenden Hellblau. Als Kleidung trug er eine Lederhose und ein Lederwams, so dass er seine leicht verrußten Arme unbedeckt hatte. Der Schmiedehammer in seiner Hand zeigte die Insignien eines Tempelvorstehers. Mit den Worten: "Euer Kommen wurde mir berichtet", wandte sich der Hochgeweihte an die sechs Gefährten.

"Dann werden wir uns wohl erklären müssen, eure Eminenz", antwortete Ilkarion.

"Dies will ich meinen. Wie könnt ihr es wagen, einem Mann vom Stand und seiner Gefolgschaft nachzustellen! Das ist mir, Uldreich Bickert, in den langen Jahren seit meiner Priesterweihe noch nie untergekommen, und davor auch nicht", empörte sich der Hohepriester.

"Eminenz Uldreich, mir deucht, dass ihr nicht die volle Wahrheit in dieser Sache kennt. Die beiden Rittsleute haben einen Gegenstand, der ihnen nicht gehört", erklärte Beorn.

"Aber euch Gemeinen ist dieser Besitz?"

"Nein, auch uns gehört diese Waffe, um die es sich hierbei handelt, nicht. In Baliho geht der Geist eines gefallenen Soldaten umher, weil diese Klinge aus seinem Grab entwendet wurde. Im Namen von Gevatter Boron flehe ich euch an, zur Seite zu treten und uns dieses Relikt der Erlösung aus den Händen dieser beiden Männer entreißen zu lassen, die zwar edel sind, aber die Waffe nur zum Ruhme ihrer Nation einheimsen wollen, auf dass wir die Wirbelklinge der ruhelosen Seele dieses Soldaten zurückgeben können!", sprach der Boronsdiener euphorisch.

"Wohlan, wenn eure Motive so nobel sind, dann dürft ihr passieren, doch seid gewarnt! Die beiden Rondrianer haben einen Weg gewählt, der möglicherweise beider Ende bedeuten könnte: nämlich den durch die Kavernen unter diesem Heiligtum", mahnte Uldreich.

"Na klasse, nun dürfen wir uns auch noch durch irgendwelche stinkigen, unheimlichen Katakomben schlagen", nörgelte Legolant.

"Wenn dies unser Schicksal ist, dann sei’s drum. Lasst uns die Kavernen stürmen!", rief die Amazone und folgte mit ihren Weggefährten dem Hochgeweihten Uldreich in die antiken, tiefer gelegenen Regionen des Ingerimmtempels.



Szene 45 Altnorden (Die Kavernen)

Die sechs Gefährten stiegen über eine Kalksteintreppe mit teilweise rutschigen Stufen nach unten, Ilkarion ging mit seiner magischen Fackel voran, und schon bald erkannte man das Ausmaß der unterderischen Kavernen, und weshalb sich niemand ohne einen sehr triftigen Grund dort aufhalten sollte.

Am Fuß der Treppe teilte sich der Gang nach rechts und nach links, geradeaus blickten die Heroen auf eine gekachelte Wand mit ockerfarbenen und weißen, teilweise aber schon stark verstaubten und verschmutzten Platten. In antiken Zeiten war dieser Gang sehr oft benutzt worden, das erkannte der Graumagier sofort.

Sie teilten ihre Gruppe auf: während der Hexer Morena als Auge und Ohr zurück in den Tempel schickte, schlugen Sal, Beorn und Legolant den rechten Pfad ein. Die Amazone setzte sich mit ihren Begleitern Falk und Ilkarion nach links in Bewegung. Egal, wo das Duell Drei gegen Zwei stattfinden würde, es würde für sie kein Einfaches werden, fürchtete der Hexer.

Nach vielleicht 50 oder 60 Schritt erfuhr der Gang eine leichte Biegung, so dass Ilkarion, der die Nachhut seiner Gruppe bildete, seine in anderer Richtung von dannen gehenden Freunde, aus den Augen verlor. Aldare, die vorneweg ging, spähte unentwegt auf den Boden, um irgendwelche Fallen ausmachen zu können, doch der Gang erwies sich als bemerkenswert sicher. Nach weiteren 30 Schritt stöhnte Falk laut, als er an Aldares Schulter vorbei nach vorne blickte und meinte: "Oh nein, eine Kreuzung, das darf doch nicht wahr sein, so werden wir die beiden niemals finden."

In der Tat wurde die Situation der Helden zunehmend verfahrener. Die Rittsleute konnten jeden der drei vor ihnen liegenden Gänge gewählt haben, wenn sie überhaupt hier vorbeigekommen waren. Fußspuren waren auf den Steinboden jedenfalls nicht zu erkennen. Sollte man sich nun trennen oder einen Gang nach dem anderen zu dritt abklappern, oder aber die Kreuzung bewachen und darauf hoffen, dass früher oder später die Andergaster oder gar ihre eigenen restlichen Mitstreiter vorbeikamen?

"Was jetzt?", fragte Aldare und hob erwartungsvoll ihre rechte Augenbraue.

"Eine höchst schwierige Frage", stellte der Graumagier fest.

"Wir können uns nicht trennen, dann stehen wir möglicherweise einer gegen zwei", stellte Falk fest.

"Na und, du kannst doch zaubern! Ich habe keine Angst vor den beiden, falls sie mir begegnen sollten", meinte Aldare selbstsicher.

"Falls sie überhaupt hier entlang gekommen sind", warf Ilkarion ein.

"Falls sie überhaupt hier vorbei gekommen sind", wiederholte die Amazone.

"Also soll jeder einen der Gänge abschreiten?", wollte Falk wissen.

