Die Jagd nach der Wirbelklinge (X) Lost Frame? - YiYa's Home

Szene 47 Baliho (Die Heimkehr)

"Ach, wer kann das denn so spät noch sein, Erdlinde?", grübelte Drachwill und schlurfte gemächlich Richtung Haustür.

Der alte Schneider hatte sich schon in sein Nachtgewand gekleidet, weil er so spät keinen Besuch mehr erwartete. An den Füßen trug er bequeme Hausschlappen und in der Hand hielt er einen Kerzenständer mit einer dickbauchigen, jedoch schon halb abgebrannten, weißen Kerze.

Die letzten Tage hatte er sich schon gesorgt, was seine Kämpen wohl hinsichtlich der Wirbelklinge erreicht haben mochten, doch das junge Ding Ulvane, die Hauptmannstochter, hatte versucht, seine Zweifel zu zerstreuen. Dabei hatte sie aber einen für die anfängliche Suche bezeichnenden Misserfolg erlitten. Vielmehr gelang es Drachwill die Meinung der Phexjüngerin in solcher Art ins Gegenteil zu beeinflussen, dass sie eine Verfolgung von Drachwills Recken beschloss, was sich im Nachhinein als goldwert herausstellen sollte.

Erneut hörten Drachwill Schoberbrück und seine Frau ein Klopfen an der Tür.

"Jaja, ein alter Mann ist doch keine Rennkutsche", japste Drachwill.

Mit einem Seufzer drehte Drachwill den massiven Gusseisenschlüssel und schob die knarrende Haustüre auf. Vor ihm stand eine Gruppe von fünf Männern und einer Frau.

Es gab keinen Zweifel, dies waren seine Recken.


"Ihr… Ihr seid also zurück. Wie ist es euch ergangen? Was habt ihr erlebt? Habt ihr die Waffe meines Sohnes finden können?", überflutete Drachwill die Ankömmlinge mit Fragen.

"Ja, werter Drachwill, wir haben die Waffe", entgegnete der Graumagier stellvertretend für die ganze Gruppe.

"Schaut her, hier ist sie", sagte die Amazone und zog das Tuzakmesser aus ihrer Metallscheide.

"In der Tat, das ist die Wirbelklinge, Leugrimms Waffe. Nun habe ich keine Ungewissheit mehr, dass ihr wahrlich große Helden seid."

"Das war doch noch gar nichts", zuckte Sal mit den Schultern und kaute dabei auf einem Stück Dauerwurst herum.

"Es war uns doch eine Ehre", lächelte Ilkarion.

"Phantastische Arbeit. Bestimmt eine interessante Geschichte für die Barden?", überlegte der Schneider im Ruhestand.

"Oh bestimmt, und da kennen wir genug", antwortete Falk.

"Und nun, zur Sache?", fragte der Magier und lenkte das Gespräch auf ihr eigentliches Ansinnen.

"Ja, wir sollten die Klinge noch heute Nacht zurück auf den Boronsanger bringen, die Seele meines armen Leugrimm hat schon lange genug gelitten!"

"Das sollten wir wahrlich tun, lieber Drachwill!", meinte Aldare.

"Ich werde mich sofort ankleiden und aufbrechen. Ihr mögt wissen, dass Bruder Jergan Fuxfell mittlerweile aus Trallop eingetroffen ist."

"Das ist eine wunderbare Nachricht, dann sollten wir sofort die Stadtgarde darüber informieren, dass wir Erfolg hatten", meinte Beorn.

"Kannst´s wohl kaum erwarten, Weibelin Schönacker wieder zu sehen?", feixte Legolant.

"Du kannst es wohl kaum erwarten, wieder den örtlichen Heiler zu besuchen ", grinste der Boronsdiener hämisch zurück.

"Hört doch auf, ihr Buben! Wir haben eine Aufgabe zu vollenden", ging Drachwill dazwischen.

"Recht habt ihr, Drachwill. Ich werde euch begleiten, immerhin ist Bruder Jergan ein alter Freund von mir. Außerdem erspare ich mir dann den Anblick einiger so genannter Gesetzeshüter", stellte Beorn fest.