"Ja, nehmen wir alle einen Gang und nach einer Viertelstunde treffen wir uns wieder hier", schlug Aldare vor.

"Schlechte Idee. Wenn einer von uns überwältigt wird, können die beiden Andergaster sich ungesehen einen Weg zurück in den Tempel bahnen, ihn verlassen, ihre Pferde besteigen und mit der Wirbelklinge flüchten, während wir noch stundenlang stumpfsinnig hier unten drin Ausschau halten", erklärte Ilkarion.

"Das dürfen wir nicht zulassen, jemand muss hier an der Kreuzung zurückbleiben und Wache schieben", forderte Falk.

Aldare schaute in den nach links und rechts abzweigenden Gang, der genau wie der, auf dem sie gekommen waren, gekachelt war. Geradeaus hörten die Fliesen aber rasch auf und ein natürlich gehauenes Höhlensystem folgte dahinter.

"Ich denke, Ilkarion, es ist am besten, wenn du Wache hältst, deine Magie sollte den beiden Schurken Respekt beibringen. Ich werde mich nach links wenden, während Falk nach rechts geht. Nach 20 Minuten kehren wir beide um und werden dann gemeinsam in das geradeaus gelegene Höhlensystem vordringen", sagte Aldare.

"Gut, einverstanden. Ich wünsche euch viel Glück, und kommt zu mir zurück, wenn ihr Schwierigkeiten habt!", meinte der Magier.


Legolant, Sal und der Boronsdiener begingen eine Route, die scheinbar unendlich lang strack in eine Richtung führte. Die ansehnliche Wandvertäfelung der ersten hundert Schritte war nun einer natürlichen grauen Wand gewichen. Das einzige, was auf das Wirken von Menschen oder Zwergen hindeutete, waren die Stützpfeiler, welche alle paar Schritt ein Gefühl von Sicherheit gaben, und die zahlreichen Holzbohlen in der Decke. Dem Söldner sah dies hier verdächtig nach dem alten Stollen einer stillgelegten Mine aus, es fehlte nur noch…

"Eine Lorenbahn", entfuhr es Legolant, während er mit seiner Fackel voran rannte und seine beiden Gefährten im Dunkel stehen ließ.

Als Beorn und Sal zu ihrem Freund aufgeschlossen hatten, saß er bereits in einer rostigen aber noch fahrtüchtig aussehenden Lore. Der Boronsdiener begutachtete derweil die Schienen und meinte: "Hier muss es noch viel tiefer in die Erde führen."

"Meint ihr, wir sind hier richtig?", stellte Sal in den Raum.

"Wohl kaum, hier ist die Gefahr zu groß, dass man sich verirrt und nie wieder hinausfindet, außerdem scheint mir der Gang hier alles andere als einsturzsicher zu sein", grübelte Beorn und schritt langsam zurück zu Sal.

"Wir können ja umkehren und zu den anderen aufschließen oder im Tempel warten, bis jemand wieder ins Freie kommt!", schlug der Söldner vor.

"Mal sehen, wofür dieser Hebel ist", tüftelte Legolant und löste unwissend die Bremse der Lore, so dass sich diese auf dem leicht abfallenden Gang polternd in Bewegung setzte.

"Mann, Legolant, du Hitzkopf, lass uns hier nicht im Düstern stehen und halt die verdammte Lore an!", brüllte Sal dem sich stetig weiter entfernenden Lichtkegel hinterher.

"Heisassa, jetzt geht’s rund", freute sich der Schelm.

Doch dann merkte er, dass seine Fahrgeschwindigkeit immer weiter zunahm. Allmählich wurde er stutzig. Für seine beiden Begleiter war er durch seine Fackel nur noch als ein großer, heller Ball zu erkennen.

"Benutzt die Bremse, Legolant! Benutz die Bremse! BENUTZ DIE BREMSEEEEEEE!", donnerte der Boronsdiener.

"Was ist eine Bremse?", rief Legolant zurück. Doch mittlerweile war die Lore schon um eine Kurve gesaust. Sich immer schneller entfernend, verstummten auch die Rufe seiner Begleiter, die er ohnehin in der Dunkelheit schon lange nicht mehr sehen konnte.


"Oh verflucht", spie der Söldner aus und trat mit seinem Fuß kräftig gegen eine Felswand. Auch wenn er Beorn nicht sehen konnte, so mochte er erahnen, welche Mimik sich nun auf das Gesicht des Boronsdieners gelegt hatte. Sie waren alleine und ohne Licht in einem stockfinsteren Bergwerk und was noch viel schlimmer war, sie hatten einen ihrer Gefährten verloren.


Aldares vorsichtige Schritte hallten durch die Kavernen Altnordens. Den Graumagier und die Kreuzung hatte die Rondrianerin längst hinter sich gelassen. Der Gang hatte sich etwas geneigt und war zwischenzeitlich abgeknickt, und obwohl ihr Weg durch das Labyrinth bisher ein Zuckerschlecken war, konnte die Amazone ihr Misstrauen nicht verleugnen. Die Farbgebung der Kacheln war unterdessen in weiß und hellblau übergegangen und hatte sich auch auf den kompletten Boden ausgedehnt. Hier, bei der Übersichtlichkeit des Ganges, konnte sie niemand überraschen, niemand konnte einen Hinterhalt legen, doch trotzdem fand Aldare, dass hier irgendetwas nicht stimmte. "Hier ist doch irgendwas faul", dachte sie sich.

Weiterhin setzte sie behutsam einen Fuß vor den anderen, als es unvermittelt klack machte.