"Also werden wir Ëarissa allein zum hoffentlich letzten Tänzchen bitten", lächelte der Hexer und klopfte dabei Ilkarion auf die Schulter.

"Ich kann´s kaum erwarten", antwortete der Magier.


Sal, Falk, Ilkarion, Aldare und Legolant begaben sich nun in der Hoffnung, dass der Gardehauptmann Thordenan Menzheimer vielleicht noch so spät des Abends am Arbeiten war, auf den Weg zum Hauptquartier der Stadtgarde. Die Wirbelklinge, die nun von Aldare geführt wurde, machte ihren letzten Abstecher auf dem Weg zu dem Geist von Leutnant Leugrimm Schoberbrück.


Phex meinte es in den letzten Tagen gut mit den Findern der Wirbelklinge. Denn nicht nur der Hauptmann, sondern auch die Weibelin Ëarissa Schönacker und Schwester Ulvane waren in der Wachstube zugegen. Sie hatten wieder einmal vergessen, dass Ulvane Menzheimer hier in Baliho bestimmt zehn Augen und 20 Ohren hatte. Und unauffällig waren die Amazone, der schwarz gerüstete Beorn, der Magier und der Geck nicht gerade. Höchstens Sal und Falk konnten sich spielend unter das Völkchen hier in Baliho mischen.


"Na, hat´s von Narutil erwischt, oder hat er ein schlechtes Gewissen hierher zu kommen?", eröffnete die Weibelin höhnisch die Konversation.

"Nicht doch, Frau Weibel! Da müssen wir euch leider enttäuschen, er ist lediglich mit Vorbereitungen für die Rückgabe der Wirbelklinge an den Geist von Leugrimm Schoberbrück beschäftigt", erwiderte der Hexer.

"Naja, man kann nicht alles haben…"

"Das ist ja alles sehr schön, doch nun sollten wir vielleicht mal wieder alle ernst werden! Aldare, sagt uns doch nun, wie ihr letztendlich in den Besitz des Tuzakmessers von unserem Leutnant Schoberbrück gekommen seid!", unterbrach der Hauptmann den Disput.

"Also…", hob die Amazone an, und begann von den Erlebnissen der letzten Tage und Wochen zu erzählen. Von der Bitte des alten Schneiders Drachwill Schoberbrück, über die Jagd nach verdächtigen Personen und die Morde an diversen Balihoer Bürgern, bis hin zum Wettlauf um die Wirbelklinge mit den drei anderen Interessengruppen - den Andergaster Rittsleuten, der bunt zusammengewürfelten Truppe im Dienste der Hesindekirche und dem auf Profit abzielenden Maraskaner mit seiner Hexenfreundin.

Während Thordenan nur immer unbewegt nickte, und ab und zu sachliche Zwischenfragen stellte, saß die Weibelin militärisch stur dreinblickend daneben. Einzig Schwester Ulvane konnte sich manchmal ein Lächeln oder ein Augenzwinkern nicht verkneifen.

Als Aldare geendet hatte, war es schon kurz vor Mitternacht. "Geisterstunde", dachte Legolant und er schüttelte sich, als ihm ein leichter Schauer den Rücken hinunter lief.


"So denn, unsere Aufgabe als Stadtgarde ist getan. Jetzt liegt es in der Hand der Boronkirche und in eurem Handeln den Geist zu erlösen. Ich gratuliere euch, ihr habt gezeigt, dass ihr Freunde Weidens, des Mittelreichs und der praiosgefälligen Ordnung seid." Nach diesen Worten salutierten der Hauptmann und die Weibelin vor den Helden. Aldare, Sal, sowie Legolant taten dies ebenfalls. Und Falk musste schmunzeln, wie der Schelm militärisch korrekt Haltung annahm.


Danach verabschiedete man sich von der Garde und wollte gerade aufbrechen, als die Amazone noch einmal an die Phexpriesterin herantrat: "Wenn ihr wollt, könnt ihr uns begleiten, Ulvane!"

Die Geweihte strich sich eine Strähne ihrer glatten dunkelblonden Haare aus dem Gesicht und lächelte mild: "Nein, ich denke, der Friedhof hat mich in letzter Zeit viel zu oft gesehen."

"Ja, mich auch, aber ich will dies nun zu Ende bringen."

"Tut das. Ich wünsche euch viel Erfolg."

"Und ich euch ein ebenso erfolgreiches Diebesleben", lachte Aldare.

"Werde ich haben", sagte Ulvane und unterstrich ihre Worte mit einer diebischen Geste der rechten Hand, als ob sie etwas Unsichtbares in ihren Sternenmantel stopfen wollte.

"Liebesleben wäre mir im Moment lieber", dachte sie sich, als sie sinnierend zu ihrem Vater in die Wachstube zurückging.



Szene 48 Baliho (Der letzte Weg der Klinge)

"Warum muss es denn ausgerechnet heute Nacht noch einmal so kalt werden?", fluchte Harmwulf und krempelte den Fellkragen seines Mantels weiter nach oben.

"Tja, mein Freund, das Wetter wird man sich wohl niemals aussuchen können. Das liegt in den Händen der Zwölfe. Hier müssen wir nun rechts ab, euer Gnaden" unterhielt sich Drachwill mit seinem Nachbarn und dem Borongeweihten Jergan Fuxfell zugleich.

Jergan und Beorn schwiegen den ganzen Weg zum Friedhof über andächtig, und Drachwill und seine Frau Erdlinde waren ebenfalls in sich gekehrt. Sie schienen sich durch den Kopf gehen zu lassen, was sie in Kürze wohl erleben würden.

Der Schuster jedoch war viel zu aufgeregt, um ruhig zu sein, immerhin würde er gleich einem echten Geist begegnen. Gespenster, das war nichts Alltägliches. Mit solchen Geschichten hatte man ihn als Kind geängstigt, und als er ein Jugendlicher war, tat er das gleiche bei den Mädchen in seinem Alter. Seine Frau Neunhild wollte auch nach gutem Zureden von Beorn nicht mitkommen. "Jetzt rächt es sich, dass wir uns in der Jugend als Möchtegernhelden dargeboten haben", dachte sich Harmwulf.

Wegen seiner Nervosität pendelte er ständig im Zickzack hinter den anderen Vier, und er war froh, als sie vor dem Eingang des Boronsangers auf die restlichen Teilnehmer der Zeremonie trafen. Da waren fünf der Helden, die Drachwill um Hilfe gebeten hatte, und die so erfolgreich zurückgekehrt waren. In ihrer Mitte befand sich noch zusätzlich ein Krieger in goldener Plattenrüstung. "Vielleicht noch ein Kriegskamerad?", dachte sich der Schuster.

Etwas abseits stand auch Tannfried Schoberbrück, der als Verwandter natürlich auch eingeladen war, an der Befreiung von Leugrimms Seele teilzunehmen.

"Boron zum Gruß", sagte Bruder Jergan so knapp, wie man es von einem Boronpriester seines Ritus erwarten konnte.

Während die anderen den Geweihten begrüßten oder sich vor ihm verneigten, tapste Harmwulf zu dem Goldenen herüber. "Brrr, Firun zum Gruße, hoher Herr! Wer seid ihr eigentlich, wenn ich fragen darf?", erkundigte sich Harmwulf und rieb sich dabei die Hände. Immer wieder beobachtete er fasziniert den Nebel, der beim Ausatmen und Sprechen seinem Mund entstieg.

"Natürlich darf er. Ich bin Simian Caylenheri Funkenflug. Ich war lange Zeit in Baliho an der Kriegerschule, doch ich diene nun König Arion dem Dritten von Westak-Tiefhusen."

"Ach so ist das, ich dachte, ihr seid im Dienste der Praioskirche, wegen der goldenen Rüstung, aber dann habe ich gesehen das ihr Elfenblut…"

"Kein Grund, nervös zu sein, der Geist wird uns nichts tun, und selbst wenn er es wollte, wird Ilkarion hier ihn einfach mit einem magischen Blitz bersten lassen", lächelte Simian, und drehte sich zu dem Bewegungsmagier.

"Wie bitte?"

"Seid nicht gerne hier, Ilkarion, oder?"