Sofort hielt sie inne und schaute an sich herab. Eine hellblaue Kachel war unter ihr leicht eingesunken. War dies eine Falle?

Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn der Amazone. Sie war sich nicht sicher, was sie machen sollte. Vielleicht hätte das Klacken eine Fallgrube auslösen sollen und die Mechanik funktionierte nach vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden nicht mehr? Aber eventuell würde auch etwas passieren, wenn die Platte wieder entlastet wurde? Es gab nur eine Möglichkeit dies herauszufinden. Der Schweiß tropfte langsam von Aldares Kinn. Ihre Haare klebten zusammen, wie bei einem Hund, der in einem Teich geschwommen war. Langsam schloss sie ihre Augen, dann atmete sie tief durch und machte eine Sprungrolle nach vorne, was mit einem Knall beantwortet wurde. Von irgendwo aus dem Gang schlug ihr ein Bolzen entgegen, der sie durch ihr geschicktes Abrollen aber nur am linken Oberarm streifte. Die Amazone biss sich auf die Lippen. Sie würde hier unten noch achtsamer sein müssen.


Der Hexer nahm die immer zahlreicher erscheinenden Symbole des Gottes Ingerimm auf den Wänden wahr. Er hatte das Signum des Schmiedegottes schon öfters gesehen, auch wenn er sich nicht dafür interessierte. Auf einigen weißen Kacheln waren ein roter Hammer und ein schwarzer Amboss abgebildet. War ausgerechnet er unterwegs zu einem alten Heiligtum des Ältesten der Zwölfgötter?

Zumindest konnte man bei einer göttlichen Präsenz das Wirken von dämonischen Mächten ausschließen und das machte Falk schon Mut, so allein wie er sich durch diese alten Katakomben bewegte.

Hinter der nächsten Kurve endete der Gang und Falk war erleichtert, dass er wirklich nur einen geweihten Ort des Gottes Ingerimm und nicht die beiden Andergaster gefunden hatte.

Neugierig wie er war, schaute er sich noch um, bevor er zu Ilkarion zurückkehrte.

Der Schrein, auf den er gestoßen war, bestand aus einem riesigen Mosaik, das den Kopf eines alten bärtigen Mannes zeigte, der zugleich streng und gütig zu blicken schien, was eine ziemliche Verwirrung bei manchem Betrachter hervorrufen konnte. Der Hexer konnte nicht ahnen, dass dieser Schrein auf einen sehr alten Kult des elften der Zwölfgötter hindeutete. Des Weiteren war bei dem Schrein ein Relief, das einen roten Hammer und einen schwarzen Amboss zeigte. Während der Amboss offensichtlich aus Obsidian bestand, war der Hammer aus einer Art Metallschicht beschaffen. Dieses seltene rötliche Metall, das dort verarbeitet worden war, wurde von den Zwergen Asthenil genannt.

Zuletzt fiel dem Hexer ein mit Grünspan übersäter Opferstock auf, in dem einige Münzen lagen. Falk schaute sich das Ganze etwas genauer an. Hauptsächlich lagen dort Heller und Kreuzer, die schon Rost angesetzt hatten, aber auch ein paar Silbermünzen und gar ein Goldstück waren in der Schale. Bereits ohne eine Münze zu ergreifen, erkannte Falk an den aufgeprägten Gesichtern, dass es sich um sehr alte Geldstücke handeln musste. Den Gedanken, etwas aus der Opferschale zu nehmen, verwarf er sofort wieder. Er hatte keinen Groll gegen den Gott der Handwerker und Zwerge und wollte ihn somit auch selbst nicht erzürnen. Nicht nur, weil er sich hier offensichtlich in dessen Reich befand.

Etwas nachdenklich, aber trotzdem sehr zuversichtlich begab sich der Hexer auf den Rückweg zu der Ganggabelung, in der Hoffnung, dass Ilkarion ihm zwar gelangweilt aber bei bester Gesundheit entgegenblicken würde.


Stille das war das einzige Medium, das neben dem Element Luft durch die Gänge strömte.

Der Graumagier stand mitten in der Kreuzung und schaute alle paar Augenblicke in jeden der Gänge. Nichts war zu sehen, doch meinte er aus dem Gang mit dem Höhlensystem, in dem bisher noch keiner der Gefährten gewesen war, ab und zu Geräusche zu hören. Es war zwar nur leise, jedoch glaubte er, bisweilen ein Scharren oder ein Knacken zu vernehmen. Doch konnte ihm sein Verstand auch etwas vorgaukeln, so unterfordert wie er im Moment war. Dann fuhr er herum, diesmal war er sich sicher, ein Geräusch gehört zu haben, und zwar aus dem Gang, in dem der Hexer verschwunden war.

Erleichtert atmete er auf, als er seinen Freund Falk erkannte. "Schön, dich lebend wieder zusehen, hast du etwas herausgefunden?", begrüßte er den Hexer.

"Ja, ich war am Ende des Ganges, dort ist ein altes Heiligtum eures Gottes Ingerimm, aber niemand war dort."

"Ganz sicher, dass es keinen anderen Weg gibt, um in diesen Teil der Kavernen zu kommen?", fragte Ilkarion.

"Ziemlich sicher, oder es gibt noch Geheimgänge, aber von denen dürften unsere beiden Andergaster nichts wissen", erklärte Falk.

In dem Moment kam diesmal ein deutlich zu hörendes Schaben aus dem mittleren Teil der Kavernen.

"Hast du das gehört, Falk?"

"Ja, das habe ich", entgegnete der Hexer.