"In Anbetracht der Tatsache, dass eure eigene Gefährtin nicht einmal mitkommen wollte, ist es eine etwas merkwürdige Frage aus eurem Mund, Simian. Ich weiß nicht so recht, warum ich schon seit Jahren irgendwelchen Mysterien hinterherlaufe, eigentlich suche ich doch nur…"

"Ja, ja, ja, das ist ja alles sehr schön. Wie wär´s wenn wir uns jetzt mal im Eilmarsch auf den Friedhof begeben und das Ganze hinter uns bringen? Vielleicht kommen wir dann noch vor der Sperrstunde…", fiel Sal dem Graumagier ins Wort.

"Halt die Klappe, Sal!", zischte Aldare. "Wenn Bruder Jergan das gehört hat…"

"Gehen wir?", wandte sich Simian schnell an die Amazone, um die kleinen Streitereien endgültig zum Verstummen zu bringen.

"Ja, übergeben wir die Waffe endlich ihrer Bestimmung", entgegnete Aldare und strich mit ihrer Hand über die Scheide der Wirbelklinge.


Diesmal erwartete der Geist des Leugrimm Schoberbrück die Ankömmlinge ohne das gleißende Licht. Vielleicht wusste er bereits, dass die Klinge in den Besitz seiner Helfer gewechselt war? Vielleicht hatten andere Gespenster an anderen Orten über den Fund der Wirbelklinge berichtet? Wer wusste das schon zu sagen? Kein Lebender konnte und sollte so etwas wissen.

Die durchscheinende Kriegsrüstung an Leugrimms durchsichtigem Körper wirkte noch prächtiger als bei der letzten Begegnung der Helden mit dem Geist.

Leugrimm lächelte tatsächlich triumphierend, was die Blässe seines Körpers fast überspielte.

"So seid ihr also erfolgreich zurückgekehrt?", fragte Leugrimm in die Runde.

"Wir haben die Waffe, und das Böse ist besiegt", verkündete Beorn feierlich.

Bei diesen Worten senkte Simian sein Haupt, der Blick seiner eisgrauen Augen bohrte sich verlegen in den gefrorenen Friedhofsboden.

"Sei nicht beschämt, junger Krieger, wir alle müssen uns letztendlich an dem Ergebnis unser Taten messen lassen! Nicht deine Herkunft bestimmt deine Gefälligkeit gegenüber der Göttin, sondern einzig und allein dein Handeln. Und wenn dich jemand wegen deines Elfenblutes als einen schlechten Krieger oder gar einen verächtlichen Menschen hinstellt, lache ihn ruhig aus, denn du hast gelernt, wie man den Weg in Rondras Hallen findet! Mehr ist nicht wichtig für dich", sprach der Geist.

"Ihr wisst es", entgegnete Simian.

"Du stehst letztendlich in Rondras Namen auf der richtigen Seite, wenn du den Schwachen hilfst und das Böse bekämpfst."

"So spricht ein wahrer Diener Rondras", warf Aldare ein.


"Nun, Leugrimm, wirst du die Klinge zurückerhalten", lenkte Jergan das Gespräch auf den Grund ihres Kommens zurück.

"Vielen Dank, die Zeit des Wartens und des Leidens ist vorbei. Nun gehe ich endlich zu meinem Großvater, dessen Vater und dessen Onkel, und zu meinen gefallenen Kameraden. Zu allen tapferen Kriegern und Amazonen, und zu allen Geweihten der heiligen Leuin, die jemals in die Schlacht gezogen sind. Dorthin, wo die Rondraheiligen mich erwarten werden, zu Rondras Hallen der Helden."

"Mein Sohn, ich war immer sehr stolz auf dich, das weißt du, auch wenn ich selbst das Kriegerhandwerk niemals erlernt habe, weil ich ein friedliches Leben vorzog. Vielleicht war es Feigheit, vielleicht war es Bequemlichkeit, dass ich nicht dem Ruf meines Vaters, deines tapferen Großvaters, gefolgt bin. Doch in den letzten Tagen habe ich einiges gelernt. Selbst in Zeiten des Friedens brauchen wir tapfere Recken, wie Aldare, Beorn und ihre Gefährten, oder wie Simian, um den Frieden zu wahren und einfachen braven Leuten, wie Harmwulf, Tannfried und mir ein Leben in Ruhe und Freiheit zu ermöglichen. Ohne die Schwertbrüder und Schwertschwestern der Göttin Rondra wären wir alle verloren."

"Das Böse lauert leider überall, und das kann sich nur ändern, wenn Leute wie unsere Jäger nach meiner Waffe hier, auch weiterhin durch die Lande ziehen und mit aller Kraft überall dort losschlagen, wo andere sich abgewandt oder versagt haben, dort wo das Übel die Grenze zu Brüderlichkeit und Freiheit zerschlagen hat", sann Leugrimm.

"Also wird das alsbald nichts mit einem geruhsamen Leben mit meiner Selissa", flüsterte Ilkarion.

"Auch du Magier musst für die gerechte Sache kämpfen, denn es gibt genug unter Deinesgleichen, die großes Unheil anrichten!"

"Ja, ich weiß. Ich weiß es nur zu gut…"

"Wir werden nicht ruhen, bis der letzte Frevler und Schurke weggesperrt wird oder tot daniederliegt", schwor Aldare und zog die Wirbelklinge schleifend aus ihrer Metallscheide.

Jergan Fuxfell nahm die Waffe entgegen.

"Die Zeit ist gekommen, nun wird vollendet, was vor kurzem begonnen. Möge deine Seele in Rondras Hallen ewig weiterleben!", sagte Jergan und reichte die Klinge an Leugrimm weiter.

"Ewiges Leben und ewiger Dank an euch alle", lächelte der Maraskanveteran, dann begann er sich langsam dahinzuschwinden.

"Ewiges Leben für dich, mein Neffe", sagte Tannfried.

Es war ein ergreifender Moment. Einige salutierten, andere weinten oder waren den Tränen nahe.

Nur Sal und Bruder Jergan waren nach außen hin völlig unbewegt.

Der Boronpriester breitete nun seine Arme aus und meinte: "Kommt nun meine Kinder, ein langer Tag und eine lange Reise sind vorbei!"

Die Angesprochenen nickten nur.

"Es darf doch nicht wahr sein, es ist VORBEI", dachte sich Legolant.



Szene 49 Baliho (Auf neuen Wegen)

Falk stand am Fenster der Herberge ‚Silberner Pandlaril’ und sog die kühle Morgenluft ein. Die noch recht schwachen Sonnenstrahlen kitzelten ihn im Gesicht, und er meinte eine leichte Erwärmung gegenüber den letzten Tagen spüren zu können. So, wie die Suche nach der Wirbelklinge und die damit verbundenen Strapazen zu ihrem Ende gekommen waren, so würde auch der Winter in Kürze sein Ende finden. Die ersten Anzeichen des Frühlings waren bereits in der Pflanzen- und Tierwelt zu erkennen, Firuns Atem würde mehr und mehr an Stärke verlieren, und Mutter Peraine würde die Natur bald in ihren Armen wiegen.

Der junge Hexer war gerade in seiner Welt versunken, er dachte darüber nach, wie nahe er auf ihrer Queste wieder an dem Punkt gewesen war, wo man ihn als Hexer entlarvt hätte. Zum Glück war Ilkarion an einer toleranten Zauberschule ausgebildet worden und würde ihn auch weiterhin dabei unterstützen, sein Geheimnis zu wahren. Doch er malte sich aus, was passieren würde, wenn er mal im Notfall durch die Lüfte fliegen müsste, wenn der Bewegungsmagier gerade nicht in seiner Nähe war, oder wenn eine schwere Wunde nur mit Magie zu heilen war und sonst kein Zauberer zugegen war. Die Aussichten für die Zukunft waren nicht gerade rosig, zumal sie alle das Talent hatten, in Gefahren zu geraten.