"Also bin ich doch nicht verrückt."

"Kannst du nicht deinen Zauber anwenden, mit dem du immer Lebewesen entdeckst?", fragte Falk.

"Welchen? Ach so, du meinst den EXPOSAMI, ja. Aber diese Wände sind dafür einfach zu dick", fluchte der Magier und schlug mit seiner Zauberfackel gegen die Wand, ohne dass es einen Funken gab.

"Was meinst du, was da hinten ist?", erkundigte sich Falk.

"Das weiß ich nicht, aber wir werden es herausfinden."

"Was ist mit Aldare?"

"Moment", hielt Ilkarion den Hexer an und kramte sein Malzeug aus dem Rucksack. Dann pinselte er einen Pfeil auf den Boden in Richtung des Höhlensystems, dass sie begehen wollten und schrieb den Namen von ihm und Falk daneben.

"Was ist, wenn sie bei Aldare durchgebrochen sind?"

"Na, dann werden sie früher oder später uns oder den anderen drei in die Arme laufen", meinte der Bewegungsmagier zuversichtlich.


Die Lore hatte mittlerweile so viel an Fahrt gewonnen, dass ein kräftiger Fahrtwind aufkam, obwohl man hier unter Tage war. Der Schelm überlegte angestrengt, wie man den Erzförderkarren anhalten konnte. Aufmerksam leuchtete er mit seiner Fackel umher, als er einen großen Hebel seitlich der Lore erblickte. Vorsichtig versuchte er diesen zu betätigen, doch er bewegte sich nicht. Er wollte gerade etwas stärker an dem Griff ziehen, als ein gewaltiger Stoß durch die Lore ging, der ihn wuchtig gegen die Vorderwand des Kippkarrens schleuderte. Die Lore war gegen einen Bock geprallt.

Es wurde dunkel um Legolant doch er war noch bei Bewusstsein, obwohl seine Schulter höllisch schmerzte. Lediglich die Fackel war aus dem Karren geschleudert worden und dabei ausgegangen. Plötzlich wurde ihm klar, dass er mutterseelenallein in einem alten finsteren Bergwerksschacht festsaß und keiner seiner Gefährten nun zur Stelle war. Die beiden Andergaster hatten sich hierhin mit Sicherheit nicht verirrt. Alles, was hier auf ihn warten konnte, war mit großer Wahrscheinlichkeit schlimmer.

"Sal? Beorn?", wimmerte der Schelm, und dann, nachdem keine Reaktion erfolgt war, zog er sich seinen Umhang über den Kopf und ließ sich auf den Boden der Lore sinken.


Mit Obacht als engstem Vertrauten bahnte sich Aldare Rondrawohl ihren Weg immer tiefer in die Kavernen des Ingerimmtempels. Nur Legolant war noch weiter in diese fremdartige und tageslichtfeindliche Welt vorgestoßen. Doch die Amazone wähnte sich auf einer falschen Fährte, denn die andergastschen Trampel hätten bestimmt keine der Fallen ausgelassen. Wie auf Kommando machte es wieder klack unter ihrem Stiefel. "Bei Rondra, das darf doch nicht wahr sein, wie viele Tücken hat dieses unterirdische Spitzbubenlabyrinth denn noch für mich parat?", stöhnte Aldare. Sie hielt aufmerksam nach einem Loch Ausschau aus dem ein Bolzen heraussausen könnte, doch sie konnte beim besten Willen nichts entdecken. Dann kniete sie vorsichtig ab. Sie war mit sich selbst am hadern, ob sie auf ihre Gefährten warten sollte, aber eigentlich müsste sie so langsam wieder den Weg zurück antreten. Zudem wollte sie sich keinen weiteren Bolzen einfangen und diesmal vielleicht einen, der sein Ziel nicht verfehlte.

Schließlich gab sie sich einen Ruck und sprang von der eingesunkenen Bodenplatte, leicht zur Seite, doch diesmal geschah nichts.

Aldare atmete erleichtert auf und ritzte mit einem Stein eine große Markierung in die verdächtige Fliese, dann schickte sie sich zum Rückzug zur Kreuzung an, an der sie Ilkarion und Falk erwartete.


Achtsam bahnten sich der Graumagier und der Hexer ihren Weg gemeinsam durch den allmählich in ein natürliches Höhlensystem übergehenden Tunnel, und Ilkarion wusste, dass das Scharren und das Knacken, welches er vorhin aus diesem Gang vernommen hatte, kein Hirngespinst gewesen war, was nun bei ihrem Vordringen immer offensichtlicher wurde. Deutlich konnten Falk und er das immer lauter werdende Geräusch vernehmen und Ilkarion war sich nun nicht mehr so sicher, ob sie das Richtige taten. Konnten das die beiden Andergaster sein? "Wohl kaum", ging es dem Adepten durch den Kopf.

"Ilkarion, das hier ist mir nicht geheuer. Wir müssen uns vorsehen!"

"Und ob wir das müssen, entweder arbeitet hier eine Bergwerksschicht oder es sind große Wesenheiten am Graben!", entgegnete der Graumagier.

"Ich glaube nicht, dass unsere beiden Spießgesellen hier entlanggekommen sind, hier ist die Chance zu groß sich zu verlaufen", meinte Falk.

"Vielleicht finden wir ja gleich ihre angefressenen Kadaver und können…", hob Ilkarion an, als Falk ihm den Mund zu hielt und flüsterte: "Daaaaa! Daaaaa! Siehst du das nicht?"

Der Adept von der großen grauen Gilde des Geistes blickte aufmerksam in den Schein, welchen seine magische Fackel durch das Tunnelsystem warf. In einiger Entfernung zeichnete sich ein Schatten an der Wand ab, ein Schatten von einem riesenhaften Ungetüm, das in seiner Silhouette an eine Gottesanbeterin erinnerte.

"Lass uns verschwinden! Selbst die Andergaster können nicht so töricht gewesen sein, und diesen Gang gewählt haben", zischte Ilkarion und packte den Hexer am Ärmel.

"Nichts lieber als das", sagte Falk und eilte hinter dem Adepten zurück zur Kreuzung. Aldare müsste mittlerweile längst dort eingetroffen sein.


"Bei Rondra, nun habe ich lange genug hier gewartet, wenn die beiden glauben, sie könnten ohne mich weitermachen, dann liegen sie richtig", zeterte die Amazone und peilte ihren alten Gang mit den mysteriösen Bodenplatten an, als sie aus dem Gang, in den Falk und Ilkarion verschwunden waren, Schritte hörte. Es mussten zwei Leute sein, wie Aldare am Widerhall der Schritte feststellte. Möglicherweise die Andergaster? Möglicherweise auch nicht, denn einen Augenblick später erkannte sie ihre beiden Kampfgefährten.

"Und, irgendwelche Erkenntnisse?", schnaubte Aldare die beiden an.

"Nein, ich denke wir können diesen Gang vergessen", antwortete Ilkarion.

"Und den Gang dort auch", meinte Falk und zeigte in die Richtung, wo der Ingerimmschrein lag.

"Dann sind unsere beiden Rittsleute entweder im Territorium von Sal, Beorn und Legolant, oder sie haben meinen Gang genommen", erklärte Aldare.

"Was gab es in deinem Gang?", wollte Falk wissen.

"Fallen. Bisher nichts als Fallen."

"Dann sollten wir dort mit Obacht suchen oder auf den Erfolg unserer Gefährten hoffen", meinte der Graumagier.

"Nein, wir müssen den Gang bis zum Ende begehen. Sechs Augen sehen mehr als zwei und deshalb werden wir diesmal alle Fallen entdecken", erklärte Aldare. "Sofern Rondra mit uns ist", fügte sie hinzu.

Ilkarion schrieb noch eine Nachricht mit roter Farbe für ihre anderen drei Gefährten auf den Boden der Kreuzung und fragte dann: "Welcher Lebensmüde geht voran?"

"Eine tapfere Dienerin Rondras natürlich", erwiderte Aldare.

"Ich wusste, dass sie das sagen würde", grinste Falk und nahm Schritt mit seinen beiden Gefährten auf.


"Verdammt, das ist ja dunkel wie im Bärenarsch hier drin. Wirklich eine blöde Idee, ohne Fackeln nach ihm zu suchen. Womöglich ist er längst irgendwo in einem Abgrund zerschellt und wir finden hier nie wieder raus."

"Jetzt male nicht den Namenlosen an die Wand, Sal! Ich komme zwar auch langsam zu dem Schluss, dass wir vielleicht eher hätten zurückgehen sollen…", sagte Beorn,

"Vielleicht? VIELLEICHT? Ich sag dir mal was, diese hundsmiserablen Andergaster bringen uns noch alle ins Grab, auf die eine oder andere Weise", zeterte der Söldner.

"Ich weiß gar nicht, wie weit wir schon gelaufen sind, aber wir müssen weiter nach Legolant rufen!"

"Na schön. LEGOLAAAAAAANT."


Ein gedämpftes Rufen drang an das Ohr des Schelms, so dass dieser langsam aufmerkte. Da war es erneut. Vorsichtig und zitternd zog er den Umhang von seinem Kopf und lauschte. Legolant, dort rief jemand Legolant. Es musste einer seiner Freunde sein, der hier unten seinen Namen nannte.

"Ich bin hier, der Karren hat angehalten", schrie er zurück.


"Hast du das gehört?"

"Ja. Vor!", sagte Sal nur.


Bedächtig ertastete der Boronsdiener die liegen gebliebene Lore.

"Du kannst da raus kommen, wir sind’s nur!", begrüßte er den Schelm.

"Endlich habt ihr mich gefunden. Hier ist es mir unheimlich. Die beiden Kämpfer sind bestimmt nicht hier entlang gekommen", meldete sich Legolant aus dem Kippkarren.

"Es wär’ vielleicht ein wenig heimeliger, wenn du deine vermaledeite Fackel anzünden würdest", zürnte Sal.

"Sie ist mir aus der Hand geflogen."

"Na toll, und wo war das?", krächzte Sal.

"Hier beim Aufprall mit der Wand."

"Hier ist keine Wand, du Hohlkopf. Du bist gegen einen Bock geprallt", tastete der Söldner.

"Lass gut sein, Sal. Ich werde die Fackel suchen. Sie liegt bestimmt irgendwo dort vorne", meinte Beorn.

Während der Schelm sich aus der Lore erhob, tapste der Boronsdiener vorsichtig weiter in den Gang hinein, bis er schließlich mit den Füßen gegen eine Fackel stieß.

"Na endlich", meinte er noch zufrieden, bevor ihm ein dunkelblau leuchtendes Augenpaar in den Blick fiel. Er konnte nicht sagen wie weit es von ihm entfernt war, aber eines wusste er. Das Wesen schwebte entweder in der Luft, oder es war ein Hüne.

"Bei Praios! Zündet mir die Fackel an, da kommt etwas auf uns zu", krakeelte Beorn.

"Lass mich raten. Es sind ein paar Hügelzwerge, die ihre Lore zurück haben wollen", scherzte der Söldner ungläubig.