Unten auf der Straße konnte er sehen, wie Simian sein Pferd sattelte. Dimeloé stand daneben und sah den Krieger mit den Augen einer Geliebten an. Die Firnelfe war immer wieder ein angenehmer Anblick für Falk, doch er ließ seinen Blick schon wenige Sekunden später weiterschwenken. Aldare und Beorn unterhielten sich gerade mit den beiden, doch er hörte nicht wirklich hin, weil er durch seine Gedanken abgelenkt war. Man konnte vermuten, dass dort unten Abschiedsgrüße getauscht wurden. Der Schelm und der Söldner standen auch dort in der Nähe, und Sal war anscheinend wieder einmal dabei, etwas an Legolants Verhalten zu monieren.

Ilkarion stand am Fenster des Nachbarquartiers.

"Wenn ich eines nicht leiden kann, dann sind es langwierige Aufbruchsszenen", wandte sich Falk an den Graumagier.

Ilkarion schaute zu dem Hexer herüber und nickte zustimmend: "Nun, um so etwas kommt man in unserer Lage nicht herum, aber sieh’s einmal von der positiven Seite, ein Abschied von einem Lebenden ist immer noch besser, als wenn man jemanden zu Grabe tragen muss, und dies haben wir, weiß Gevatter Boron, schon oft genug. Das ist umso tragischer, wenn man bedenkt, dass wir alle erst kaum über 20 Lenze zählen!"

"Ja", erwiderte Falk nur.

"Du bist heute morgen sehr nachdenklich, mein Freund."

"Das ist richtig. Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, ob ich das richtige Leben gewählt habe mit all diesen Gefahren und Schrecken. Manchmal möchte ich einfach nur in den Wald zurück."

"Eine berechtigte Frage, aber das geht uns allen genauso, und wir zwei haben den anderen einen gehörigen Vorteil voraus. Wir sind magiebegabt und vermögen Dinge zu tun, die kaum ein anderer vermag. Außerdem wissen wir die Magie im Gegensatz zu Leuten wie Legolant sinnvoll einzusetzen. Wir sind von Hesinde begünstigt", erklärte Ilkarion.

"Deine Hesinde hat aber nicht bedacht, dass mir meine Hexenkräfte in der, wie nennst du es immer, Zivilisation mehr Schwierigkeiten bereiten, als dass sie mir helfen können. Und eines traurigen Tages, früher oder später, wird man mich entdecken und von da an nur noch als menschliche Fackel betrachten."

"Also erstens, es ist nicht meine Hesinde, sie ist die Herrin aller Magiern und Künstler, und zweitens bist du zu hart zu dir, nicht alle Menschen werden dich sofort versuchen umzubringen…"

"Ja, weil die, die es nicht tun, Angst vor Hexen und den Hexenmeistern haben, wie sie uns männliche Hexer nennen", fiel ihm Falk ins Wort.

"Na siehst du, dann hat die Sache doch wenigstens etwas Gutes!"

"Und das wäre?"

"Du brauchst dann keine Autorität mehr, um andere Leute zum Spuren zu bringen", lächelte der Magier.

"Sehr, sehr witzig", meinte der Hexer nur.

"Wir werden auf neuen Wegen wandeln,

wir werden Flüsse und Berge überqueren,

wir werden das Böse bekämpfen und die Schwachen beschützen,

und vor allem werden wir unsere Bestimmung finden."

"Schön gesagt. Hört sich fast an wie ein Gedicht?"

"Das ist aus einem Märchenbuch, das ein Geschichtenerzähler aus fernen Landen in den hohen Norden in meine Heimatstadt Gerasim mitgebracht hatte. Darin habe ich als Kind immer gelesen. Leider habe ich irgendwann gedacht, ich wäre zu alt für Geschichten und habe von da ab nur noch Zauberbücher studiert. Das sind die Nachteile des Erwachsenwerdens."

"Der kleine Ilkarion hat wie immer brav Bücher gelesen und Zaubersprüche studiert, während die anderen mit Elfen, Dryaden und Nymphen im Wald gespielt haben", scherzte Falk.

"Mit denen hat dann später der große Ilkarion gespielt", zwinkerte der Bewegungsmagier dem Hexer zu.

"Oha", meinte Falk, dann brüllte er nach unten zu Simian: "He, tapferer Krieger, passt auf eure Gefährtin auf, der Herzensbrecher und Magieadept Ilkarion Hesindian Twillen ist auf der Walz!"