"Witzbold! Da vorn ist ein Riesenvieh."

Legolant hatte derweil seinen Zunder und einen Feuerstein ergriffen und entflammte die Fackel.

"Bei Kor, was ist das?", entfuhr es Sal, als er das über zwei Schritt hohe, schlaksige Wesen mit steinern erscheinender Haut erblickte.

"Seht mal, es dreht sich um und läuft weg", wunderte sich Legolant.

"Kein Wunder, das ist ein Wühlschrat. Ihm bereitet das Licht Unbehagen. Kommt, lasst uns zurückgehen und die anderen suchen. Wenn sich die Andergaster hierhin gewagt hätten, wären sie früher oder später auf die Behausungen dieser Wesen gestoßen. Dann hätten sie entweder umdrehen oder kämpfen müssen. Von letzterem hätte selbst ein tapferer Ritter abgesehen, denn man sagt sich, die Haut dieser Wesen bestehe aus Stein", erzählte der Boronsdiener.

"Nichts lieber als das, sehen wir zu, dass wir die anderen drei finden!", meinte Sal.


Sie hatten die verdächtigen Bodenplatten auf Aldares Rat hin wohlweislich umgangen, als sie ein paar Minuten später auf ein größeres Hindernis trafen. Vor ihnen tat sich eine über drei Schritt breite Fallgrube auf. Als Falk, Ilkarion und die Amazone sich dem Hindernis näherten, starrte sie aus der Grube der entgeistert blickende Ritter Rondradan Fichelbreitner an, der wohl unvorsichtigerweise in diese Falle getappt war.

"So bereiten euch die Hindernisse dieser Höhlen genauso viel Marter wie uns. Ich denke doch, dass es nun an der Zeit ist, unsere Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Als Geste eurer noblen Herkunft müsstet ihr uns die Wirbelklinge übereignen, denn wir haben die bedeutungsvolleren Absichten", rief Ilkarion in die Fallgrube hinab.

"Woher willst das denn wisse, Bürscherl. Die Waffen k'ehrt nun uns, un es is a noblen Gesten, das Säbelche nach Andergast zu bringe", entgegnete Rondradan.

"Schwertbruder, die Waffe wurde einem Geist aus dem Grab gestohlen und dieser geht nun in Baliho umher. Könnt ihr das als aufrichtiger Diener der Zwölfgötter verantworten? Wenn ja, dann verliere ich jedweden Respekt vor eurem Stand, aber ihr dürft von dannen in euer kleines Königreich ziehen", sagte Aldare.

"Des hab i net g´wusst, dass die Waffen aan G´spensten k'ehrt. Des wirft die Sache aach in aan ganz anneres Licht."

"So werdet ihr uns also die Wirbelklinge übergeben, auf dass wir sie dem Geist des Leutnant Leugrimm Schoberbrück zurückbringen können?", fragte der Magier.

"Des würd i gern duarn. Doch als ich in die Grube g´fallen bin, da hab ich meinem Knappen die Waffen geben, damit er weiter entkomme koan. Alaan konnter mich nämlich nit rausziehen aus der Gruben", erzählte der Ritter.

"Nun gut, dann werden wir euch hinaus helfen, wenn ihr anschließend eurem Knappen befehlt, uns die Waffe auszuhändigen", meinte Falk.

"Jo mei, des tu i."

"Schwört ihr das bei Rondra, Schwertbruder?", warf Aldare ein.

"Jo, ihr habt mei Wort."

"Gut, dann werden wir ein Seil zu euch herablassen", sagte Falk.


Unter Flüchen wuchteten Falk, Aldare und der Graumagier den schwer gerüsteten Ritter nach oben. Ilkarion hatte vorher den Graben übersprungen, um ein Seil auf der gegenüberliegenden Seite festzumachen, so dass die anderen es nach ihm leichter hatten. Ungünstigerweise bestand Rondradan darauf, seine Rüstung zu behalten, was bei einem Ritter auch kaum verwunderte. Sie hatten den Rittersmann gerade auf halber Höhe der Fallgrube herausgezogen, als Falk meinte: "Verflixt ich höre Schritte."

"Aus welcher Richtung?", fragte Rondradan.

"Aus der wir gekommen sind."

"Dann is es nit mei Knappen", mischte sich der Ritter ein.

"Falls wir kämpfen müssen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als euch wieder abzulassen", meinte Aldare zu Rondradan.

"Das wird nicht nötig sein, es sind unsere Gefährten", frohlockte Ilkarion, als er Beorn, Legolant und Sal erkannte.

Und auf beiden Seiten der Fallgrube war die Freude groß, dass alle noch unversehrt waren, so dass schließlich ein neuer Versuch mit vereinten Kräften den Ritter an die Oberfläche brachte. Als nun alle Kämpen wohlbehalten den Graben überquert hatten, drangen sie im Gänsemarsch weiter in den Gang vor. Aldare und Sal bildeten die Speerspitze dieser Grubenschicht, doch ihre Kampfbereitschaft war nicht mehr von Nöten, denn der Gang führte die Sieben schließlich ins Freie.

Sie kämpften sich durch dicht bewachsenes Geäst, das den Höhleneingang auch im Winter gut vor Unkundigen versteckte, bis sie unter dem klaren Sternenhimmel standen. Sie waren doch länger in dem Gangsystem gewesen, als ihnen bewusst war. Die Silhouette einer Gestalt hob sich schemenhaft vom Rest der winterlichen Landschaft ab. Sie brauchten nur noch ein paar Schritte, um zu erkennen, dass es Praiotin Muxeneder war, der treue Knappe von Ritter Rondradan. Nun waren sie am Ziel!


"Praiotin, gib mir die Wirbelklingen!", trat der Ritter auf seinen Knappen zu.

"Die Wirbelklingen? Aber die hob i doch goar nit mie", sagte Praiotin sichtlich verwirrt.

"Was? Aber wer hat sie dann?", donnerte Sal den Knappen an.

"Mein Freund da Elf wollt se ham, da hab ich sem geben."

"Mein Freund der Elf? Mein Freund der Elf?", brüllte Beorn und griff nach seinen Streitkolben.

"Warte Beorn, das ist Elfenmagie! Der Knappe steht unter einem Beherrschungszauber", Ilkarion hielt ihn fest.

"Bist du dir sicher?", fragte Aldare.

"Ziemlich. Der Zauber nennt sich BANNBALADIN und suggeriert dir eine innige Freundschaft zu dem Elfen", erklärte der Adeptus.

"Bitte auf Garethi, Ilkarion!", sagte der Boronsdiener.

"Nun, es sieht so aus, als hätte ein Elf einen Zauber auf unseren Knappen Praiotin hier gesprochen, der ihn glauben ließ, er wäre sein bester Freund. Naja, und diesem hat er nun die Wirbelklinge gegeben."

"Aber welcher Elf könnte so etwas tun?", überlegte Legolant.

"Tarmolin Säuselwind", entfuhr es Beorn.

"Oh Simian, dieser Schuft, er hat sich doch die Klinge geholt", ächtete Aldare.

"Oder diese Praioslieb von Albenhus, aber das ist nun egal, ich werde die Fußspuren des Elfen aufnehmen, und ihn finden", erklärte Falk.

"Wohlan, wir dürfen keine Zeit verlieren!", forderte Beorn und reihte sich in die Verfolgergruppe ein, während Falk telepathische Verbindung mit Morena aufnahm, damit die Katze bei ihren Pferden wartete.

Ein Teil der Gruppe nahm zu Fuß die Verfolgung auf, während der Rest mit Pferden und der Katze nachkam.

Die beiden Andergaster verabschiedeten sich in Altnorden.

Ohne Reittier würde der Waldelf nicht entkommen, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Helden herausfanden, wer nun wirklich noch die Finger in dem Ränkespiel um die Wirbelklinge hatte.



Szene 46 Wildnis (Entscheidung bei Mondlicht)

Das Madamal stand bereits im Zenit, als die sechs Gefährten den Abstand zwischen sich und der Wirbelklinge schon deutlich verkürzt hatten.

Tarmolin konnte die zahlreichen Reiter hinter sich hören, obwohl diese noch einige hundert Schritt entfernt waren. Der Waldelf mochte seinen Verfolgern ob seiner Sinnenschärfe und Anpassungsfähigkeit in der freien Natur zwar überlegen sein, doch die Jäger in seinem Nacken waren in der Überzahl und teilweise sehr kampfstark oder zaubermächtig. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, sie abzuschütteln. Doch er wusste, dass seine Gefährten nicht mehr fern waren, wenn er bei ihnen war, würden seine Verfolger nicht mehr so leicht nach einer gewaltsamen Entscheidung suchen. Tarmolin war dieser Aufwand wegen eines Stückchen Metall ohnehin zuwider, doch er vertraute seinen Freunden, die diese Waffe in den Händen des Guten sehen wollten. Vor allem Simian war wie ein Bruder für ihn, obwohl nur wenig Elfenblut in seinen Adern floss.

Seine Verfolger behaupteten ebenfalls, die Guten zu sein, was der Elf als eine typisch menschliche Verhaltensweise deutete. Viele menschliche Interessengruppen wähnten sich immer auf der richtigen Seite, der Seite des Guten, der Seite des Gesetzes. Doch allzu oft waren die so genannten Guten in Tarmolins Augen in ihrem Streben nur an Macht oder Gold interessiert, und die menschlichen Gesetze waren für ihn ohnehin ein Rätsel.


"Er hat sie tatsächlich dabei", stellte Tashina erleichtert fest, während sie den Waldelfen beobachtete, der sich den Weg zu ihnen ins Tal bahnte.

"Hervorragend, dann können wir nun endlich zum Tagwerk übergehen", meinte Praioslieb beruhigt.

"Wartet, ich höre Hufschläge", sagte Dimeloé und hielt ihr Ohr schräg in Windrichtung, wie ein Tier, das Witterung aufnimmt.

"Das sind Aldare und ihre Mannen", seufzte Simian.

"Was jetzt? Zu den Waffen?", fragte Rondrian euphorisch.

"Nein warte, das kann es doch nicht sein", hielt ihn Simian an. "Ich meine, wir kämpfen doch alle im Namen der Zwölfgötter. Es muss einen anderen Weg geben."

"Fragt sich nur, warum wir dann alle gegeneinander arbeiten", meinte der Söldner und runzelte die Stirn.

Mittlerweile war Tarmolin fast bei seinen Gefährten angekommen.

"Egal, die Klinge ist nun unser. In Namen der Hesinde, macht euch auf das Schlimmste gefasst", befahl Praioslieb.

Aldare und ihr tapferes Ross tauchten als erster Verfolger hinter dem Waldelfen auf. Tashina visierte die Amazone mit ihrer leichten Armbrust an, so konnte das Unheil seinen Lauf nehmen.


"Die Klinge, Simian. Gebt uns die Klinge!", brüllte Aldare schon von weitem.