"Keine Angst, ich bin auf alles gefasst. Ilkarion, kommt herunter, damit ich euch noch einmal die Flausen aus eurem Zauberhut treiben kann!", rief Simian lachend zurück.

"Ich komme ja schon runter. Bei Phex, unser Witzbold hier drüben hat wahrscheinlich einen Kobold gefrühstückt."

"Jaja, geh nur! Ich werde von hier oben winken", sagte Falk.


Aldare hatte ihre neue Rüstung, die ihr Farnlieb Harnischmacher gebaut hatte, angelegt, und strotzte vor Stolz, als sie ihre Faust zum Rondragruß auf die Brust schlug.

"Gehabt euch wohl, Waffenschwester, und wenn ihr mal in den Westen in das schöne Ländchen um die Flüsse Svellt, Kvill und Svall kommt, dann besucht uns doch dort!", sagte Simian.

"Wohlan, das werde ich mir fest vornehmen, doch nun werden wir erst einmal in das zentrale Mittelreich aufbrechen. Wehrheim ist unser nächstes Ziel", entgegnete Aldare.

"Nach Süden also. Nun, dann werden wir wahrlich schon in wenigen Tagen hunderte von Meilen zwischen uns wissen."

"Dann werden wir im Süden und ihr eben im Westen für Ruhe und Ordnung sorgen", grinste der Boronsdiener.

"Ich hoffe nur, dass der Süden unsere Art von Ordnung erträgt", seufzte Legolant.


"Abschied, Abschied und noch einmal Abschied, die ganze Reihe von Leuten durch. Oje", dachte sich der Hexer, als es an der Tür klopfte.

Erfreut über die Ablenkung schritt er zu der recht niedrigen Eichentür und machte auf.

"Dingel", entfuhr es ihm. "Das ist ja eine Überraschung."

"Seid mir gegrüßt hoher Herr, es freut mich, dass ihr alles heil überstanden habt."

"Danke, euch ist in der Sache ja zum Glück auch nichts geschehen."

"Naja, ein paar Schrammen, aber es ist nichts."

"Seid nicht so bescheiden! Ihr habt uns im Kampfe geholfen, obwohl ihr nicht verpflichtet wart. Das ist mehr, als man von einem Fuhrmann erwarten kann."

"Und dafür hat mich der gelehrte Herr Ilkarion auch fürstlich entlohnt", freute sich Dingel.

"Das hätte ich von dem Guten auch nicht anders erwartet. Verdient habt ihr es euch allemal. Wir werden eure Dienste auf jeden Fall weiterempfehlen."

"Danke, Herr Silbertatze, das weiß ich wirklich sehr zu schätzen, aber der eigentliche Grund meines Kommens ist ein anderer."

"Nun gut, was habt ihr denn auf dem Herzen, Dingel?", fragte Falk verwundert.

"Ich habe jemanden auf der Straße aufgegabelt, der nach euch sucht. Daraufhin bin ich natürlich spornstreichs hierher gekommen."

"Mich?"

"Ja genau, euch", daraufhin machte Dingel eine einladende Geste zur Tür, woraufhin eine atemberaubend schöne, braunhaarige Elfe den Raum betrat.

"Shandrissa", entfuhr es gerade dem Hexer, als die Auelfe ihm auch schon um den Hals fiel und ihn leidenschaftlich küsste.

"Ich bin so froh, dass ich wieder bei dir bin, mein Sonnenschein", freute sich Shandrissa.

"Auf diesen Moment hab ich schon seit... unendlich lange gewartet", strahlte Falk.

Es muss wohl spätestens zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als der Hexer seine beiden Hände auf den Hintern der Elfe legte, dass der Fuhrmann meinte: "Ich gehe dann mal langsam."

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er Sals tönende Stimme aus dem Schankraum hörte: "Dingel, es ist angestochen!"

"Ich denke, ich gehe dann mal schnell", feixte der Kutscher, und mit Phantasien von frisch gezapftem Bier in seinem Hinterkopf eilte er die Treppe zum Schankraum hinab.


Ende des Abenteuers


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