"Die Wirbelklinge befindet sich auf den Weg in Hesindes Tempel, wollt ihr das wirklich verhindern, Schwertschwester?"

"Wo ist eure Ehre geblieben, Simian? Es geht hier nicht um Ruhm und Artefakte, es geht hier um die Erlösung eines Geistes", polterte Aldare.

"Erzählt mir nichts über Ehre, Amazone. ICH bin ein Krieger, ICH weiß nur allzu gut was Ehre bedeutet", entgegnete Simian scharf.

"Doch liegt wirklich soviel Ehre darin, eine Seele auf ewig zu martern, um einen Tempelschatz zu mehren? Die Hilfe von Bedürftigen den materiellen Dingen vorzuziehen, ist es nicht das, was uns von den Bösen unterscheidet?", warf Ilkarion ein.

"Das habt ihr nicht zu entscheiden. Gerade ihr als Magier solltet die Diener der allwissenden Hesinde in hohen Ehren halten, anstatt zu zweifeln! Wenn ihr die Waffe wollt, dann müsst ihr sie euch mit Gewalt holen", meinte Praioslieb mit einer ausholenden Geste.


Tarmolin, der noch immer zwischen beiden Gruppen stand, hörte nun von allen Seiten das Herausziehen von Klingen. "Das könnt ihr haben", vernahm er Sals Stimme.


Tashina zog nun langsam ihr Florett. Seine tänzelnde Spitze reflektierte das Licht des Madamals in bestimmten Schwinglagen. Sie wog ihre Chancen gegen die andere Gruppe im Geiste ab, blickte immer abwechselnd zu Sal und der Amazone, aber zwischendurch auch länger zu Ilkarion und dem Boronsdiener. Während sie noch überlegte, wen sie mit der Fechtwaffe attackieren sollte, durchbrach ein "Nein!" die gespenstisch gewordene Stille.

"Wir werden nicht kämpfen, und ihr werdet es auch nicht", deutete Simian in Sals Richtung.


"Simian, was?", begann Praioslieb.

"Tarmolin, gib der Amazone die Klinge!", unterbrach der Krieger die Draconiterin, ohne auf ihre Worte einzugehen.

Der Waldelf blickte zögernd zu Dimeloé und zu Rondrian, trat dann aber auf Aldare zu und legte die Wirbelklinge vorsichtig vor ihr ins kühle Gras.


Aldare betrachtete das Objekt ihrer Begierde ehrfürchtig. Eine lange, blutige Suche neigte sich dem Ende zu. Als sie die Klinge berührte und aufhob, wurde ihr erst bewusst, was für Strapazen sie alle bis zu diesem Moment ertragen hatten. Nur am Rande nahm sie wahr, wie die erfolglosen Jäger um Praioslieb von Albenhus und Simian Caylenheri Funkenflug gesenkten Hauptes aufsattelten und von dannen zogen. Obwohl sie die Klinge erobern konnten, war es ihnen aus moralischen Gründen nicht möglich sie zu halten. "Der unspektakuläre Abgang einer fähigen Gruppe von Abenteurern", dachte sie sich. Dann kam ihr ein Gedanke, und sie hoffte das Rad der Geschichte noch einmal überraschend drehen zu können.


Simian hatte die Augen geschlossen, während sein Pferd langsam vorwärts trottete. Er spürte die Hand der Firnelfe auf seiner und merkte, wie ihr silberfarbenes langes Haar vom Wind hin und her gespielt wurde. Er wollte nicht den Blicken Praiosliebs, Tashinas und Rondrians begegnen. Sie würden ihn vielleicht für schwach halten, doch er war sich sicher, richtig gehandelt zu haben. Langsam begann er sich wieder zu entspannen, als Dimeloés Finger sanft mit seinen spielten. Die Schneeelfe und ihr waldelfischer Verwandter würden ihn zwar nicht verstehen, ihm aber trotzdem weiterhin überall hin folgen. "Elfenblut kennt eben keinen Groll", dachte er sich.


"Schwertbruder, auf ein Wort!", vernahm er die Stimme Aldares hinter sich. Er drehte seinen Kopf und sah die Amazone mit ihrem Schlachtross auf sich zu traben. "Was gibt es noch? Es ist vorbei. Geht! Geht nach Baliho und bringt zu Ende, was ihr angefangen habt!"

"Ihr habt gezeigt, dass ihr ein Mann von Ehre seid. Ich möchte euch bitten, bei der Zeremonie auf dem Friedhof zugegen zu sein, damit auch ihr sicher sein könnt, dass kein Blut mehr in dieser Sache fließen wird!"

Simian lächelte sanft, sagte jedoch nichts mehr.


Der Krieger legte Tarmolin die Hand auf die Schulter und sagte: "Mein Bruder, Dimeloé und ich werden bald wieder zurück sein, pass' ein bisschen auf die anderen auf, sonst haben wir nachher doch noch irgendwelche magischen Waffen im Gepäck!"

"Wenn es dir wirklich wichtig ist, gerne, Bruder. Ich werde den Dreien beibringen, wie man dem Vogelsang lauscht und der Melodie der Grillen zuhört und…"

"Aber nicht zu hart sein mit ihnen!", lächelte Simian.

"Ich weiß", entgegnete der schwarzhaarige Waldelf freundlich.


Von nun an begleiteten der Krieger Simian Caylenheri Funkenflug und die Firnelfe Dimeloé Gletscherglanz die Recken im Dienste des alten Schneiders Drachwill Schoberbrück. Und die allerletzte Reise der Wirbelklinge stand kurz vor ihrem Abschluss.



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